Was ist neu

Durch die Kälte

Wortkrieger-Team
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Hallo @MRG,
ich habe die bisherigen Kommentare überflogen und daraus entnommen, dass Du an dieser Geschichte schon sehr lange arbeitest, bzw. sie zwei Mal mehr oder weniger neu geschrieben hast. Für mich ist der Text neu, die Vorgängerversionen kenne ich nicht. Auch wenn du so intensiv überarbeitet hast, möchte ich Dir dennoch zu einigen Dingen Hinweise geben.

Vor ihm erstreckte sich die Antarktis.
Der erste Satz und Absatz, damit verortest du das Setting, Antarktis also, und Forschungsstation. Allerdings rufst du mit dem Wort nur gespeicherte, allgemeine Bilder ab, nichts Spezifisches für deine Situation. Ich sehe nur vage, wo wir sind und es geht viel zu schnell, als wäre er mal eben Brötchen kaufen gewesen, weißt?
Später schreibst du was von Schneemobil und damit würde ich einsteigen, die widrige Umgebung, die menschenfeindliche Atmo so zeigen, dass sie erlebbar wird. Nur mal als Beispiel:
"Die Kufen des Schneemobils fraßen sich durch den frischen Schnee, das monotone Geräusch der Raupenantriebs knatterte durch die Stille. Langsam brach die Morgensonne durch die schlierigen Wolken und ließ die Schneekristalle glitzern. Ein Blick auf das GPS zeigte ihm, es war nicht mehr weit. Das erste, was er von der Station sah, war ein weißer Ballon, der in der Luft hin- und her taumelte. Eine Handvoll Eismöwen umkreiste ihn." Und direkt hast du den Leser in der Story.
Versetze dich hinein in die Situation, stell dir vor, was dein Prota macht und beschreibe, was er sieht.

Es war an der Zeit, mit der Vergangenheit abzuschließen, ein für alle Mal.
Im zweiten Satz verrätst Du schon alles. Lass sich den Plot nach und nach entfalten. Halte das doch zurück, erzähle es später, wenn überhaupt, denn der Plan wird ja durch die Tabletten mehr als deutlich, muss also gar nicht so explizit benannt werden.

Die Forschungsstation stand auf hydraulischen Stützen und ragte hoch empor. Eine Automatikrampe fuhr langsam herunter.
Ich hab mal im Netz geschaut, ich denke du beschreibst die Neumeier-Station III. Aber dann setz das doch in Beschreibung um. Lass mich sehen, was Du siehst.
"Die Station wirkte wie ein Passagierschiff, dem man den Rumpf abgeschnitten hatte. Anschließend hatte man den Kabinen-Aufbau auf Stelzen ins Eis gesetzt. Oben in der Mitte wehte eine Flagge."

„Da sind Sie ja“, sagte die Wissenschaftlerin.
Auch hier mal hinterfragen, ist es Aufgabe der Wissenschaftler, Besucher zu begrüßen? Da ist Crew an Bord und die Aufgaben sind klar verteilt. "Es gibt einen Arzt, der zugleich Stationsleiter ist, einen Ingenieur, einen Elektriker, einen Funker und einen Koch sowie einen Meteorologen, einen Luftchemiker und zwei Geophysiker."(planet-wissen.de)
Also würde der Arzt/ die Ärztin deinen Prota begrüßen. Warum ist das wichtig? Wenn das Bild vorher verschwommen und vage ist, stellst du mit solchen Details die Schärfe ein.

„Wir hatten telefoniert“, sagte sie.
Treffen sich zwei Menschen am Ende der Welt, sagt der eine: "Wir hatten telefoniert." Das ist jetzt sehr überspitzt, aber würde das so laufen, ist das realistisch? Immerhin ist es kein beliebiges Pensionszimmer und der Besuch eines Fremden etwas ganz Besonderes. Er müsste vermutlich selbst Wissenschaftler mit konkretem Forschungsanliegen sein, damit seine Anfrage positiv beschieden wird, denn ich glaube nicht, dass eine Forschungsstation Touristen aufnimmt, oder hast du da andere Infos? Vorschlag: "Willkommen an Bord", die Stationsleiterin lächelte und streckte die Hand aus. Auf ihrem Anzug stand Dr. XYZ. "Dr. ZYX nehme ich an?"

Er folgte ihr durch einen Raum, in dem viele Computer und Messgeräte standen.
Erzeugt bei mir keinen Eindruck. Ich denke mal, Du hast ein ähnliches Bild wie das (Bild Nr. 4) hier gesehen. Fraglich wäre jedoch, ob er als Fremder dort Zugang hätte. Geh tiefer rein: "Er folgte ihr durch einen Flur, der an eine Klinik erinnerte. In geringem Abstand reihten sich die schmalen Türen auf, wie die Deckel von Waben. Sie gingen durch eine Doppeltür in den Aufenthaltsraum dahinter, zwei Bärtige spielten Billard und hoben zum Gruß kurz die Handschuhe. Aus der Küche drang Geklapper von Töpfen, das hinter der nächsten Tür leiser wurde. Dr. XYZ drückte eine Klinke öffnete die Tür und bat ihn hinein. Bis auf ein Klappbett und einen an der Wand montierten Plastiktisch mit Stuhl war der Raum leer." Zeigen und atmen lassen.

„Lassen Sie sich nicht von meinen Kollegen stören.“ Er nickte kurz.
Stören, wobei?

Endlich war er angekommen, an diesem verfluchten Ort.
Mit der negativen Konnotation verrätst Du zu viel. lass es offener und der Leser wird neugierig, möchte weiterlesen.

Dann holte er ein Buch hervor. Titel: Die Gefahren des Bergsteigens. An den Ecken war es abgegriffen.
Auch hier: nicht zu viel erzählen, offen lassen, dann fragt der Leser sich: was ist das für ein Buch, was steht da drinnen?

Bis auf eine Wasserflasche und einem Tablettendöschen war der Rucksack leer.
Auch hier löst Du mMn zu früh auf, schreib doch kleine Pappschachtel oder so was.

Er überreichte ihr das Päckchen.
„Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie das für mich aufbewahren.“
„Was ist denn da drin?“, fragte sie neugierig.
„Persönliche Angelegenheit. Es soll durch die Kälte nicht beschädigt werden.“ Es herrschte Stille.
„Ich dachte, Sie sind nur auf einer kurzen Expedition?“
Finde die Erklärung nicht befriedigend. Warum sollte er einer Wildfremden persönliche Gegenstände anvertrauen, warum lässt er sie nicht einfach in seiner Kammer, wo sie keinen Verdacht hervorrufen und doch gefunden werden? Und vor allem: Warum sollte sie die nehmen? Die liegen doch in seiner Kammer genauso kältesicher, also warum schluckt sie das? Ist denn da schon allen Beteiligten klar, dass er nicht mehr vorhat wiederzukommen? Und wenn ja, warum lässt sie ihn gehen?

Das geliehene Schneemobil glitt über den Schnee.
Kann weg, ist selbsterklärend.

Unwillkürlich musste er an das Bild von 1979 zurückdenken. Hier war es passiert, vor fünfundzwanzig Jahren.
Der eine Satz würde reichen.

Vor seinem inneren Auge spielten sich Szenarien von verunglückten Bergsteigern ab, halb vermischt mit kindlichen Albträumen und der schmerzhaften Realität.
Die schmerzhafte Realität kann er nur als Bild im Kopf haben, wenn er dabei war, also schau mal genau hin, was sich da mischt.

Das erzeugte ein unheilvolles Geräusch: aufschlagende Tabletten gegen Plastik.
Es wäre mMn viel stärker, wenn du das andeutest.
"Als er die kleine Schachtel aus dem Rucksack nahm, knisterte das Plastik innen. Er öffnete die Lasche und ließ den Blister in seinen Handschuh gleiten."

Mit einer schnellen Bewegung holte er die Wasserflasche aus dem Rucksack und öffneten den Verschluss. Mit einer fließenden Bewegung
Doppelung.

Mit einer fließenden Bewegung führte er die Tabletten an seinen Mund.
Würde bei Andeutungen bleiben.


Nach einigen Minuten hatte er den Berg umrundet
Schau mal, ob das wirklich ein Berg ist, denn ließe der sich in einigen Minuten umrunden?

erinnerte sich daran, was ein Kollege ihm zu Kaiserpinguinen erzählt hatte.
Hearsay. Finde ich ungünstig, weil es ein Allgemeinplatz ist. So unter Kollegen unterhält man sich nicht unbedingt über das Trompeten der Kaiserpinguine, weißt? Da sind die Fußballergebnisse vom Wochenende oder der Kantinenfraß oder der doofe Chef eher Thema, oder?
Woher genau und wie hat er die Information also erhalten? Ist er Arktisforscher geworden, um den Verlust zu verarbeiten, um zu verstehen, was passiert ist? Vielleicht ist er ja Biologe, dann dürfte ihn das Trompeten jedoch nicht überraschen. Hat er eine Doku gesehen? Du siehst, so einfach ist das nicht.

Plötzlich ertönte ein durchdringender, trompetenartiger Ruf. Ein schwarzer Schatten hatte sich ihm genähert.
Dann muss der Seeleopard aber schon eine Weile erfolglos jagen, denn der Prota hat das laute Trompeten ja vor etlichen Minuten bereits gehört.

Panisch versuchte der Pinguin aus dem Wasser zu kommen, sein Blick war auf die anderen drei Pinguine gerichtet. Doch es war zu spät. Aus dem Wasser stürzte ein Seeleopard, der den Pinguin packte und zubiss. Blut spritze auf das Eis.
Chronologie. Geh mal rein, was genau passiert. Der Pinguin ist im Wasser und schaut auf seine Familie. Er versucht aus dem Wasser zu kommen und schafft es nicht. Der Seeleopard stürzt aus dem Wasser (auf das Eis?), beiß zu und Blut spritzt auf das Eis. Ich denke, da solltest du nachschärfen.

Sie ließen die Köpfe hängen und trompeteten herzzerreißend.
Mir persönlich ist das zu vermenschlicht. Das vermittelt Mutlosigkeit und Trauerklage, beides Dinge, die ein gewisses Bewusstsein der eigenen Existenz voraussetzen. Haben das Pinguine?

Das einzige, was er denken konnte war: „Du hattest keine Chance. Du hattest einfach keine Chance.“
Das Einzige. Da schwingt einiges an Message mit, Relativierung des eigenen Schmerzes, Unbarmherzigkeit der Natur kontra selbstgesuchte Herausforderung.

Als er die Forschungsstation erreicht hatte, kam ihm die Wissenschaftlerin entgegen.
„Sie sind schon zurück?“, fragte sie erstaunt.
„Können Sie mir einen Gefallen tun? Buchen Sie mir eine Rückfahrkarte?“
Was hat sie mit seiner Tour zu tun? Da würde ich wieder in die Besonderheiten der Extremsituation gehen und das anpassen. Nicht vergessen: Er ist am Ende der Welt und sie Ärztin und keine Reiseverkehrskauffrau.

Ich lese das als Gleichnis. Das was dem Prota widerfahren ist, der dramatische Verlust eines Elternteils, ist in der Natur etwas Alltägliches, das schrecklich ist, aber hingenommen werden muss. Das bringt deinen Prota vom Vorhaben des Selbstmordes ab. Wieso eigentlich? Warum lässt sich das Gleichsetzen? Der eine Vater ist auf Nahrungssuche, doch was sucht der andere?
Weshalb nimmt der Prota den beschwerlichen Weg auf sich, nur um sich an dem Ort umzubringen, an dem sein Vater gestorben ist? Mal platt gesagt: Das könnte er zuhause viel einfacher haben.
Anders für mich wäre es, wenn der Prota versucht zu verstehen und sich Fragen stellt: Was genau ist damals geschehen? Warum setzte der Vater sein Leben aufs Spiel, obwohl er eine Familie zu versorgen hatte? Was war sein Antrieb? Er muss etwas gesucht haben, das er nur in dieser Extremsituation finden konnte und nicht daheim bei seiner Familie. Abgesehen davon ist das extrem teuer und mit riesigem logistischen Aufwand verbunden. Wofür das Ganze?
Ich kenne einige Väter, die aus Risikoabwägung heraus kein Motorrad mehr fahren, seit der Nachwuchs auf der Welt ist. Da braucht es ein starkes Motiv.

Ich hoffe nicht, dass du zurückschreckst und meine kritischen Fragen in den falschen Hals bekommst. Doch da sind für mich persönlich einige Haken im Text und es wäre nicht ehrlich, das nicht zu sagen. Das Setting Forschungsstation Antarktis finde ich sehr spannend und möchte dich ermuntern, noch tiefer reinzugehen und das Motiv von Vater und Sohn stärker herauszuarbeiten. Lass den Vater das zB. als Herausforderung sehen, ob er die Größe und die Kraft hat, als Mensch über die Natur zu triumphieren, ob er es schafft, den Gipfel zu erklimmen oder ob er auf dem Weg scheitert. Das solltest du darstellen, das erklärt sich nicht aus sich heraus.
Und lass den Sohn das nachempfinden und sich somit gedanklich aussöhnen mit der tragischen Entscheidung seines Altvorderen. Abschließen, Frieden finden.
Und auch die Pinguinszene könntest du weiterentwickeln. Der Pinguinvater stürzt sich trotzdem ins Wasser, obwohl er weiß, dass da dunkle Schatten umherhuschen und schon seit geraumer Zeit die anderen Pinguine durch ihr Trompeten warnen. Weil er keine Wahl hat, denn er hat zwei Junge zu ernähren. Da hättest du eine gegenläufige Motivation, aber beide Väter meinen, keine Wahl zu haben. Da steckt noch so Einiges drin.

Nichts für ungut, peace, ltf.
 
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Hey @MRG

Ich komme auf Gegenbesuch, wollte einige Dinge anmerken, habe aber gesehen, dass @linktofink in seinem tollen Kommentar fast alles von dem gesagt hat, was ich hätte anmerken wollen - und noch vieles mehr. Ich versuche trotzdem noch ein paar Anmerkungen anzubringen:

Zunächst die Details:
Vor ihm erstreckte sich die Antarktis. Es war an der Zeit, mit der Vergangenheit abzuschließen, ein für alle Mal. Die Kälte schmerzte. Nicht weit von ihm befand sich die Forschungsstation, genau wie beschrieben. Langsam bewegte er sich darauf zu, seine Stiefel versanken im Schnee.
Linktofink hat vorgeschlagen, den Satz zu streichen, was ich unterschreibe. Wenn du aber einen solchen Satz drin haben möchtest, dann solltest du ihn meines Erachtens anders platzieren, entweder am Anfang oder am Ende des Abschnitts. So wirkt er als Fremdkörper innerhalb der Naturbeschreibungen. Eine Ausnahme wäre, wenn ein konkretes Detail Anlass für eine allgemeine oder eine psychologische Anmerkung gäbe. Aber das ist hier ja nicht der Fall.
Die Forschungsstation stand auf hydraulischen Stützen und ragte hoch empor. Eine Automatikrampe fuhr langsam herunter.
„Da sind Sie ja“, sagte die Wissenschaftlerin. Sie trug eine rote Schutzausrüstung und eine eingerahmte Brille. Ein sympathisches Lächeln zierte ihr Gesicht.
„Wir hatten telefoniert“, sagte sie.
„Genau“, antwortete er.
„Ich zeige Ihnen das Zimmer. Kommen Sie rein.“
Er folgte ihr durch einen Raum, in dem viele Computer und Messgeräte standen. Er betrachtete sie nur flüchtig. Sie gingen eine metallene Treppe hoch. Dann kamen sie in einen kleineren Raum mit einem Klappbett.
„Lassen Sie sich nicht von meinen Kollegen stören.“ Er nickte kurz.
Da habe ich ein wenig gestutzt, weil das ein Stück weit an einen Empfang im Dreisternehotel klingt. Du hast ein tolles Setting. Das müsste in seiner Besonderheit noch etwas besser spürbar gemacht werden, meiner Meinung nach.
Auf dem Bild befanden sich wellige Rundungen. Er dachte zurück an die Zeit, als sie entstanden waren, sah sich wieder als kleinen Jungen. Er wischte sich schnell über die Augen. Dann holte er ein Buch hervor. Titel: Die Gefahren des Bergsteigens. An den Ecken war es abgegriffen.
Grundsätzlich gut gemacht. Hier, wie an anderen Stellen habe ich mir gedacht, dass du verstehst, wie man eine Geschichte erzählt und wie man sinnliche Details in einen Text webt. Dabei habe ich mir das eine oder andere Mal aber auch gedacht, dass du ab und zu übers Ziel hinausschiesst (zum Beispiel mit dem Trompeten-Vergleich weiter unten, den du merhfach herbeiziehst). Hier bringst du zwei Details ins Spiel, die beide auf denselben Umstand hinweisen: Foto und Buch sind alt und wurden oft betrachtet/angefasst. Ich denke, einmal genügt hier. Vielleicht lässt sich dafür im Zusammenhang mit dem Buch oder dem Foto eine andere Info unterbringen. Ansonsten würde ich das "abgefriffen" streichen. Die Formulierung "befanden sich wellige Rundungen" gefällt mir im Übrigen nicht so. "das Papier war gewellt" wäre einfacher.
holte er das Bild und das abgegriffene Buch hervor.
Kann hier weg, das wissen die Leser bereits.
Damals hatte sein Vater ihm gesagt, dass sei die Lebenslinie.
das
Ihre lauten Rufe erinnerten an Trompeten.
Das wird ja oben schon deutlich gemacht. Würde ich streichen.

Also, ich finde das hat schon Potenzial, das hat einen guten Aufbau, du arbeitest mit der Landschaft, mit sinnlichen Eindrücken, lässt Leerstellen offen. Ich denke aber, man könnte das alles mit noch etwas mehr Fleisch an den Knochen versehen. Das betrifft zum einen die Beschreibungen, die Szenerie: Wie der Helikopter Schnee und Eis aufwirbelt, nachdem er den Protagonisten abgesetzt hat. Die Farbe des Eises. Wie die Kälte in den Körper dringt (nicht nur schmerzt). Wie die Forschungssation aussieht. Ich glaube, das liesse sich noch etwas satter gestalten.
Inhaltlich hat mir ebenfalls ein wenig das Motiv gefehlt, weshalb er übehaupt in die Antarktis fährt. So eine Spurensuche finde ich super, an den Ort fahren, wo der Vater gestorben ist, das ist ein guter Plot. Über diesen Vater erfahre ich aber praktisch nichts. Wie war die Beziehung zum Prot? Mich würde auch interessieren, wie es der Vater in das Buch geschafft hat, was dieses Buch über ihn erzählt. Macht es ihn zum Helden?
Was ich vor allem nicht ganz nachvollziehen konnte, war die Selbstmordabsicht. Ich glaube, du hast da einen tollen Ausgangspunkt: Der Vater hat eine Art tragische Berühmtheit erlangt, sodass seine Geschichte in einem Buch verarbeitet wurde. Es gibt also eine Erzählung über dessen letzte Reise, erzählt von anderen Menschen, die unter Umständen dabei gewesen sind. (Vielleicht erzählen die auch verschiedene Geschichten). Aber für den Sohn gibt es keine Geschichte, nur eine aus zweiter Hand. Das wäre schon ein Motiv. Und dann in dieser rauen Landschaft beginnt er zu verstehen, was den Vater hierhergezogen hat, was ihn dazu gebracht hat, sein Leben aufs Spiel zu setzen und seine Familie im Stich zu lassen. Ich glaube, das braucht es die ganze Selbstmordabsicht nicht, es reicht der Wunsch, zu verstehen. Das ist mehr als interessant, das müsste meines Erachtens nicht zusätzlich dramatisiert werden.

Lieber Gruss
Peeperkorn
 
Wortkrieger-Team
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Der Vater hat eine Art tragische Berühmtheit erlangt, sodass seine Geschichte in einem Buch verarbeitet wurde. Es gibt also eine Erzählung über dessen letzte Reise, erzählt von anderen Menschen, die unter Umständen dabei gewesen sind.
Oha, so hatte ich das gar nicht gelesen. Für mich waren Foto (vom Vater) und Buch (über das Bergsteigen) zwei getrennte Dinge.
Das einzige Bild. Antarktis, ein Bergsteiger mit seinen Eispickeln. 1979. Auf dem Bild befanden sich wellige Rundungen. Er dachte zurück an die Zeit, als sie entstanden waren, sah sich wieder als kleinen Jungen. Er wischte sich schnell über die Augen. Dann holte er ein Buch hervor. Titel: Die Gefahren des Bergsteigens. An den Ecken war es abgegriffen.
Vllt. ist es Vaters altes Buch, das er zur Vorbereitung las? Ich finde jedoch die Lesart der tragischen Berühmtheit auch sehr interessant, weil es mehr erklären würde, mehr über den Vater sagt.
 
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Ich kann mich nur noch dunkel an den ursprünglichen Text erinnern, @MRG, aber zumindest weiß ich noch, dass ich damals knapp dran war, einen Kommentar zu schreiben. Vorwiegend, um ein paar der aus meiner Sicht (als Bergsteiger) haarsträubend unsinnigen Handlungsdetails zu kritisieren. (z.B. das Bad in Eiswasser, um sich auf eine winterliche Bergbesteigung vorzubereiten. :bonk:)
Nun hat mich Peeperkorns Kommentar wieder auf die Geschichte aufmerksam gemacht und wie ich darin „Antarktis“ lese, war auch mein Interesse an deiner Geschichte wieder geweckt. „Schaun wir mal, was er daraus gemacht hat“, hab ich mir gedacht und sie noch einmal gelesen.
Zu Handlung und Figurenzeichnung will ich mich jetzt gar nicht groß äußern, das haben linktofink und Peeperkorn schon weit besser getan, als ich es jemals könnte, ich will dir eher ein paar grundsätzliche Gedanken zu solch einer Art von Geschichte mitteilen. (Die zugegeben sehr subjektiven Gedanken eines Bergsteigers, der so ziemlich jedes Buch über die verschiedensten alpinen Dramen gelesen hat.)
Okay, jetzt magst du mit Recht einwenden, dass der Schwerpunkt deiner Geschichte nicht unbedingt die Beschreibung der grandiosen Kulisse sein soll, aber wenn du schon mal diese Kulisse wählst, solltest du sie – zumindest in Ansätzen – auch dem Leser vermitteln, bzw. solltest du – zumindest in Ansätzen – beschreiben, was für Eindrücke und Gefühle sie im Protagonisten auslöst. Ich meine, wir reden hier von der Antarktis! Eine spektakulärere (und lebensfeindlichere) Gegend kann man sich ja kaum vorstellen. Du jedoch lässt deinen Protagonisten sich darin bewegen, als wäre er an einem kühlen Herbsttag mal kurz vor die Tür gegangen, um Zigaretten zu holen. Da verschenkst du wahnsinniges Potential, finde ich, auch wenn du hundertmal keine „Naturdoku“ schreiben wolltest. Nur der Pinguine wegen gleich so eine große Kiste wie die Antarktis aufzumachen, ohne dann dem Setting auch nur annäherungsweise gerecht zu werden, will mir nicht recht gefallen. Vielleicht müsstest du, wenn dir selber die Erfahrung solch einer extremen Umgebung fehlt, ein bisschen recherchieren, bzw. ein paar einschlägige Bücher lesen, um dieses Mysterium dann auch in deine Geschichte einfließen lassen zu können.*)
Apropos Naturdoku:
Das geliehene Schneemobil glitt über den Schnee. Nach etwa 30 Minuten hielt er an. Vor ihm ragte ein gigantischer Berg empor.
Nun weiß ich zwar nicht, wie schnell so ein Schneemobil fahren kann, aber mehr als zwanzig, dreißig Kilometer werden in einer halben Stunde damit wohl kaum zu schaffen sein, schon gar nicht in einem dem Fahrer unbekannten Gelände. Auf jeden Fall viel zu wenig, um von der Neumayer-Station aus einen Berg zu erreichen. Schon gar nicht einen gigantischen.
Was ich sagen will, BRM: Wenn du schon einen tatsächlich existierenden Ort als Setting für eine Geschichte wählst, noch dazu allseits bekannte Orte wie die Antarktis und die Neumayer-Station, solltest du das Setting dann nicht aufs Geratewohl mit erfundenen geografischen Gegebenheiten vermischen. Du musst immer damit rechnen, dass irgendein naseweiser Leser (in diesem Falle ich) aufzeigt und dich besserwisserisch zurechtweist: „In der weiteren Umgebung der Neumayer-Station gibt es keine Berge. Zumindest keine, die den Namen Berg verdienen.“
Nach einigen Minuten hatte er den Berg umrundet
Oder haben wir einfach nur eine völlig unterschiedliche Auffassung des Begriffs „Berg“?

Noch zwei Kleinigkeiten:
Hunderte von Kaiserpinguine[n] befanden sich …
Eine Sondergenehmigung war notwendig, um sich mehr als 30 Meter zu nähern.
Grob geschätzt ca. 7,8 Milliarden Menschen sind mehr als 30 Meter von Kaiserpinguinen entfernt. Brauchen die alle eine Sondergenehmigung? :D
(Vermutlich meinst du weniger als 30 Meter.)

Gruß aus Wien, BRM
offshore



*) Ein diesbezüglicher Lesetipp, eines meiner absoluten Lieblingsbücher:

Spielplatz der Helden von Michael Köhlmeier
 
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Hallo @MRG!

Mir hat Deine Geschichte sehr gut gefallen.

Vor allem sie spielt sich abseits des gewohnten Terrains ab. Hier würde ich aber auch die Gegend näher beschreiben. Woher kommt der Berg? Ist er der Einzige?

Am Anfang der Geschichte würde ich auch noch erklären, wie ich dort hinkam. Bin ich mit dem Hubschrauber abgesetzt worden? Oder wie kam ich jetzt in diese fast verlassene Gegend.

Aber die Geschichte war gut und flüssig zu lesen.
 
Senior
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Mahlzeit!

Dass es zuvor eine "andere" Geschichte gab, habe ich erst mal aus den Antworten herausgelesen. Hallo? Bin ich jetzt bekloppt?, dachte ich. Was wird da zitiert und steht oben nicht? Gab es da nicht mal eine Regelung? Bin nicht mehr auf dem neuesten Stand.

Egal. Für mich, also meinen Geschmack oder Anspruch, ist es keine "fertige" Geschichte. In deinem Text liegt eine Geschichte begraben. In der Tat. Das Setting hat ein enormes Potential. Zweifellos. Aber es ist in etwa so, wie Zug fahren vor 50 Jahren (mit den Augen die Landschaft entdecken, am offenen Fenster die Gerüche und den Wind spüren; und im Gegensatz dazu mit dem ICE heute durch die Gegend heizen, so schnell und so wenig detailliert, dass man auch die ganze Zeit auf Klo sitzen könnte und würde nichts verpassen).

Was ich sehe ist:
Du hast das Potential zu schreiben.
Du kannst dir ein Setting ausdenken.
Du bist am Anfang deines eigenen Stils.
Du hast ihn noch nicht gefunden, denn eigener Stil braucht Jahre.
Du willst etwas erzwingen, aber es fehlen noch ein paar Zutaten.

Wie könntest du dich also der Geschichte in dir nähern? Und wie könntest du all die Gedanken, Ideen, Dialoge, Szenen SO aus deinem Kopf auf die Tastatur bringen, dass "Leben" entsteht. Ein Sog. Es ist nicht so wichtig, alles aufzuschreiben, was so im Kopf zurechtliegt, Satz an Satz zu reihen, ein Konstrukt zu füllen. In mir als Leser musst du Bilder entstehen lassen. Und die größte Kunst dabei ist, wenn du dafür nur wenige Stilmittel einsetzt und das Bild wie durch Zauberhand in meinem Kopf entsteht, und es so dramatisch ist, dass es mich an eigene Lebenssituationen erinnert. In deinem Text geht es ja schließlich um eine dramatische Situation in der Vergangenheit mit kausalen Wirkungen ins Jetzt. Das ist nicht mechanisch zu lösen.

Es gibt jetzt auch keine Text- oder Änderungsvorschläge von mir, denn diesen Weg musst du alleine gehen. Für mich ist eine gute Geschichte (nach meinem Anspruch), wenn ich nach 10 Jahren und 100maligem Lesen immer noch weine oder denke, ich hätte sie noch nie gelesen. Allerdings gibt es schon einen Tipp. Lesen. Damit meine ich nicht so Flacherde-Autoren, die im "Sonderposten-Korb" liegen, damit meine ich bspw. Aitmatow ("Der Junge und das Meer" oder "Der weiße Dampfer") oder Steinbeck (Die Perle) oder Sinclair (Der Dschungel) usw.

Schreiben ist ewiger Hunger, ewiges Suchen.

Weitermachen.

Morphin
 

MRG

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Hallo @Lisch,

vielen Dank für deinen Kommentar, hat mich gefreut und danke für deine Anregungen, sitze gerade an der Überarbeitung und versuche alle Kommentar miteinfließen zu lassen.

Danke und beste Grüße
MRG


Hallo @Morphin,

vielen Dank für deinen ausgesprochen interessanten Kommentar.

Für mich, also meinen Geschmack oder Anspruch, ist es keine "fertige" Geschichte. In deinem Text liegt eine Geschichte begraben.
Aber es ist in etwa so, wie Zug fahren vor 50 Jahren
Ja, da muss ich dir recht geben.

Was ich sehe ist:
Du hast das Potential zu schreiben.
Du kannst dir ein Setting ausdenken.
Du bist am Anfang deines eigenen Stils.
Du hast ihn noch nicht gefunden, denn eigener Stil braucht Jahre.
Du willst etwas erzwingen, aber es fehlen noch ein paar Zutaten.
Danke, das hat mich richtig gefreut. Sehe mich selbst auch gerade in dem Prozess, mich schrittweise zu verbessern und die Zutaten nach und nach zu finden.

In mir als Leser musst du Bilder entstehen lassen. Und die größte Kunst dabei ist, wenn du dafür nur wenige Stilmittel einsetzt und das Bild wie durch Zauberhand in meinem Kopf entsteht, und es so dramatisch ist, dass es mich an eigene Lebenssituationen erinnert.
Das ist nicht mechanisch zu lösen.
Ja, das ist die Kunst. Das fällt mir auf jeden Fall noch schwer, hast da einen guten Punkt.

Es gibt jetzt auch keine Text- oder Änderungsvorschläge von mir, denn diesen Weg musst du alleine gehen.
Sitze an der Überarbeitung, werde dafür allerdings noch etwas brauchen.

damit meine ich bspw. Aitmatow ("Der Junge und das Meer" oder "Der weiße Dampfer") oder Steinbeck (Die Perle) oder Sinclair (Der Dschungel) usw.
Habe ich mir notiert, stehen auf meiner Leseliste.

Weitermachen.
Danke!


Beste Grüße
MRG
 
Mitglied
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18.09.2020
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16
Hallo @MRG,
ich finde auch, dass deine Antarktisgeschichte ein Gerüst für etwas Größeres ist. Die gescheiterte Expedition des Vaters, warum will der Erzähler sterben - davon würde ich gerne mehr erfahren.
Die Geschichte ist hier schon ausführlich kommentiert worden, von mir noch einige Anmerkungen, was mich beim Lesen gestört hat.
„Da sind Sie ja“, sagte die Wissenschaftlerin. Sie trug eine rote Schutzausrüstung und eine eingerahmte Brille. Ein sympathisches Lächeln zierte ihr Gesicht.
"Zierte ihr Gesicht" - klingt hölzern, passt nicht in den rauen Grundton. "Sie lächelte" würde reichen, um sie sympathisch erscheinen zu lassen.
Unzählige Male hatte er das Bild schon hervorgeholt. Das einzige Bild. Antarktis, ein Bergsteiger mit seinen Eispickeln. 1979. Auf dem Bild befanden sich wellige Rundungen. Er dachte zurück an die Zeit, als sie entstanden waren, sah sich wieder als kleinen Jungen. Er wischte sich schnell über die Augen. Dann holte er ein Buch hervor. Titel: Die Gefahren des Bergsteigens. An den Ecken war es abgegriffen.
Der Handywecker klingelte um 9:00 Uhr. Er stand auf, zog sich um und begann seinen Rucksack auszuräumen. Wieder holte er das Bild und das abgegriffene Buch hervor. Lange schaute er darauf, strich mit seinem rechten Zeigefinger über die gewellten Stellen. Dann legte er beide Gegenstände in ein Päckchen, das er aus dem Rucksack holte. E
Hier wird zu viel hervorgeholt ...

Dabei fiel ihm auf, dass die Falte, die den Daumen in einem großen Halbkreis umrundete, durch die Tabletten fast vollständig verdeckt war. Damals hatte sein Vater ihm gesagt, dass sei die Lebenslinie. Damals war er besonders stolz auf diese lange Linie gewesen. Damals war das ein Zeichen der Hoffnung gewesen.
Diese Stelle fand ich sehr stark.

Sein Blick hob sich, doch es war niemand da. Schnell las er die heruntergefallenen Tabletten wieder auf. Doch noch bevor er fertig war, hörte er das Geräusch erneut. Auf seinem Gesicht zeichnete sich ein neugieriger Blick ab. Langsam ging er in die Richtung, aus der er das trompetenartige Geräusch gehört hatte. Wieder erklang es, diesmal lauter als zuvor.
Der größere der beiden Kaiserpinguine begab sich in das Wasser. Der Mann schaute dem Pinguin zu und dachte: „Bestimmt bist du auf der Jagd nach Fischen für deine Familie.“ Der Pinguin glitt elegant durch das Wasser. Plötzlich ertönte ein durchdringender, trompetenartiger Ruf. Ein schwarzer Schatten hatte sich ihm genähert. Panisch versuchte der Pinguin aus dem Wasser zu kommen, sein Blick war auf die anderen drei Pinguine gerichtet. Doch es war zu spät. Aus dem Wasser stürzte ein Seeleopard, der den Pinguin packte und zubiss. Blut spritze auf das Eis. Dann verschwanden beide in der Tiefe. Es ertönte ein lautes Geschrei. Andere Pinguine näherten sich der abseits stehenden Pinguinfamilie. Sie ließen die Köpfe hängen und trompeteten herzzerreißend.
Der Blick hob sich, zeichnete sich ab, war gerichtet auf ... vielleicht einfach "Er schaute auf, er wurde neugierig, er sah an".
Der ... Kaiserpinguin begab sich in das Wasser - sprang ins Wasser, glitt ins Wasser.
Ein Ruf ertönte, ein Geschrei ertönte ... ich würde "ein Geschrei ertönte" ändern, vielleicht "Die Pinguine begannen zu schreien".
Es ist nicht klar, ob der letzte Satz für die Familie gilt oder für alle Pinguine, die sich genähert haben.

Ungläubig beobachtete er die Szene, die sich vor seinen Augen abspielte. Sein Gesicht war erstarrt, sein Blick richtete sich auf das Blut im Schnee – rot auf weiß.
Einfach "Er sah auf das Blut"?

Der Schluss mit der Rückfahrkarte ist mir zu lapidar, passt nicht zur düsteren Stimmung.

Interessante Geschichte, hab sie gerne gelesen und bin gespannt, was da noch kommt!

Liebe Grüße,

Franziska

@greenwitch: Danke, dass du mir an meinem ersten Tag bei den Wortkriegern erklärt hast, wie das Zitieren geht! Hab mich trotzdem noch recht geplagt ;)
 

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