Was ist neu

Der Fels in den Fluten

Mitglied
Beitritt
14.04.2016
Beiträge
1

Der Fels in den Fluten

„Vermaledeite Elektrizität“, hallte es durch die finstere Kammer. Schon wieder war die Sicherung herausgeflogen.
„Blödes Mistwetter“, schimpfte er, strich die Decke von seinen Beinen und legte das Buch beiseite. Mit den Füßen suchte er nach den Pantoffeln. Der Boden war kalt, kalt wie der Wind über dem Ozean.
Regentropfen schlugen gegen das kleine Bullauge, ein Blitz warf weißes Licht an die Wände. ​
Gemächlich schlurfte der alte Mann zur metallenen Tür.
„Morgen, morgen“, sagte er leise zu sich. Morgen würde er seinen Fels verlassen, für immer. Es zerbrach ihn und brannte wie Whiskey in der Brust. Tränen rannen in den weißen Bart.
Er war selbst überrascht, wie schlagartig sich seine Stimmung, durch einen Gedanken, ändern konnte.
164, soviel Treppenstufen waren es von seinem Zimmer bis hinab in den Generatorenraum.
„Oller Schrotthaufen – bei jedem Gewitter gibt er den Geist auf.“
Er legte den Schalter des Generators um, ein leises Brummen, und schon brannte das Leuchtturmfeuer wieder.
Er legte sich wieder hin, sein Herz raste, es hörte nicht auf. Es war die Angst seinen Leuchtturm zu verlassen, die Angst seine Arbeit, der letzte Sinn in seinem einsamen Leben, aufzugeben. Die Furcht vor dem morgigen Tag raubte ihm den Schlaf. In Windeseile rannen die Stunden dahin, bis er schließlich in einen unruhigen Halbschlaf fiel.
Der Traum war gespenstisch, mit weißem Hemd, blauer Hose und seinem roten Halstuch stand er ganz oben, auf dem Hubschrauberlandeplatz. Weit unter ihm bäumte sich das Meer auf, und auf der Wasseroberfläche wandelte seine vor acht Jahren verstorbene Frau. Sie stieß sich ab und schwebte zu ihm. „Lass los, lass los“, säuselte sie ihm mit lieblicher Stimme zu. Seine Schuhspitzen überragten den Rand der Plattform. Ein Ruck durch den ganzen Körper brachte ihn zu Fall, die winzige felsige Insel, auf der der Leuchtturm stand, kam immer näher. Sein Herz setzte aus.
Plötzlich erwachte er in kalten, nassen Laken. Mit dem Kopf in die Höhe fahrend schaute er sich um. Tag.
Er fröstelte, über Nacht war es noch kühler geworden. Schlaftrunken machte er sich fertig. Danach ging er nach oben.
„Ein letztes Mal sitze ich hier und trinke meinen Kaffee. Nie wieder, niemals wieder“, murmelte er in die Tasse. Die Tasse war weiß, mit einem Leuchtturm darauf, unter ihm stand Bishops Rock. So hieß der Turm, sein Turm.
Ruhig ruhten seine Augen auf dem Kalender, der heutige Tag war mit einem roten Kreuz markiert. Neben dem Kalender hing ein Bild, das schönste Bild, wie er fand. Es war eine Frau mit einem weißen Hut zu sehen, sie saß an einem Tisch und trank eine Tasse Kaffee. Es war dieselbe Frau, die ihn in seinen Träumen besucht hatte.
Er nahm den Rahmen von der Wand und holte das Bild heraus. „Maggie.“ Seine Finger berührten das Gesicht der Frau.
Er setzte sich in Bewegung, stieg die Leiter hinauf. Der Wind zerzauste sein Haar. Dort stand er nun, wie in seinem Traum am Rand des Landeplatzes und blickte auf die stürmische See hinaus.
Die Zeit verstrich schnell, schon nahte der Helikopter, welcher ihn aufs Festland bringen würde.
Er stand noch immer dort. Seine Hand öffnete sich und das Bild verschwand im Wirbel des Windes. Seine Schuhspitzen überragten den Rand der Plattform. Ein Ruck...

 

Hallo Phil,

herzlich willkommen!

Eine Selbsttötung per Kurzgeschichte plausibel zu machen ist schwierig. Meist wird der Akt dramatisch geschildert - hier sogar doppelt, zählt man den Traum dazu - und das war es dann. Es wird zu wenig aus der Sicht und Not des Protagonisten berichtet. Was genau ist sein Problem? Wann kam ihm der Gedanke, sich zu töten, zum ersten Mal? Warum hat sich dieser Gedanke verfestigt?

Der Weg hin zur Selbsttötung geht über mehrere Phasen, die hier ausgespart und durch einen Traum ersetzt werden … und hops …

Einzig hier steckt eine Andeutung drin:

Es war die Angst seinen Leuchtturm zu verlassen, die Angst seine Arbeit, der letzte Sinn in seinem einsamen Leben, aufzugeben. Die Furcht vor dem morgigen Tag raubte ihm den Schlaf.
Jedoch, das eigentliche Problem ist demnach nicht der Verlust der Arbeit, sondern, aus der Sicht des Leuchtturmwärters, das Fehlen einer Idee zu einer alternativen Beschäftigung. Und bei diesem Problemthema hätte die Geschichte bereits ansetzen müssen.
Auch der Verlust seiner Ehefrau wird nur in wenigen melodramatischen Bildern abgehandelt.
Für eine mitreißende Geschichte ist das zu wenig.

Lieben Gruß

Asterix

 

Letzte Empfehlungen

Neue Texte

Zurück
Anfang Bottom