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Die graublaue Stunde der Nackten

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Die graublaue Stunde der Nackten

VivaldiVersion. Für A.C.D.-C.


Sie war schön, traurig und pleite.


Und die Letzte, die mit mir geschlafen hatte.


Vor zwei Jahren.


Vielleicht auch vor drei.


So genau wußte ich das nicht mehr.


Einfach noch eine verschwommen versoffene Erinnerung. Und meinem Kopf war es mittlerweile egal. Nur mein Körper rebellierte allmählich und begann sich zurück zu ziehen. Nach seinem letzten, verzweifelt erfolglosen Versuch, durch maximale Ausdehnung noch einmal auf sich aufmerksam zu machen.


Also einigte ich mit ihm. Und gemeinsam zogen wir uns nach und nach aus den Kneipenrauchwolkenbetten zurück und zogen an die frische Luft der Straßen.​

*​

Auf so einer waren wir gerade, hatten wieder etwas Guthaben und wollten im Park Café zur Abwechslung mal etwas Warmes trinken, während wir auf irgendein Testergebnis für den Eintritt in irgendein Museum warteten, in dem vielleicht auch ein Bild von Delvaux ausgestellt wurde. Immerhin wurde mit belgischen Malern der Moderne geworben. Wobei wir hofften, dass damit eben nicht nur der unvermeidliche Pfeiffemithutpainter gemeint war, der für uns mittlerweile als Überallmalinzimmernalspostergehangener mehr moderte, als modernte.​

*​

Eigentlich waren wir zur Abwechslung mal wieder richtig verliebt gewesen in die Schöntraurigpleitefrau. Und hatten ihr das dummerweise auch gesagt. Und noch viel Gewichtigeres. Aber leider war sie eben nicht nur schön. Sondern auch traurig. Da wo sie war, mehr als da, wo sie herkam. Und deshalb schon irgendwie wieder zurück nach da, wo sie herkam.


Noch nicht wirklich, mehr so kopfherzig. Sonst hätte sie ja nicht, trotzt der Anderen, noch ein paar schmerz- und entspannungsvolle Gesichtsausdrücke, schwitzend, die restlichen Sommertage mal nackt oder ganz nackt neben, auf und unter, vor und hinter mir gelegen. Wir wechselten uns da fair ab.​

*​

Das Park Café lag an der Sophienstraße. Aber all mein ganzes Guthaben nutzte mir nichts. Denn das Park Café war noch geschlossen. Und ich war mir nichts sicher, ob ich so lange warten konnte -und vor allem wollte, oder umgekehrt- bis es eventuell wieder öffnen würde.

Und vielleicht hatte ich die Sophienstraße auch schöner in Erinnerung, als sie es jetzt gerade war. Ende November. Weit, weit weg vom nächsten Frühling. Voll in der Kälte dampfender Komposthaufen.


Wir gingen dann in eine italienische Rauchschlauchbar in der Residenzstraße. Da gab es angeblich auch noch den „echten Klassiker“. Einen Negroni. Für faire 8,50 Euro.

*

Mit unserer Wahrnehmung war das so eine Sache geworden.


Ein, zwei Wochen vorher waren wir noch in einer anderen Stadt in eine Galerie gestiefet. Völlig überzeugt davon, dass dort vor zwei Monaten die großartigen Photos von Rebecca Partridge gehangen hatten. Aber die nette Dame am Empfang schwor Steif und Bein, dass diese Galerie niemals Photographien ausgestellt habe. Und schon gar nicht innerhalb des von uns genannten Zeitraums.


Aber wir insistierten so lange, bis sie schließlich eine Kollegin dazu rief, die im Prinzip aber genau das Selbe sagte, bis wir ihr nochmal detailliert beschrieben, wann und was wir auf diesen Bildern gesehen hatten.


„Elisabeth, oder Vanessa, hieß die Künstlerin. Mit englisch klingendem Nachnamen.“, versuchten wir uns genauer zu erinnern.


„Rebecca! Rebecca Partridge!“, rief die Galeristin, und mehr zu sich selbst, „Aber das war vor fast drei Jahren!“


Und dann fiel ihr Blick auf den Schaufenstermonitor.


„Könnten Sie es vielleicht da gesehen haben!?“, fragte sie uns.


Und auch wir guckten nun zum Monitor. Und dann sahen wir es auch: Wie wir vor vier Wochen draußen auf der Straße standen. Völlig gebannt auf dieses Gerät starrend, in dem sich Bild um Bild, Ausschnitt um Ausschnitt, Schatten um Schatten und Licht um Licht zu einem Gebirge von überwältigender Überforderung nach und nach in uns zusammen setzte.


„Fotorealistisch,“ gab die Galeristin uns noch mit auf den Weg, “Das nennt sich Fotorealismus.“


Es war nicht so, als ob wir das nicht gewusst hätten, aber wir wollten weiter freundlich zu ihr bleiben. Sie war es ja auch. Und tatsächlich schenkte sie uns noch den alten Ausstellungskatalog, um sich dann wieder auf die Jagd nach neuen, unverbrauchten Talenten zu machen, die bestimmt mehr Geld rein brachten, als ein wohlwollendes Gedicht von uns.


Wir guckten uns noch eine Weile die großartigen, bunten Bücherblätterbewegungsbaumscheiben von François R. du Plessis -die hingen nun doch real und sehr teuer an der Wand- an, und verließen schließlich diese freundliche Galerie mit dem festen Vorsatz da irgendwann was zu kaufen.


Die Straße aufwärts hätten wir direkt in’s Hotel Atlantic gehen können, aber das entscheidende Zimmer war schon besetzt. Von diesem Ichmachmeindingtypen. Also bogen wir in die Alsterwiete ab. Vorbei an den herrlich verfallenen Häusern, neben den noch verfalleren „Atlantik Garagen“. Hoch zu Sankt Georg.​

*​

„Zur Schwalbe“:...nette Wirtsleut, gute Musik, Kegelbahn, lecker Essen, phantastischer Espresso, Biergarten, faire Preise, Schwanthalerstraße, hinter'm „Augustiner“:...die Stammgäste mit dickem Bauch oder dickem Buch, und halboffner Hose, und drei Halbe intus, und Spätzle, und das rote Rotztuch hängt aus der vollgesuppten Sackotasche und in der Zwischenzeit, der Blauen Stunde der Gastronomie, zwischen Mittags- und Abendgeschäft, werden gerade auch die Profis, die besten, erfahrensten und schnellsten Kellerinnen und Kellner träge und nachlässig, aber eben auch lässig und nahbar, und nichts quietscht und ächtzt ähnlich grausam, wie diese Herrentoilettentür, aber dafür ist der Händetrockner staatlich zugelassen. Immerhin gibt es noch Verlässliches. Und direkt um die Ecke, in der Holzapfelstraße, das „Kommtreff“ der KPD et alii. Und sofort echot das kurze Gespräch mit Max über das Metaverse in meinem Kopf. Und, ohne es je gelesen zu haben, David Foster Wallaces „Unendlicher Spaß“. Und was sonst soll da bleiben, außer seiner Todeswahl. Und auch die letzten Kraniche hauen erstmal endgültig ab für dieses beschissene Jahr. Weil sie nicht wissen können, dass es im „Sehrwohl“ am Westendplatz einen „Wärmeflaschenservice“ gibt. Tatsächlich einen Wärmeflaschenservice, aber auch wärmendbequeme Lammfelle draußen. Noch. Und ganz in der Nähe, Theresienwiese, sind die Tollhölzler noch vor dem Start wieder mit Abbau beschäftigt. Und für Konkret Conny und Takete jeweils mal eben mindestens 3000 Euro im Arsch...Prost Liebe,...​

*​

Der Sophienstraßenmorgen hatte sehr spannend angefangen. Mit einer Stunde Zufallsvouyerismus. Zwischen sechs und sieben Uhr. Rauchend auf dem Balkon unserer besten Freundin und Seelenmäzenin.


Nach einer kaputten Malwiederdenscheißfernsehernichtaus-gemachtnacht und ohne Schlaf mit einem Pott Polespresso nach draußen in die neblige Kälte, um unsere diffusen, schlaflosen Gedanken zu sortieren, als gegenüber die erste Nackerte im Fenster erschien. Und so ging es die ganze Zeit weiter. Wie bei einem defekten Adventskalender, bei dem sich alle Türen gleichzeitig öffnen und wieder schließen. Öffnen und wieder schließen.


Mein Körper -der da noch gar nicht wusste, dass er jetzt auch schon paraphil war- fand es ein, für ihn, eher zynisches Schauspiel, aber ich erklärte ihm, dass es doch auch lustig sein könne, wenn eine der Damen nachher in einer Bäckerei stehen würde, wo wir unseren Frühstückslatte kaufen gingen. Und wir ihr beim Bezahlen noch herzliche Grüße an ihren Freund ausrichten könnten, den wir, ebenfalls nackert, nachdem er vom Joggen kommend, dass Treppenhaus hoch in den vierten Stock trabend, nach einer kurzen, heißen Dusche, auf seinem Balkon, noch kurz versunken, eine Zigarette rauchend, gesehen hatten.​

*​

Weil sie immer noch traurig war, aber nicht mehr ganz so pleite, und ein gutes Herz hatte, kehrte sie noch ein Mal zu mit zurück. Und ließ sich ein paar Tage und Nächte von mir beschlafen und langweilen.


Wobei, vielleicht genoss sie sogar die kurze Pause und Trägheit in ihrer neuen Hektik. Und das Binchwatchen. Und „Stranger Things“. Und meine Küsse. Und resignierende Melancholie.


Bevor sie endgültig ging, beschenkte sie mich noch mit allem Möglichen -sie hatte mir wohl doch zugehört- und wir, mein Körper und ich, dachten spontan, dass sie eventuell ein schlechtes Gewissen habe, wegen ihres kalten Abgangs vor Monaten. Aber was soll's, dachten wir, so isses eben, sagten wir uns. Mein Körper und ich. Und kochten ein paar Wochen lang alles lustvoll mit geschenktem Wildgewürz vom Weihnachtsmarkt. Und ich schrieb ihr noch zwei wunderweirdschöne Gedichte. „ABSCHIED“ und „VENEZUELA. DEIN KÖRPER. UND ICH.“​

*​

In's Museum gingen wir dann doch nicht. Der Test war positiv. Und wir, mein Körper und ich, begannen uns nach der Wärme von Sint-Idesbald zurück zu sehnen. Vielleicht konnte ich ja da endlich Longos „Daphnis und Chloe“ lesen.

* H *​

 
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Titel wurde angepasst, unterlasse bitte Titel in ALL CAPS!
Außerdem muss dieser auch nicht noch einmal im Text wiederholt werden.

 
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Hallo @Paror,

ich habe zwei Mal angesetzt, deine Geschichte zu lesen, und beide Male aufgegeben. Vielleicht ist mir dadurch das Entscheidende (eine Pointe, eine tieferliegende Bedeutungsebene, was auch immer) entgangen, aber der verklausulierte Stil und das Name-Dropping mit Kulturreferenzen haben mich einfach ausgebremst.

Wie gesagt, vielleicht/wahrscheinlich/ganz sicher sogar entgehen mir hier die entscheidenden Gedanken deinerseits oder deiner Figur, aber bis zu dem Punkt, wo ich die Geschichte gelesen habe, wirkte sie auf mich prätentiös und beliebig. Der Erzähler wirkt stolz auf sich und seine Erlebnisse, aber man/ich kann nicht nachvollziehen, warum er das ist.

Früher habe ich mich selbst recht häufig in einer Art Kunst-Kultur-Boheme-Hedonismus-Milieu bewegt und deine Geschichte hat mir in Erinnerung gerufen, warum ich mich irgendwann davon aktiv abgewendet habe 😝 Aber vielleicht war das ja der Punkt des Ganzen?

Egal, ich will auch nicht zu viele Worte verlieren über eine nur 3/4 gelesene Geschichte. Bin gespannt, was andere in ihr sehen (oder nicht).

Davon unabhängig glaube ich, dass der Stoff der Story durchaus Potenzial hat. Nur müsste da mehr "Leben" (?) rein - ich weiß auch nicht, wie ich es beschreiben soll. Selten so eine blutleere Beschreibung von einer Art Sexszene bzw. Affäre gelesen:

Noch nicht wirklich, mehr so kopfherzig. Sonst hätte sie ja nicht, trotzt der Anderen, noch ein paar schmerz- und entspannungsvolle Gesichtsausdrücke, schwitzend, die restlichen Sommertage mal nackt oder ganz nackt neben, auf und unter, vor und hinter mir gelegen. Wir wechselten uns da fair ab.

Hier liegt man als Leser definitiv nicht daneben 😅

So, jetzt höre ich aber auf, mich weiter zu verzetteln. Wie immer sei noch einmal explizit betont, dass es sich hier um ein rein subjektives Urteil meinerseits handelt (werde jetzt mal in dein Frühwerk reinschauen).

VG, HK

 
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Lieber @Henry K. ,

Danke, dass Du Dich mit demText befasst hast.

Vielleicht liest er sich für Dich nochmal anders, wenn Du davon ausgehst, dass "...ich und mein Körper..." beide obdachlos/heimatlos sind: "...und zogen an die frische Luft der Straßen..."

Und alles, was als Gesehenes beschrieben wird, mehr oder minder unmittelbare Entdeckungen sind, die sie auf ihren Wegen durch die Straßen der Städte machen.

Und der von Dir erwähnte Stolz des Erzählers aus einer Art kindlichen Freude und Begeisterung des eigenen Entdeckens kommt. Ohne von einer übergeordneten Instanz darauf hingestoßen/hingewiesen zu werden. Und ohne Geld, sich Entdeckungen, Abenteuer oder Events/Erlebnisse, Emotionen "einfach" kaufen zu können.

Was die vermeintlich "blutleere Beschreibung einer Sexszene bzw. Affäre" anbelangt: Ich würde sie eher als lakonisch bezeichnen. Und sie hat auch überhaupt nicht den Anspruch an- bzw. erregend zu sein. Mehr soll sie die kurzen Wärmephasen in der Tristess zweier Trister andeuten. Einer Wärme, die, meiner Meinung nach, oft sehr schnell wieder verpufft. Nicht konservierbar ist. Egal, wie explizit der Sex war und wie explizit man ihn dann zu beschreiben versucht. Es bleibt ein Zurückgeworfensein auf Vergangenes.

Mit herzlichen Grüßen,

*H*

 
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Das ist eine paradoxe Situation in aller Hinsicht, wenn der Autor seinen Text erklärt und länger hierorts ist als ich mit meinem etwas mehr als ein Jahrdu-t-zend und einen „Heimkehrer“ auf meine Art​

„herzlich willkommen hierorts, Paror!“​

heiße, ob ich auf diese Lösung gekommen wäre, wage ich zu bezweifeln.

Aber es geht weiter in dem merk- und denkwürdigen Text, wenn die „Erklärung“ gegenüber dem „Muttertext“ belegt, dass der grammatisch fehlerbehaftete Text bewusst gegen die Rechtschreißreform verstöbt.​


So genau wußte ich das nicht mehr. … und begann sich zurück zu ziehen. … Da wo sie war, mehr als da, wo sie herkam.​

Wie der Zufall so mitspielt, les ich gerade den gesamten Schwitters (der ja mehr ist, als nur Dada und seine bekannteste Auslassung „Der Unterschied zwischen Hannover und Anna Blume ist der, daß man Anna von hinten und von vorn lesen kann, Hannover dagegen am besten nur von vorne. Liest man aber Hannover von hinten, so ergibt sich die Zusammenstellung dreier Worte: „re von nah“. ... aus: Kurt Schwitters: Anna Blume und andere Literatur und Grafik. Neuauflage Köln 1997 von 1986, S.41

Schau'n wir mal

Friedel​

 
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Hallo @Paror,

danke für deine Antwort. Ich war jetzt einige Zeit am Hadern, ob ich mir die Mühe machen und deinen Text Passage für Passage durchgehen soll, um genau aufzuzeigen, was für mich alles nicht funktioniert (hab ihn noch zwei Mal durchgelesen und er wurde nicht besser). Und letztendlich habe ich mich dagegen entschiede, denn ich habe in der Zwischenzeit in den einen oder anderen alten Text von dir reingeschaut und dort ein defensives Verhalten von dir in den Kommentaren bemerkt. Es wurde dort sogar von Leuten angemerkt, dass es nicht viel bringt, Texte in ein Forum zu posten, wenn man dann nicht willens ist, sie auch selbst auf den Prüfstand zu stellen. Und meine Sorge ist, dass du trotz der langen Zeitspanne, die mittlerweile vergangen ist, hier ähnlich reagieren wirst. In deiner Antwort klang für mich schon an, dass du deinen Text eher verteidigen als neu bewerten willst. Dann hätte ich meine Zeit also umsonst geopfert.

Prinzipiell habe ich nichts dagegen, wenn Autoren ihre Texte gegen Kritik schützen und für sie eintreten, versteh mich nicht falsch. Es wäre in meinen Augen sogar bedenklich, wenn sie das nicht täten, denn ein Zustimmen zu jeder Kritik hiesse ja, dass die Texte unbedacht geschrieben worden sind. Aber es ist für mich trotzdem immer eine Gratwanderung: Auf der einen Seite das legitime Eintreten für eigene Gedanken, einen eigenen Stil usw., auf der anderen Seite eben Halsstarrigkeit und Unwillen, den eigenen Horizont zu erweitern. Dabei hängt für mich persönlich alles an den Argumenten für einen bestimmten Text. Lässt sich etwas aus dem Text, dem Thema, der Intention, der Sprache heraus gut begründen, kann ein Text für mich durchaus unpopulär und kontrovers sein und so bleiben. Aber fehlen gute Argumente, wird es heikel.

Du ahnst es schon, bei deinem Text sehe ich nicht, warum die kontroversen Elemente, die ich schon angesprochen habe, eine Daseinsberechtigung haben: Der ganze Text bleibt einfach nur vage, sodass man als Leser nicht mit dabei ist. Ganz ehrlich, er wirkt auf mich, als würde er auf wahren Begebenheiten beruhen und du hättest ihn vor allem für dich selbst geschrieben, höchstens noch für die darin beschriebene Frau. Nur so kann ich mir erklären, dass alles nur angedeutet wird. Mir scheint, in deinem Kopf seien da viel mehr Bilder als im Text, sodass du meinst, es sei alles da. Ist es aber nicht - für den Leser ist nicht so viel da, jedenfalls für mich nicht.

Und selbst wenn ich mit meiner Einschätzung falsch liege und alles Fiktion und Konstruktion ist, muss man doch fragen: Was soll ein neutraler Leser aus dieser extremen Vagheit für einen Gewinn beim Lesen ziehen? Alles dreht sich um eine Frau, die nicht mal einen Namen erhält, kaum beschrieben wird, und wenn, dann "lakonisch". So wird dann durch eine blasse Handlung mit weiteren Andeutungen, random Places und seltsamen Wortneuschöpfungen à la Stuckrad-Barre geführt. Und Ende.

Auch dieses "Wir" für den Körper und den Erzähler ist sehr unglücklich, weil es dann auch noch ein "Wir" mit Erzähler und Frau gibt und man überhaupt nicht versteht, wer wo gemeint ist. Ausserdem: Warum wird dem Erzähler überhaupt sein eigener Körper an die Seite gestellt? - Der spielt doch in der Story kaum eine Rolle (wie er es täte, wenn die Figur krank wäre oder Hunger hätte, sodass es eben eine Art körperliche Problemebene geben würde, die man herausstellen will).

So, ich belasse es mal dabei, sonst gehe ich ja doch alles durch. Aus meiner Sicht müsstest du den Text ehrlich und transparent neu schreiben und dabei vor allem darauf achten, dass die Dinge lebhaft, echt und nahbar rüberkommen. Diese ganzen Kulturreferenzen müssen meiner Meinung nach raus - da sind nur Abkürzungen, um sich um Beschreibungen und Charakterisierungen zu drücken, da darauf spekuliert wird, dass die Leser da einfach andocken, weil sie die Referenzen verstehen.

Ich hoffe, mein Feedback hilft dir weiter.

VG, HK

 
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Einfach noch eine verschwommen versoffene Erinnerung.

Das ist so ein wenig das Problem des Textes. Einfach ein weiterer Text über Tristesse, Suff, irgendwie wenig erfolgreiches Rumvögeln, und Knust. Äh, Kunst.
Nach seinem letzten, verzweifelt erfolglosen Versuch, durch maximale Ausdehnung noch einmal auf sich aufmerksam zu machen.
Natürlich erfolglos. Wäre ja auch fatal, wenn so ein Protagonist mal 'ne richtig scharfe Braut voll durchzieht. Meint: Das ist sprachlich äußerst pubertär und wenig witzig, und auch dieses Bild des verzweifelten untervögelten Mannes ist auch ein wenig ausgelutscht.

Auf so einer waren wir gerade, hatten wieder etwas Guthaben und wollten im Park Café zur Abwechslung mal etwas Warmes trinken, während wir auf irgendein Testergebnis für den Eintritt in irgendein Museum warteten, in dem vielleicht auch ein Bild von Delvaux ausgestellt wurde. Immerhin wurde mit belgischen Malern der Moderne geworben.
Du schreibst irgendwo in einer Antwort, das wären alles "Entdeckungen" des Protagonisten. Aber das stimmt doch gar nicht. Dann würde der auf die Ausstellung gehen ein Bild sehen, das er mag und feststellen: Aha, der Künstler heißt also Delvaux. So ist das aber schon ein Dispositiv, der Prot kennt den Künstler schon, er weiß sogar, er gehört zur belgischen Moderne. Hach ja. Also bleibt das, wie im restlichen Text auch, einfach name-dropping.

Nee, also ein Text, den ich nur schwer zuende lesen kann. Das wirkt alles so schrecklich gekünstelt und manieriert. Es gibt keine Szene, kaum Dialog, ein Charakter wird lebendig, ein selbstgerechter, selbstmitleidiger Typ erzählt mir - ja, was eigentlich? Irgendwas mit Künstlern, irgendeiner Frau, aber das war es dann auch schon. Das bleibt ein einziges Geraune, dass auch schon etwas elitär daherkommt, wegen der vielen gedroppten Künstler, die für den Text aber keine Rolle spielen und mir auch nichts über die Charaktere, aber wahrscheinlich etwas mehr über den Autoren selbst verraten.

Ich glaube, du kannst schon schreiben, aber die Frage ist, kannst du auch erzählen?

Gruss, Jimmy

 
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Lieber @Henry K.

erneut Danke für Deine ausführliche Antwort. Und vielleicht hast Du Recht und neutral betrachtet ist der Text zu hermetisch. Ich kann das schlecht beurteilen, zumal ich ihn wirklich so mag, wie er ist. Und ich (für mich) wollte keinen anderen Text.

Ob Texte, so wie sie sind, doch funktionieren, kann ich meist erst beurteilen, wenn ich sie vorlese. Das steht bei obigem noch aus.

Mit Deiner Vermutung, er würde auf "wahren" Begebenheiten beruhen, liegst Du absolut richtig. Er ist eine Art Erinnerungserlebnissezusammenfassung. Und damit dann auch so random, wie es Erinnerungen sind bzw. die Auslöser derselben.

Warum ich das Kopfich vom Körper getrennt habe, um es dann in einem wir wieder zusammen zu fassen...hm...

Also laut Text hatte das Gesamtich zwei oder drei Jahre keinen Sex mehr. Was dem Kopf, dem Verstand, egal geworden ist. Aber weil da eben doch noch ein fühlender bzw. nichtfühlender Körper dranhängt, müssen sich die beiden eben irgendwie arrangieren ohne nicht doch noch durch diesen latenten "Hunger" "krank" zu werden.

Was die gedropten Namen anbelangt: Ich mag die Sachen die sie machen einfach wirklich. So wie ich bestimmte Songs oder Alben von bestimmten Leuten mag. Und meine Intention war vermutlich schlicht, wem auch immer, mitzuteilen: Hey, guck dir datt mal an. Kann man gut finden.

So, ein spätes Abfrühstücken, aber immerhin.

Herzlichst

*H*

P.S. Stuckrad-Barre mag ich als Type, hab aber noch nie was vom ihm gelesen...

 
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Lieber @jimmysalaryman

Danke auch Dir für Deine Kritik. Da sie inhaltlich der von Henry K. ähnelt, dem ich eben nochmal geantwortet habe, kann ich an dieser Stelle nur noch wenig dazu sagen.

Nur ein Punkt ist mir wichtig: Im Text steht nicht "nach einem letzten, verzweiflet erfolglose Versuch durch maximale Ausdehnung seinens Schwellkörpers (Schwanzes) auf sich aufmerksam zu machen"

Es geht um den gesamten Körper des Prot, der, und das will der Satz sagen, immer fetter geworden ist im Laufe der sexlosen Jahre, um dann, ab einem bestimmten Punkt, wieder ins andere Extrem zu verfallen.

Herzlichste Grüße,

*H*

 
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Lieber Friedel @Friedrichard

Danke für Deine Willkommenzurückgrüße und das "merk- und denkwürdig..."

Und von Schwitters kenne ich als alter Nimmernutz -vermutlich sehr leider- viel zu wenig.

Herzlichst und bis demnächst,

*H*

 
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Aber leider war sie eben nicht nur schön. Sondern auch traurig. Da wo sie war, mehr als da, wo sie herkam. Und deshalb schon irgendwie wieder zurück nach da, wo sie herkam.​
Taugt m. E. hervorragend als Einleitung für den potentiellen Leser über das, was ihn erwartet - wobei

unvermeidliche Pfeiffemithutpainter​
(th kein teaaitsch!) schon wieder zur Kennzeichnung der Maler der flämischen und der Vereinigten Staaten der Niederlande mich an Wortgebilde erinnern, die seinerzeit in der Autobiographie von Mark Twain an der verflixten deutschen Sprache bemängelte: Die Wortungetüme aus zusammengebastelten, an sich selbständigen Wörtern. Eines davon war eine Spielerei noch in meinen jungen (1950er Jahre), wenn das längste Wort nicht die Donaudampfschifffahrtsgesellschaft wurde, sondern Buschmänner, die wegen ihrer Sprache vom niederländischen bis ostpreußischen Sprachraum zu Hottentotten wurden und kindlicher Übermut das längste Wort der deutschen Sprachgeschichte entwickelte km Wettbewerb mit anderen: Hottentottentittentantentortenattentäter. Da kann natürlich auch ein
Überallmalinzimmernalspostergehangener​
nicht mithalten.

Ich neige dazu, Geschichten nicht nachzuerzählen, sollen sie doch gelesen werden, und deshaöb geht’s trotz einer ersten Weigerung zur Flusenlese, scheint doch gelegentlich das Reformatiönchen gelegentlich an Dear vorbeigegangen zu sein,

lieber Paror

und es geht gleich los mit den Abkürzungspunkten

Für A.C.D.-C.

die bereits vor langer, Langer Zeit nach jedem abschließenden Punkt ein Leerzeichen etwa der Art

A. C. D. - C.
erzwingen.

So genau wußte ich das nicht mehr.​
Ja, ausgerechnet da hat die Reform tatsächlich sinnvolles verrichtet, denn anfangs stand sogar die Abschaffung des „ß“ zur Debatte und herausgekommen ist a) für kurze Silben doppel-s („muss/müssen“ z. B.) und betonte, gedehnmte Silben mit „ß“, also „Fuß“ und „Fluss“
-
hier also korrekt „wusste“
Nur mein Körper rebellierte allmählich und begann sich zurück zu ziehen.​
zurückziehen auch als Infinitiv ein Wort!

Erste Flüchtigkeit, erstaunlich spät ...​

Also einigte ich mit ihm.
Kommstu selber drauf ...

Eigentlich waren wir zur Abwechslung mal wieder richtig verliebt gewesen in die Schöntraurigpleitefrau.​
(schöne Schöpfung!)

Und ich war mir nicht[...] sicher, ob ich so lange warten konnte -[...]und vor allem wollte, oder umgekehrt[...]- bis es eventuell wieder öffnen würde.​

Mit unserer Wahrnehmung war das so eine Sache geworden.​

Aber wir insistierten so lange, bis sie schließlich eine Kollegin dazu rief, die im Prinzip aber genau dasselbe sagte, bis wir ihr nochmal detailliert beschrieben, wann und was wir auf diesen Bildern gesehen hatten.​

„Elisabeth, oder Vanessa, hieß die Künstlerin. Mit englisch klingendem Nachnamen[...]“, versuchten wir uns genauer zu erinnern.

„Fotorealistisch,“ gab die Galeristin uns noch mit auf den Weg, “[d]as nennt sich Fotorealismus.“

..., um sich dann wieder auf die Jagd nach neuen, unverbrauchten Talenten zu machen, die bestimmt mehr Geld reinbrachten, als ein wohlwollendes Gedicht von uns.​
„Zur Schwalbe“:...nette Wirtsleut, …
warum vier Auslassungspunkte? Da kamen die Schöpfer amtlicher deutscher Sprache auf die Idee, dass man nur bis drei zählen brauche … Musstu alles noch mal durchgucken

..., werden gerade auch die Profis, die besten, erfahrensten und schnellsten Kellerinnen und Kellner träge und nachlässig, a​
ohne Komm.

... eben auch lässig und nahbar, und nichts quietscht und ächtzt ähnlich grausam, …​
„ächzen“ kommt weder von der acht noch von der Ächtung

Den Rest zur Selbstkorrektur überlass ich Dir … Theater ruft!

Friedel​

 

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