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28.01.2018
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Einrichtung

Wenn es sein muss, mache ich mich flüssig. Das kann ich. Abends, wenn alle in ihren Zimmern sind, wenn Nadja die beiden Kleinen auseinandergebracht und Martin endlich das Radio ausgemacht hat, dann lege ich mich ins Bett und ziehe die Decke bis unters Kinn. Immerhin kann es sein, dass Nadja noch einmal hereinschaut, dann stupst sie ihren Finger auf meine Nase, das ist so eine Art Gutenachtkuss, denn richtig küssen darf sie uns natürlich nicht. Sie hat jetzt nicht mehr so oft Schicht an den Abenden, wegen ihrer Kinder. „Die sehen mich ja sonst gar nicht mehr.“ Wenn ich es mir aussuchen könnte, wäre ich Nadjas Kind, ihr einziges Kind! Dabei hat sie drei. Und uns. Wenn Olaf oder Anna dran sind, dann öffnen sie die Tür nur halb, schauen herein und nicken mir zu. Sie sind froh, dass es mit mir keine Scherereien gibt am Abend. Sobald sie weg sind und es ruhig ist, stehe ich auf. Ich gehe an das Fenster, lehne mich gegen die Heizung und mache mich flüssig. Der alte Heizkörper ist weiß angestrichen. Man kann die Farbe mit dem Fingernagel abkratzen, sie fällt in leichten Schuppen ab und darunter ist wieder weiße Farbe. Oben an der Seite hat die Heizung ein Ventil. Wenn ich mich flüssig mache, kann ich mich durch das Ventil an der Heizung in den Heizkörper tröpfeln lassen. Klein und dünn, wie ich bin, fließe ich durch die Rohre, fließe aus der Heizung in meinem Zimmer in die Heizung in Justins Zimmer und weiter. Von der Heizung im Badezimmer lasse ich mich das Rohr hinabfallen, durch das Erdgeschoss in den Heizungskeller. Ich bleibe gern im Boiler, lasse mich im heißen Wasser treiben. Wenn ich flüssig bin, kann mir die Hitze nichts. Ich rolle mich von der einen auf die andere Seite, einmal langsam, dann ganz schnell. Ich bin ein Seelöwe im Zoo. Oder ich liege im Wasser und träume. Dann sehe ich alles aus der Ferne: Das große alte Gasthaus, in dem wir hier leben, wird ganz klein, es verschwindet mit dem Kirchplatz, dem Kastanienbaum und dem ganzen Dorf zwischen den großen Straßen. Ich sehe die Autobahnen von oben, mit ihren Kreuzen und Dreiecken, sie bilden ein Netz, das die Dörfer verbindet und voneinander trennt. Dann kommen die Vorstädte, die Industrieanlagen, die Städte, ich sehe Schienennetze, alte Halden. Ich sehe das Land, grau und grün, und dann das Meer, schwarze Ozeane, weiße Eiskuppen an den Polen. Endlich habe ich den Planeten vor mir, die Erde ist rund und stößt sich von mir ab, ich bin ein Astronaut und reise durch das All. Wie Blitze ziehen die Sterne an mir vorbei, und ich treibe zwischen ihnen, sicher im warmen Wasser meines Heizkessels.

Irgendwann habe ich genug, ich tauche nach dem Ausgang, der mich wieder in die Heizungsrohre spült. Dann fange ich im Erdgeschoss an. Durch den großen Aufenthaltsraum fließe ich schnell, aber im Büro halte ich mich innen an einem gebogenen Rohr fest. Hier höre ich, was die Erwachsenen sagen. Wie sie reden. Und über wen. Nadja und Olaf sitzen noch beieinander, sie sprechen über das Sommerfest morgen. Nadja sagt, dass meine Mama nicht zum Sommerfest kommen wird, aber das weiß ich längst. Ich wüsste gern, wo Eva ist. Aber niemand spricht über meine Schwester, nicht einmal, wenn ich nicht da bin.

Sie sprechen über Martin, ob sie ihm noch eine Chance geben. „Wo soll er denn hin?“, fragt Nadja. „Den nimmt doch keine Einrichtung!“
Es ist still im Büro, weil ihr keiner widerspricht. Nadja hat also recht: Niemand würde Martin nehmen. Jedenfalls keine Einrichtung. Ich fand das Wort erst komisch. „Wieso sagt ihr immer Einrichtung?“, habe ich Nadja einmal gefragt. Sie denkt erst nach, bevor sie etwas sagt. „Was soll man sonst sagen? Früher hat mein „Heim“ gesagt. Aber Heim, das klingt schrecklich, oder?“

Ich finde nicht, dass „Heim“ schrecklich klingt. Aber es ist ja auch meine erste Einrichtung. Paul sagt, ich hätte Glück gehabt, dass ich gleich hierhin gekommen bin. Zu den Sexuellen, sagt er und lacht. Ich lache mit. Am Anfang habe ich darüber nicht lachen können. Zuerst habe ich es von dem Mann in der Eisdiele gehört: „Die Sexuellen kommen“, hat der laut gesagt, als wir zu dritt hingingen, Martin, Paul und ich. Wir haben es hören können, und die zwei, drei Erwachsenen bei ihm an der Theke auch. Ich wollte gleich weglaufen, aber Martin hat meinen Arm gegriffen und mich festgehalten. Es hat richtig weh getan, auch am Tag danach. Martin läuft nicht weg. Und wer mit Martin unterwegs ist, läuft auch nicht weg. Wir sind in die Eisdiele und haben Eis gekauft. Drei Kugeln jeder, wie die Cowboys und ohne mit der Wimper zu zucken. Und der Eisdielenmann hat uns zum Abschied zugewinkt. „Ist doch lustig:“, sagt Paul, „die Sexuellen. Sind wir ja auch. Passt doch.“ Paul sagt, die Leute im Dorf hätten uns hier erst nicht haben wollen. Sie müssten dann ja ihre Kinder vor uns verstecken. "Dabei gibt es im Dorf gar keine Kinder!", ruft Paul. "Nur alte Leute!" "Nein! Die Kinder sind einfach sehr, sehr gut versteckt." Martin lacht. Er ist in unserer Gruppe der Älteste, bald zwölf. In der anderen Gruppe, oben im zweiten Stock, sind die Großen, zwölf, dreizehn und vierzehn Jahre alt, das heißt, vierzehn ist nur der Patrick. Mit vierzehn musst du hier ausziehen, das ist so, glaube ich, weil man dann kein Kind mehr ist. Martin ist sehr stark, aber klein für sein Alter und er will nicht in den oberen Stock ziehen. Ich glaube, er hat Angst. Er hat es am schlimmsten gehabt, das weiß ich, weil die Erwachsenen im Büro davon reden. Sie denken, wir Kinder hören sie nicht, aber ich habe mich ja im Heizungsrohr festgesetzt. Ich höre alles: Wo seine Narben auf dem Rücken herkommen. Und ganz andere Sachen. Aber das sage ich nicht. Ich denke es nicht einmal. Ich räume es ganz vorsichtig in eine Ecke in meinem Kopf, und fasse es nicht mehr an. Wenn ich zu viel daran denke, dann gerät es in Bewegung, und wenn es anfängt, sich zu bewegen, dann wächst es und wächst und am Ende würde es so groß werden, dass nichts anderes mehr in mir wäre; ich könnte an nichts anderes mehr denken, würde es vor mir sehen, immer: den kleinen Martin, seine Mutter, den Mann. Ich weiß es, aber ich denke es nicht. Vor allem sage ich es nicht. Das ist das Wichtigste: nicht darüber sprechen.

Im Büro reden sie kaum über mich. Das ist gut. Sie reden über Martin, weil er so schwierig ist. Und auch, weil sie ihn so mögen. Aber vor allem reden sie über ihn, weil sie nicht wissen, wohin damit, mit ihm, mit allem, was ihm passiert ist. Sie reden darüber, damit es weggeht, aber es geht nicht weg, es wird mehr, es breitet sich aus, je mehr man darüber redet. Mehr Leute erfahren es, und es wird größer und schlimmer. Das sollten die Erwachsenen wissen, und nicht mehr über diese Sachen sprechen. Ich behalte es für mich, alles, egal was. Bei mir ist es sicher, man kann mir alles erzählen. Ich weiß, wie man es aufhebt. Es ist wie ein warmer Ofen, wenn man es im Kopf behält, aber wie ein Feuer, wenn man darüber spricht. Wie ein Brand, ein Waldbrand, wie neulich im Fernsehen, jemand lässt eine Zigarette liegen und drückt sie nicht aus oder nicht richtig aus, und dann brennt der Wald und die Bäume stürzen ein, die Tiere müssen rennen, aus dem Wald heraus, aber das Feuer ist schnell, es kriecht über den Boden, es springt von Ast zu Ast. Sie schaffen es nicht, die kleinen Tiere sind nicht schnell genug, sogar die Vögel verbrennen in ihren Nestern. Sie haben meine kleine Schwester gefragt, was los ist, und dann hat sie alles erzählt. Eva hatte mir versprochen, niemandem etwas zu sagen von uns, dass es ein Geheimnis bleibt. Und dann hat sie doch alles erzählt. Ein Brand, und danach nichts mehr wie vorher.
Ich bin ihr nicht bös. Sie ist ja noch klein. Sie hat geweint, da bin ich mir sicher, sie wollte bestimmt gleich alles löschen, aber da raste das Feuer schon über den Boden weg, kleine Eva, da war es zu spät.

Ich bin flüssig, und das Feuer ist sicher aufgehoben in meinem Kopf. Ich lasse mein Heizungsrohr los. Das warme Wasser treibt mich hinauf, spült mich hoch in den ersten Stock, zurück in mein Zimmer. Durch das Ventil tropfe ich auf den Boden. Ich forme einen kleinen Jungen, neun Jahre alt, bald zehn. Ich stehe vom Fußboden auf und lege mich ins Bett. Morgen ist Sommerfest.

Zum Sommerfest kommen die Mamas. Nicht alle, also meine Mama kommt nicht, aber das macht nichts. Paul sagte, ich könnte mich zu ihm und seiner Mama setzen. Du erkennst sie sofort, hat er gesagt: Sie ist die hübscheste. Wir haben uns vor dem Fenster im Treppenhaus gedrängelt, um auf die Straße zu gucken, und ich habe Pauls Mama sofort erkannt. Sie trug etwas Blaues in den Haaren, ein Tuch oder ein Band, und ihre Sommerjacke war auch blau und an den Unterarmen fast durchsichtig. Das viele Blau passte zu den blauen Augen und zu der blassen Haut. Aber ihre Haare waren dunkel, fast schwarz. Das ist Marcel, sagte Paul, und ich habe ihr die Hand gegeben und mich zu den beiden gesetzt. Die anderen Mamas sind viel dicker, auch ihre Kleidung ist dick und schwer, und sie riechen nicht so gut. Wir haben Kuchen gegessen und über irgendetwas gelacht, über einen Witz, den Paul erzählt hat und den ich jetzt vergessen habe. Ich war stolz, bei den beiden zu sitzen, und dass alle sahen, wie wir Spaß hatten. Mit Mama wäre es nicht so gewesen, ich hätte einfach neben ihr gesessen und mich geschämt, und sowieso hätte Eva nicht mitgedurft. Pauls Mama drückte mir zum Abschied die Hand und sagt, dass es ihr ein Vergnügen war und ob ich nächstes Mal mitkomme, wenn sie und Paul Pizza essen gehen. Es gibt eine Pizzeria gleich nebenan. Ich habe kurz nach der Seite geschaut, nach Paul, ich wollte wissen, ob es ihm auch recht ist, es ist ja seine Mama. Er hat aber gegrinst. Er platzte fast vor Stolz! Und ich habe gesagt: „Ja, klar gern“, ich habe ihre Hand gedrückt und bin ins Haus zurückgerannt. Die Mamas sind dann gegangen, und wir sind noch eine Weile auf den Sofas herumgehopst, bevor uns Nadja und Olaf in unsere Zimmer getrieben haben. Martin hat wieder irgendetwas kaputt gemacht und dann noch etwas Gemeines gesagt, ich glaube zu Nadja, jedenfalls höre ich noch ein paar Fetzen von Geschrei in meinem Zimmer. Ich habe mich ins Bett gelegt und jetzt halte ich mir noch die Ohren zu. Wenn ich dabei die Finger hin- und herdrehe, wird aus dem Geschrei eine Art Zirkusmusik, eine kaputte Zirkusmusik, wie ein kaputter Zirkus schreien sie da unten. Mich regt das auf, wenn die so schreien, aber Paul meint, das ist ganz normal. Bei ihnen daheim wäre auch immer Geschrei gewesen.

Bei uns war kein Geschrei. Ich denke an die Stille daheim in der Wohnung. Ich wüsste gern, wo Eva jetzt ist, aber ich weiß nicht, wie fragen. Sie fehlt mir. Sie ist immer so ruhig, und wenn ich sie zum Kindergarten bringe, greift sie nach meiner Hand, bevor wir die Stadtholzstraße überqueren. Wir spielen zusammen auf dem Spielplatz, abends spät oder im Regen, wenn die anderen Kinder daheim sind beim Abendessen mit ihren Mamas. Wir rennen, Eva und ich, ich lasse mich von ihr fangen, und dann fange ich sie, wir rollen im nassen Sand. Sie kreischt richtig vor Vergnügen, ganz laut. Dann laufen wir kichernd nach Hause, ich ziehe sie aus und wasche sie und trockne sie ab. Sie fragt: „Wann kommt Mama wieder?“, und ich sage: „Morgen oder übermorgen“, und dann stelle ich den Fernseher an. Wir holen die große Bettdecke und verkriechen uns darunter, Wir sind beide nackt und weich wie kleine Tiere in der Höhle. Aber plötzlich stehen diese Leute im Wohnzimmer, was wollen die Leute? Was für Leute? Da sind keine Leute. Das habe ich geträumt. Wir sind eingeschlafen im Wohnzimmer, und jetzt bin ich mitten in der Nacht aufgewacht. Ich versuche, Eva in ihr Bett zu tragen. Sie ist zu schwer für mich, und als ich versuche, sie hochzuheben, wacht sie auf und fängt an zu weinen. Wo Mama ist, schreit sie, immer wieder. Mama. Ich kann sie kaum beruhigen, ich singe, ich erzähle ihr Witze, aber alle Witze, die ich kenne, kennt Eva seit langem. Am Ende ist sie erschöpft vom Weinen, der Fernseher läuft. Eva schläft auf dem Sofa. Ich mache es mir auf dem Teppich bequem. Am nächsten Tag sind sie dann gekommen. Die Leute. Ich hatte Eva in den Kindergarten gebracht und war wieder nach Hause gegangen. Ich war so müde, wegen der Nacht, und traurig. Sonst habe ich nicht die Schule geschwänzt, nur ganz selten, damit es nicht auffällt. Es könnte ja sein, dass die Lehrer anrufen und mit Mama sprechen wollten. Da habe ich immer aufgepasst, dass wir ordentlich aussahen und pünktlich waren. Und wenn sie da war, kam die Mama ja auch mit, mal zur Schule oder zum Kindergarten, das hat ganz gut funktioniert.

Als sie kamen, war ich zu Hause. Ich lag auf dem Sofa, die leere Schokoladenpackung lag auf dem Teppich. Den Fernseher habe ich ausgemacht, als es klingelte. Vor der Tür standen zwei Frauen und ein Mann. Freundlich, eigentlich, aber gar nicht wie Freunde. Sie sagten, sie wären gekommen, um Evas Sachen zu holen. „Eva kommt heute nicht nach Hause“, hat die ältere Frau gesagt. Das war Ilona, aber da kannte ich sie noch nicht. „Wo ist deine Mama?“, wollte die Jüngere wissen. Ich habe mit der üblichen Geschichte angefangen: Mama ist einkaufen, Mama ist bei Oma, Mama ist nur kurz weg oder nur bis morgen, Mama kommt schon wieder, sie muss nur noch, sie wird. Aber die beiden Frauen und der Mann ließen sich nicht abwimmeln. Und wenn ich nach Eva fragte, haben sie nichts gesagt. Wo ist sie, ist sie nicht im Kindergarten, ich habe sie doch in den Kindergarten gebracht. Ich musste ihnen Evas Sachen zeigen. Die jüngere Frau hat zusammen mit dem Mann einen Koffer gepackt, und Ilona ist mit mir in die Küche gegangen. Ich habe sie gefragt, ob sie einen Kaffee möchte. Ich wollte, dass sie sieht, dass hier alles in Ordnung ist. Da habe ich ihr einen Kaffee gemacht, und mir habe ich eine Milch eingegossen und eine Packung Cornflakes auf den Tisch gestellt. Jetzt weiß ich natürlich, dass Ilona Psychologin ist, aber an dem Tag wusste ich das nicht. Sie schaute mir zu, sagte, dass mein Kaffee gut ist und dass ich das toll mache und das es bestimmt nicht leicht ist für mich, mit Eva. Und dann, als ich dachte, ja, es läuft, da hat sie gesagt, dass ich aber doch noch ein Kind bin. Und dass sich jemand um mich kümmern muss. Ich weiß nicht mehr, was sie noch gesagt hat. Die anderen beiden sind gegangen, mit Evas Sachen, und sie ist geblieben. Irgendwann ist sie dann aufgestanden, und ich dachte, jetzt nimmt sie mich mit. Aber das hat sie nicht, sie ist gegangen und hat mir gesagt, dass morgen früh vor der Schule jemand kommt, der mir hilft.

Dann war sie weg. Endlich geht sie, habe ich gedacht, als sie aus der Tür ist. Und dann war ich tatsächlich ganz allein zum ersten Mal. Allein, ohne Eva. Und in dieser Nacht habe ich entdeckt, dass ich mich flüssig machen kann.

Ich weiß noch: Ich stand im Badezimmer vor dem Waschbecken und sah mich im Spiegel. Ein ordentlicher kleiner Junge. Blass, große Augen, sehr kurzes Haar. Und dann sah ich den Ablauf des Waschbeckens und dachte, dass auch Eva um diese Zeit in einem Badezimmer steht, vor einem Waschbecken, dass jemand ihr beim Zähneputzen hilft, und dass ihr Waschbecken und mein Waschbecken verbunden sind, über Wasserleitungen, unterirdische Kanäle, und dass ich sie finden kann in der Stadt, wenn ich mich nur flüssig mache und den Abfluss hinunterrinnen lasse. Das habe ich gemacht. Die ganze Nacht habe ich in den Rohren und Leitungen der Häuser unserer Stadt verbracht. Ich bin durch die Hochhäuser in unserem Viertel geflossen, sicherheitshalber auch durch den Kindergarten, durch die schönen kleinen Häuser in ihren Gärten auf der anderen Seite der Stadtholzstraße, dann einen breiten, stinkenden Kanal entlang hinab Richtung Fluss, und in der Innenstadt wieder hinauf in die Häuser. Die Bürogebäude und Einkaufszentren habe ich ausgelassen, aber durch die ganzen kleinen Stadtwohnungen über den Geschäften habe ich mich treiben lassen und dann auch der anderen Seite des Rings durch die Reihenhäuser. Eva war nirgends zu finden. Wohin hatten sie sie gebracht? Erschöpft habe ich mich von der Trinkwasserleitung wieder nachhause spülen lassen. Ich bin aus dem Wasserhahn getropft und habe mich auf den Teppich gelegt vor der Badewanne. Da habe ich geschlafen, bis eine Frau kam, um mir zu helfen, zur Schule zu gehen. Ich habe alles mitgemacht, mit Cornflakes und allem, und als wir an der Schule waren, hat sie mir schon vertraut und mich allein hineingehen lassen. Da habe ich ihr nett aus dem Eingang zugewinkt, mich drinnen an die Wand gepresst, bis sie weg war und bin losgerannt, zum Kindergarten. Ich habe ganz normal getan, mit einem leichten Winken zum Haus hin habe ich das Gatter geöffnet. Aber es war schon alles verbrannt. Marie ist herausgestürzt, sie schrie, ich dürfte keinesfalls hineinkommen, ob sie mich denn nicht geholt hätten. Sie muss mich vom Fenster aus gesehen haben. Sie würde die Polizei holen, sofort, wenn das Jugendamt schon nichts täte. Die heiße Luft schlug mir ins Gesicht. Ich habe das Tor losgelassen und die Hände gehoben. "Ich wollte nur Eva abholen", habe ich gerufen. Da ist Marie ausgerastet. Sie ist auf mich zugestiefelt mit riesigen Schritten. Ich habe gedacht, jetzt packt sie mich und zerquetscht mich. Sie hat gerufen, dass ich Eva nie wieder sehen würde. Nach allem, was ich ihr angetan hätte. Dass sie das nie von mir gedacht hätte. Dass ich mich nie wieder blicken lassen solle. Ich habe sie angestarrt, wie sie auf mich zukam. Erst als sie nach mir griff, bin ich ausgewichen und losgerannt. Das war das Feuer. Eva hatte alles erzählt. Nie wieder, nie wieder hin zum Kindergarten, nicht einmal in die Nähe. Am nächsten Tag bin ich dann brav in die Schule getrottet. Die nette junge Frau hat mich hingebracht, sie hat gesagt, dass sie eine Einrichtung für mich suchten, das schien mir schon nicht mehr so schlimm. Und in der Schule waren dann auch schon alle komisch und misstrauisch. Die Lehrer haben mich nicht aus den Augen gelassen und nach ein paar Tagen hieß es, es habe Beschwerden von Eltern gegeben, ich solle vorläufig nicht mehr kommen. So war ich am Ende froh, in meine Einrichtung zu kommen, hierher, ins Spatzennest.

„Wieso Spatzennest“, habe ich Ilona gefragt, und sie hat gesagt: „Weil es eine ganz kleine Einrichtung ist.“ Da habe ich mir eine Art Puppenhaus vorgestellt, aber nicht dieses alte Gasthaus am Dorfplatz, gleich neben der Kirche. Und es ist klein, weil nur zehn Kinder hier Platz haben. „Wir sind was ganz besonderes“, hat Paul mal gerufen, aus seinem Fenster, heraus auf den Kirchplatz. „Wir sind die Sexuellen!“ Wir mussten alle lachen, auch Nadja hat gelacht, aber danach hat sie ihn natürlich an den Ohren gezogen, das geht ja nicht, dass er aus dem Fenster schreit. Eva ist auch in einer Einrichtung. Ich will wissen, ob ich ihr fehle. Ich möchte, dass ich ihr fehle. Vielleicht will sie mich sehen. Ich war doch immer da. Und jetzt traut sie sich nicht, es zu sagen, dass sie mich vermisst. Dass sie zu mir will. Sie ist so scheu, immer, hat kaum etwas gesagt. Deswegen haben sie gedacht, es hat vielleicht einen Grund, dass sie so scheu ist, einen schlechten Grund. Der schlechte Grund. Das war ich. Ich nehme die Finger aus meinen Ohren. Es ist still. Ich stehe auf und gehe zur Heizung, ich lasse mich hineinfließen, möchte mich im Heizungskeller im Boiler treiben lassen und von Pauls Mama träumen, vom Kuchenessen auf der Terrasse, von Kakao in der Sonne. Flink lasse ich mich durch die Rohre herüber in Justins Zimmer gleiten, aber da ist ein merkwürdiges Geräusch, ein Wimmern. Eva? Eva, weinst du? Nein. Natürlich nicht, nicht Eva. Der kleine Justin weint, das ist normal, er ist der jüngste. Seine Mama ist heimgefahren ohne ihn, jetzt weint er. Es gibt aber etwas, das nicht stimmt, und ich halte mein Ohr dicht an das Heizungsventil. Eine zweite Stimme. Das ist Martin. Martin ist bei Justin. Er hält ihn fest, er spricht ganz leise. Justin weint. Etwas ist nicht gut, mein Herz rast, schnell lasse ich los, das warme Wasser packt mich und spült mich weiter, in Martins leeres Zimmer und weiter durchs Bad hinunter in den Heizungskeller. Ich bleibe im Boiler liegen. Lange, sage ich mir, will ich hier liegen bleiben und treiben, so lange, bis alles gut ist, bis Martin wieder in seinem Zimmer ist, bis Justin schläft. Aber ich halte es nicht aus. Ich kriege keine Luft, plötzlich, dabei bin ich doch flüssig, sage ich mir, ich brauche nicht zu atmen, hier im Heizungskeller. Es hilft nichts, ich muss nach dem Ausgang tauchen, lasse mich von der Heizungspumpe wieder in die Rohre schnellen. Im Büro höre ich, wie Nadja seufzt. Olaf sagt: „Du musst das nicht ewig machen, du nimmst das zu ernst. Wenn er nicht fragt, brauchst du es ihm nicht zu sagen.“ Ich halte mich kurz im Knick des Heizungsrohrs fest. Was wollen sie nicht sagen? Und wem? „Aber das ist es ja“, sagt Nadja, „warum fragt er nicht? Er fragt nicht nach seiner Mama und er fragt nicht nach seiner Schwester. Und jetzt kommt die Kleine aus dem Heim und darf wieder bei der Mutter leben, und die Mutter fragt nicht nach ihm, nicht ein Wort! Als hätte es Marcel nie gegeben. Als wäre er – “

Ich lasse los. Das heiße Wasser spült mich wieder hinauf, und die Heizung spuckt mich in hohem Bogen aus, ich falle auf den Boden, aber auch aufs Bett und unter den Stuhl. Was hat Nadja gesagt? Als hätte es mich nie gegeben. Und dann, was hat sie noch gesagt? Ich habe es nicht gehört. Ich habe es nicht verstanden. Das Wasser rauscht in meinen Ohren. Ich versuche, den kleinen Jungen zu formen, der ich war. Aber es gelingt mir nicht richtig, etwas fehlt. Ich liege auf dem Boden, etwas stimmt nicht. Im Schlaf höre ich Eva im Nachbarzimmer weinen, ich laufe über den Gang, gehe durch die geschlossene Tür in ihr Zimmer. Sie sitzt auf dem Bett und weint, aber sie sieht mich nicht. Eva? Sie hört mich nicht. Ihr Gesicht spiegelt sich im Fenster, mein Gesicht neben ihrem ist nicht zu sehen. Ich bin unsichtbar, natürlich, sie kann mich nicht sehen, ich bin ja tot. Ich habe vergessen, dass ich tot bin, seit einer Weile. Ich streiche Eva über das Gesicht und gehe durch die Wand in mein Zimmer zurück.

Ob alles in Ordnung ist, fragt Anna. Steckt ihren Kopf durch die Tür und grinst. Nadja hat heute frei. Anna ist jung und meistens vergnügt. Ist ja noch nicht so lange hier, sagt Paul. Die Fröhlichen bleiben hier nicht lang, sagt er auch. Nach einem Jahr gehen sie. Oder sind nicht mehr fröhlich. Ist halt nicht einfach mit uns. Und dann boxt er mich in die Rippen, und ich schubse ihn weg, und schon rollen wir uns am Boden.

Anna wundert sich nicht, wenn mal einer auf dem Boden schläft. Eigentlich, sagt Paul, sind die ziemlich cool, die Pädagogen. Ärger gibt’s nur bei größeren Sachen. Der René zum Beispiel, der ist ja schon lange nicht mehr hier, der ist nachts einfach nicht aufs Klo gegangen. Hat in seine Zimmerecke gepinkelt. Da war er schon zwölf. Bis die das gemerkt haben! Das hat gestunken, ganz gewaltig, die Holzdielen waren an den Rändern war schwarz und ganz wellig. Ein Fußbodenleger musste kommen, und René war dann irgendwann weg.

Annas Kopf verschwindet aus der Tür. Ich erinnere mich an das, was Nadja gesagt hat. Und dann fällt es mir wieder ein: Justins Weinen, und Martin in seinem Zimmer, und es klang ganz wie Evas Weinen, an dem Abend, als sie zum ersten Mal so lag, unter mir, so weich, so vertraut.
Vor allem darf ich mir nichts anmerken lassen. Ich versuche aufzustehen, ziehe mich an der Heizung hoch. Für einen Moment kann ich die Hände und Füße nicht auseinanderhalten, aber es ist doch alles an seinem richtigen Platz: Gelenke und Knochen, jedes, wo es hingehört, die Knie klappen nach hinten und nicht nach vorn. Ich stehe. Ich finde ein frisches T-Shirt, ein Paar frische Socken. So kann ich hinuntergehen. Nur nicht auffallen.

Den Vormittag halte ich mich in der hinteren Ecke des Aufenthaltsraums auf, bei den anderen Kleinen, aber nicht zu nah an Justin, der ein paar Spielzeugautos herumschiebt, bis er anfängt, sich mit einem von den Großen zu streiten. Martin vermeide ich ganz, sehe ihn nicht an. Er darf nicht wissen, dass ich es weiß. Als Paul mich aufzieht, dass ich schlecht geschlafen habe, weil seine Mama so schön ist, werde ich wild. Wir kämpfen auf dem Boden, bis die Erwachsenen uns auseinanderbringen. Was ist denn los, fragt Anna und stellt mich auf die Beine. Vielleicht schläfst du morgen mal zur Abwechslung im Bett! Ich reiße mich los, renne die Treppe herauf. In meinem Zimmer lege ich mich unters Bett. Manchmal hilft es, unter einem Möbel zu liegen. Ich liege ganz still. Ich halte die Luft an. Wenn ich gar nicht mehr atme, sterbe ich. Warum nicht. Ich halte die Luft an. Ganz starr liege ich da, fast, als wäre ich selbst ein Möbel, ein Stück Holz. Aber dann beginnt mein Körper zu zucken, dreht sich hin und her, ich kann ihn kaum halten, er schiebt sich der Luft entgegen, aber ich presse den Mund fest zu, atme nicht, so sehr es in mir tobt. Ich halte das aus, denke ich, ich halte das aus bis zum Ende, und im nächsten Moment schnappe ich nach Luft. Ich wälze auf dem Boden mich hin und her. Ich halte mir die Ohren zu, spiele kaputte Zirkusmusik mit den Geräuschen von unten. Wenn ich mich schnell genug hin und her werfe, schmerzt mein Rücken. Das beruhigt mich etwas. Bis zum Mittagessen bleibe ich hier, werfe mich herum oder lasse meinen Hinterkopf ein paar Mal auf den Boden knallen.

Am Nachmittag haben wir Gruppe. Wir sitzen im Kreis, Justin mir direkt gegenüber. „Marcel“, sagt Anna, „alles in Ordnung? Du bist blass.“ „Justin ist blass!“, rufe ich, „Fragt den doch!“ Ich spüre das Feuer in mir, mein Atem ist heiß und kann hier alles in Brand stecken, das alte Gasthaus wird eine Fackel, der Kirchplatz leuchtet taghell in der Nacht und die Fenster der Pizzeria nebenan zerspringen, wenn ich sie herauslasse, die Hitze in mir. Ich bin ein Drache und ich spucke Feuer. Ich sage ganz langsam: „Oder fragt Martin, ob er weiß, warum Justin so blass ist.“

Dann lasse ich mich seitlich vom Stuhl fallen. Ich halte die Augen geschlossen. Jemand weint. Ich bleibe hier liegen. Bis es vorbei ist.

Anna hat entschieden, dass ich krank bin. Sie haben mich in mein Zimmer gebracht und ins Bett gelegt. Vielleicht bin ich wirklich krank. Paul kommt ab und zu herein und erzählt mir, dass Ilona da ist, dass sie mit Justin gesprochen hat, dass Justins Mutter da ist, dass Martin seine Sachen packt, dass er weg ist. „Du bist ein Kind“, höre ich Nadja murmeln. „Du bist doch noch ein Kind.“ Es klingt, als würde sie weinen. Ich öffne die Augen ein bisschen, nur einen Schlitz, da sitzt sie neben mir auf dem Bett. Ich schließe die Augen. Und dann bin ich wohl wieder eingeschlafen, denn als ich die Augen ganz öffne, ist Nadja nicht mehr im Zimmer. Die Tür hat sie so leise zugezogen, ich habe es nicht gehört. Außerdem hat sie heute frei.

Martin ist weg. Es gibt eine Eins-zu-Eins-Betreuung für ihn, sagt Olaf, das ist ein Erwachsener, der immer nur für ihn da ist. Ich bin neidisch. Justin redet nicht mehr mit mir. Paul sagt, Martin hätte Justin eins nach dem anderen seine coolen Spielzeugautos geschenkt. Das ist jetzt natürlich vorbei. Und das Feuerwehrauto, auf das Justin spitz war, hat Martin jetzt mitgenommen in seine neue Betreuung.

Nadja kommt auch nicht wieder. Sie hat eine andere Arbeit gefunden. „Bessere Arbeitszeiten“, sagt sie, als sie uns zum Abschied in die Eisdiele einlädt. Ich nehme ein Eis mit vier Kugeln, viermal Schokolade. „Die sind nicht so schwierig wie wir, nicht wahr, die anderen Kinder.“ stellt Paul fest. Nadja hebt beide Hände und wuschelt Paul und mir gleichzeitig durch die Haare. Sie lacht. Ich sehe an ihren Augen: Es stimmt. Sie geht, weil wir so schwierig sind.

Ich liege auf dem Bett, ich mache mich flüssig. Das Feuer kommt näher. Ich habe keine Angst. Ich bin flüssig. Die Flammen zischen und biegen sich nach hinten, sie schrecken vor mir zurück. An den Rändern werde ich heiß und heißer, kleine Blasen springen auf und verdampfen. Von meinem Rand her löse ich mich auf. Der Wasserfleck auf dem Bett, in der Form eines kleinen Jungen, neun, bald zehn Jahre alt, zieht sich zusammen, die Form geht verloren, die dünnen Arme und Beine verschwinden zuerst. Der dicke nasse Fleck, wo der Kopf war, bleibt am längsten. Die Flammen werden mutiger, sie drängen sich zusammen, sie tanzen, sie lecken einen kleinen Jungen von der Matratze. Wasserdampf steigt im Zimmer auf, zieht durch den Qualm im brennenden Zimmer hin zum gekippten Fenster und hinaus über den Kirchplatz, in den Kastanienbaum. Die Feuchtigkeit legt sich auf die Blätter, steigt auf durch die Zweige oder sinkt auf den Boden. Ein leichter Film legt sich auf die Fenster der Pizzeria; ein vorbeigehendes Kind malt ein Grinsegesicht auf die Scheibe.

 
Monster-WG
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Ich lasse erstmal ein sehr kurzes Kommentar dar: Großartig. Absolut großartig. Da will ich mal hin, diesen flüssig, phantasievollen Stil, jenseits der Bedeutungsschwere. Fantastisch, mach weiter so 🙂 LG kiroly

Nachtrag: Mit jenseits der Bedeutungsschwere meine ich deinen Stil. Nicht den Inhalt!

 
Seniors
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Hallo @Placidus,

was für eine grausame Geschichte! Du hast mich echt gepackt damit und mir stehen grad die Tränen in den Augen, weil diese Milieuschilderung, diese Einblicke in das Innere dieses Kindes und auch der anderen kommt mit solch einer Wucht, dass ich am liebsten den Kopf eingezogen hätte bei manchen deiner Formulierungen.
Dir gelingt ein ziemlich großer Wurf. In deiner Geschichte steckt nicht nur Marcels Schicksal mit all seiner Tragik, wobei ich erstaunlich reif finde, dass du an keiner Stelle erklärst, was mit Marcel los ist, sondern nur andeutest und nicht am Ende der Geschichte dich gezwungen siehst, es aufzuklären. Die Fragezeichen bleiben und das ist auch gut so, denn aus der Sicht Marcels sollen die Antworten ja nicht hochploppen. Diesen Charakter hast du durch und durch perfekt gestaltet und wenn gleich einzelne Textpunkte kommen, dann waren es aus meiner Sicht ein paar Formulierungen, bei denen du diesen Pfad verlassen hast.
Aber in der Gesamtsicht ist das schon eine "Mängelliste" auf verflucht hohem Niveau.

In dieser Geschichte steckt so irre viel, ich bin ganz erschlagen. Da ist diese feinsinnige Kritik am System, die in all den Gedankengängen der Kinder mitläuft. Einerseits muss man sich fragen, was sie durch die Unterbringung in solchen Einrichtungen gewonnen haben und ich fürchte, dazu würde praktisch jedes Kind sagen: nix.
Nein, damit will ich nicht dafür plädieren, solche Kinder bei ihren kaputten Eltern zu lassen, die Zustände laufen zu lassen und daran herum zu operieren, das kann es auch nicht sein. Es gibt da irgendwie kein pauschales Richtig oder Falsch, das wäre zu billig. Aber gerade das zeigst du auf. Diese Kinder werden einfach allesamt und ausnahmslos kaserniert und unterm Strich fördert das noch mehr Rebellion zu Tage. Für mich steckt in dieser Geschichte also auch die Tragik der Jugendämter, die nur nach Schema vorgehen und immer unter der belastenden Furcht stehen, mit ihrem Fehlverhalten von der Presse bloßgestellt und zerfetzt zu werden. Diese Einrichtungen benötigen einfach ein anderes Standing, eine deutlich flexiblere Ausrichtung und mehr Variationsbreite.

In dieser Geschichte steckt aber auch die Kritik an der mangelnden Fähigkeit vieler Erzieher und Betreuer. Dieser Satz mit der Fröhlichkeit ist ein bezeichnender. Weshalb verlieren sie wohl ihre Fröhlichkeit? Ganz gewiss auch, weil ihnen die nötige Resilienz fehlt und sie gelinde gesagt, eine Fehlbesetzung sind. Diese Kinder leiden unter ihnen und ihrer inneren und auch äusserlichen Flucht, wie du es so verdammt gut dargestellt hast. Eben auch das ist in dieser Geschichte enthalten.

Und dann finde ich beeindruckend gut gelöst, wie du die Stellung der Eltern mit einbringst.
Marcels Mutter will scheinbar keinen Kontakt mehr zu ihm. Warum wohl? Vermutlich, weil sie mehr als nur überfordert ist, wo bleibt da die Hilfestellung für die Mutter? Und mal ehrlich, ich weiß, das wirkt vielleicht ketzerisch, aber mir kommen eine Menge Fragen in den Sinn. Wieso erlaubt sich unsere Gesellschaft die auffälligen Kinder zu separieren, Kinder die allesamt nicht freiwillig so geworden sind? Wieso, wenn es Gelder dafür gibt, eine "Eins-zu-eins-Betreuung" für ein Kind zu schaffen, wieso gibt es nicht Gelder, ganze Familien zusammen in eine Einrichtung zu schaffen und ihnen Hilfestellungen zu geben?
Natürlich weiß ich bereits darauf eine von vielen Antworten: die Gesetzeslage erlaubt es nicht. Was hindert uns daran, dieses Gesetze zu ändern? Die Furcht aller Eltern, sie könnten in diese Einrichtungen geraten, wenn ihnen die Kinder aus dem Ruder laufen?
Du siehst, ich bin schon aus deiner Geschichte heraus bei systemrelevanten Fragen, wie es so schön seit dieser Pandemie heißt.

Mir hat irre gut gefallen, wie du das Innenleben deiner Protagonisten dargestellt hast. Du hältst perfekt die Kamera drauf, da wird gezeigt und nicht vorgekaut. Der Leser kann all die Grausamkeiten, die den Kindern passieren, die die Kinder untereinander anstellen und vor allem mit sich durchmachen, erleben, er kann hingucken oder auch nicht. Aber wenn man hinguckt, ist es kaum auszuhalten. Und das meine ich als Kompliment.

wenn Nadja die beiden Kleinen auseinandergebracht hat, und Martin endlich das Radio ausgemacht hat,
würde ein "hat" streichen und zwar das erste
das so eine Art Gutenachtkuss
Fehlt ein "ist"
sie fällt in leichten Schuppen ab
"ab" würde ich streichen, denn was fällt ist bereits ab.
Wie Blitze ziehen die Sterne an mir vorbei, und ich treibe zwischen ihnen, sicher im warmen Wasser meines Heizkessels.
super gut formuliert
Aber niemand spricht über meine Schwester, nicht einmal, wenn ich nicht da bin.
Der Kernsatz dieser Geschichte, soweit es um Marcel geht, nicht wahr? Gelungener geht so ein Satz nicht zu schreiben.
Früher hat mein „Heim“ gesagt.
Kinder haben oft die richtigen Fragen am Start. Was ist so schlimm am Namen "Heim", denn es soll ja wohl ein Heim für die Kinder sein oder? Aber dieses Frage-Antwort-Spiel der beiden ist vielschichtiger. Es geht ja nicht nur um die Bezeichnung an sich, sondern um die Frage, ob eine Umbenennung denn überhaupt etwas bewirkt und ob es sich nicht teils eingebürgert hat, Dinge einfach in Ordnung bringen zu wollen, wenn man sie umbenennt?
Ich denke an die elende Diskussion über bestimmte Worte in unserer deutschen Sprache.
Was ändert sich denn, wenn niemand mehr Mohrenkopf oder Negerkuss sagen darf?
Bin ich dann automatisch kein Rassist mehr, wenn ich Schaumkuss sage? Nur, um mal ein einprägsames Beispiel zu nennen. Auch diese Fragen wirft deine Geschichte auf.

".aber Martin hat mich am Arm festgehalten." (das sollte eigentlich ein Zitat sein) Mir ist hier deine Formulierung "am Arm festgehalten" zu neutral. Wenn ihm das wehtut, wieso schreibst du nicht packte, krallte, wie eine Schraubzwinge, irgendetwas, Anschaulicheres.

„die Sexuellen. Sind wir ja auch. Passt doch.“
Dieser Satz löst, da man ja den Begriff "Sexuellen" mehrfach deuten kann, jede Menge Gespanntsein, auf das, was da noch kommt, bei mir aus.
, aber ich habe mich ja im Heizungsrohr festgesetzt.
Dieser Satzteil wäre mir an dieser Stelle zuviel.
Das ist das Wichtigste: nicht darüber sprechen.
Genau eines von sehr vielen, hochgradig nachvollziehbaren Verhaltensweisen der Kinder (und auch Erwachsenen) und dein Marcel weiß es sogar lückenlos zu begründen. Aus seiner Kindersicht ist es die richtige Lösung seiner Sorgen. Und man fragt sich zusammen mit ihm, warum es immer anders sein muss. Warum muss immer erst drüber gesprochen werden, alles hochgeholt werden und brennen, wie er es so wunderbar sichtbar schildert?
Was, wenn man anders an solche Probleme heran geht und sie wirklich ins Schweigen schickt? Dafür aber einen neuen Boden, eine neue Grundlage schafft, dass solche Taten nie wieder passieren können. Dieses Kind hat doch nicht aus eiskalter Berechnung gehandelt.
Um beim Beispiel zu bleiben: der Boden dafür war vorhanden.

Statt dessen und auch das gibt diese Geschichte wieder für mich her, zeigst du deutlich auf, wohin diese Kinder sich bewegen, um zu überleben. Sie müssen pfiffiger sein als die Erwachsenen, die sie bewachen, denn überwiegend ist es eine Form der Bewachung und nichts anderes. Sie lernen in solchen Einrichtungen, zu überleben und dies auf eine ziemlich brutale Art und Weise. Und du zeigst diese Entwicklung schonungslos auf. All die Fragen, die ich mir stelle, hast du angeschoben.
Respekt vor deiner Geschichte. Sie bewirkt, mindestens bei mir, mehr als ich jemals erwartet hätte, als ich anfing, sie zu lesen.

Das sollten die Erwachsenen wissen, und nicht mehr über diese Sachen sprechen.
Er hat Recht. Verdammt Recht und keiner holt diesen Marcel genau dort ab. Alle huschen nur drumherum und lassen ihn wieder und wieder abtauchen. Man spürt, wenn noch etwas heil war an diesem Marcel, dann ist es auf dem besten Wege jetzt auch noch zu zerbrechen, weil einerseits nichts zu seinen Gunsten passiert, andererseits unser Betreuungssystem überhaupt nicht den Blick in diese Richtung zu lässt.
. Eva hatte mir versprochen, es niemandem zu sagen, und dann hat sie alles erzählt.
Und damit ist sie gleichzeitig, wenn sie später etwas älter wird und begreift, was sie gemacht hat, eine Schuldige, die sich vermutlich immer schuldig fühlen wird und gleichzeitig völlig unschuldig ist. Was für ein Dilemma für dieses Kind und was für eine Belastung, die sie künftig in ihrem Leben nun tragen muss.
Bei ihnen daheim wäre auch immer Geschrei gewesen.
Ich finde ziemlich gelungen, dass du offen lässt, wer da die Ursache für Geschrei gewesen ist. Da du die Mutter als ziemlich taff dahin stellst, kommt einem natürlich sofort die Frage in den Sinn, welche Show sie da unter Umständen abzieht. Wenn sie so einen aus dem Ruder laufenden Sohn hat, wieso ist er in dieser Einrichtung, wenn sie so perfekt wirkt? Das passt nicht. Und das meine ich nicht als Vorhalt dir gegenüber, sondern als Kompliment deiner Geschichte. Du zeigst die Lüge auf, die hier gelebt wird. Sehr gelungen!
Aber sie ist eine Randfigur und deswegen finde ich es klug, dass du genau diese Fragen unbeantwortet lässt, was bei Paul und seiner Familie los ist. So stellt sich ja genau die Welt der Erwachsenen für Kinder dar. Wir sind voller Widersprüche: wir ziehen uns gut an, riechen gut und parlieren fröhlich und sind nicht in der Lage unsere Kinder zu Hause behütet aufwachsen zu lassen.
Wie soll sich da ein Kind zurecht finden?
Marcel hat seine eigene Lösung dafür gefunden. Er therapiert sich selbst, in dem er abtaucht.
Ich habe bei meinen Tätigkeiten als Anwältin in Familienrechtssachen oftmals live erleben müssen, wie kleinste Kinder gezwungenermaßen, nämlich durch die elterlichen miesen Umstände hervorgerufen, zu kleinen weisen Erwachsenen wurden.
Eltern können auf sehr vielschichtige Weise den Kindern ihre Kindheit rauben und ich habe mich oft gefragt, ob nicht die subtile psychologische Gewalt schlimmer ist als die körperliche.
ich wollte wissen, ob es ihm auch recht ist, es ist ja seine Mama.
Er hat bereits gelernt, in so einer Einrichtung zu überleben. Ärger mit Paul, nur weil er freudestrahlend "JA" ruft, kann und will er sich nicht leisten. Insoweit hast du gut dargestellt, wie sehr sich Kinder verbiegen (müssen).
wie ein kaputter Zirkus schreien sie da unten
Passender Vergleich.
es ist ein Horrorfilm, aber wir schauen längst nicht hin.
Würde ich weglassen, weil an dieser Stelle ist mir Marcel zu sehr allwissend.
Freundlich, eigentlich, aber gar nicht wie Freunde.
Genau. Und sie werden, das hat er bereits gelernt, auch nie seine Freunde werden. Denn immer dann, wenn sie besonders sympathisch sind, sind es Betreuer oder Erzieher, die wie eine Kerze abbrennen und sich dann verbrannt zurückziehen und für die Kinder nicht mehr anwesend sind mit ihrer anfänglichen Fröhlichkeit oder aber sich auf einen nicht so stressigen Posten versetzen lassen. Und weshalb ist das so? Weil unser System im Grunde seines Herzens nie kinderorientiert oder gar kinderfreundlich ist. Wir sind Verwalter der Kinder und Kinder sind nichts, was man verwalten kann, ohne sie zu zerbrechen.
Und dann, als ich dachte, ja, es läuft, da hat sie gesagt, dass ich aber doch noch ein Kind bin.
Genau, schön Schranken aufzeigen, damit sich so ein Bub auch ja nicht ausser der Reihe tanzend benimmt. Da fällt sofort auf, dass der Ansatz bereits fatal ist. Aber ich mag all diesen Kräften von den Ämtern gar nicht so viel Schimpf und Schande gönnen, sie sind leider nur das Produkt unseres Staates und sie versuchen ganz oft, ihre Sache gut zu machen. Den Treibsand, in dem sie stecken, haben sie nicht selbst geschaffen.
Ein ordentlicher kleiner Junge.
Nein, diese Selbstbewertung passt hier nicht. Den Satz würde ich streichen.
hat sie mir schon vertraut und mich allein hineingehen lassen.
Ja, Marcel lernt Taktik, Tricks und pfiffiges Verhalten, um seine Interessen ein wenig wahren zu können. Du zeigst ziemlich brillant auf, wozu unser System geeignet ist.
Deswegen haben sie gedacht, es hat vielleicht einen Grund, dass sie so scheu ist, einen schlechten Grund. Der schlechte Grund. Das war ich.
Sieht er es wirklich so? Kann er es wirklich so sehen, dass er der Grund war? Ich habe mich an dieser Stelle gefragt, ob Marcel tatsächlich nichts getan hat, sich also nur schlicht um sein Schwesterchen gekümmert hat, aber sich selbst anklagt und zum stellvertretenden Sündenbock für alles, was in seiner Familie passiert, gemacht hat. Dann würde es passen.
Aber dann würde ich noch so einen Satz hinterher packen, dass seine Mutter ihm das auch immer vorgehalten hat.
Wenn er jetzt, weil du es anders meinst, wie ein kleiner Erwachsener, der schon ein paar Jahre Therapie hinter sich hat, spricht, dann fände ich es unpassend.

Die Fröhlichen bleiben hier nicht lang, sagt er auch.
Ja, was für ein treffender Satz mit Punktlandung, habe ja oben schon was dazu geschrieben. Von dieser Sorte hast du etliche Sätze in deiner Geschichte. Das ist echt gut.
als sie zum ersten Mal so lag, unter mir, so weich, so vertraut.
Also hier weist du auf den sexuellen Missbrauch hin, aber irgendwie so seicht, dass es offen für mich bleibt und genau das finde ich hervorragend. Denn im Grunde ist es völlig egal, was genau Marcel getan hat, er ist und bleibt ein im Kern unschuldiges Kind, das wie ein Ausgestoßener reagiert und agiert. Wie alle diese Kinder in der Einrichtung.
Wir kämpfen auf dem Boden, bis die Erwachsenen uns auseinanderbringen.
Ja, um die eigenen Sorgen nicht hochploppen zu lassen. Sehr leicht zu durchschauen, durch dein hervorragendes Show!
Bis zum Mittagessen bleibe ich hier, werfe mich herum oder lasse meinen Hinterkopf ein paar Mal auf den Boden knallen.
Und auch, dass er diese Dosis Ablenkung gehörig erhöhen muss, damit er nicht Gefahr läuft, bestimmte Gedanken zu bekommen, zeigst du eindrucksvoll.
Die Tür hat sie so leise zugezogen, ich habe es nicht gehört. Außerdem hat sie heute frei.
Als Betreuer und Erzieher denkt man vielleicht oftmals, dass diese Kinder so verroht sind, dass sie viel nicht mitbekommen, weil es sie nicht tangiert oder interessiert. Dabei zeigst du hier fast schon enttarnend gut auf, wie sehr sich die Kinder für ihre Betreuer interessieren. Die bekommen mehr mit als diese ahnen, wie z.B. dass Marcel den Dienstplan vermutlich besser kennt als die Betreuerin selbst.

Ich bin immer noch ganz erschlagen von dieser guten Wucht an guten Sätzen und Einsichten und Einblicken dieser absolut hervorragenden Geschichte.


Lieben Gruß

lakita

 
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Hallo Placidius,

wieder eine Empfehlung durch Lakita, da wollte ich mal schauen, was es damit auf sich hat.
Ein eindringlicher Text. Sprache ist zurückhaltend. Der Fokus liegt auf dem Erleben Marcels. Eine wirklich gute Story, für mein Empfinden. Die Empfehlung ist auch verdient (Dank an Lakita). Ein Fragezeichen über 'die Sexuellen'. Bei mir spielt sich da ein zweiter Film ab. Das ist auch gut so, denke ich. Aber es löst sich davon nichts auf und dadurch bleibt es für mich eine Konstruktion, die ihre Logik/Motivation nicht verrät. Das würde ihr aber gut tun, auch wenn das sicher schwer ist (oder die Story verrät, was und wie es gemeint ist, und ich habe es nur überlesen).

das so eine Art Gutenachtkuss

hat Lakita schon drauf hingewiesen

Man kann die Farbe mit dem Fingernagel abkratzen, sie fällt in leichten Schuppen ab und darunter ist wieder weiße Farbe.

Das macht viel auf

Früher hat mein „Heim“ gesagt

"man"

Ich hatte das nicht gedacht, dass „Heim“ schrecklich klingt.

Dieser Satz ist nicht gut, finde ich. Zwar greifst du wieder PQP auf, was dem als überaus vollendete Vergangenheit etwas kindlich Spitzfindiges oder Schulgelerntes und darin Authentisches verleiht. Aber der Satz ist irgendwie voll und recht wirr aufgebaut.

„Die Sexuellen kommen.“,

ohne Punkt

lustig:“,

ohne Doppelpunkt

Wie ein Brand, ein Waldbrand, wie neulich im Fernsehen, jemand lässt eine Zigarette liegen und drückt sie nicht aus oder nicht richtig aus, und dann brennt der Wald und die Bäume stürzen ein, die Tiere müssen rennen, aus dem Wald heraus, aber das Feuer ist schnell, es kriecht über den Boden, es springt von Ast zu Ast. Sie schaffen es nicht, die kleinen Tiere sind nicht schnell genug, sogar die Vögel verbrennen in ihren Nestern.

hat mir gut gefallen

Es geht ja nicht nur um die Bezeichnung an sich, sondern um die Frage, ob eine Umbenennung denn überhaupt etwas bewirkt und ob es sich nicht teils eingebürgert hat, Dinge einfach in Ordnung bringen zu wollen, wenn man sie umbenennt?
Ich denke an die elende Diskussion über bestimmte Worte in unserer deutschen Sprache.
Was ändert sich denn, wenn niemand mehr Mohrenkopf oder Negerkuss sagen darf?
Bin ich dann automatisch kein Rassist mehr, wenn ich Schaumkuss sage? Nur, um mal ein einprägsames Beispiel zu nennen.

Kurz hierzu. @lakita , inhaltlich will ich dir in deinen Kommentar gar nicht reingrätschen. Nur hier ein bisschen :p Das ist so ein Spruch, den ich nicht nachvollziehen kann. Natürlich macht es einen Unterschied. Hast du nicht selbst in 'die Linien im Wasser' den Gebrauch des Jiddischen mit negativen Assonanzen durch Jimmy moniert? Oder verstehe ich dich gerade falsch?


Placidus. Ein wirklich sehr schöner Text. Danke dafür.
Lieben Gruß
Carlo

 
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Hallo,

ich weiß nicht, ich habe ein Problem mit dem Alter des Erzählers. Er dürfte laut Text nicht älter als zwölf Jahre alt. Ich denke: So spricht kein Zwölfjähriger. Nicht so reflektiert, so zugespitzt, so prosaisch, so zusammenhängend erzählend, so ausgewählt. Der klingt wie aus einem Text von Tschechow, da nehme ich ihm vieles nicht ab, der wirkt zu erwachsen, überall lese ich die Intention des Autoren.

Sie denken, wir Kinder hören sie nicht, aber ich habe mich ja im Heizungsrohr festgesetzt.

Das ist im Grunde eine ähnliche Konstruktion wie in deinem anderen Text mit dem Bergsteiger, da war es Traum und Realität. Hier verschränkst du das Wissen, das der Erzähler aufgrund seines Alters und seiner Position nicht haben dürfte, mit einem narrativen Trick, nämlich dass er sich flüssig machen kann. Warum? Was genau ist der Zweck dieses Tricks? Damit die andere Seite erzählt werden kann, die der anderen Kinder, der Betreuer, das Geheimnis? Damit es zwei Pole gibt, zwischen denen die Geschichte dann oszilliert, sich irgendwie fortbewegt? Ist das nicht etwas arg manipulativ? Für mich ist das erstens eine erzählerische Abkürzung, und zweitens wäre es für mich auch eine ethische Frage, ob ich bei der Schwere dieses Themas mit solchen Tricks arbeiten wollten würde bzw müsste. Mir würde das nicht leicht fallen. Würde dieses Flüssigmachen eine Symbolkraft haben, wäre es ein Zeichen im Text, würde es sagen: Ich mache mich flüssig, weil ich fliehen möchte vor dieser unfassbaren schwierigen Situation, vor mir selbst, in eine Art Traumwelt oder was weiß ich - das könnte ich nachvollziehen. Hier ist es aber eine Bedingung des Textes selbst. Hier wird eben durch dieses Flüssig machen Wesentliches erst sagbar, erzählbar. Weil ich stelle mir auch die Frage: Was wird mir hier eigentlich erzählt? Ja, sicher, hier wird viel angerissen, Mißbrauch, die vertrackte Situation der Ämter in Bezug auf die Familien, die Selbstwahrnehmung der Kinder, Einsamkeit, Gewalt, der weitergehende Mißbrauch untereinander (da herrscht übrigens bei mir direkt Klischee-Alarm), die überforderten Betreuer etc ... aber wirklich zuende geführt wird da nichts, das sind alles nur Teaser, die dann im Vagen bleiben, auslaufen, im Grunde beliebig bleiben. Am stärksten ist der Text, wenn es tatsächlich um Marcels eigene Geschiche geht, um Eva. Da bleibt bei mir leider eine große Leerstelle. Da würde es sich für mich lohnen, wirklich reinzugehen, das Ganze tatsächlich ausbreiten, nicht nur nachzuerzählen. Was passiert mit dem Jungen genau, was ist er gefragt worden und von wem genau, wie reagiert er darauf, was ist mit Eva, wie erklärt er sich selbst sein Verhalten und wenn nicht, warum tut er das nicht, und wollte er vielleicht erwachsen spielen, weil er sich schon erwachsen verhält, und gehörte das dazu, woher hat er das überhaupt, hat er seine Mutter eventuell beobachtet beim Sex, beobachten müssen? Der Text erzählt das alles passiv durch und aus der Figur Marcels, und dann werden seine subjektiven flüssig machenden Beobachtungen eingefügt, um eine Art Panoptikum, ein breiteres Bild zu schaffen, das wirkt schon fast wie eine Meta-Ebene auf mich, und dadurch erhöht sich auch die Distanz, für mich wirkt keiner der Charaktere irgendwie echt und fassbar, die wirken wie durch einen Filter gesehen, kommen nie durch eine Oberfläche hindurch. Verkürzt würde sich sagen lassen, dass hier schon der implizite Leser mitgedacht wurde, das sind ein paar Key-Wörter drin, ein paar Tropen, die einen einfach anrühren müssen. Diese Ausweglosigkeit, die Hoffnungslosigkeit, das Drama trotz Bemühen, Schuld, Unschuld, weitere Sünden, die Überforderung der Erwachsenen, die Flucht aus der kindlichen Welt - da wäre man ja ein herzloses Schwein, wenn einen das nicht anfassen würde. Das war auch mein Fazit so ein wenig zu deinem letzten Text, der drückt halt ganz kräftig auf die emotionale Blase, der behauptet Tiefe, aber dann bleibt es nur bei einem Erregungsfaden, der nie verknotet wird, und für mich wenigstens fühlt sich das immer nach einem Effekt an. Ich finde, der Text hätte das gar nicht nötig.

Gruss, Jimmy

 
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Hallo Placidus,

wieder mal ein starker Text aus deiner Feder. Ich fand ihn ausdrucksstark und stilistisch einwandfrei verfasst. Der sprachliche Ausdruck des 9 bis 10jährigen Jungen darf moniert werden, seine leichte Erwachsenenprägung hat mich aber nicht gestört. Insgesamt eine fein komponierte Story mit enormem Tiefgang. Das kann schon was!

Anbei: Wäre nett, wenn du die letzten Kommentare unter deiner empfohlenen Vorgängergeschichte auch noch kommentieren würdest. ;)

„Die Sexuellen kommen.“, hat
Punkt weg

Und der Eisdielenmann hat uns zum Abschied zugewunken.
Umgangssprache. Feiner: zugewinkt

„Ist doch lustig:“, sagt Paul,
Doppelpunkt weg.

Ich war stolz, bei den beiden zu sitzen, und dass alle sahen, dass wir Spaß hatten.
Hier ließen sich beide dass vermeiden, wenigstens aber eines davon.

Endlich geht sie, habe ich gedacht, als sie durch die Tür ist.

Da habe ich ihr nett aus dem Eingang zugewunken,
zugewinkt

Marie stürzte hinaus, sie muss(te) mich vom Fenster aus gesehen haben.
heraus

Ich reiße mich los, renne die Treppe herauf.
hinauf

Ich wälze (mich) auf dem Boden mich hin und her.

„Die sind nicht so schwierig wie wir, nicht wahr, die anderen Kinder.“ stellt Paul fest.
Komma, statt Punkt.

Ausgesprochen gerne gelesen!
Manuela :)

 
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Hi @Placidus,

Der Text scheint mir extrem effektiv darin zu sein, Mitleid zu erzeugen. Die Thematik, die kindliche Erzählweise, das Bild des Zerfließens, die Erkenntnis, dass die Mutter den Protagonisten verstoßen hat, alles wirkt darauf optimiert, dem Leser die Tränen in die Augen zu treiben. Daraus ergibt sich auch mein Kritikpunkt: Ich hätte mir irgendeine Wendung gewünscht. Ein wenigstens kleiner Ausbruch aus der Wandlung vom bemitleidenswerten Protagonisten zum noch bemitleidenswerteren Protagonisten.

Geschrieben ist der Text sehr gut, auch wenn ich mich an einigen Stellen gefragt habe, ob ein Neunjähriger so denken würde. Auch die verwendeten Bilder sind mE sehr gelungen.

Habe den Text gerne gelesen!

Beste Grüße

Klamm

 
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@kiroly DANKE DIR! Besonders für diesen ersten Kommentar. Wenn es flüssig klingt, umso schöner, denn es war echt nicht einfach zu schreiben.
Ganz lieben Gruß
Placidus

@lakita
Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar! Und das genaue Lesen! Ich hatte beim Schreiben die Sorge, dass der Text eigentlich zu kurz ist für das Thema. Ich habe vor Jahren mehrere Projekte in dieser kleinen Einrichtung für sexuell übergriffige Kinder geleitet. Das war schwer, und es war auch immer schwer, darüber zu sprechen. Ich glaube, zu einem gewissen Grad teile ich Marcels abergläubisches Misstrauen gegen das Aussprechen von Dingen. Schreiben ist da ein guter Kompromiss...
Deine grundsätzlichen Bedenken diesen Einrichtungen gegenüber kann ich nur zustimmen. Gerade diese Kinder werden immer noch wie eine Peinlichkeit von Institution zu Institution geschoben, bis sie alt genug sind, eine vollwertige Straftat an einem anderen Menschen zu begehen und dann in Gefängnissen, forensischen Psychiatrien und anderen Verwahrungen zu verschwinden.
Aber genau darum ist mein Verhältnis zu dieser speziellen Einrichtung ganz ambivalent. Wenn dort gelingende Beziehungsangebote gemacht werden, dann hat nicht nur das Kind selbst eine Chance, sondern auch das potentiell spätere Opfer. Auch was die Mitarbeiter angeht: Sie leben mit dieser Ambivalenz, die Arbeit ist schwer, die Arbeitszeiten sind hart, wenn man den Kindern zu nahe kommt, leidet man unweigerlich. Und dann können sie von dem Geld kaum leben. Hohe Fluktuation ist also vorprogrammiert.
Und ja, immer wieder, der unglaubliche Gegensatz: diese Kinder sind Kinder und als solche definitiv unschuldig, und gleichzeitig sind sie Täter. Ich werde das, glaube ich, doch ein bisschen deutlicher machen. Ich wollte nicht zu sehr draufdrücken, aber naja, man kann aber auch zu diskret sein.
Ich habe die meisten deiner Vorschläge direkt umgesetzt. An die Sache mit "der schlechten Grund, das war ich" werde ich rangehen, wenn ich Eva ein bisschen klarer ins Spiel gebracht habe, vielleicht bei seinem letzten Besuch im Kindergarten.
Nochmal ganz lieben Dank!!!
Placidus

@Carlo Zwei
Hallo Carlo,
Danke für deinen Kommentar! Es scheint, dass ich das mit den Sexuellen klarer machen muss: Alle Kinder in der Einrichtung haben andere Kinder sexuell missbraucht. Mal schauen, wo ich das diskret einfüge...
Die Korrekturen habe ich umgesetzt, danke dafür! Immer wieder toll wie genau hier gelesen wird. Sehr peinlich, dass ich die wörtliche Rede immer noch verkorkse.
Lieben Gruß
Placidus

@Manuela K.
Hallo Manuela,
und danke für deinen Kommentar und für deine Korrekturen. Ich hab sie schon umgesetzt und werde mich als nächstes den vernachlässigten Kommentaren zur Isolée zuwenden, entschuldige bitte, dass das untergegangen ist!!!
Lieben Gruß
Pkacidus

@jimmysalaryman
Hallo Jimmysalaryman, und danke für deinen jetzt schon zweiten Kommentar. Ich werde mich umgehend revanchieren!!!
Ja, es ist festzustellen, dass wir beide beim Schreiben sehr unterschiedliche Ansätze haben. Für mich ist Realismus nicht notwendig naturalistisch. Gerade in dieser Geschichte, wo wir mit einem Kind zu tun haben, entscheide ich mich, ihm eine Tür zu einem magischen Aspekt der Wirklichkeit zu öffnen. Du monierst die mangelnde Kindlichkeit - und dann die Magie!
Bei l'Isolée war es natürlich eine sehr freihändige Entscheidung, die Agonie dieses sterbenden Freundes von mir mit einer Bergtour zu füllen. Das war auf eine Art auch frech, und ich habe mich noch nicht getraut, L'Isolée irgendwem aus der Familie des Toten zu zeigen...
Was Naturalismus und Realismus angeht - nunja. Ich weiß, dass es insgesamt heutzutage nicht gern gesehen wird, die Wahrnehmung der fünf Sinne zu verlassen. Man scheint sich dafür auch ganz anders rechtfertigen zu müssen. Es wird ein"Trick", der vielleicht "manipuliert". Natürlich bezwecke ich etwas mit meiner Geschichte. Ich möchte eine Institution vorstellen, die einen winzigen Angelpunkt unserer Gesellschaft bildet: Der Ort, an dem zukünftige Sexualstraftäter aufgehoben werden. Und ich möchte zumindest eine Tür dafür öffnen, dass wir ein Weilchen mit einem Kinderschänder sympathisieren. Es scheint, dass ich das nicht klar genug gemacht habe. Ich bin, was das angeht, an meinem Text jetzt sehr am rúmschrauben, um deutlicher zu werden, ohne auf der Tränendrüse rumzudrücken, was bei dem Thema natürlich nicht ganz einfach ist. Und das ganze Unterfangen muss nicht gelingen. Es gibt sicherlich hundert andere Arten, diese Institution zu beschreiben. Vielleicht bessere. Soweit ich weiß, ist dieser Text aber der erste, der sich mit diesem Thema überhaupt auseinandersetzt. Denn wir sind hier tatsächlich auf der untersten Stufe der Gesellschaft. Diese Kinder haben keine Lobby. Sie werden als nächstes "weggesperrt" "Für immer". Wie es unter Schröder hieß.

Ich habe in dieser Einrichtung gearbeitet, keine der Figuren und keine ihrer Geschichten sind erfunden. Testweise habe ich die Geschichte, bevor ich sie euch präsentiert habe, der Leiterin dieser Einrichtung zu lesen gegeben, um ganz sicher zu gehen, dass alles korrekt erzählt ist.

Sehr inspirierend zum Thema Realismus ist für mich Brecht, vor allem in den späteren Texten zum Theater. Auch im Theater hat der Realismus z.b. eines Ravenhill mE letztlich dazu geführt, dass ärmere Schichten von den reicheren Theatergehern erst recht als asozial abgestempelt werden. Brecht öffnet daher den Begriff des Realismus, naja, entsprechend dem, was seinem Programm dient (Vorsicht: Manipulation!): den Zuschauern/Lesern Veränderung wünschenswert erscheinen zu lassen. Zu wünschenswert gehört vermutlich machbar. Aber das ist ein ganz weites Feld, ich bin hier schon für meine Verhältnisse ganz schön in die Breite gegangen!
Dir einen schönen Abend
Gruß
Placidus

@Klamm Danke für deinen Kommentar!
Mitleid war so gar nicht meinZiel (dann hätte ich Martin zum Protagonisten gemacht...)
Ich muss wohl ein paar Sachen in dem Text noch klarer stellen.
Danke jedenfalls fürs Lesen,
LG
Placidus

 
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Ich wollte nicht zu sehr draufdrücken, aber naja, man kann aber auch zu diskret sein.
Yepp. Ich finde du solltest ruhig ein wenig draufdrücken, um die "Sexuelle Komponente" klarer darzustellen. Sie schwebt über dem Text, wird aber nirgendwo konkret. Fast habe ich das Gefühl, der Autor weicht dieser Konfrontation aus.

My ten cent

 
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Wir sollten ein paar Dinge klarstellen.

Du monierst die mangelnde Kindlichkeit - und dann die Magie!
Ich moniere gar nichts. Ich habe dir eine Meinung zu einem Text geschrieben, nicht mehr und nicht weniger. Ich moniere auch nicht die Magie, sondern wie sie in deinem Text eingesetzt ist. Das ist, wie ich finde, ein großer Unterschied.

Und ich möchte zumindest eine Tür dafür öffnen, dass wir ein Weilchen mit einem Kinderschänder sympathisieren.
Kinderschänder ist eventuell das falsche Wort. Er ist ja selbst noch ein Kind, und ja, mich würde brennend interessieren, wie sehr du dich tatsächlich für dieses Kind und sein Wachsen und So-Werden als Autorin interessierst, wie viel Empathie da vorhanden ist, wieviel Verstehen, und wie du uns diese Ambivalenz einfühlsam verstehbar machen würdest, aber da ist eben leider eine große Leerstelle. Es liegt auch daran, dass ich selbst, wie man heute sagen würde, "Überlebender" sexueller Gewalt bin, daher lese ich Texte in dieser Richtung häufig (und natürlich auch kritisch.)

Ich weiß, dass es insgesamt heutzutage nicht gern gesehen wird, die Wahrnehmung der fünf Sinne zu verlassen. Man scheint sich dafür auch ganz anders rechtfertigen zu müssen. Es wird ein"Trick", der vielleicht "manipuliert".
Das sehe ich anders. Stanisic verlässt in seinen Büchern regelmässig die fünf Sinne, da spricht das Wasser oder ein Fuchs, oder Clemens Setz, Paul Auster, Bolano, oder, oder oder ... Lege mir also bitte nichts in den Mund. Ich habe nicht von dir verlangt, dich zu rechtfertigen. Ich habe dir eine Meinung geschrieben und dir einige grundsätzliche Fragen zu deinem Text gestellt, den ich für sehr auf Effekt geschrieben halte. Das ist, wie so oft, sicher eine unpopular opinion, aber über zu wenig Lob kannst du dich hier sicher nicht beschweren.

Ich habe in dieser Einrichtung gearbeitet, keine der Figuren und keine ihrer Geschichten sind erfunden. Testweise habe ich die Geschichte, bevor ich sie euch präsentiert habe, der Leiterin dieser Einrichtung zu lesen gegeben, um ganz sicher zu gehen, dass alles korrekt erzählt ist.
Das spielt keine Rolle, ob das Fiktion oder die Realität ist oder war. Auch wenn du das jetzt zu deinem ersten Bergsteigertext nachschiebst, dass dieser genauso wahr gewesen sei, wie du es hier tust - das macht einen Text noch lange nicht automatisch gut, wahrhaftiger oder authentischer. Mich lässt das tatsächlich eher unbeeindruckt, denn viele meiner eigenen Texte beruhen ebenfalls auf einem wahren, echten, authentischen Kern, mir würde aber im Traum nicht einfallen, das irgendwo zu erwähnen, weil ein Text für sich alleine stehen und nicht durch eine Echtheitsbehauptung aufgewertet werden sollte. Aber auch das ist nur meine bescheidene Meinung.

Ich habe weder Brecht noch diesen anderen Typen gelesen, ich komme aus dem, was du wahrscheinlich eine bildungsferne Familie nennen würdest. Klassismus hat es und wird es immer geben, ich erlebe ihn oft genug am eigenen Leib, dafür habe ich sehr feine Antennen entwickelt. Ich nehme den anmaßenden und belehrenden Tonfall in deinem Kommentar also recht deutlich wahr. Zu einem dritten Kommentar meinerseits wird es also kaum kommen.

 
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@jimmysalaryman
Hallo jimmysalaryman,
wenn ich dich mit meiner Antwort verletzt oder irritiert habe, tut mir das sehr leid. Es war ganz sicher nicht so gemeint.
Dir alles Gute
Placidus

 
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@Manuela K. Hm. Da könntest du recht haben.:)
Dann macht sich die Autorin jetzt mal daran, sich der Konfrontation zu stellen...

 
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Hallo @Placidus

Sorry, aber ich gehe in meinem Kommentar nicht auf einzelne Textpassagen ein, sondern auf einige deiner Aussagen.
Ich denke, du beteiligst dich ohnehin am liebsten am Diskurs über deinen eigenen Text und nicht so sehr an den placidusfremden Wortkriegerbeiträgen. Würde man deinen Nicknamen aus dem Lateinischen übersetzen, käme wohl so was wie: der Gefällige raus, nun ja, selbstgefällig würde ich nicht übersetzen, das wäre dann doch zu viel, zumal der Name vielleicht bewusst so gewählt ist, vielleicht nicht.

Positives:
Ich kann gut verstehen, warum dieser und der Bergsteiger-Text bei dem einen oder anderen Zustimmung gefunden hat: Rührung erregen ist ein gutes Design-Element dafür.
Zumal deine Geschichten elegant geschrieben sind, ein feines sprachliches Niveau aufweisen.

Bei beiden Texten habe ich dennoch ganze Passagen übersprungen, musste gegen das Einschlafen ankämpfen, weil sie weitgehend um obengenannte Zielsetzung kreisen und mir (!) die literarische Tiefe gefehlt hat.

Und ich möchte zumindest eine Tür dafür öffnen, dass wir ein Weilchen mit einem Kinderschänder sympathisieren. Es scheint, dass ich das nicht klar genug gemacht habe. Ich bin, was das angeht, an meinem Text jetzt sehr am rúmschrauben, um deutlicher zu werden, ohne auf der Tränendrüse rumzudrücken, was bei dem Thema natürlich nicht ganz einfach ist.
Okay, fein, nur taugt dafür eine Ich-Persepektive nicht, besonders dann nicht, wenn du den Abgründen der Gedanken deines Protagonisten regelmäßig ausweichst, insofern bleibt nur Tränendrüse.
Es gibt sicherlich hundert andere Arten, diese Institution zu beschreiben. Vielleicht bessere. Soweit ich weiß, ist dieser Text aber der erste, der sich mit diesem Thema überhaupt auseinandersetzt.
aha, wozu taugt dieser Hinweis? Innovation?
Ich habe in dieser Einrichtung gearbeitet, keine der Figuren und keine ihrer Geschichten sind erfunden. Testweise habe ich die Geschichte, bevor ich sie euch präsentiert habe, der Leiterin dieser Einrichtung zu lesen gegeben, um ganz sicher zu gehen, dass alles korrekt erzählt ist.
ehrlich gesagt spielt es keine Rolle, ob du dort gearbeitet hast, was die Leiterin sagt oder gibt's Transkripte der Gedanken deines Protagonisten, einschließlich der breit ausgetretenen Verflüssigung? Ich lese eher die Vorstellung des Autors über die Stimme der Figur.
Sehr inspirierend zum Thema Realismus ist für mich Brecht, vor allem in den späteren Texten zum Theater. Auch im Theater hat der Realismus z.b. eines Ravenhill mE letztlich dazu geführt, dass ärmere Schichten von den reicheren Theatergehern erst recht als asozial abgestempelt werden.
oha: Brecht, so so, dann hättest du mal darüber nachdenken können, wie du die Charaktere verfremdest, wie Distanz aufkommt, denn darin besteht das Konzept des Epischen Theaters. Weit weg von einem Mackie Messer, die Figur.
Ravenhill, woher hast du den Namen? Ich habe den gegoogelt und einen Theatermann gefunden, der was zur theoretischen Diskussion beigetragen hat?
Brecht öffnet daher den Begriff des Realismus, naja, entsprechend dem, was seinem Programm dient (Vorsicht: Manipulation!): den Zuschauern/Lesern Veränderung wünschenswert erscheinen zu lassen. Zu wünschenswert gehört vermutlich machbar. Aber das ist ein ganz weites Feld, ich bin hier schon für meine Verhältnisse ganz schön in die Breite gegangen!
Sozio-intellektueller Kitsch, das ist die Gefahr. Wenn du gute Texte schreiben willst braucht es mehr, klingt jetzt hart, meine ich aber als Rat, wer hat schon was von Claqueuren.
Was Naturalismus und Realismus angeht - nunja. Ich weiß, dass es insgesamt heutzutage nicht gern gesehen wird, die Wahrnehmung der fünf Sinne zu verlassen. Man scheint sich dafür auch ganz anders rechtfertigen zu müssen. Es wird ein"Trick", der vielleicht "manipuliert".
Finde ich nicht, Magie öffnet Welten, davon dürfte es ruhig mehr geben. Und Magie findet sich mithilfe der Sinne.

Fazit: kürzen und schärfen, echte Figuren, sich nicht ausschließlich auf Sprache und das Erzeugen von Tränenwirkung verlassen.

viele Grüße aus dem Taunusabend
Isegrims

 
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Ich kann gut verstehen, warum dieser und der Bergsteiger-Text bei dem einen oder anderen Zustimmung gefunden hat: Rührung erregen ist ein gutes Design-Element dafür.
Ich kommentiere normalerweise keine Kommentare anderer, aber hier komme ich nicht umhin. Die beiden bisherigen Texte von Placidus auf "Rührung erregen" zu reduzieren, empfinde ich als einäugige Sicht, wenn nicht gar borniert. MAn handelt es sich in beiden Fällen um aus der Masse herausragende Texte, sowohl in inhaltlicher wie sprachlicher Hinsicht.

MfG

Anbei: Gratulation zur Empfehlung!

 
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MAn handelt es sich in beiden Fällen um aus der Masse herausragende Texte, sowohl in inhaltlicher wie sprachlicher Hinsicht.
Das ist deine Meinung, andere haben eine andere Meinung. So ist das eben. Und niemand reduziert hier etwas, sondern es wird konstruktiv über einen Text diskutiert, bzw versucht. Leider werden viele Fragen bezüglich der Perspektive oder der allgemeinen Konstruktion des Textes, was Erzählhaltung etc angeht, vom Autoren einfach schlicht ignoriert. Vielleicht ist es auch so, dass sich andere Kommentatoren regelrecht ertappt fühlen, wenn man vollkommen zu Recht anmerkt, dass der Text recht deutlich auf Effekt geschrieben wurde und sie diesem ersten, emotionalen Impuls direkt erlegen sind. Andere sind da vielleicht nicht ganz so schnell zu beeindrucken. Für mich sind solche Texte eine Form der Literatur, die Preise gewinnt: gefällig, Tiefe simulierend, aber im Grunde immer an der Oberfläche bleibend, die tut nie weh. Da können alle gepflegt schluchzen und sich gegenseitig versichern, wie schrecklich das doch alles ist. Würde mir dieser Text aus der tatsächlichen Sicht des Kindes, des "Täters" erzählt, wie und warum er seine kleine Schwester mißbrauchen musste oder gar nicht anders konnte, wenn diese Aussichtslosig- und Hilflosigkeit versucht würde, narrativ darzustellen, wäre das etwas anderes. Aber hier bekommen wir ein Panoptikum serviert, das uns eine Gänsehaut erzeugen soll, ein Text der mit Betroffenheitstropen arbeitet und den Leser geschickt einlullt. Das beginnt schon mit der Sprache des Erzählers: Welches Kind spricht so? Fragen danach bleiben aber unbeantwortet. Ebenso aus welchem Grund da mit einer magischen Realität gearbeitet werden muss, die uns wesentliche Textebenen erst erschließen lässt.

Ich weiß, wir tun alle so, aber Ambiguität aushalten ist halt in echt wirklich schwer. Ich kann mit dem Dissens gut leben. Und anderen Kommentatoren Einäugigkeit und Borniertheit vorzuwerfen, nur weil sie einfach eine andere Meinung haben bzw davon abweichen ... das ist eben auch schon ein klein wenig borniert, findest du nicht?

Und noch etwas: Jemand, der angeblich in dieser Einrichtung und mit diesen Kindern gearbeitet hat, jemand der also die Schicksale derer kennen sollte und sich doch so nobel für diese interessiert - warum benutzt eine fachlich kompetente Person einen so problematischen und besetzten Begriff wie "Kinderschänder?"

 
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@Isegrims Hallo Isegrims und danke für deinen Kommentar. Dass dich meine Geschichten gelangweilt haben, ist sehr interessant für mich. Auch die Frage, ob ich eine Einrichtung tatsächlich am besten aus der Ich-Perspektive beschreibe.
Ich überlege sehr, auch nach @klamms Kommentar, die Sache noch einmal von einer anderen, nämlich Martins Seite aus aufzuziehen. Das würde sicherlich sehr anders ausfallen, und ein Ich-Erzähler käme nicht infrage.
Ich werde mir ein bisschen Zeit lassen dafür.
Das Ende habe ich geändert, vielleicht wirkt es auf den einen oder Anderen weniger tränendrüsig.

Insgesamt möchte ich dich und @jimmysalaryman darum bitten, nicht meinen Charakter zu verhandeln, sondern beim Text zu bleiben. Fragen nach meiner Selbstgefälligkeit oder Vermutungen darüber, ob ich arrogant bin, sind hier nicht am Platz.
Um trotzdem auf deine Frage antworten: Der Name Placidus ist einfach der Mädchenname einer Urgroßmutter, die ich nicht gekannt habe. Ich weiß auch nicht mehr, warum ich ihn gewählt habe. Wenn man die Namen hier nachträglich ändern kann, ich würd's sofort tun, denn ich denke, dass auf manche "Placidus" vielleicht gewollt lateinisch, bildungsbezogen oder lehrerhaft wirkt.
Dass ich nicht sehr aktiv hier bin, hängt daran, dass ich so schon sehr schüchtern bin und das Kommunizieren mit Menschen, die ich nicht kenne und nicht sehe, sehr, sehr schwierig finde. Obwohl, wir haben uns ja kurz gesehen. Ich fand deine Bemerkungen zum autobiographischen Schreiben sehr hilfreich, an das Thema habe ich mich nämlich noch nicht gewagt, werde es aber vielleicht eines Tages, deinen klugen Warnungen zum Trotz, tun.
Viele Grüße
P.

 
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Fragen nach meiner Selbstgefälligkeit oder Vermutungen darüber, ob ich arrogant bin, sind hier nicht am Platz.
Vielleicht hast du dich geirrt oder nicht richtig gelesen. Ich jedenfalls habe nirgendwo in meinen Kommentaren etwas über Selbstgefälligkeit oder Arroganz deinerseits vermuten lassen, ich bleibe immer am Text. Ich weise dich nochmals höflich daraufhin, mir bitte nichts in den Mund zu legen oder zu unterstellen, denn das habe ich nicht getan. Auch die Bedeutung deines Nicknamens ist mir vollkommen latte. Ich habe dir ein paar konkrete Fragen bezüglich deines Textes gestellt - Wie, Warum, Weshalb. Das hat mit deiner Person überhaupt nichts zu tun.

 
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@jimmysalaryman
Stimmt, du hast nicht von Arroganz gesprochen. Aber von einem anmaßenden und belehrenden Tonfall. Das hat mich wirklich verletzt. Und ich habe mich da, vielleicht zu Unrecht, angegriffen gefühlt. Die Kritik und die Nachfragen zu meinem Text sind mir lieb.

 
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Hej @Placidus ,

die Geschichte weckt in mir Gedanken, die ich so vorher noch nie gedacht habe, weil ich mich mit den Kindern in den genannten Einrichtungen noch niemals zuvor befasst habe. Das werfe ich mir nicht vor, bin aber froh, dass du mich mit diesem Text darauf aufmerksam gemacht hast. Ich habe nicht gewusst, dass Kinder, die Kinder sexuell missbrauchen, in Einrichtungen zu finden sind, weil ich noch nie drüber ernsthaft nachgedacht habe, was überhaupt mit ihnen geschieht. Dass aber die Betreuung in Einrichtungen in weiten Teilen scheitert, liegt nahe. Das meine ich ohne Sarkasmus. Ich hätte gehofft, dass man die Kinder erreichen könnte, dass es ein ausgeklügeltes Programm gäbe und sie nicht verwahrt, aber wer das Sozialsystem auch nur ansatzweise kennt, muss vermuten, dass es genau so passiert, wie du es beschreibst: Fachkompetenz trifft auf ein System, dass knausert und keine angemessene Struktur im Arbeitsaufwand findet und somit die Fluktuation des Personals hoch ist. Von allem gibt es zu wenig, weil man oft zu kurz denkt und dann sind es erwachsene Straftäter ... ein anderes Ressort, eine andere Geschichte.

Die Erzählstimme brachte mich während des Lesens immer wieder dazu, mir eine andere zu wünschen. Dass ein Kind wie dieses hier sich flüssig machen muss, damit wir die Umstände kennenlernen ist einerseits ein künstlerisches Mittel, aber für mich unbefriedigend. Ich will wissen, was wann an welcher Stelle schief läuft, ich will die Umstände der Eltern kennenlernen, ich will wissen, wer sich wann warum kümmert oder eben nicht! Ich will alle Beteiligten hören, ich will vor allem wissen, warum man sich an den entscheidenen Stellen dazu entschließt, die Kinder weiterzureichen und der Autor mich zurücklässt, ich will wissen, wie es dazu kommt, das Kinder anderen Kindern etwas antun. Bei deinem Protagonisten habe ich eine Ahnung, wie bei dem anderen Jungen auch, aber wieso werden die ‚Opfer‘ und die ‚Täter‘ zusammen in einer Einrichtung verwahrt?

Mir reicht bei diesem vulnerablen Thema die Sicht eines Kindes nicht aus habe ich festgestellt. Vielleicht wäre es für mich erklärbarer, eine erwachsene Stimme rückblickend erzählen zu lassen, vielleicht wäre es auch mehr eine Geschichte, eine, die weniger andeutet und mehr zeigt, die weiter entfernt ist und auch einen Plot twist hätte, aber so bin ich lediglich aufgewühlt und ratlos und sehe sie nah an der Realität und weniger als eine gelungene Kurzgeschichte. Als hätte der/die Autor*In dieses Format gewählt, um überhaupt einmal davon erzählen zu können. Das ist sicher legitim, aber ... für mich nicht genug.

Mein Leseeindruck ist nicht entstanden, weil ich deine Geschichte kritisieren will, sondern, weil ich ihn dir auf den Weg geben wollte. Das Thema ist es ja allemal wert und wenn ich das in deinen Kommentaren richtig überflogen habe, warst du tatsächlich in einer Einrichtung dieser Art involviert. Ich wünschte Leser, die für dieses Ressort zuständig sind, wären unter ihnen.

Herzlichen Dank für diesen Anstoß und freundlicher Gruß. Kanji

 
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„Wieso sagt ihr immer Einrichtung?“, habe ich Nadja einmal gefragt. Sie denkt erst nach, bevor sie etwas sagt. „Was soll man sonst sagen? Früher hat mein „Heim“ gesagt. Aber Heim, das klingt schrecklich, oder?“

Ich eier schon einige Zeit um Deine Erzählung herum,

liebe Placidus,

die ja als „Einrichtung“ des Erziehungs- und Verwahrsystems (wahrscheinlich nicht nur unserer schönen Republik) Teil des »Mythos Bildung«* ist, wobei das Wort „Einrichtung“ es eigentlich auf den Punkt bringt in seinem Kern, dem Verb „richten“, da seiner ursprünglichen Bedeutung nach etwas »Krummes gerademachen« meint, ob es nun ein Stück Eisen oder ein „Stück“ Leben ist. Das Präfix rückt die Bedeutung der „Einrichtung“ gar noch in die Nähe von Gegenständen, die nach ihrer öffentlich zugedachten Nutzung „passend gemacht“ werden, ein Überlebenskampf mit der reflexiven Seite, sich anzupassen und in diesem fühlt man sich nicht nur, man wird auch überflüssig, ist gefährdet und wird gefährlich. Was geschieht mit denen, die anders sind, die von der Normal-verteilung zum Rande hin abweichen?

Wenn es sein muss, mache ich mich flüssig.
Da ist es nur logisch, dass das „Heim“ von der „Heimat“ bis zum (mehr oder weniger) wohligen „Zuhause“ von der „Einrichtung“ leicht zu unterscheiden ist.

Wären noch ein paar Flusen aufzulesen

Es hat richtig weh getan, auch am Tag danach.
„wehtun“ zusammen

„Eva kommt heute nicht nach Hause“, hat die ältere Frau gesagt. … „Wo ist deine Mama?“, wollte die Jüngere wissen. Ich habe mit der üblichen Geschichte angefangen:
„die jüngere“, Attribut der „Frau“
Die nette junge Frau hat mich hingebracht, sie hat gesagt, dass sie eine Einrichtung für mich suchten, das schien mir schon nicht mehr so schlimm.
„scheinen“ ist in dem Fall Modalverb und ist dann wie „brauchen“ mit dem Infinitiv zu verwenden „schien mir zu sein“. Du kannst „scheinen“ aber auch zum Vollverb durch die Vorsilbe „er“ erheben. Also „das erschien mir ...“

„Wir sind was ganz besonderes“, hat Paul mal gerufen, aus seinem Fenster, heraus auf den Kirchplatz.
Warum die zwo letzten Kommas?
Weg mit ihnen! (oder Gedankenstriche statt Kommas einsetzen)
Das hat gestunken, ganz gewaltig, die Holzdielen waren an den Rändern war schwarz und ganz wellig.

„Die sind nicht so schwierig wie wir, nicht wahr, die anderen Kinder.“ stellt Paul fest.
… Kinder“, stellt Paul fest.

Wie dem auch wird - herzlichen Glückwunsch zur Empfehlung,

sagt der

Friedel

 

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