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Die Zeit und das kleine Mädchen

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21.04.2016
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Die Zeit und das kleine Mädchen

Die Zeit und das kleine Mädchen

„Hanna, wo steckst du? Hockst du etwa wieder in deinem Zimmer und liest, anstatt nach draußen auf den Spielplatz zu gehen?“ „Mama, ja ich bin in meinem Zimmer und habe einfach keine Lust, nach draußen zu gehen. Mein Buch ist gerade so spannend.“ „Du hast es mir aber gestern versprochen, dass du heute an die frische Luft gehen wirst. Es kann doch wohl nicht sein, dass du die ganzen Ferien im Haus verbringst. Hurtig, mach dich auf den Weg und keine Widerrede.“ Missmutig schnappt sich Hanna ihren kleinen Stoffhasen, zieht ihr Cloqs an und stiefelt ohne ein weiteres Wort davon – aber nicht zum Spielplatz sondern zum Park.

Da sitze ich nun gemütlich auf einer Parkbank. Habe die Beine von mir gestreckt. Schaue in den fast blauen Himmel und begebe mich auf einer kleinen Wolke auf die Reise. Langsam, ganz langsam atme ich tief ein und aus. Ich wäre darüber fast eingeschlafen. Wäre schlecht. Denn wenn ich schliefe, stünde doch die Welt still. Oder nicht?

Mitunter schleiche ich mich leise an die Menschen heran. Auf manche wirke ich geheimnisvoll. Kann aber auch durchaus mahnenden Charakter annehmen.

„Hey, Alte, was sitzt du denn da so versonnen? Scheinst ja mächtig Zeit zu haben.“ Ein pickeliger, schlaksiger Bengel schmeißt sich neben mich auf die Bank, dass diese nur so im Gebälk kracht und ich Angst habe, mit ihr – samt pickeligem Burschen – umzukippen.

„Ich habe nicht nur mächtig Zeit, nein, ich bin die Zeit persönlich.“ Mein Nebenan reißt die Augen auf und starrt mich fassungslos an. „Ay, das ist ja krass. Ich wusste gar nicht, dass die Zeit gestreifte Pullover trägt. Und überhaupt, seit wann kann die Zeit reden? Ich glaub, mein Schwein pfeift.“ „Mal nicht so lässig junger Mann. Hast du schon einmal darüber nachgedacht, was ihr ohne mich tätet? Die Welt würde im Chaos versinken. Nichts käme mehr zusammen. Ihr Menschen könntet einander nicht mehr verabreden und euch somit nicht mehr treffen und heute, morgen, nächste Woche oder das Jahr. All´ das gäbe es nicht. Wie sollte denn dann noch etwas funktionieren?“

Der Bursche neben mir springt auf, reißt sein Skateboard an sich, bedenkt mich mit mitleidigen Blicken und murmelt im Weggehen: „Die Alte hat den Schuss wohl nicht gehört. Die ist ja völlig irre. Hoffentlich ist die nirgendwo entwichen.“

Traurig blicke ich ihm nach. Der hat nichts begriffen.

„Nanu, was zupft an meiner Jacke?“ Ich sehe mich um. Ein kleines Mädchen steht hinter der Bank, nimmt meine langen, grauen Haare in seine kleinen Händchen und sieht mich mit großen, neugierigen Kinderaugen fragend an. „Wer bist denn du? Dich habe ich hier noch nie gesehen. Du kommst mir sehr klug und weise – und vor allen Dingen – sehr alt vor. Musst du bald sterben?“

„Setz dich zu mir, dann werde ich deine Fragen beantworten. Zuerst einmal, ich bin die Zeit und ich bin alt, sehr alt. So alt wie die Menschheit. Sterben werde ich dann, wenn es keine Menschen mehr geben wird. Denn dann braucht mich Niemand mehr. Klug, ja ich bin sehr klug. Ich kann mich auf jede Situation einstellen. Mich gibt es überall. Auf der Erde, im Himmel, auf den Bergen, in Baumwipfeln, im Puppenwagen, in der Schule, am Arbeitsplatz und sogar im Kindergarten. Überall, wo die Menschen sind, da bin auch ich. Mir gehorchen die Menschen, die meisten jedenfalls. Ich bin sehr mächtig. Allerdings gibt es auch Menschen, in der Hauptsache Kinder, die mich missachten oder sogar nicht mögen. Was ich aber gar nicht verstehen kann: warum könnt ihr nicht mit mir umgehen? Schließlich habt ihr mich geschaffen. Ihr habt mir eine Norm gegeben. Mich eingeteilt in Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Monate und Jahre. Ich will euch helfen. Ich bin für euch da, nicht ihr für mich. Und immer wieder hört man von euch Menschen: ich habe keine Zeit. Das stimmt doch aber nicht. Ich bin immer da. Also hat man auch Zeit. Wenn jemand sagt, er habe keine Zeit. So ist das einfach nur ein Zeichen dafür, dass er nicht sinnvoll mit mir umgehen kann.“

Das kleine Mädchen blickt mich an, tippt sich an die Stirn und sagt: „Ich glaube, ich habe dich verstanden. Du willst uns helfen, uns im Alltag zurechtzufinden und sinnvoll mit dir umzugehen. Das find ich gut. Jetzt muss ich aber nach Hause. Meine Mama wartet mit dem Mittagessen auf mich. Wenn ich zu spät komme, gerät sie wieder in Panik. Adieu.“ Das Mädchen steht auf, umarmt mich und macht sich fröhlich hüpfend von dannen, blickt auf ihr Häschen und sagt: „ Hasi, wenn ich es vergessen sollte, wie man richtig mit der Zeit umgeht, wirst du mich sofort daran erinnern. Versprochen?“

Nachdenklich blicke ich dem Kind hinterher. Ob es mir wohl gelungen ist, einem Menschenkind den richtigen Umgang mit mir nahe zu bringen? Ich strecke meine dünnen Beine, stehe auf und schüttele mich ein wenig. Jetzt mache ich auf in eine andere Stadt. Ich habe eine große Mission zu erfüllen.

„Mama, ich bin wieder zu Hause. Es war sehr schön draußen, und ich hab was ganz Tolles erlebt. Auf einer Parkbank hat die Zeit gesessen und ich habe mich wunderbar mit ihr unterhalten. Ich weiß jetzt, wie man richtig mit der Zeit umgeht.“ „Hanna, jetzt halt doch mal deine unbändige Fantasie im Zaum und wasch dir vor dem Mittagessen die Hände.“

 
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Liebe/r KPW1202,

ja, die Zeit ist für die Menschen da und nicht umgekehrt. Deshalb muss man sinnvoll mit ihr umgehen. Das hat das kleine Mädchen gelernt und das ist die Quintessenz deiner kleinen Geschichte. Und das ist wohl auch ihre Philosophie. Denn darunter hast du deine Geschichte getagt und das hat mich veranlasst, sie zu lesen.

Die Idee, die du beim Schreiben hattest, finde ich gut: Nachdenken über die Zeit und ihre Wichtigkeit und lernen, uns nicht von ihr bestimmen zu lassen. Leider bleibt diese Intention nach meinem Empfinden im Ansatz stecken und ich glaube, dass du mehr aus deiner Geschichte hättest machen können.

Du schreibst: Ohne die Zeit würde

Die Welt … im Chaos versinken.
Das ist sicher richtig. Aber der Beweis

Nichts käme mehr zusammen. Ihr Menschen könntet einander nicht mehr verabreden und euch somit nicht mehr treffen und heute, morgen, nächste Woche oder das Jahr. All´ das gäbe es nicht. Wie sollte denn dann noch etwas funktionieren?“
erscheint mir recht dürftig. Hier hätte ich mir ein kleines Beispiel vorstellen könnte, das es dem Kind anschaulich macht, was das Fehlen der Zeit konkret für die Menschen bedeuten könnte.

So wie hier wird in deiner kleinen Geschichte viel (Richtiges) behauptet, aber nicht veranschaulicht. Du vergibst dir mMn viele Möglichkeiten, das, was du meinst, in Situationen darzustellen. Ich habe mal versucht die Stellen, an denen ich mir ein Beispiel vorstellen könnte, kenntlich zu machen:

Klug, ja ich bin sehr klug. Ich kann mich auf jede Situation einstellen. Beispiel Mich gibt es überall. Auf der Erde, im Himmel, auf den Bergen, in Baumwipfeln, im Puppenwagen, in der Schule, am Arbeitsplatz und sogar im Kindergarten. Überall, wo die Menschen sind, da bin auch ich. Beispiel Mir gehorchen die Menschen, die meisten jedenfalls.Beispiel Ich bin sehr mächtig. Beispiel Allerdings gibt es auch Menschen, in der Hauptsache Kinder, die mich missachten oder sogar nicht mögen. Beispiel
Und auch die Hauptaussage deiner Geschichte, dass man nur sinnvoll mit der Zeit umgehen müsse, wird sehr allgemein und oberflächlich begründet:

Und immer wieder hört man von euch Menschen: ich habe keine Zeit. Das stimmt doch aber nicht. Ich bin immer da. Also hat man auch Zeit. Wenn jemand sagt, er habe keine Zeit. So ist das einfach nur ein Zeichen dafür, dass er nicht sinnvoll mit mir umgehen kann.“
Mir wird nicht recht klar, für wen du diese Geschichte geschrieben hast, wer deine Zielgruppe ist. Sollte sie Kinder ansprechen, so müsstest du sie mMn stärker veranschaulichen. Jugendliche, denen du im Kostüm der Fantasy-Geschichte Nachdenkliches über den Umgang mit der Zeit vermitteln möchtest, könnten sich angesprochen fühlen, haben aber u.U. mehr erwartet. Und Erwachsenen werden die grundlegenden Gedanken deiner Geschichte möglicherweise schon in der einen oder anderen Weise begegnet sein. (z.B. in Michael Endes ‚Momo’).

Ich habe mir noch ein paar andere Sachen zu deiner Geschichte notiert:

Hurtig, mach dich auf den Weg und keine Widerrede.
Ein merkwürdig altertümliches Wort, das zum restlichen Sprachstil nicht so recht passt. Überhaupt empfinde ich den anfänglichen Dialog als recht sperrig und künstlich. Spricht so eine moderne Mutter mit ihrem Kind?
aber nicht zum SpielplatzK sondern zum Park.
Da sitze ich nun gemütlich auf einer Parkbank.
Hier nimmst du einen Perspektivwechsel vor. Der vorige Absatz endet mit dem Hinweis auf den Park. Warum schreibst du nicht: „Dort sitze …“

Auf manche wirke ich geheimnisvoll. Kann aber auch durchaus mahnenden Charakter annehmen.
Entweder trennst du die beiden Aussagen durch ein Komma oder nimmst in der zweiten das Subjekt ‚ich’ noch einmal auf. So ist das eine sehr unschöne Verkürzung.

dass diese nur so im Gebälk kracht und ich Angst habe
Es handelt sich um eine Bank, nicht um ein Haus.

Und immer wieder hört man von euch Menschen: ich (Ich) habe keine Zeit.
Nach dem Doppelpunkt folgt ein ganzer Satz.

Wenn jemand sagt, er habe keine Zeit.(,) So ist das einfach nur ein Zeichen dafür, dass er nicht sinnvoll mit mir umgehen kann.“

Ob es mir wohl gelungen ist, einem Menschenkind den richtigen Umgang mit mir nahe zu bringen?
nahezubringen

Jetzt mache ich (mich) auf in eine andere Stadt.

Lieber KPW1202, mir hat die Idee deiner Geschichte gefallen. Allerdings hätte ich mir weniger pädagogischen Zeigefinger und dafür mehr augenzwinkernde Anschaulichkeit gewünscht.

Liebe Grüße
barnhelm

 

Hallo KPW1202,
im großen und ganzen kann ich mich hier barnhelm anschließen, möchte aber noch einen kleinen Punkt bzgl der Philosophie anmerken:

So alt wie die Menschheit. Sterben werde ich dann, wenn es keine Menschen mehr geben wird. Denn dann braucht mich Niemand mehr.
Meiner Meinung nach ein häufiges Missverständnis: Die Zeit als vierte Dimension ist vollkommen unabhängig von der Existenz eines Menschen, der sie misst. Sie ist immer da und wird immer gebraucht. Nicht nur Menschen werden älter, alles in dieser Welt ist der Zeit unterworfen bzw benötigt eine Zeitangabe, um einen Status Quo liefern zu können. Beispiel: Wenn du überlegst, wie du einen Baum darstellen willst, musst du einen Zeitpunkt definieren. Ist der Baum noch jung (klein) oder schon ausgewachsen? Zu welcher Jahreszeit willst du ihn darstellen? Analog für alles andere in dieser Welt.
Die Begrenzung der Zeit auf die Existenz der Menschheit ist daher imho etwas kurzsichtig.

Selbiges gilt natürlich auch für alle anderen menschlichen Maße. Größen, Massen, physikalische Gesetze, etc gibt es auch ohne einen Menschen, der sie misst, definiert oder in Worte fasst...

Gruß,
Lukas

 
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Liebe barnhelm,

vielen Dank für deine ausführliche Stellungnahme zu meinem Beitrag. Sicherlich kann man vieles besser machen. Gut, es hat kein Lektorat stattgefunden. Man möge mir meine Fehler verzeihen. Im übrigen nahezubringen und nahe zu bringen, beides ist oK.
Deine Kritik empfinde ich als sehr konstruktiv.

Liebe Grüße

KPW249

Hallo LuWiLe,

auch dir danke ich für deine Kritik. Ich habe die Zeit nicht als vierte Dimension angesehen, sondern einfach nur als Person, die eine Mission erfüllen will. Sollte eine nette kleine Geschichte - ohne erhobenen Zeigefinger - sein.

Liebe Grüße

KPW249

 

"Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist die Karawanserei,
Wir sind die Pilger drin.

Ein Etwas, form- und farbenlos,
Das nur Gestalt gewinnt,
Wo ihr drin auf und nieder taucht,
Bis wieder ihr zerrinnt."​


Denn wenn ich schliefe, stünde doch die Welt still. Oder nicht?

Eine rhetorische Frage aus Sicht nicht so sehr eines langen Lebens, als die eines Kindes - wie die Auffassung, wenn man sich die Augen zuhalte, würde man auch nicht gesehen. Aber das All gab's zweifellos vor unserem Sonnensystem und wird’s danach immer noch geben. Und wer vorgibt, keine Zeit zu haben, ist tot. Insofern will mir diese Geschichte in ihrer ganzen Naivität (was nix negatives ist, Literatur lebt oft genug von ihr, ansonsten könnte man nirgendwo unbefangen herangehen) wie eine Variation über Mathias Claudius' „Der Tod und das Mädchen“ erscheinen, denn das ist gewisslich wahr, dass mit jedem Todesfall eine eigene kleine Welt zusammenbricht, auf immer verschwindet. Und immer ist eine verdammt lange Zeit! Und in der Tat ist die Zeit ja keine vierte Dimension, sondern Bewegung und Veränderung innerhalb des Raumes.

Aber was ist im Zeitalter der Selbstoptimierung der richtige Umgang mit Zeit? Und damit ersteinmal
hallo und herzlich willkommen hierorts,

KPW1202!, -
hab ich richtig gesehen, die Ziffernfolge ändert sich schon mal?) -

zu den triialen Dingen dieser Plattform!

Fangen wir direkt vorne an: Übersichtlicher wäre, die wörtl Rede im Wechselspiel der Sprecher zu formatieren, etwa (ich zeig's mal am ersten Absatz) der Form

„Hanna, wo steckst du? Hockst du etwa wieder in deinem Zimmer und liest, anstatt nach draußen auf den Spielplatz zu gehen?“
„Mama, ja ich bin in meinem Zimmer und habe einfach keine Lust, nach draußen zu gehen. Mein Buch ist gerade so spannend.“
„Du hast es mir aber gestern versprochen, dass du heute an die frische Luft gehen wirst. Es kann doch wohl nicht sein, dass du die ganzen Ferien im Haus verbringst. [Hier würd ich sogar auch die Zeile umbrechen innerhalb der mütterl., wörtl Rede, als Pause und dann für die Aufforderung:]
Hurtig, mach dich auf den Weg und keine Widerrede.“

Manchmal hastus mit den Pronomen
Missmutig schnappt sich Hanna ihren kleinen Stoffhasen, zieht ihr Cloqs an und stiefelt ohne ein weiteres Wort davon – aber nicht zum Spielplatz sondern zum Park.
Hier bleiben nun einige Fragen: Wem zieht sie "Clogs" (die sich i. d. R. nicht mit q, sondern g schreiben), denn „der“ Stoffhase wird mit „ihm“ repräsentiert, oder wenn „Hanna“ gemeint ist, wäre das Reflexivpronomen „sich“ zu verwenden, also „… zieht [ihm / sich] Clogs an“.

Und nochmals eine Variante zu dem Problem

Jetzt mache ich [mich] auf in eine andere Stadt. Ich habe eine große Mission zu erfüllen.

Sonstige Flusen
„Mal nicht so lässig[,] junger Mann.
Denn dann braucht mich [n]iemand mehr.

Es blitzt ein Tropfen Morgentau
Im Strahl des Sonnenlichts;
Ein Tag kann eine Perle sein
Und ein Jahrhundert nichts.

Es ist ein weisses Pergament
Die Zeit, und jeder schreibt
Mit seinem roten Blut darauf,
Bis ihn der Strom vertreibt.

An dich, du wunderbare Welt,
Du Schönheit ohne End',
Auch ich schreib' meinen Liebesbrief
Auf dieses Pergament.

Froh bin ich, dass ich aufgeblüht
In deinem runden Kranz;
Zum Dank trüb' ich die Quelle nicht
Und lobe deinen Glanz.​


Gern gelesen vom

Friedel,
der hurtig für eine sehr schöne Wortwahl hält, schließlich wird hier keine Authentizität angestrebt.

Das Gedicht "Die Zeit geht nicht" stammt von Gottfried Keller

 

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