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Eiskaltes Töten

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Eiskaltes Töten

Eine eisige Decke aus Schnee hat sich über die Stadt gelegt und alles für einen Moment angehalten. Kein Auto fährt, niemand scheint auf den Straßen unterwegs zu sein und diejenigen, die noch wach sind, sitzen, es sich gemütlich gemacht, vor dem wärmenden Kamin.
Linas Mund ist trocken. Sie zieht die Gardine so weit zu, dass gerade einmal ein Finger dazwischen gepasst hätte, verkriecht sich tief in ihrem Bett, das direkt neben dem Fenster steht, aber kann ihren Blick nicht vom Fenster nehmen. Sie wartet ab und sieht durch den kleinen Spalt nach draußen. Da ist es. Ein Tier, denkt sie. Doch es ist eine dunkle Gestalt, der Körper stockdünn und unnatürlich lang, wie ein Schatten, wenn die Sonne tief steht. Ganz langsam bewegt sie sich durch den dichten Schnee. Sofort weiß sie, dass dieses Wesen böse ist.
Es ist mitten in der Nacht, die alte Straßenlampe flackert und Lina ist gerade nach unten getappt, um den Rest ihrer Weihnachtsschokolade zu holen, als sie ihn entdeckt hat. Erst hat sie gedacht, er stünde still, doch dann hat sie die Spur hinter ihm auf der Straße gesehen. Jetzt schlurft er durch den Schnee an ihrem Haus vorbei.
Er hat sich eine eine schwarze Lumpendecke gehüllt. Je näher er kommt, desto besser kann sie ihn erkennen. Die Haut ist schwarz, die Nase krumm, Bartstoppeln stechen wie Messer aus dem Kinn und seine kalten Augen sind zu Schlitzen verengt.
Plötzlich hört das Flackern auf, das Licht erlischt und mit ihm verschwindet auch der Schatten des Mannes. Da bleibt er unter ihrem Fenster stehen.

Lina hält den Atem an. Ihre Kehle zieht sich zusammen und sie betet, dass dieses Wesen weitergehen und verschwinden möge. Da dreht es sich um. Langsam sieht es die Hauswand hoch zu ihrem Zimmer. Lina will den Vorhang zuziehen, sich unter ihrer warmen Decke verstecken, wenn nötig eine Weile unterm Bett ausharren, doch sie ist wie erstarrt und schafft es nur, sich nach unten zu drücken und die Decke bis zu ihren Augen zu ziehen. Er schaut sie an.
Schmerzvoll verkrampft sich ihr Magen, sie will schreien, doch Angst lähmt ihren Körper. Der Mann sieht sie ganz ruhig an und hebt eine dürre Hand und winkt ihr dann zu.

Ein breites Grinsen frisst sich auf das Gesicht des Mannes.
Eine Weile steht er so da, die Augen auf das Fenster fixiert. Gemächlich bewegt er sich auf sie zu und zieht sich auf den Bürgersteig in den Schnee, nur noch wenige Meter von ihr entfernt. Lina schaut ihn an. So hat sie sich immer einen Mörder oder einen Dieb vorgestellt. Mit genau diesen Augen und dem hässlichen Gesicht. Da beginnt sie sich wieder zu regen. Sollte sie ihre Eltern holen? Sie würden wieder missgelaunt und böse sein, aber sie würde vermutlich in ihr Bett gelassen werden. Dabei hat sie eigentlich damit aufhören wollen. Hanna ist zwei Jahre jünger als sie und schläft immer in ihrem eigenen Bett.
Also rafft Lina ihren ganzen Mut und ihre Entschlossenheit zusammen und winkt dem Mann zögerlich zurück.

Sie richtet sich ein wenig auf, ihr Pyjama klebt an ihrer Haut. Es fühlt sich gut an, stark zu sein und sich der Angst entgegenzustellen. Auch ihr Atem beruhigt sich wieder. Da weicht sein Blick von ihr auf den Fenstergriff. Mit einem schrecklich ausgemergelten Finger zeigt er erst auf sie und dann auf das Fenster. Sie soll aufmachen.
Lina möchte den Kopf schütteln. Sein intensiver Blick ist auf sie gerichtet und brennt ihr förmlich auf der Haut.
Mit ihrer glitschigen Hand greift sie nach dem Fenstergriff und öffnet es einen kleinen Spalt. Nächtliche Kälte durchflutet ihr Kinderzimmer und ein verdorbener, beißender Geruch, der sie an ihr totes Kaninchen erinnert, dringt zu ihr. Wieder hält sie den Atem an.

“Guten Abend“, sagt er plötzlich mit kratziger, aber erstaunlich vernünftiger Stimme.
“Was willst du?“, fragt sie wütend und ängstlich.
“Nun ja“, setzt er höflich an, “zunächst wünsche ich dir einfach einen schönen Abend.“
“Danke, aber was willst du denn?“
“Wünscht du mir denn keinen schönen Abend?“ Jetzt klingt er fast schon beleidigt.
“Es ist doch nach Mitternacht, fast schon Morgen.“
“Leider habe ich keine Uhr und weiß deswegen auch nicht, wie spät es ist. Hast du eine Uhr?“, fragt er.
“Nein“, lügt sie.
“Das ist aber schade. Hast du dir etwa keine zu Weihnachten gewünscht?“
“Was willst du?“
“Wie kommst du darauf, dass ich etwas will?“ Seine Stimme klingt verletzt und er betont das letzte Wort sehr seltsam.
“Na, du wolltest doch, dass ich das Fenster aufmache. Warum denn?“
Ratlos sieht er jetzt vor sich auf den Schnee. Dann bewegt er sich noch weiter zu ihr. Wenn er den Arm hebt, kann er bestimmt schon mein Fenster berühren, so lang ist er, denkt Lina.
“Nun, ich weiß nicht genau, wie ich das sagen soll, aber um ganz ehrlich zu sein, wollte ich zu euch ins Haus.“

Neugierig sieht er sie an. Überrascht stockt Lina. Mit so etwas hat sie nicht gerechnet. Was soll sie jetzt tun? Mit zitternder Stimme sagt sie: “Aber ich kann dich doch nicht einfach in unser Haus lassen.“
“Ich sehe, dass ihr da eine große Couch habt“, er deutete auf das Wohnzimmerfenster unter ihrem Zimmer, “die sieht gemütlich aus. Auf der kann ich doch heute Nacht schlafen und morgen früh bin ich wieder weg. Was sagst du dazu?“
Angst drückt auf ihrem Körper. In ihr zieht sich alles zusammen. Seine fröhliche Stimme, diese fiesen Augen und das hämische Lächeln. Dieser Mann will Böses. “Ich … Ich kann doch keinen Fremden reinlassen.“
Der Schweiß auf ihrem Körper ist so kalt geworden, dass es sich anfühlt, als würde eine dünne Eisschicht sie festhalten.
“Ich bin doch nicht fremd. Ich habe kein Bett, kein Kissen, mir ist kalt und ich will schlafen. Ich bin wie du.“
“Nein“
“Nein?“
“Du bist nicht wie ich. Du bist anders.“
“Anders?“, fragt er und blickt sie ganz aufmerksam an.
“Woher willst du wissen, dass ich anders bin?“
“Na, das weiß man doch. Du siehst eben so …“
Da unterbricht er sie. “Wie sehe ich aus?“ Er klingt wütend, fast frustriert.
“Ich weiß es nicht.“
“Du weißt es nicht mehr?“, er lächelt, “Na gut, Mädchen, aber sieh mich mal wirklich an. Ich friere hier draußen. Bei euch ist es warm, du hast eine dicke Decke, die Heizung läuft und ihr habt viel Platz. Ich hingegen besitze nichts, das ich nicht bei mir habe und jetzt sieh mich an. Das ist alles. Glaubst du nicht, dass mir auch kalt sein kann? Wirst du mich also hier draußen erfrieren lassen oder gehst du schnell runter, machst mir auf, ich leg mich hin und du kannst weiterschlafen?“

Er tut einen weiteren Schritt nach vorne, steht jetzt fast direkt unter ihr. Erneut packt sie die Angst. Was sollte sie ihm antworten und würde es überhaupt etwas bringen?
“Lass mich jetzt rein“
Das ist keine Bitte, denkt Lina. Grausam und befehlend klingt es. Panik breitet sich in ihr aus. Was wird der Mann jetzt tun?
Schnell stößt sie das Fenster zu, so fest, dass der Griff fast abgebrochen wäre. Mit der anderen Hand zieht sie die Gardine fest zu und dann die Decke über ihren ganzen kalten Körper und presst sich gegen die Wand. Sie lauscht genau hin, doch abgesehen von ihren heftigen Atemstößen, ist da nichts.
Irgendwann löst sie sich von der Wand und legt sich normal hin. Stunden liegt sie noch da und nichts passiert. Als die ersten Regentropfen fallen, erschreckt sie sich so sehr, dass sie kurz denkt, an einem Herzinfarkt zu sterben, kann sich aber wieder beruhigen und fällt in einen tiefen Schlaf.

Am nächsten Morgen hat Lina alles vergessen. Der Regen hat aufgehört und Hanna und sie wollen draußen mit dem selbstgebauten Schlitten fahren und einen großen Schneemann bauen. Lina öffnet gerade die Haustür, hüpft jauchzend durch den dicken Schnee, als sie über etwas stolpert und liegen bleibt. Nur wenige Zentimeter von ihrem Kopf entfernt starren sie die weit aufgerissenen Augen des Obdachlosen an. Die Haut ist an Stellen bleich, wie Knochen, an anderen schon schwarz. Die Augenbrauen und -Lider sind zugefroren und weiß.

 
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Hallo @Max88 ,

die Idee finde ich, vor allem durch das Ende, ganz passend für eine kurzweilige Gruselgeschichte.

Inhaltlich müsstest du m.E. vor allem beim Anfang nachbessern:

Zum einen hat sie den Vorhang zugezogen und kann den Obdachlosen daher ja nicht sehen. Auch dürfte es vom Bett aus schwierig sein, da ihr Zimmer ja anscheinend auf der ersten Etage ist. Du schreibst ja, dass er an der Hauswand entlang zu ihrem Zimmer hochsieht. Außerdem ist sie zuvor runtergegangen, um sich Schokolade zu holen, das passt also örtlich nicht. Und sie kann ihn ja anscheinend gut verstehen, obwohl er normal spricht, trotz der Distanz?

Den Dialog zwischen Lina und dem Obdachlosen sowie die Auflösung finde ich aber ganz gut gelungen, hier noch einige Details:

Eine eisige Decke aus Schnee hat sich über die ganze Stadt gelegt und liegt jetzt schwer auf ihr.
"ganze" und den Satzabschluss würde ich streichen, diese Zusatzinformation ist nicht notwendig.

Linas Mund ist trocken. Eine eisige Decke aus Schnee hat sich über die ganze Stadt gelegt und liegt jetzt schwer auf ihr. Lina zieht die Gardine so weit zu, dass nicht einmal ein Finger dazwischen gepasst hätte,
Hier könntest du beim Satzbeginn variieren.

Da ist es. Ein Tier, denkt sie. Doch es ist eine dunkle Gestalt, der Körper stockdünn und unnatürlich lang, wie ein Schatten, wenn die Sonne tief steht. Ganz langsam bewegt sie sich durch den dichten Schnee.
Wie eingangs erwähnt, kann sie ihn durch die zugezogenen Vorhänge nicht sehen.

Es ist mitten in der Nacht, die alte Straßenlampe flackert und Lina war gerade nach unten getappt, um den Rest ihrer Weihnachtsschokolade zu holen, als sie ihn entdeckt hat.
Hier würde ich die Zeiten prüfen/"vereinheitlichen", das passt so irgendwie nicht.

Jetzt schlurft er durch den Schnee an ihrem Fenster vorbei.
Das Fenster ist ja anscheinend auf der ersten Etage und die Vorhänge zu ... ?

Eine schwarze Lumpendecke umhüllt ihn. Je näher er kommt, desto besser kann sie ihn erkennen. Die Haut ist schwarz, die Nase krumm, Bartstoppeln stechen, wie Messer aus dem Kinn und seine kalten Augen sind zu Schlitzen verzerrt.
Plötzlich hört das Flackern auf, das Licht erlischt und mit ihm verschwindet auch der Schatten des Mannes. Da bleibt er vor ihrem Fenster stehen.
Auch hier, wie kann er vor ihrem Fenster stehen?

Lina hält ihren Atem an.
den

Schmerzvoll verkrampft ihr Magen, sie will schreien, doch Angst lähmt ihren ganzen Körper.
"ganzen" könntest du streichen, das wird dann auch so klar

Linas Blut friert in ihren Adern zu und ein eiskalter Schauer läuft ihr über den Nacken, während sich ein breites Grinsen auf das Gesicht des Mannes frisst.
Vorschlag: "Linas Blut gefriert in den Adern und ... "

Also rafft Lina ihren ganzen Mut und Entschlossenheit zusammen und winkt dem Mann zögerlich zurück.
ihre Entschlossenheit

Es fühlt sich gut an stark zu sein und sein und sich der Angst entgegen zu stellen.
Komma nach "an" ; das zweite "zu sein" streichen ; entgegenzustellen

Sein intensiver Blick ist auf sie gerichtet und tut ihr förmlich weh.
Statt dieser direkten Beschreibung könntest du beschreiben, wie genau sich das äußert.

Mit ihrer glitschigen Hand greift sie nach dem Fenstergriff und öffnet es einen kleinen Spalt breit.
"breit" könntest du streichen

Wieder hält sie ihren Atem an.
den

“Nun ja“, setzt er höflich an, “zunächst wünsche ich dir einfach einen schönen Abend“
“Es ist doch nach Mitternacht, fast schon Morgen“
“Leider habe ich keine Uhr und weiß deswegen auch nicht, wie spät es ist. Hast du eine Uhr?“, fragt er.
“Nein“, lügt sie.
“Aber ich kann dich doch nicht einfach in unser Haus lassen“
Punkt vor die abschließenden Anführungszeichen.

“Na, du wolltest doch, dass ich das Fenster auf mache. Warum denn?“
aufmache

“Ich sehe, dass ihr da eine große Couch habt“, er deutete auf das Wohnzimmerfenster unter ihrem Zimmer, “Die sieht gemütlich aus.
die

In ihr zieht sich zusammen.
Was denn genau?

“Ich … Ich kann doch keinen Fremden reinlassen“
Der Schweiß auf ihrem Körper ist so kalt geworden, dass es sich anfühlt, als würde eine dünne Eisschicht sie festhalten.
“Ich bin doch nicht fremd. Ich habe kein Bett, kein Kissen, mir ist kalt und ich will schlafen. Ich bin wie du“
“Nein“
“Ich weiß es nicht“
Punkt vor die abschließenden Anführungszeichen.

“Woher willst du das wissen, dass ich anders bin?“
"das" streichen

“Na gut Mädchen, aber sieh mich mal wirklich an.
Komma nach "gut"

Ich hingegen besitze nichts, dass ich nicht bei mir habe und jetzt sieh mich an.
das ;
Oder: "Ich hingegen besitze nur das, was ich bei mir habe und jetzt sieh mich an."

Schnell stößt sie das Fenster zu, so fest, das der Griff fast abgebrochen wäre.
dass

Als die ersten Regentropfen fallen erschreckt sie sich so sehr, dass sie kurz denkt an einem Herzinfarkt zu sterben, kann sich aber wieder beruhigen und fällt in einen tiefen Schlaf.
Komma nach "fallen" und "denkt"

Nur wenige Zentimeter von ihrem Kopf entfernt, starren sie die weit aufgerissenen Augen des Obdachlosen an.
kein Komma

Die Augenbrauen und -lider sind zugefroren und weiß.
Lider

Viele Grüße,
Rob

 
Monster-WG
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10.09.2014
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Hola @Max88,

schon beim Lesen Deiner neuen Geschichte nehme ich mir vor, mögliche Stolpersteine zu übersehen und mich allein auf das Schriftstellerische zu konzentrieren.

Deine Art, einen Text zu entwickeln, gefällt mir. Du arbeitest mit vielen Details, der Rhythmus stimmt, gute Formatierung – und Du beweist Augenmaß (Wenn man einmal vom Titel absieht :cool: ).

Ach ja, der Titel! Ich meine, der trifft es nicht. Von ‚Töten‘ kann man doch mMn nicht reden, noch nicht einmal von unterlassener Hilfeleistung – der Mann hätte schließlich weitergehen können; Lina hatte keinen Einfluss auf ihn. Und ‚Eiskalt‘/Eiseskälte würde ich ihr auch nicht unterstellen, sie hat sich völlig normal verhalten.

Jedenfalls wirst Du noch die allgemeine Aufmerksamkeit auf Dich ziehen, Dein Talent ist augenfällig. Ich wünsche Dir gutes Vorankommen und viel Erfolg.

José

 
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Hallo @Rob F,

Vielen Dank fürs Lesen und Korrigieren! Die Fehler, die Du aufgezeigt hast, habe ich verbessert und ich habe inhaltlich ein paar Details so verändert, dass es jetzt hoffentlich Sinn ergibt mit dem Vorhang und dem ersten Stock. Manchmal hat man beim Schreiben das Bild so klar im Kopf, dass man vergisst es so aufzuschreiben, dass es auch im Kopf des Lesers verständlich ist, deswegen nochmal Danke für die Mühe, die Du Dir gemacht hast!

Hallo @josefelipe,

Danke auch an Dich fürs Lesen und Kommentieren! Für die Stolpersteine beim Lesen entschuldige ich mich natürlich, hoffentlich sind die gröbsten jetzt beseitigt.

Ach ja, der Titel! Ich meine, der trifft es nicht.
Ich stimme Dir leider komplett zu. An dieser Geschichte habe ich relativ lange gearbeitet und mir ist in der ganzen Zeit wirklich nichts besseres eingefallen, aber ich dachte immer, dass das noch kommt. Kam nicht und dann dachte ich, dass ich den Text jetzt nicht einfach so lange behalten will, bis mir was eingefallen ist, sondern hab ihn hochgeladen.

Vielen Dank für die Kommentare! Ich wünsche Euch eine schöne Woche!

Viele Grüße!
Max

 
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Hallo @Max88,

Eine eisige Decke aus Schnee hat sich über die Stadt gelegt.
Das klingt jetzt auch für mich ein bisschen kleinlich oder auch wie eine Anmerkung, die man immer so je nach Tagesform anbringen oder runterschlucken kann, aber es ist schon ein (möglicher) Stolperstein gleich zum Auftakt: Der Schnee ist kalt. Was ne Info.

verkriecht sich tief in ihrem Bett,
Ich schwanke zwischen "Was heißt hier tief?" und "Kindliche Perspektive gut eingefangen", das Gefühl, unter der Bettdecke gebe es quasi so etwas wie ein Dimensionsportal.

der Körper stockdünn und unnatürlich lang,
An sich cool, aber im Moment halt ein bisschen abgegriffen, seit langem schon ist das Gros der echt gruseligen Monster (die es sein sollen) lang und dünn. Hatte auch gerade eines in einer von meinen Storys. Wir sollten sie klein und dick machen, zumindest eine Zeit lang.

Sofort weiß sie, dass dieses Wesen böse ist.
Da würde ich einfach mit der Angst vor dem Unbekannten spielen, dann musst du dem Kind keine Intuition aufzwängen, die dem Leser zu viel erklärt. / Etwas viele dass-Sätze.

Abwartend
Partizipien sind meist die schlechtere Wahl. Sie wartet. Klingt automatisch aktiver, obwohl sie ja gar nichts macht.

Eine schwarze Lumpendecke umhüllt ihn.
Würde vorschlagen, er hat sich in eine schwarze Lumpendecke gehüllt.

Bartstoppeln stechen, wie Messer
Vergleich, kein Komma. So ein Detail sieht sie durch den Spalt, draußen im Dunkeln?

und seine kalten Augen sind zu Schlitzen verzerrt.
verengt

Lina will den Vorhang zu reißen,
zuziehen

und schafft es nur sich
nur,

Der Mann schaut sie an.
Klingt doof wegen des Reims.

Schmerzvoll verkrampft sich ihr Magen,
Dieses Gefühl im Bauch, wenn man Angst hat, das sind doch keine Magenschmerzen.

Der Mann sieht sie ganz ruhig an und hebt eine dürre Hand und winkt ihr dann schwungvoll zu.
"Schwungvoll" passt nicht zusammen mit dem restlichen Verhalten und den Beschreibungen.

Linas Blut gefriert in ihren Adern und ein eiskalter Schauer läuft ihr über den Nacken,
Zwei dicke Klischees bzw. ausgelutschte Beschreibungen.

während sich ein breites Grinsen auf das Gesicht des Mannes frisst.
Der ist ja offensichtlich positiv angetan von dem, was er da tut, "fressen" würde aber bedeuten, dass dieses Lächeln gegen seinen Willen entsteht.

Gemächlich bewegt er sich auf sie zu und zieht sich auf den Bürgersteig in den Schnee, nur noch wenige Meter von ihr entfernt.
Ich habe wegen der teils blumigen Sprache manchmal Schwierigkeiten zu- und einzuordnen, was passiert. Bis hier war ich davon ausgegangen, er steht direkt unter ihrem Fenster. Er zieht sich auf den Bürgersteig?

Sie denkt, er sei der schwarze Mann, ist voll kindlicher Angst, und dann folgt sie seinen Anweisungen, macht das Fenster auf und lässt sich auf einen Plausch ein? Weiß nicht ...

Nein.“, lügt sie.
Nein",


Für mich ist das eher ein Sozialmärchen, das sich mitunter einiger Horrorelemente bedient. Wie es bei Harry Potter Werwölfe und böse Zauberer gibt, die ihre Seele in mehrere Teile aufspalten, potenziell kann man da auch Horror draus machen, im Kontext der Geschichte machen sie diese aber nicht zur Horrorgeschichte. Auch wegen der lehrreichen Unterhaltung hat man das Gefühl, die Story richtet sich an Kinder, diese Botschaft "Hey, ich bin genau wie du", die wird einem ja als Dialogzeile schon sehr dick aufs Butterbrot geschmiert. Für eine reine Kindergeschichte ist das am Schluss mit der Kälteleiche dann wegen der beschriebenen Details gefühlt zu hart, das können Pädagogen oder Kinderpsychologen sicher besser beurteilen. Klingt alles sehr negativ, aber ich will damit gar nicht sagen, dass ich die Geschichte nicht mag, ich finde sie nur unentschlossen. Stand jetzt würde ich sie nicht Horror nennen, es wäre glaube ich auch schwer, sie in diese Richtung zu bearbeiten. Ich würde vielleicht die schwarzgefrorenen Stellen rausnehmen und sie richtig auf Kindergeschichte trimmen oder die Botschaft ein bisschen subtiler verpacken und dann passt das schon mit Gesellschaft, wobei das ja ähnlich wie Spannung oder Action auch kein Genre ist, aber hier im Forum würde das passen.

Frohe Ostern
JC

 
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29.12.2020
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Hallo @Proof,

auch wenn meine Antwort eher später kommt, möchte ich mich natürlich bei Dir bedanken fürs Lesen und die konstruktive Kritik!
Deine Anmerkungen und Verbesserungsvorschläge werde ich gleich mal in meinem Text umsetzen. Danke auch hier für das genaue Lesen!

Für mich ist das eher ein Sozialmärchen, das sich mitunter einiger Horrorelemente bedient.
Ich verstehe hier deine Kritik mit der Unentschlossenheit der Geschichte. Mein Ziel war es das Thema Klassismus, also Vorurteile aufgrund von sozialer Herkunft, anzusprechen und dabei aus der Sicht der “Täter“, damit im besten Falle der Leser mit ihm, hier mit dem Mädchen mitfühlt und den selben Hass und dieselbe Angst spürt vor diesem gruseligen Mann dort draußen, dann aber am Ende sich vielleicht fragt, ob er oder sie zu schnell seine Meinung gebildet hat. Das ist mir wohl nicht gelungen, wahrscheinlich auch, weil das Mädchen hier jetzt nicht die beste, eher eine kontroverse, Symbolfigur ist, denn einen Obdachlosen ins Haus zu lassen ist natürlich nicht ein moralisches Muss. Da wollte ich aber auch ein wenig provozieren, vielleicht eine Diskussion starten naja, gelungen ist das mir nicht, da ist das Thema zu einfach gewählt. So kam ich auch auf diese beiden “Genres“, und aufgrund des Themas ist die Geschichte auch nicht für Kinder gemacht, höchstens unterbewusst vielleicht.

Ich wünsche Dir noch eine schöne Woche!

Viele Grüße!
Max

 

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