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Der Soldat

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09.01.2016
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Der Soldat

Der Soldat trat gerade aus dem Offizierszelt in die dampfende Nacht heraus. Am sehr frühen Morgen hatte doch noch geschneit und was sich vom Schnee gehalten hatte, war nun als bräunlicher Matsch in einigen Ecken zusammengekrochen. Dementsprechend musste er seine Fäuste, in denen er jeweils eine der kostbaren Zigaretten hielt, in seinen Manteltaschen verbergen. Geduckt und mit anhaltendem Missmut lief er durch die Gräben zurück zu seinem Zug. Als er aber um die letzte Biegung der sich windenden und hastig ausgehobenen Schneise kam, erhellte sich seine Laune. In den Augen seiner vier engen Kameraden sah er jenes äußerst seltene Funkeln, welches nur beobachtet werden konnte, wenn sie über die Heimat, über Frauen oder über beides zugleich sprachen. Sie kamen alle aus demselben Wehlau, das unweit von Königsberg liegt und den weißen Hirsch mit goldenem Schaufeln im Wappen trägt. Vor dem Krieg hatten sie sich nicht oder nur flüchtig gekannt, in der Fremde jedoch schnell zusammengefunden. Lauert war der älteste. Er hatte bereits eine Lehre beim Metzger in der Ziegelgasse abgeschlossen und behauptete, dass er bereits mehrmals kurz vorm Obergefreiten gestanden hätte, aber jedes Mal etwas ganz unmöglich Vorherzusehendes dazwischengekommen sei. Neben ihn kniete Lüttewitz, dessen Vater einmal eine recht einflussreiche Stelle im Reichseisenbahnamt innehatte, aber diese wegen der Veruntreuung einiger Gelder verloren hatte. Wäre der junge Lüttewitz einige Jahre früher geboren, hätte er sicher im Heer von dem besagten Einfluss profitieren können. Schließlich waren da noch die Gebrüder Scholz, die scheinbar noch mehr als alle anderen darauf erpicht waren, den Krieg möglichst unbeschädigt zu überstehen um anschließend den immer besser laufenden Holzhandel der Familie zu übernehmen. Sie waren beide wahrlich keine Patrioten.
Wie dem auch sei, hatten sie alle nun das Funkeln und den sehnsüchtig ins Leere gerichteten Blick, was ihnen eine ungewöhnliche Ähnlichkeit verlieh.
Als er näher kam bestätigte sich seine Vermutung, wonach sie über eine Frau sprachen. Er bekam noch mit, wie Lüttewitz einen euphorischen Monolog über ihren Rumpf beendete und dann verstummte als er den Rückkehrer erblickte. Alle warteten nämlich auf die Zigaretten, die vom Offizier Pulach erbettelt werden sollten.
Der Soldat kniete sich in die Mitte des kleinen Kreises und brach den Tabak auf einen mehr oder weniger sauberen Holzscheit und begann dann, ihn in möglichst gleich große Anteile zu zerlegen. Da jegliches Feuer vom Lagerkommandanten, der in seiner sauberen und erleuchteten Hütte saß und bestimmt nicht auf Feuer verzichtete, verboten worden war, musste der Tabak gekaut werden.
Aus dieser bedächtigen Stimmung heraus wagte der Soldat das Gespräch wiederaufzunehmen: „Über wen habt ihr geredet?“
Die alten Geschichten über die braven Liebchen die in der Heimat geduldig warteten, vermochten bei Weitem nicht mehr das Funkeln hervorzubringen, sofern sie überhaupt je dazu in der Lage gewesen waren.
„Sie ist die Schönste der Schönen.“, begann Lauert. „Sie ist groß und berühmt und steht selbstlos für das Vaterland ein.“
Soweit wurde es von vielen Frauen behauptet.
„Du musst sie auch kennen.“, sagte Lauert, „ich selber habe sie einmal in Danzig gesehen. Sie ist noch prächtiger als es alle behaupten. Man muss Sie selbst gesehen haben.“
Er wiederholte den letzten Satz noch einige Male, scheinbar um sich selbst die Wahrhaftigkeit einer unglaubwürdigen Erinnerung zu bestätigen und verfiel dann vollends in diese Erinnerung, mit dem Rücken auf dem feuchten Erdboden und den Augen zum sternlosen Himmel, aber mit einem Anflug von Glück auf seinem gezeichneten Gesicht. Dies hatte im Anbetracht der vorherrschenden Situation schon Einiges zu bedeuten.
Während der Soldat den Träumenden so betrachtete, meinte er noch etwas anderes als das Funkeln zu sehen. Es war so, als mischte sich dem eine merkwürdige Art von Stolz bei. Als wäre dieses Wesen, an das alle dachten, so vollkommen, dass man stolz darauf sein könnte, dass das selbsteigene Vaterland es hervorgebracht hatte.
„Diese Beschreibung wird ihr nicht gerecht.“, wandte der braune Scholz (sein Bruder war blond) merklich aufgebracht ein: „Sie ist mehr als nur äußerlich makellos. Sie ist edel und erhaben. Ihr Anblick saugt einem die Luft aus den Lungen. Die Menschen jubeln, wenn sie erscheint und unseren Feinden zwingt sie Ehrfurcht ab. Man sagt auch, die Franzosen nennen sie „die Entsetzliche“.“
Der Soldat hatte schon von unfassbar schönen Frauen gehört. Er hatte auch schon Photographien in Illustrierten gesehen. Aber die Worte über ihren Mut und Tatdrang beeindruckten ihn.
„Sie macht den Verlorenen in den Gräbern Mut.“, raunte der Bruder nach kurzer Stille andächtig: „Sie kommt bis an die Front und hebt selbst in der verzweifeltsten Lage die Moral. Ich kannte einen der mit ihr in Dänemark war. Nachdem er sie gesehen hatte, sagte er, dass er nie wieder am siegreichen Ausgang dieser Unternehmung gezweifelt hätte.“
Und Lüttewitz fügte mehr zu sich selbst als zu den anderen hinzu: „Amalie, die einzig wahre Freundin des gemeinen Soldaten.“
Mit diesem letzten Satz war es beim Soldaten geschehen. Er wusste, dass er sie selber gesehen haben musste.
Er wusste auch, dass er wie alle hier sterben würde, aber vorher würde er sie gesehen haben. Das war es, was er sich selbst in dieser kalten Frühlingsnacht im Stillen schwor.

Nach Flandern verbrachte der Soldat einige Monate mit Wundbrand und fieberhaften Wahn im Feldlazarett. Auch hierher verfolgte ihn der verheißungsvolle Name, aber in seiner Verfassung konnte er nicht sagen, ob die aufgeschnappte Gesprächsfetzen der Wirklichkeit oder seiner reghaften Fantasie entsprangen. So meinte er beispielsweise gehört zu haben, dass Amalie in Frankreich angekommen wäre, und dass dadurch die beflügelten Männer vielleicht doch noch das Unausweichliche zu verhindern vermochten. Einmal glaubte er auch zu vernehmen, wie die großgewachsene Schwester für alle guten Deutschen, aber insbesondere für Amalie, betete.
Ab dem Tag, von dem er glaubte, dass an ihm Amalie wieder in seinen Kopf gekommen sei, verbesserte sich seine Lage zusehends. Nach nur einigen Wochen, war er, zwar noch in Körper und Geist gebrechlich, in der Lage mit nur einem Stock zu gehen.
An einem schwülen Augusttag, an dem es wohl einen größeren Durchbruch gegeben hatte, und die gesamte Zeltstadt hektisch zusammengepackt wurde, entschied sich der Soldat, dass sein Schwur vor Gott und sich selbst nun wichtiger geworden war, als dieses verlorene Unterfangen. Also machte er sich im anhaltenden Tumult auf und schleppte sich abseits der großen Straßen bis über die Grenze.
Hier begegnete ihm entgegen seinen Erwartungen nicht das Standesgericht.
Vornehmlich weil jeder mehr mit sich selbst und seinen Habseligkeiten, als mit einem kranken und verliebten Soldaten beschäftigt war.
In den großen Lettern einer ausgehängten Zeitung las er, dass sie im Norden war und im Angesicht der Lage Deutschland für immer verlassen werden müsse.
Auf langen Umwegen, aber mit dem Ziel stetig vor Augen, schaffte er es schließlich mit letzter Kraft und entgegen aller Widrigkeiten doch bis nach Hamburg. In der Nacht, alleine auf auf der Promenade, beschloss er sich auf einer Kiste Gummi arabicum auszuruhen.
Am nächsten Morgen, als die ersten Sonnenstrahlen seine senfgasgeschädigten Lider aufschlagen ließen, sah er sie, die SMS Anna Amalie. Im ersten Augenblick war er verwirrt. Doch dann verstand er. Er verspürte Übermannung. Filigran wie poliertes Silber lag sie dort, und erweckte doch zugleich einen unzerstörbaren, Ehrfurcht erbietenden Eindruck. Die Rohre aus ihren Türmen durchschnitten den Himmel über ihm. Das Geräusch ihrer Kessel erfüllte sein Herz. Die Scham über sich selbst ließ ihn ihren Anblick nicht für längere Zeit ertragen. Doch er war nicht enttäuscht. Kein Wesen aus Fleisch und Blut hätte seinen Erwartungen standgehalten. Glücklich schaute er ihr auf ihrer letzten Fahrt nach Scapa Flow hinterher.

 
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Hallo Hermeias und Dankeschön für die Veröffentlichung dieser Geschichte.
Den Anfang von "der Soldat" empfand ich als ein wenig "holperig" zu lesen, was aber eventuell auch an mir gelegen haben könnte, da ich unterwegs über Smartphone gelesen habe.
Lobenswert und interessant habe ich die Vorstellungsrunde der einzelnen Soldaten empfunden.
Ich finde so ein wenig Hintergrundgeschichte einzelner Personen (bei diesem Genre) immer sehr lesenswert.
Es gibt zwar nur wenige Dialoge, aber die haben mich neugierig auf den weiteren Verlauf der Geschichte gemacht.
Auch die Atmosphäre / Stimmung der Protagonisten (während der Gesprächsrunde) fand ich passend und auch wichtig.
Was mir persönlich gefehlt hat, war eine genauere Beschreibung der (durch den Krieg) verwüsteten und zerstörten Umgebung.
Diese Endzeit-Atmosphäre fehlt mir persönlich etwas.
Auch die Atmosphäre im Lazarett (Gerüche der verschiedenen Medikamenten, die Schreie der Verletzten und die Gefühlslage der Ärzte / Helfer) habe ich irgendwie vermisst.
Ist aber nur meine persönliche Meinung.
Unterm Strich:
"Der Soldat" hat mich wirklich gut unterhalten und ich freue mich, wenn Du noch eine weitere Kriegsgeschichte schreiben würdest.
Lg
MyStoryWorld

 

Hey Hermeias

Beim Lesen deiner Geschichte habe ich mir gedacht, dass ich was zum Thema „sprachliche Präzision“ zurückmelden könnte. Also nimm es mir nicht übel, wenn ich mich auf diesen Aspekt konzentriere. Ich hoffe, dass meine Anmerkungen helfen können.

Der Soldat trat gerade aus dem Offizierszelt in die dampfende Nacht heraus.

Wodurch entsteht der Dampf? Es ist ja kalt. Also durch den Atem des Soldaten. Aber dann kann man nicht schreiben: die dampfende Nacht. Ich hatte nach diesem ersten Satz einen Dschungel vor Augen.

Am sehr frühen Morgen hatte doch noch geschneit und was sich vom bräunlichen Matsch gehalten hatte, war nun in einigen Ecken zusammengekrochen.

Hat es bräunlichen Matsch geschneit? Was du meinst ist: Was sich von dem Schnee gehalten hatte, war nun als bräunlicher Matsch in einigen Ecken zusammengekrochen. Ich weiss auch nicht, ob mir „zusammengekrochen“ gefallen will. Das ist so was aktives, das braucht Beine oder so was. Wieso nicht: „war zu bräunlichen Flecken zusammengeschmolzen“?

erhellte sich seine Laune

Eher: hellte sich seine Laune auf

. In den Augen seiner vier engen Kameraden sah er jenes äußerst seltene Funkeln, welches nur beobachtet werden konnte, wenn sie über die Heimat, über Frauen oder über beides zugleich sprachen.

Der Satz/Gedanke gefällt mir sehr gut. Aber weshalb „selten“? Sprechen denn die Soldaten je über was anderes als über Heimat und Frauen?

Vor dem Krieg hatten sie sich nicht oder nur flüchtig gekannt, doch wie das ebenso ist, hatten sie in der Fremde schnell zusammengefunden.

eben so. Überhaupt würde ich das „wie das eben so ist“ weglassen, da überflüssig bis störend.

Der Soldat kniete sich in die Mitte des kleinen Kreises und brach den Tabak auf einen mehr oder weniger sauberen Holzscheit und begann dann, ihn in mehr oder weniger gleich große Anteile zu zerlegen.

Die Wiederholung funktioniert als Stilmittel für mich nicht. Soll das etwas über den Soldaten aussagen? Dass er sich keine Mühe beim Teilen gibt? Aber dass der Holzscheit nicht sauber ist, dafür kann er ja nichts.

Als wäre dieses Wesen [Komma] an das alle dachten, so vollkommen, dass man stolz darauf sein könnte, dass das selbsteigene Vaterland es hervorgebracht hatte.

Wie gesagt, ich hoffe, diese paar Anmerkungen erweisen sich für dich als hilfreich.

Lieber Gruss

Peeperkorn

 

Hallo Hermeias, Geschichten von und über Soldaten lese ich selten. Doch deine Geschichte fand ich kurzweilig. Interessant, worüber sich die Männer an der Front unterhalten. Und diese Amalie hält die Jungens bei Laune. Zum Glück leben alle noch und der Schluss ist dir gelungen. Eine Pointe! Amalie ist ein Schiff, wunderschön!

Ich habe deine Geschichte gerne gelsen. Vielen Dank!
Amelie

 

Hallo MyStoryWorld,
danke für das Feedback; freut mich das es dir gefallen hat.
Die Sache mit der kriegstypischen Endzeitatmosphäre ist interessant. Aber ich wollte vordergründig keine typische Anti-Kriegsgeschichte schreiben, bei der der Leser unweigerlich von Leid und Tod erschlagen wird.
Natürlich lässt sich eine Wertung kaum vermeiden, ich wollte sie aber begrenzt halten. Und versteh mich bitte nicht falsch, ich glaube das Werke die die ganze Grausamkeit der Begleiterscheinungen von Krieg aufzeigen ihre wichtige Berechtigung haben.


Hallo Peeperkorn,
bitte seh die Antwort nicht als erzwungen an; hätte ich mein Versäumnis selbst bemerkt, hätte ich auch geantwortet. Vielen Dank erstmal, dass du dir die Mühe gemacht hast. Ich werde deine Anmerkungen mal durchgehen.

Die dampfende Nacht habe ich mir als Bild vorgestellt. Ich hatte gedacht, dass es ersichtlich ist, dass nicht gemeint die Nacht würde selber dampfen. An einen Dschungel zu denken kam mir gar nicht in den Sinn, da du es aber erwähnt hast, kann ich es nachvollziehen. Diese Stelle werde ich aber wahrscheinlich trotzdem so belassen; für mich funktioniert das Bild und solange ich annehmen kann, dass ein Leser das Gemeinte begreift und mir zudem die sprachliche Umsetzung persönlich gefällt, bin ich teilweise bereit auf die empirische Korrektheit eines Sachtextes zu verzichten.

Auch wenn man beim zweiten Vorschlag ähnlich argumentieren könnte, gebe ich dir hier bei Recht: Die unpräzise Ausdrucksweise fällt störend auf. Daran wird auch deutlich, dass ich mir hier auf einer höchst subjektiven Ebene bewege. Das der Schnee zusammenkriecht halte ich wiederum für akzeptabel. Ohne jetzt zu hochstechend klingen zu wollen, denke ich dass bei der Verwendung solcher Stilmittel, wie dieser Personifikation, durchaus eine poetische Funktion mitschwingt die bei einem epischen Text annehmbar wenn nicht sogar vorteilhaft ist. Ich kann aber natürlich auch verstehen, darauf verzichten zu wollen.

Erhellte oder hellte auf? Finde beides geht.

Die Sache mit dem seltenen Funkeln sollte ich wohl präzisieren. Gemeint war nicht, dass die Gesprächsthemen selten sind (was ich auch unrealistisch fände), sondern dass diese normalerweise nicht in der Lage sind "das Funkeln" hervorzurufen.

Eben so hab ich weggelassen. Danke. Hat mich beim erneuten Lesen auch gestört.

Die Verwendung der Wiederholung ist in der Tat auch nicht so gelungen und könnte unbeabsichtigte Rückschlüsse auf den Charakter des Prot. zulassen.


Falls du dich je wieder dazu entschließen solltest, dir die Mühe zu machen, einen Kommentar unter Etwas von mir zu setzen, würde mich auch sehr deine inhaltliche Meinung interessieren (auch wenn sie negativ ist). Natürlich nehme ich dir diese Anmerkungen nicht übel; im Gegenteil, vielen Dank.

Hallo Amelie,

danke! Sehr aufbauend.

Mit Grüßen an euch alle,
D.H.K.

 

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