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Die Mannequin

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Die Mannequin

Rick ging den Gehweg entlang und rauchte eine Selbstgedrehte. Der Nebel hing tief zwischen den Hochhäusern in den Straßen. Obdachlose lehnten an den grauen Betonwänden und dämmerten mit Dreiliterflaschen billigen Rotwein vor sich hin. Rick lebte seit sechsunddreißig Jahren in dieser Stadt. Die Armut war bereits lange vor ihm hier. Wie der Gestank der Müllmyriaden und der Rattenexkremente. Die Leuchtbuchstaben über den Tavernen flackerten oder waren erloschen. Eine junge Frau rannte schreiend über die Straße und sprenkelte den Asphalt mit Blut aus ihren offenen Pulsadern. Rick schenkte ihr einen flüchtigen Blick, zog an seiner Zigarette und ging weiter. Ein paar Straßen heulte eine Sirene. Die Stadt fühlte sich für Rick wie eine Hölle an. Die Menschen lebten im Wahnsinn und bezahlten mit der Unterstützung vom Staat. Die einzigen Jobs, die man bekommen konnte, waren noch schlimmer als die Armut selbst. Die Menschen kontrollierten Produktionsanlagen, lenkten einen Bus, fickten Freier oder bedienten Halbtote mit Hochprozentigen. Rick war Dichter – aber sein Geld bekam er vom Staat. Die Bibliotheken schlossen vor über zehn Jahren die Türen. Aber sich vor seine Schreibmaschine zu setzen und Gedichte zu tippen, rettete Rick vor dem umgreifenden Wahnsinn, der die meisten am Bein packte und in die Tiefe zog.​
Rick erreichte die Bar kurz vor Mitternacht. Eine heruntergekommene Kaschemme, die vor vielen Jahrzehnten auf dem Strom der Zeit ankerte. Die Wände waren holzvertäfelt, Jazz kratzte von Platten und die Luft roch nach altem Bier und Urin. In kleinen Gruppen saßen die Gäste an den Tischen und am Tresen. Manche unterhielten sich leise. Die meisten aber saßen einfach herum und kippten den Fusel. In manchen Gesichtern erkannte Rick nichts mehr, aber bei wenigen der Gäste erkannte er noch die Verzweiflung. Allerdings wusste er, dass die Verzweiflung schnell dem Nichts weicht, wenn man sich nicht irgendwie erhält.
Er setzte sich an den Tresen und bestellte eine Flasche Bier beim Bartender. Die leeren Augen des Mannes ekelten Rick an und er nahm sich vor, nicht mehr hinzusehen. Rick bekam das Bier und er trank die halbe Flasche in einem Zug. Rick schaute sich um, angetrieben von der steten Hoffnung, eine positive Veränderung zu entdecken. Aber die Menschen betäubten sich bloß. Das Lachen war vor langer Zeit in die Kanalisation gespült worden. Aber er war zu masochistisch, um auf die Bars zu verzichten. Er musste die Verzweiflung, die Leere und den inneren Tod atmen, um selbst nicht zu ertrinken.
Eine Stunde später stieg er auf Whisky Sour um. Als er an seinem Glas nippte, stieg ihm ein Geruch in die Nase, welcher ihn an gelbe Blumenfelder und Insektenschwärme erinnern ließ. Rick schaute zur Tür. Er glaubte, dass der Wahnsinn ihn erwischte. Er musste verrückt geworden sein. Eine Frau betrat die Bar. Sie wirkte wie eine Mannequin. Die schwarzen Locken. Der dunkelrote Lippenstift. Die halb geschlossenen Augen. Das enge schwarze Oberteil. Die schwarze Lederhose. Stiefel mit Schnallen. Diese Frau strahlte Gefahr und Leben aus. Mehr als alle Frauen, die Rick über den Weg gelaufen waren.
Sie muss eine Edelprostituierte sein, dachte Rick.
Die Frau setzte sich an den Bartresen. Sie ließ nur einen Hocker zwischen sich und Rick frei und bestellte einen Gin Tonic. Der halbtote Bartender mixte den Drink und stellte ihn auf den Tresen. Sie nahm einen Schluck und stellte das Glas ab, drehte sich eine zierliche Zigarette und zündete diese an. Die Frau nahm einen tiefen Zug und exhalierte, während sie ihr Gesicht Rick zuwandte. Ihre Blicke trafen sich. Rick starrte sie an und ihm wurde warm in der Magengegend. Die Frau lächelte, nahm ihr Glas und rutschte auf den Hocker neben Rick.
»Wie geht‘s?«, fragte sie. Ihre leicht verrauchte Stimme ließ die Luft vibrieren. Rick nahm einen Schluck von seinem Whisky Sour.
»Ich versuche mich nicht unterkriegen zu lassen. Und dir?«
»Wie geht es schon einer Wölfin in der Eiswüste?«
Sie zwinkerte Rick zu und nahm einen Schluck. Die Eiswürfel klirrten.
»Ich bin Rick.«
Er streckte ihr seine Hand hin.
»Ich heiße Mary.«
Sie nahm seine Hand und streichelte über seinen Handrücken.
»Du scheinst kein Arbeiter zu sein.«
»Nicht direkt mit den Händen.«
»Und was machst du?«
»Ich versuche jeden Tag das Gedicht zu schreiben, welches etwas verändert.«
Mary grinste.
»Bis jetzt hat’s wohl noch nicht geklappt. Cheers.«, sagte Rick.
Sie ließ Ricks Hand los, nahm ihr Glas und sie stießen an.
Einige Minuten saßen sie schweigend nebeneinander. Mary drückte ihr Bein leicht an das von Rick.
»Zeigst du mir ein paar deiner Gedichte?«
Rick betrachtete ihr sanftes Gesicht. Vielleicht interessierte Mary sich tatsächlich für seine Gedichte und nicht für die Scheine, die sie möglicherweise in seinen Taschen vermutete.
»Gern. Ich habe allerdings keins dabei.«
Mary nahm einen Zug von ihrer Zigarette und drückte den Rest in den Aschenbecher. Sie stand auf und beglich ihre Rechnung. Und Ricks.
»Dann komm ich mit zu dir.«
»Warte. Ich glaube, das kann ich mir nicht leisten.«
Sie lachte.
»Ich bin nicht auf Geld aus.«
»Ich könnte dich nicht bezahlen.«
Sie schlenderte zum Ausgang. Kurz vor der Tür drehte sie sich um und bedeutete Rick mit einer Kopfbewegung, mitzukommen. Rick hielt sich noch immer für durchgedreht, aber das spiele für ihn keine Rolle mehr.
Zwanzig Minuten später erreichten sie das Hochhaus, in dem Rick lebte. Im Fahrstuhl schwiegen sie. Rick inhalierte ihren Geruch und konnte kaum mehr einen klaren Gedanken fassen. Er hatte sich Wahnsinn anders vorgestellt. Unangenehmer. Schmerzhaft.
In seiner Wohnung entkorkte Rick eine Flasche Rotwein, schenkte zwei Gläser voll und ging ins Wohnzimmer. Mary stand an einem der bodentiefen Fenster und sah auf die Lichter der Stadt. Rick stellte sich neben sie und reichte ihr ein Glas.
»Auf dem Couchtisch liegen einige Gedichte.«
Sie nahm einen Schluck Wein und setzte sich auf die abgesessene Ledercouch. Mary las still die Gedichte. Als sie endete, schaute sie Rick an.
»Hast du noch mehr davon?«
Ihre Stimme zitterte.
Rick kramte einige Gedichte aus einer Schublade. Mary las und nippte an ihrem Wein. Rick setzte sich ebenfalls auf die Couch und zündete zwei Zigaretten an. Eine reichte er ihr. Mary nahm die Zigarette, ohne von dem Gedicht aufzusehen, und steckte sie zwischen ihre Lippen.
Sie legte das letzte Gedicht auf den Couchtisch, trank ihr Weinglas leer und starrte auf den Papierstapel. Nach einigen Minuten hielt Rick die Stille nicht mehr aus.
»Wie findest du sie?«
Sie starrte ihn an, rückte zu ihm und nahm seinen Kopf in ihre Hände. Ihre Augen funkelten. Mary bewegte ihr Gesicht auf seines zu und sie küssten sich. Mit geschlossenen Augen zog sie ihren Kopf einige Zentimeter zurück.
»Du hast mit deinen Gedichten bereits etwas verändert.«
Sie küssten sich wieder. Rick zog ihr das Oberteil aus, nahm ihren Kopf in die eine und ihre Hüfte in die andere Hand und zog Mary an sich heran. Er biss ihr beim Küssen leicht auf die Unterlippe und sie zitterte. Sie zog ihre Stiefel und Hose aus. Rick streifte seine Hose ab. Mary setzte sich auf ihn. Rick spürte durch ihre und seine Unterwäsche die feuchte Wärme ihrer Vagina. Sie zog sein Shirt aus und schmiss es weg. Rick und Mary küssten sich immer intensiver und sein Penis wurde hart. Sie stöhnte leise auf, was Rick ebenfalls aufstöhnen ließ. Er öffnete ihren BH, warf ihn beiseite und nahm einen ihrer Nippel in den Mund, leckte daran und biss sanft zu. Mary ließ ihren Kopf in den Nacken fallen. Rick küsste über ihren Hals zu ihren Ohrläppchen, saugte kurz daran und küsste zurück zu ihren Nippeln. Er hievte sie behutsam auf den Rücken und leckte über ihre Brust, bis zum Bauchnabel und weiter nach unten. Sie lag mit geschlossen Augen da, zuckte und stöhnte immer wieder leise auf. Rick zog ihren Slip herunter, knabberte und leckte ihren Schenkel nach oben bis zu ihrer Vagina. Er küsste ihre Schamlippen, öffnete sie mit seiner Zunge von unten nach oben und spielte mit ihrer Klitoris. Ihr Zucken und Stöhnen wurde heftiger und Rick hielt es nicht mehr aus. Er streifte seine Unterhose herunter und drang langsam ihn sie ein. Mary krallte sich in seinen Rücken. Er stieß einige Male nur langsam in sie. Jedes Mal ein kleines Stück weiter, bis sein Penis komplett in ihr war. Rick machte abwechselnd harte und sanfte Stöße. Sie fingen an zu schwitzen und ihre Bewegungen wurden heftiger. Die Luft brannte und roch stark nach Sex. Rick hievte Mary herum, so dass sie auf ihm saß. Mary griff Ricks Schulter. Rick packte sie an der Hüfte und an ihrem linken Bein. Sie zogen sich gegenseitig an ihre verschwitzen Körper. Der Raum, die Welt und das Universum vibrierten. Die Zeit wurde bedeutungslos. Alles wurde unwichtig. Für Rick existierte nur noch Marys Stöhnen, ihre Bewegungen, ihre Berührungen, ihr Schweiß, ihr Geruch und das Gefühl, mit ihr gemeinsam die Welt zu vergessen.
Rick wachte auf. Die andere Seite des Bettes war leer, bis auf einen Zettel.
Musste los. Ruf mich an. In Liebe, M.
Unter dem schwungvollen M stand Marys Telefonnummer. Rick betrachtete den Zettel, die feinen Schnörkel ihrer Schrift und schaute zu der Seite des Bettes, wo Mary geschlafen hatte. Ihr Geruch hing noch in der Luft und in der Bettwäsche. Rick schloss die Augen, atmete tief ein und schwang sich aus dem Bett. Die Uhr auf dem Nachttisch zeigte kurz nach elf an. Er ging in die Küche, setzte Kaffee auf und schaute aus dem Fenster. Große Regentropfen peitschte gegen die Scheiben. Der Nebel hing noch immer tief in den Straßen.
Am frühen Nachmittag setzte er sich an die Schreibmaschine und tippte einige Gedichte.
Nach zwei Stunden rief er Mary an. Es klingelte, aber niemand meldete sich.
Rick machte sich einen Whisky mit Soda, setzte sich auf die Couch, schaute aus dem Fenster und rauchte eine Zigarette. Der Regen hatte nicht nachgelassen. Der Himmel wurde bereits dunkler und die Straßenbeleuchtung eingeschaltet. Durch den Regen schlierte das Licht der Straßenlaternen und Reklametafeln.
Er wählte die Nummer von Mary erneut. Sie antworte nicht.
Rick mixte sich den dritten Whisky mit Soda und las seine Gedichte vom Nachmittag. Er hatte bereits viele Jahre keine Liebesgedichte mehr geschrieben. Die Liebe war aus den Köpfen der Menschen getilgt. Für Liebe brauchte man Hoffnung und Zuversicht.
Und Mary gab ihm diese.

 

CoK

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Hallo @Alex

es ist nicht gut, wenn ein Autor drei Geschichten auf einmal einstellt. Zum einen, weil es viele abschreckt und zum Zweiten, ist es zeitaufwendig und schwierig an einer Geschichte zu arbeiten.
Ich habe diesen Text gerne gelesen, er hat mir gefallen.
Du hast das Milieu, in dem dein Prota lebt gut beschrieben. Deine Art, über die Begegnung mit dieser Frau zu schreiben, hat mich gefesselt.
Auch der Schluss ist mMn gut gemacht.
Mir ist aufgefallen, dass du oft zu viel Abstand zwischen den Wörtern hast. Auch benützt du mMn zu viele Adverbien.


die einem die Nacht deines Lebens versprachen.
Für mich stimmt in diesem Satz etwas nicht! Müsste es nicht die Nacht des Lebens versprachen heißen?
Manche versprachen nur eine nette Nacht und dort reichte deutlich weniger aus. Das konnten sich manche wenigstens am Anfang des Monats mal leisten.
Vorschlag: Das konnten sich die wenigsten am Anfang des Monats leisten.
Die(meisten)Tavernen stanken wie die Hölle und an den Leuchtreklamen waren (bereits lange) die Leuchtbuchstaben erloschen.

Wer (hier)nicht vom Staat unterstützt wurde, musste einen dieser niederen Jobs annehmen, die im Zeitalter der Überinformationen und Hochentwicklung übriggeblieben waren.
Ist schon klar, das es um hier und jetzt geht.
Mitten in diesem Wahnsinn ging Rick die Bürgersteige entlang (und hatte) die Hände tief in den Taschen vergraben.
Hatte scheint ebenfalls ein Lieblingswort von dir zu sein.;)
Er wandte nicht mal mehr seinen Kopf, wenn eine junge Frau nackt über die Straße rannte und mit dem Blut aus ihren aufgeschlitzten Pulsadern den Asphalt sprenkelte. (Es war zu alltäglich.)
Trau deinen Lesern ruhig etwas zu. Die wissen schon, dass es alltäglich ist, wenn er nicht einmal mehr den Kopf wendet.

Rick wurde sechsunddreißig (Jahre vorher) hier geboren und kam niemals weg.

Vor (vielen) Jahrzehnten konnte man als Dichter eine geschätzte Person sein

(Aber) das Schreiben von Gedichten konnte ihn vor dem Wahnsinn retten, wenn er sich( nur täglich) an die antike Schreibmaschine setzte und den Sound einer längst vergangenen Zeit tippte.
Mir gefällt der Satz.
Das Trinken war ebenfalls hilfreich, um nicht durchzudrehen. (Jedenfalls für Rick.)

Viele (seiner) Bekannten und Unbekannten sind an der Flasche zugrunde gegangen, aber er hielt sich.
Hier ist es klar dass es „ seine“ bekannten sind.
Eine heruntergekommene Bar, die vor (vielen) Jahrzehnten auf dem Strom der Zeit Anker gelegt hatte.
Schöner Satz.
Die Wände waren holzvertäfelt, Jazz kratzte von Platten und es roch nach altem Bier
Gefällt mir auch.:)

Wie konnte man sich (auch) über Jahrzehnte (stetig) mit falschen Vorbildern im Internet vergleichen, ohne völlig hinüber zu sein? Rick verstand die Verzweiflung. Keinem (mehr) war zu helfen. Er dachte oft an Nietzsche. Wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein. Und bald blickt der Abgrund aus dir heraus.

Seine traurigen Mäuseaugen ekelten Rick an. Er nahm sich vor, nicht mehr in seine Augen zu sehen.
Vorschlag : Diese Augen zu sehen
Seine traurigen Mäuseaugen ekelten Rick an. Er nahm sich vor, nicht mehr in seine Augen zu sehen. Er bekam sein Bier und trank die halbe Flasche in einem Zug.
Vorschlag: das Bier
Er musste die Verzweiflung, die Leere und den inneren Tod atmen, um selbst nicht zu ertrinken.
mMn toll geschrieben.
Er glaubte, dass der Wahnsinn ihn jetzt ebenfalls erwischt hatte. Er musste verrückt geworden sein. Eine Frau, die eine Mannequin hätte sein können, kam herein.
Vorschlag, erwischt, eine Mannequin sein könnte.
Sie bekam ihr Getränk, nahm einen kleinen Schluck und stellte das Glas behutsam ab. Sie drehte sich eine zierliche Zigarette und steckte sie an.
Könntest du ein „Sie“ durch Mannequin ersetzen.
Sie nahm seine Hand und streichelte sie. Rick wurde noch wärmer.
Vorschlag: Sie nahm seine Hand und fuhr streichelnd darüber.

Sie lief langsam zum Ausgang. Kurz vor der Tür drehte sie sich um und bedeutete Rick mit einer Kopfbewegung, mitzukommen.

»Wie findest du sie
Sie schaute zu ihm, rückte nah an ihn heran und nahm seinen Kopf in ihre Hand.

Rick packte sie an der Hüfte und an ihrem linken Bein. Sie zogen sich gegenseitig an ihre verschwitzen Körper.

hatte bereits viele Jahre keine Liebesgedichte mehr geschrieben. Die Liebe war aus den Köpfen der Menschen getilgt, weil man für Liebe Hoffnung und Zuversicht brauchte. Ohne Mary hätte er nie eins schreiben können.
:)
Vielleicht kannst du ja mit dem einen oder anderen Gedanken von mir etwas anfangen.

Ich wünsche dir einen schönen Tag
Liebe Grüße CoK

 
Monster-WG
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Hola @Alex Henlein,

ich noch mal. Hab jetzt 'Die Mannequin' mit voller Aufmerksamkeit gelesen und kann meine Meinung dazu sagen.

Anfangs geht es eine längere Strecke über schon sattsam bekanntes Gelände, mit Verfall und Verelendung. Man kennt es seit Jahrzehnten aus Filmen, TV und Büchern:

Viele seiner … ... Unbekannten sind an der Flasche zugrunde gegangen, …
Das ergibt wenig Sinn. 'Viele seiner Bekannten' würde genügen. Notfalls ginge noch '... und eine Unzahl anderer' oder so.

Die Menschen kehrten Straßen, putzten stinkende Toiletten, …
Nicht sehr verwunderlich. Solche Allgemeinplätze langweilen den Leser nicht nur, sondern vergraulen ihn.
Vielleicht sind die Staaten Deine Spezialstrecke, doch gäbe es andere Landstriche, wo Deine Geschichte lebhafter und damit spannender geschehen könnte.

Eine heruntergekommene Bar, die vor vielen Jahrzehnten auf dem Strom der Zeit Anker gelegt hatte.
Fußangel: Einen Anker kann man nicht ‚legen‘, und werfen auch nicht, obwohl das oft zu lesen ist – der wird fallengelassen.

Das einzige Moderne waren die Gäste und deren endlose Verzweiflung.
An Gästen und ihrer Verzweiflung kann ich nichts Modernes erkennen, die gab‘s schon immer.
Obschon die Gründe der Verzweiflung andere waren ...
Wie konnte man sich auch über Jahrzehnte stetig mit falschen Vorbildern im Internet vergleichen, ohne völlig hinüber zu sein?
Das passt!

Aber die Menschen … ... betranken sich nur noch, um sich zu betäuben.
Wozu sonst:sconf:? Vorschlag: Die Menschen betäubten sich mit Alkohol.

...an den Leuchtreklamen waren bereits lange die Leuchtbuchstaben erloschen.
Vielleicht: … die Leuchtreklamen waren längst (schon) erloschen?

Bis zum Nietzsche-Zitat ist nicht viel los in Deiner Geschichte. Und das Milieu ist zu abgegriffen, als dass Anreiz zum Weiterlesen entstünde.

Doch jetzt endlich – nach langer Beschreibung der Tristesse – bestellt er sein Bier.

Eine Frau, die eine Mannequin hätte sein können, …
Dunkelroten Lippenstift lag auf ihren Lippen.

Die Frau nahm einen tiefen Zug und exhalierte langsam, während sie ihren Kopf zu Rick wandte.
Gutes klares Bild! Besonders wegen des ‚exhalierte‘:).

»Wie geht es schon einer Wölfin in der Eiswüste?«
Sie zwinkerte Rick zu und nahm einen Schluck. Die Eiswürfel klirrten.
Ist das gewollt?
Und wie es einer Wölfin in der Eiswüste ergeht … davon habe ich keinen Schimmer.
Jedenfalls taut die Wölfin ganz gewaltig auf; Erotik ist schwer darzustellen, aber Deine Variante finde ich ziemlich gelungen. Deine Art zu schreiben hat schon etwas Professionelles.

Das Ende bekäme beim flotten Lesen grünes Licht, doch bei genauerem Lesen finde ich es doch putzig, dass ein Quickie Anlass für Liebesgedichte sein soll.

Selbst am letzten Satz hab ich was zu meckern:

Ohne Mary hätte er nie eins schreiben können.
Aber er hat doch schon! Hier steht‘s:
Er hatte bereits viele Jahre keine Liebesgedichte mehr geschrieben.
Will sagen, davor hat er schon welche geschrieben, oder?

Mein lieber Alex Henlein, jetzt bin ich Dir gründlich auf die Nerven gegangen, aber das macht nichts. Gehört dazu. Wir sind im anonymen Raum, also kann‘s nichts Persönliches sein – es geht immer nur und ausschließlich um den Text. Und der muss Kritik aushalten können:cool:.
Hast bisschen viel auf einmal eingestellt, aber die dritte KG bleibt von mir unkommentiert, weil ich Horror nicht mag. Viel Spaß beim Beantworten der Kommentare und beim Mitwirken im Forum!

José

 
Wortkrieger-Team
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Hallo @Alex Henlein,

im Großen und Ganzen schließe ich mich meinen Vorrednern an. Der Anfang ist mir auch zu allgemein gehalten, die erotische Szene fand ich sehr gelungen.

Inhaltlich gefällt mir die Geschichte, sie erinnert mich an ein modernes Märchen, nur an ein paar Formulierungen könntest du noch feilen. Gerade am Anfang fühle ich mich zu oft mit der Nase darauf gestoßen, wie deprimierend alles ist. Das könntest du kürzen.

Hab die Kommentare nur überflogen, für den Fall, dass das eine oder andere schon gesagt wurde:

Ihre schwarzen Haare hingen ihr bis zur Brust. Dunkelrote(r) n Lippenstift lag auf ihren Lippen. Ihre Augenlider verdeckten die Hälfte ihrer lebendigen Augen.
Das wirkt etwas ungeschickt formuliert auf mich, denn so wie es da steht, erinnert es eher an einen Horrorfilm. Ich kriege da das Bild einer zugedröhnten Frau mit strähnigen Haaren, aber so soll sie ja nicht wirken. Vielleicht eher: Ihre glatten schwarzen Haare fielen bis auf die Schultern herab oder in sanften Wellen, Locken ... je nachdem, wie du dir das vorstellst. Ihre Augen könnten halb geschlossen sein, aber das lebendig will mir dann nicht so recht passen. Entweder offen und lebendig oder halb geschlossen und leicht entrückt, so in der Art.

Der Bartender bemerkte wahrscheinlich ihre Schönheit nicht, er war bereits zu hinüber.
Der Bartender schien ihre Schönheit nicht zu bemerken, klänge etwas runder, wie ich finde.

Auf Kommata und Rechtschreibung gehe ich jetzt nicht weiter ein, da haben ja andere schon was zu gesagt.

Insgesamt gern gelesen und ein herzliches Willkommen bei uns.

Viele Grüße,
Chai

 
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Hej @CoK,
vielen Dank, dass du dir für meine Geschichte Zeit genommen hast. Ich werde mir die Tipps zu Herzen nehmen und sie bei der Überarbeitung definitiv zu Rate ziehen. Bei einigen Sachen bin ich ganz bei dir. Adverbien schleichen sich schnell ein, mich stören sie meistens auch in Texten - ich werde wieder mehr Acht darauf geben. Die Abstände zwischen den Worten kommt wohl vom Blocksatz. Ich wünsche dir auch noch einen schönen Abend.

Hallo @josefelipe!
Ja, die Staaten habe ich oft im Kopf, wenn ich Milieus bastle. Wahrscheinlich weil ich viele Filme, Serien und Bücher kenne, die dort angesiedelt sind. Die Staaten sind wie ein Bühnenbild für mich :D Ich probiere mal, die Beschreibung, bevor er sein Bier bestellt, zu straffen und schau mal wie es funktioniert. Eventuell mit mehr Handlung die Szenerie anschneiden - mal sehen.
Auf jeden Fall vielen Dank für deine ganzen Tipps, die werde ich beim Bearbeiten berücksichtigen und gucken, wie die Geschichte besser funktioniert!
Und mach dir keine Sorgen, die Kritik halte ich aus. Vor allem wenn sie so gut ist 8) und sollte man als Autor, der seine Texte veröffentlich, nicht sowieso wenigstens ein kleiner Masochist sein?

Abend @Chai.
Den Anfang werde ich mir noch mal ordentlich zur Brust nehmen. Aber es freut mich, dass dir die erotische Passage gefallen hat. Erotische Abschnitte sind ja eine üble Gratwanderung zwischen gelungen und lächerlich. Deine Anmerkungen werde ich bei der Überarbeitung auch beachten - du hast Stellen rausgesucht, mit denen ich auch noch nicht zufrieden bin.
Danke, dass du dir die Zeit fürs Lesen und kommentieren genommen hast.


Cheers, auf euch drei. Ich werde hoffentlich bald zu einem aktuellen Text von euch etwas kommentieren können, was euch ebenso hilft wie eure Kommentare mir. :)

 
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Ich habe die Geschichte überarbeitet.

@Chai @josefelipe @CoK - ich habe versucht, eure Tipps so gut es geht zu berücksichtigen. Vielen Dank nochmal für eure Mühe! Ihr habt mir sehr geholfen.

Beste Grüße
Alex

 
Wortkrieger-Team
Monster-WG
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Hallo @Alex Henlein

und willkommen hier.
Ich habe im Textfenster den Überarbeitungshinweis und die komplette alte Version der Geschichte unten rausgeworfen.
Ins Textfenster gehört bitte immer nur die aktuelle Version, nichts anderes.

Danke und viele Grüße,
GoMusic

 

CoK

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Hallo @Alex Henlein

ich habe deinen alten Text nicht mehr genau im Kopf.
Es kann vorkommen, dass ich jetzt wieder Dinge aufgreife, die ich in meinem vorherigen Kommentar schon erwähnt habe.

Rick ging den Gehweg entlang und rauchte eine Selbstgedrehte. Der Nebel hing tief zwischen den Hochhäusern (den Straßen). Obdachlose lehnten an den grauen Betonwänden und dämmerten mit Dreiliterflaschen billigen Rotwein vor sich hin.
um zumindest ein „den“ zu vermeiden würde ich schreiben: Der Nebel in tief zwischen den Hochhäusern. Den zwischen den Straßen hast du am Schluss ja noch einmal.
Die Armut war (bereits) lange vor ihm hier.

Ein paar Straßen heulte eine Sirene.
Hier stimmt was nicht! Vorschlag: Alle paar Minuten heute eine Sirene.
Die einzigen Jobs, die man bekommen konnte, waren noch schlimmer als die Armut (selbst).

(Aber)sich vor seine Schreibmaschine zu setzen und Gedichte zu tippen, rettete Rick vor dem umgreifenden Wahnsinn, der die meisten am Bein packte und in die Tiefe zog.
Sich vor seine Schreibmaschine …
Rick erreichte die Bar kurz vor Mitternacht. Eine heruntergekommene Kaschemme, die vor (vielen) Jahrzehnten auf dem Strom der Zeit ankerte.
Daran erinnere ich mich, du willst das „viele“ lassen.
Ist aber nicht nötig, da Jahrzehnte schon auf viele hinweist.
Die meisten (aber) saßen einfach herum und kippten den Fusel
„Aber“ scheint auch Lieblingswort von dir zu sein.
Manche unterhielten sich leise. Die meisten aber saßen einfach herum und kippten den Fusel. In manchen Gesichtern
Vorschlag: Einige der Gäste unterhielten sich leise.
manchen Gesichtern erkannte Rick nichts mehr, aber bei wenigen der Gäste erkannte er noch die Verzweiflung. Allerdings wusste er, dass die Verzweiflung schnell dem Nichts weicht, wenn man sich nicht irgendwie erhält.
Vorschlag: In manchen Gesichtern fand Rick nichts mehr,
Rick an und er nahm sich vor, nicht mehr hinzusehen. Rick bekam das Bier und er trank die halbe Flasche in einem Zug. Rick schaute sich um, angetrieben von der steten Hoffnung, eine positive Veränderung zu entdecken.
Nicht mehr hin zu sehen. Er trank die halbe Flasche … ( Es ist schon klar dass er sie bekommen hat und du könntest dir einmal „Rick“ sparen) sparen
(Aber) die Menschen betäubten sich (bloß).

(Aber) er war zu masochistisch, um auf die Bars zu verzichten
Ich weiß du magst dieses Wort, ich würde es trotzdem weglassen!
Die Frau setzte sich an den Bartresen. (Sie) ließ nur einen Hocker zwischen sich und Rick frei und bestellte einen Gin Tonic.
Die Frau setzte sich an den Bartresen, lies nur ein Hocker zwischen sich und …(Es ist schon klar dass sie es ist)
»Wie geht‘s?«,( fragte sie.) Ihre leicht verrauchte Stimme ließ die Luft vibrieren.
Es ist ganz klar, dass „sie“ trägt!
Ich habe (allerdings) keins dabei.«

»Ich bin nicht auf Geld aus.«
»Ich könnte dich nicht bezahlen.«
Würde die beiden Sätze weglassen, so bleibt das Ende noch etwas offener.
starrte ihn an, rückte zu ihm und nahm seinen Kopf in ihre Hände. Ihre Augen funkelten. Mary bewegte ihr Gesicht auf seines zu und sie küssten sich. Mit geschlossenen Augen zog sie ihren Kopf einige Zentimeter zurück.
Mir ist aufgefallen, dass du „ihr, ihnren, ihre “sehr oft in deinem Text hast. mMn solltest Du Deinen Text, vor allem weiter unten, noch einmal durchgehen und schauen ob du nicht einsparen kannst.
… nahm seinen Kopf in die Hände. Sie hatte ein funkeln in den Augen, der zart geschwungen Mund nähert sich seinem Gesicht.
Oder: Mit funkelnden Augen, kam sie seinem Gesicht näher oder… oder …
»Auf dem Couchtisch liegen einige Gedichte.
„Gedichte“ sagt schon aus, dass es einige sind und nicht nur eins.
Weiter unten schreibst du wieder „einige“ ( Ich würde diese Verdopplung vermeiden)
wachte auf. Die andere Seite des Bettes war leer, bis auf (einen Zettel.)
Musste los. Ruf mich an. In Liebe, M.
Unter dem schwungvollen M stand Marys Telefonnummer. Rick betrachtete den Zettel, die feinen Schnörkel ihrer Schrift und schaute zu der Seite des Bettes, wo Mary geschlafen hatte.
Vorschlag: bis auf eine Nachricht.
Nach zwei Stunden rief er Mary an. Es klingelte, aber niemand meldete sich.
Rick machte sich einen Whisky mit Soda, setzte sich auf die Couch, schaute aus dem Fenster und rauchte eine Zigarette. Der Regen hatte nicht nachgelassen. Der Himmel wurde (bereits) dunkler und die Straßenbeleuchtung eingeschaltet.
Zwei Stunden später rief er Mary an. Es klingelte, niemand meldete sich …
Er wählte die Nummer von Mary. (erneut.)

Er hatte (bereits) viele Jahre keine Liebesgedichte mehr geschrieben.

Und Mary gab ihm diese.
Diesen letzten Satz bräuchte es für mich nicht.
Mir hat deine überarbeitete Geschichte gut gefallen.
Vielleicht kannst du mit meinen neuen (alten) Vorschlägen etwas anfangen.

Schönen Nachmittag
Liebe Grüße CoK

 

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