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Die Stille danach

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14.12.2015
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Die Stille danach

Sie wacht schweißgebadet auf. Mühsam windet sie sich aus ihrer Decke, hockt sich auf und reckt sich zum Nachtkasten. Nach mehrmaligem Danebengreifen erwischt sie endlich ihr Handy und drückt die Sperrtaste. Nichts. Keine Nachricht. Sie seufzt schwer und lässt sich zurück auf die Matratze fallen. Die Augen geschlossen, drückt sie ihre Hände auf ihr Gesicht und verharrt so für mehrere Minuten. Erst als ihr vor Kälte die Härchen an Armen und Beinen aufstehen rollt sie sich in einer flüssigen Bewegung zum Bettrand und schwingt die Beine auf den Boden. „Na dann los“ seufzt sie und erhebt sich. Müde schleppt sie sich ins Bad, die Beine schleifen mehr als sich zu heben. Unzufrieden blickt sie in ihr Spiegelbild. Müde, erschöpft, ausgebrannt. Die tiefen bläulichen Ringe unter ihren Augen verdeckt sie so gut es geht mit einem, für ihre Blässe, viel zu dunklen Make-up. „Was solls“ denkt sie „besser sieht es allemal aus“. Sie stellt einen Kaffee auf und hofft die Müdigkeit damit, zumindest vorübergehend, vertreiben zu können. Nochmal das Handy checken. Nichts, wie immer.

Im Bus sind viel zu viele Menschen, sie zwängt sich durch die schwitzenden, aneinander klebenden Leiber und schafft es gerade noch einen Sitzplatz zu ergattern. Sie ist nicht besonders groß und zierlich gebaut, da kommt man in Menschenmassen schneller voran als der rundliche Junge mit der dicken Schultasche, der es auch auf den Platz abgesehen hatte. Verlegen lächelt sie ihn an und kassiert dafür ein wütendes Schnauben. Es vibriert in ihrer Tasche. Mit schreckgeweiteten Augen reißt sie hektisch den Reißverschluss auf und wühlt nach ihrem Handy. „Hallo?“ haucht sie, ganz außer Atem vor Aufregung. „Wo bleibst du? Ich hab dir doch gesagt wir treffen uns um 9. Kannst du nicht einmal pünktlich kommen?“. Ihre Schwester. „Ich weiß, tut mir Leid, bin in 5 Minuten da!“ antwortet sie mit belegter Stimme und nimmt das Handy vom Ohr, hört aber trotzdem noch wie ihre Schwester meckert, sie soll doch bitte nicht schon wieder wie eine Mimose reagieren. Sie legt auf. Mittwochs trifft sie sich immer mit ihrer Schwester und ihrer Stiefmutter zum Frühstücken. Sie hasst es. Sie ist mit ihrer Schwester noch nie besonders gut ausgekommen, sie waren einfach schon immer zu verschieden aber ihre Stiefmutter, die kann sie noch weniger ausstehen. Laut, forsch und rücksichtslos. „Die jungen Leute hängen immer nur am Handy!“, blafft die alte Dame neben ihr „Wo soll das hinführen, hm?“. Beim Sprechen wackelt ihr Gebiss und kleine Spucke Fäden hängen zwischen ihren Lippen. Sie sieht die alte Dame aus großen Augen an, unfähig ein Wort hervorzubringen. „Nicht mal reden können sie“ zetert die Alte und wendet sich ab. Sie wünscht sich, sie hätte reagiert. Etwas gesagt, irgendwas, aber die Worte bleiben ihr immer im Hals stecken. Sie ärgert sich über sich selbst, dass sie nicht einfach zurück gekeift hat. Was geht’s die Alte an wie oft sie auf ihr Handy sieht? Immer hast du Angst, sagt sie leise zu sich selbst. Wovor?

Vor dem Kaffee sticht ihr gleich der grellgelbe Mantel ihrer Stiefmutter ins Auge. Geschmacklos, denkt sie sich und winkt ihnen im Gehen zu. „Endlich“ seufzt ihre Schwester genervt, als sie vor ihnen steht und reißt sie am Arm durch die Tür. Am Tisch tratschen ihre Stiefmutter und ihre Schwester wie gewohnt über die Nachbarin, die Friseurin, den Kollegen bei der Arbeit und über wen auch immer es sonst noch die kleinste Kleinigkeit zu lästern gibt. Sie sitzt schweigend daneben. Wie immer. Sie checkt noch einmal ihr Handy, unter dem Tisch, ja nicht zu auffällig. „Sag nicht du führst dich noch immer wie eine Verrückte auf und siehst alle 2 Sekunden auf dein Handy“ stöhnt ihre Schwester. Verlegen sieht sie zu Boden, während sie das Handy zurück in die Tasche schiebt. „Gott, es ist jetzt schon 3 Jahre her, irgendwann ist genug! Kannst du dich nicht einfach einmal wie ein normaler Mensch verhalten? Es zumindest versuchen?“ faucht ihre Schwester. Sie schweigt während ihr die Tränen in die Augen steigen. „Ich hab sie nicht vergessen, so wie du!“ flüstert sie. Sie räuspert sich und setzt mit lauter Stimme nach „Ich habe sie angerufen, nicht du. Du musst nicht mit der Schuld leben!“. Furchen überziehen das Gesicht ihrer Schwester. Sie steht auf und packt ihre Tasche mit der einen, und ihre Jacke mit der anderen Hand. Sie will die Antwort gar nicht hören. Weg hier. Einfach weg.

Ohne Ziel fährt sie in der Gegend herum und lehnt ihren Kopf, der ihr plötzlich viel zu schwer für ihren Hals erscheint, an die kühle Busscheibe. Laut und hektisch hüpft eine Horde kleiner Kinder durch die Gegend, aber sie ignoriert sie einfach. Tut so, als existiere die Welt um sie herum gar nicht. Oder als existiere sie selbst nicht? Das Handy checken. Nichts. Es war schon so eine Routine geworden, dass sie in den letzten Wochen und Monaten gar nicht mehr darüber nachgedacht hatte. Ihre Schwester hatte Recht. Sie fühlt sich schuldig, sie hätte nicht so hart sein dürfen und einfach aufstehen und gehen. Das ist nicht ihre Art, sie macht sich jetzt bestimmt Sorgen. „Endstation, bitte alle aussteigen“ hört sie die Stimme der Busfahrerin durch die Sprechanlage.

Sie kennt diesen Ort. Seltsam, dass es sie gerade hierher verschlägt, wo sie es doch seit dem Unfall immer vermied an diesen Ort zu kommen. Langsam, fast schon bedächtig wandert sie durch die Reihen aus totem, grobem Stein mit längst vergessenen oder schmerzlich erinnerten Namen, bis sie zur großen Eiche im südlichen Teil gelangt. Sie hat ihren Namen schon lange nicht mehr gelesen.
Kniend sitzt sie vor dem Grab ihrer Mutter, Tränen laufen über ihre Wangen und ihre Lippen beben. „Es tut mir Leid Mama“ krächzt sie aus trockener Kehle. „Ich weiß, du würdest sagen du hättest nicht abheben dürfen und, dass es nicht meine Schuld ist“, sie drückt ihre Lippen so fest aufeinander, dass sie weiß werden und schließt die Augen. „Ich kann einfach nicht aufhören drüber nachzudenken, weißt du. Was wäre wenn ich nicht angerufen hätte? Wärst du dann noch da?“, heftige Schluchzer schütteln ihren zarten Körper. „Du hast gesagt du rufst zurück“ wimmernd drückt sie sich an den Grabstein und flüstert „Ich glaube mein Handy ist kaputt Mama, du hast nie zurückgerufen.“

 
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Hi Miri,

herzlich willkommen bei den Wortkriegern! Dann wollen wir mal:;)


Kurz vorab: bin neu hier im Forum und hab gerade meine erste Kurzgeschichte geschrieben - freu mich über immer über Verbesserungsvorschläge und Kritik! :-)

Raus damit und in einen neuen Post hinter deine Geschichte packen, denn Statements,Kommentare,was-auch-immer gehören nicht in deine Geschichte, oder?

Sie stellt einen Kaffee über und hofft die Müdigkeit damit, zumindest vorübergehend, vertreiben zu können.
Sie stellt einen Kaffee "über"? Über was denn? Ist das irgend so eine regionale Redensart oder ein Dialekt, denn ich hab so eine Formulierung noch nie gehört?

Ich finde deinen Stil gut. Deine Formulierungen sind nicht hölzern und du kannst deine Protagonisten jedenfalls plastisch und lebendig beschreiben.
Jetzt das "aber": was die Handlung deiner Geschichte angeht, so bin ich ehrlich gesagt ein bisschen zwiegespalten. Einerseits will man natürlich Mitleid und Empathie mit der Protagonistin haben, denn sie leidet sehr unter dem Tod ihrer Mutter und gibt sich/trägt irgendwie die Schuld an ihrem Tod.
Aber bei deinen Beschreibungen habe ich das Gefühl, dass das alles ein bisschen too much ist. Alle alle sind nur böse böse und gemein und deine Prot ist das arme,zarte Pflänzchen, kann sich nicht wehren, alle hacken nur auf ihr rum, und alles und überhaupt.
Also wenn sich das Mädel schon von ner Oma mit schlechtem Gebiss so dermaßen ins Bochshorn jagen lässt, dann finde ich das leider ziemlich schnell ziemlich -sorry- nervig! Denn bei soooo eine riesigen Opferrolle würd ich zu ihr nicht sagen: "Oh, du Arme!" sondern wohl eher "Herrgott, jetzt reiß dich mal zusammen und lass dir ein paar... Mutorgane wachsen!"
Wenn es sie so nervt, mit ihrer herzlosen Bitch von Schwester und bösen Hexe von Stiefmutter zu frühstücken - WARUM tut sie das dann? Warum kein dickes fettes "F#§$% off!" für die beiden? Verstehst du, worauf ich hinaus will?
Die Gestaltung deiner Figuren und ihr Verhalten, Gefühle und Handlungen bleiben natürlich dir vorbehalten, aber in so einem Fall würde ich mir wünschen, dass du dieses sehr extreme Verhalten aller Beteiligten (auch warum die beiden so dermaßen gemein zu deiner Prot sind) ein wenig mehr erklären würdest.
Auch das Ende finde ich noch zu wenig ausgearbeitet. Die Friedhofszene, die ja die Auflösung sein soll, verstehe ich nicht. Ich bin entweder zu doof für deine Andeutungen oder diese sind noch nicht klar genug? Hat sie ihre Mutter vielleicht während der Autofahrt angerufen und sie hat einen tödlichen Unfall gebaut? Ich vermute, so was in der Art?

Vielleicht also das ein oder andere noch ein wenig mehr in den Feinschliff bringen, dann wird es sicher klarer verständlich.

Viele Grüße vom Eisenmann

 

miri schrieb:

Kurz vorab: bin neu hier im Forum und hab gerade meine erste Kurzgeschichte geschrieben - freu mich immer über Verbesserungsvorschläge und Kritik! :-)

Eisenmann hats richtig gesagt!

 
Zuletzt bearbeitet:

Hi Eisenmann,

erstmal Danke für deinen ausführliche Kommentar! Das Statement gehört natürlich nicht zur Geschichte ;) muss ehrlich zugeben, dass ich mich mit den Regeln hier im Forum noch nicht so wirklich auskenne - war eine Spontan-Idee die Kurzgeschichte hier hochzuladen, in Zukunft pack ich meine Zusatzinfo in einen eigenen Post :)

Sie stellt einen Kaffee "über"? Über was denn? Ist das irgend so eine regionale Redensart oder ein Dialekt, denn ich hab so eine Formulierung noch nie gehört?
Ja da hast du Recht, das ist eine Redensart bei uns in Österreich, wär mir jetzt gar nicht aufgefallen :lol: Sollte ich in Zukunft besser drauf achten, dass ich nicht versehentlich Mundart einbaue!

Also wenn sich das Mädel schon von ner Oma mit schlechtem Gebiss so dermaßen ins Bochshorn jagen lässt, dann finde ich das leider ziemlich schnell ziemlich -sorry- nervig!

Das mit der Opferrolle verstehe ich absolut, hab da wirklich ein bisschen dick aufgetragen. Auch die Kritik am Ende ist vollkommen nachvollziehbar, war mir beim nochmal drüber lesen selbst nicht so sicher, ob das schon verständlich ist bzw. eindeutig genug. Deine Schlussfolgerung stimmt, aber da muss ich auf jeden Fall noch einmal drüber arbeiten damit das etwas klarer wird :)

Liebe Grüße und nochmal Danke!

 

Hallo miri,

es gibt einen bestimmten Grund, weshalb mich deine Geschichte ziemlich schlimm getroffen hat. Aber das konnte sie andererseits auch nur dadurch, dass du sicher formulierst, sogar die Dialoge (finde ich immer besonders schwer) echt gut hin bekommst und dadurch diese Wirkung nicht kaputtmachst. Und ich finde es ehrlich gesagt nicht so dick aufgetragen mit der Opferrolle - die ist da eben noch nicht drüber weg und deshalb nicht in der Lage, sich energisch zu wehren. Kommt sicher noch, später.

Mir hat's gefallen,

Gruß,

Eva

 

Hallo Eva,

freut mich wenn dir meine Geschichte gefällt und danke für das Feedback! :)

Liebe Grüße

miri

 

Hey miri,

zu Beginn des dritten Abschnitts sprichst du kurz von der Schwiegermutter und nicht mehr von der Stiefmutter, solltest das wohl rausnehmen, wenn du nicht verwirren willst.
Zu der Szene am Grab: ich würde aus dem Monolog dort einen inneren Monolog machen und die Prot nicht wirklich sprechen lassen. Sowas kommt zwar manchmal in Filmen vor, aber bei einer Geschichte muss man darauf eher nicht zurückgreifen. Kommt in der Realität wohl auch weniger vor, dass jemand direkt zum Verstorbenen am Grab spricht, eher was für das Innenleben. Aber klär mich auf, wenn ich mich täusche.

Viele Grüße

wassergeist

 

Hallo wassergeist,

das mit der Schwiegermutter hab ich komplett überlesen, danke! Soll natürlich weiterhin die Stiefmutter sein ;)
Zur Grabszene: Ich kann an sich nachvollziehen was du meinst, ist vielleicht nicht gerade üblich und auf jeden Fall mehr im Film eingesetzt. Ich hab mich aber bewusst dazu entschieden, sie die Worte auch tatsächlich aussprechen zu lassen - für mich spiegelt das die Intensität ihrer Gefühle und vor allem die Last der Schuld wieder. Ich für meinen Teil empfinde es auch nicht als unnatürlich zu einem Verstorbenen zu "sprechen" um die eigene Trauer zu verarbeiten. Ist aber natürlich Geschmackssache wie es einem besser gefällt :)

Liebe Grüße

miri

 

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