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Die Bahnhofsuhr

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21.04.2020
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Die Bahnhofsuhr

Der nächste Zug kündigte sich schon von weitem, ohne bereits am Horizont aufgetaucht zu sein, stetig lauter knatternd an. Den irdischen Vibration nach urteilend ist es tatsächlich ein Güterzug, vergewisserte sie sich. Wagon für Wagon würde sich das Ungetüm lauthals vorstellen, um dann unbekümmert von technischer Urgewalt getrieben sich durch den um diese Zeit leeren Bahnhof zu schieben. Nun, fast leeren Bahnhof. Sie stand ja da, fieberhaft nervös auf ihren Zehen trippelnd. Mit einem Mal schossen ihr blitzartig die verdrängten Gedanken durch den Kopf, ohne erkennbare logische Reihenfolge und ohne Vorankündigung. Jeder einzelne hämmerte ihr Stück für Stück den mit aller Vehemenz verdrängten Schmerz ins Bewusstsein, benebelte sie. Ungeduldig blickte sie auf ihre Damenarmbanduhr, eine japanische Citizen Wicca, die sich elegant um ihr schlankes, leicht vernarbtes Handgelenk schmiegte. Ein Bahnhof, so dachte sie, ist auf gewisse Weise wie ein Uhrwerk. Nur hier in Deutschland lief dieses Uhrwerk aus unergründlichen Gründen nicht rund. Ausgerechnet in der Ingenieurnation…, schloss sie diesen Gedanken leicht schmunzelnd ab. Dieser Sarkasmus war es, der wie ein Schmerzmittel wirkend die peinigenden Erinnerungen abwiegelte. Rechtzeitig konnte sie sich nun wieder mit aufgeklartem Verstand ihren ursprünglichen Plänen hingeben. Bald würde sich für sie jedes erdenkliche Uhrwerk in Nichtigkeit auflösen. Wie in hochkonzentrierter Salzsäure würde alles brausend verschwinden. Die Uhrzeit, 20:18 Uhr, der genaue Ort, selbst das Datum, alles war sorgfältig ausgewählt worden. Selbst ihre Garderobe war bewusst ausgewählt worden. Hochhackige Stilletos, ihr langes, seidiges Haar zu einem hohen Zopf mit einem dunkelroten Haarband zusammengebunden, ein kurzes Sommerkleid trug sie, marines Blau verziert mit knallbunten Lilien. An ihrer nackten, knochigen Schulter hing ein Täschchen. Es fühlte sich leichter als sonst an. Natürlich tat es das, war es lediglich gefüllt mit einem handgeschriebenen Brief. Das Make-Up hatte sie schließlich schlicht gehalten. Nur die Wimperntusche hatte sie etwas aufreizender aufgetragen als sonst üblich. Ihre natur-vollen Wimpern liebte sie über alles und an diesem besonderen Tag wollte ihre charmanteste Seite hervorheben. Ihre Gesamterscheinung war sommerlich-elegant und durchaus etwas festlich. Was an diesem Sommerabend fehlte, war ein Abendmahl, witzelte sie mit morbidem Humor.
Das mächtiger werdende, tiefe Grollen zog sie aus ihrem kurzen Tagtraum. Mittlerweile hing der metallische Geruch des nahenden Güterverkehrs in der Luft, wodurch schlagartig all ihre Sinne geschärft wurden. Ab jetzt durfte nichts mehr schief gehen. Selbst das Wetter spielte mit. Kein Regen, der das Uhrwerk zum Rosten bringen könnte. Eine unheimliche Windstille spiegelte ihre zurückgewonnene Gelassenheit wider. Die sengende Hitze der Abendsonne wirkte in diesen Minuten zusätzlich beruhigend wie Opium auf ihren Verstand. Der Himmel war klar, ihr Verstand war es auch. Alles war angerichtet. Das tickende Knattern des Zugmotors war nun nicht mehr zu überhören. Mit jedem Verbrennungszyklus gab dieser einen weiteren, dicht getakteten Knall von sich, der die in ihr schlummernde Wut weckte. Die Trennung und die darauf folgende Leere hätte sie womöglich noch tragen können. Dass er sie aber vollständig aus seinem Leben entfernte, verrückte nachhaltig den Boden unter ihren Füßen. Seitdem war für sie das Leben nur noch ein traumatisches Taumeln. All die leidenschaftlichen Stunden zusammen, das erfüllte Leben gemeinsamer liebevoller Tage - weg. Ihr hätte es bereits genügt, wenn er sich unregelmäßig bei ihr gemeldet hätte. “Wie geht es dir? Ich hoffe es geht dir gut.” Für diese oder ähnliche Worte hätte sie alles gegeben. Sie wollte lediglich bestätigt haben, dass die jahrelange Liebe sich nicht komplett in Unbedeutendheit wandelt. Doch genau das war geschehen. Ihre Lebenslinien hat er klinisch sauber entzweit. Kein Äderchen verband mehr ihre Herzen.
Der Zug war nun auch optisch imposant. Unzählbare Tonnen Metall näherten sich unaufhaltsam. Es war exakt 20:17. Ihre blassen, schmalen Finger fingen an zu zittern. Der Puls schoss ihr gnadenlos den Hals hoch. "Reiß' dich verdammt nochmal zusammen!", ermahnte sie sich. Und in der Tat riss sie sich zusammen, als der widerliche, kalte Metalkoloss seine Bahnhofsdurchfahrt einleitete. Sie ließ das Täschchen von der Schulter gleiten. Trieb die Hitze sie nicht zum Schwitzen, so war es nun die Angst, die Schweißperlen auf ihrer Stirn ausbrechen ließ. Der Entschluss war gefasst. Der Befehl zu springen flog durch ihre Nervenbahnen. "Mach's gut.", flüsterte sie befreit und...
… eine Hand legte sich auf ihre Schulter. Sie drehte sich blitzartig zu Tode erschreckt um und sah in das unbekannte Gesicht eines jungen Mannes. “Entschuldigen Sie, könnten Sie mir sagen, wie viel Uhr es ist?” Entgeistert sah sie ihn an. Sie konnte sich nicht fassen und nur ein Gedanke manifestierte sich in diesen unwirklichen Sekunden. "Wieso wartest du denn nicht bis der Zug durchfährt?! Als ob man dich bei dem Lärm verstehen könnte! Überhaupt, schau doch auf die Bahnhofsuhr!!", fuhr sie ihn lauthals und ungläubig an. In dieser schicksalhaften Minute setzte sich instinktiv nicht Wut, nicht Groll, nicht Verzweiflung durch, sondern ihr Sinn für Ordnung und Logik durch. Der Mann war überrascht und schämte sich für die plumpe und unzeitige Einleitung seiner Anmache sichtlich. Bevor er zur Entschuldigung ausholen konnte, änderte sich ihre Gefühlswelt jedoch schlagartig. Von einem Moment auf den anderen wirkte sie wie gelöst. Zunächst ergriff sie ein ausufernder Lachanfall. So surreal wirkte in diesem Augenblick alles für sie. Als dieser abklang, schoss die Empörung ein zweites Mal hoch und sie verpasste dem jungen Mann eine heftige Schelle. Während dieser die Augen aufriss und sich die Wange hielt, erhielt sie eine Textnachricht. Ihr stockte komplett der Atem, als sie die zwei Zeilen las. “Wie geht es dir? Du... ich habe mich von ihr getrennt, denke seitdem nur noch an dich. Ruf' mich doch bitte an, wenn du Zeit hast.” Völlig entkräftet ließen ihre Kräfte nach, sie ging mit den Knien zu Boden, ihre Beine nach außen weggedreht. Während der Zug an ihnen vorbeirauschte, legte sie den Kopf in den Nacken und sah, wie ein Schwarm Vögel über sie hinwegflog. Und endlich begannen die Tränen zu fließen, von oben herab. "Es regnet also doch...", dachte sie verbittert. Während der junge Mann sich sammelte und fürsörglich in die Knie ging, warf sie ihr Mobiltelefon auf die Gleise, griff beherzt mit beiden Händen nach seiner rechten Hand und sagte: “Es ist 20:19. Exakt 20:19. Was hast du heute noch vor?”, fragte sie befreit lächelnd. Neben ihr sah sie eine sich durch den Beton des Bahnsteigs grabende Blume. Der Zug verließ den Bahnhof und das Uhrwerk drehte sich weiter.
 
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09.12.2019
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Hallo @DerSiedler ,

und willkommen hier im Forum!

Du hast du dir eine Szene ausgesucht, die sich m.E. sehr gut für einen kurzen und intensiven Text eignet. Es deutet sich ja nach und nach an, was die Frau vorhaben könnte, und es entsteht entsprechend die Spannung, ob sie es denn auch machen wird.

Sprachlich finde ich deine Geschichte leider nicht gut gelungen. Das liegt zum einen an durchgehend holprigen Satzkonstruktionen, durch die kein guter Lesefluss entsteht. Zum Beispiel direkt der erste Satz liest sich so, als hättest du dich damit ziemlich abgemüht:

Der nächste Zug kündigte sich schon von weitem, ohne bereits am Horizont aufgetaucht zu sein, stetig lauter knatternd an.

Spontaner Alternativvorschlag:

Der nächste Zug kündigte sich an, sein metallenes Rumpeln stetig lauter werdend. Bald würde er zu sehen sein.

Das als nur ein Beispiel, solche Konstruktionen finden sich viele in deinem Text, liest sich halt leider nicht gut. Ich glaube, du machst es dir bisher unnötig schwer, also vielleicht eher nach dem Motto "keep it simple". Eher kurze Sätze, nicht so verschachtelt.

Weiterhin benutzt du Vergleiche, die ich einfach unpassend finde, u.a.:

"Den irdischen Vibrationen nach urteilend ist es tatsächlich ein Güterzug ... "
"Wagon für Wagon würde sich das Ungetüm lauthals vorstellen, um dann unbekümmert von technischer Urgewalt getrieben sich durch den um diese Zeit leeren Bahnhof zu schieben."
"Sie stand ja da, fieberhaft nervös auf ihren Zehen trippelnd."
"Wie in hochkonzentrierter Salzsäure würde alles brausend verschwinden."

Liest sich für mich, als möchtest du unbedingt vieles beispielhaft veranschaulichen, dabei aber leider inhaltlich ziemlich daneben greifen.

Weiterhin kommt deine Geschichte auch emotional bei mir kaum an.

Ich würde einige Beschreibungen deutlich reduzieren, die nicht zum Kern deines Themas gehören: Die Protagonistin in ihrem Schmerz, an einem einsamen Bahnhof, ihr Selbstmordgedanke. Da brauche ich z.B. nicht zu wissen, welche Armbanduhr sie trägt oder dass Deutschland eine Ingenieurnation ist.

Stattdessen solltest du dich m.E. viel mehr auf die Protagonistin konzentrieren, ihren Schmerz und die Verzweiflung. Du könntest z,B. die ein oder andere Erinnerung/Rückblende einfließen lassen, in der sie und ihr Verflossener sich auch beim Namen nennen und die Leser ein wenig mehr über ihre Beziehung, ihre Eigenarten usw. erfahren.

Also zusammengefasst: Aufs Thema konzentrieren, nicht unnötig den Leser ablenken ;)

Das Ende fand ich etwas abwegig, aber dafür die letzten beiden Sätze gut:

Neben ihr sah sie eine sich durch den Beton des Bahnsteigs grabende Blume. Der Zug verließ den Bahnhof und das Uhrwerk drehte sich weiter.

Also soweit meine Meinung, dann noch viel Spaß hier!

Viele Grüße,
Rob
 
Zuletzt bearbeitet:
Senior
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10.09.2014
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Hola @DerSiedler

Der nächste Zug kündigte sich schon von weitem, ohne bereits am Horizont aufgetaucht zu sein, stetig lauter knatternd an.
Schöner wäre der Satz, wenn das ‚kündigte’ und das ‚an’ etwas näher zusammenrücken könnten, statt vierzehn andere Wörter zwischen sich zu lassen; aber falsch ist es natürlich nicht. ‚Knattern’ passt nicht zu 'Zug' – das ist die Erkennungsmelodie von einem Trabi mit Zweitakter.

Den irdischen Vibration
nach urteilend ist es tatsächlich ein Güterzug, ...
Das stellt sie also fest (warum so geschwollen?). Nur passt das nicht zu:
... vergewisserte sie sich.
Denn sie sieht den Zug noch nicht.
An die irdische(n) Vibration(en) kann ich mich auch nicht gewöhnen. Für mich wirkt das hochgestochen, doch wir befinden uns auf einem Bahnhof.

Wagon für Wagon würde sich das Ungetüm lauthals vorstellen, ...
Ein Zug, dessen Wagons sich ‚vorstellen’? Auch ‚lauthals’ überzeugt mich nicht. Obwohl ich ungefähr weiß, was Du meinst / meinen könntest, ist es ja Aufgabe des Textes, klare Bilder entstehen zu lassen.

Hier habe ich das aufmerksame Lesen aufgegeben, musste ja annehmen, dass es so weitergehen würde – und ich eine Doktorarbeit zu schreiben hätte :cool: . Wie auch immer, ich habe etwas flotter weitergelesen und musste am Ende sagen, dass Du ein interessantes Debüt eingestellt hast.

War unterm Strich eine gute Idee, bei uns mitzumachen, deshalb: Willkommen im Klub!
Wenn Du Dich hier umschaust, auch die Texte anderer kommentierst und die Antworten der Autoren auswertest, dann kommst Du sicherlich mit Deinen Texten gut voran. Denn dass Du Schreibtalent hast, ist ganz offensichtlich.

Ich wünsche Dir eine gute und lohnende Zeit bei den Wortkriegern.
José
 

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