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Serie Erich Koschorrek: Jugendkriminalismus

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Erich Koschorrek: Jugendkriminalismus

Jugendkrimmenalismus


Hömma, jezz war ich gestern ma widder bei den Ede in Gaaten. Ich war aber nich in Gaaten, sondern in seine Laube. Für im Gaaten is noch zu kalt. In seine Laube hat der Ede schön Propangas, da wird dat dann auch lecker warm. Jezz saßen wir da so mit dat Pülleken Bier auße Kühlbox, da kuckt der Ede mich aufeinma an und sacht: „Ärrich, ist dat nicht schlimm?“ Jezz kuckte ich den auch an....und kuckte und kuckte. Ich sach: „Sach ma, du biss aber heute ma widder ein ganz Spaasamen. Wat ist schlimm?“ „Ja hier“, fing der Ede aufeinma an, „dat mit den jugendlichen Krimmenalismus.“ Ich sach: „Ach dat meinz du. – Jasicher ist dat schlimm. Dat die auffe Menschen und auffe Rentner losgehn und die im Krankenhaus prügeln. Oder dat du heute schon ein vor de Klappe kriss, nur weil du höflich Gutentach gesacht hass.“ „Jau“, meint der Ede da, „du biss heute vor kein und vor nix mehr sicher. Da willze nur anne Bude paar Pülleken Bier holen und landes in Krankenhaus auffe Notfall.“

Ich sach: „Ede, jezz wart ma ab. Im Moment sind se über so Jugendkämps am reden. Dat die krimmenellen Jugendliche alle da drin kommen.“ „Jugendkämp?“, fracht mich der Ede da so dusselig. Ich sach: „Hasse dat denn nich gehört, mit den Roland Koch seine Jugendkämps?“ „Sach dat doch gleich“, meint der Ede, „jasicher weiß ich da Bescheid. Dat is sowat, wie bei uns früher die Landschulheime. Da kommen die sechs Wochen rein, machen schön Urlaub und werden dadurch entkrimmenalisiert.“ Hömma, ich krichte schon widder Wut. Ich sach: „Ede, wie bekloppt biss du eigentlich. Nix Urlaub! Da is de ganze Zeit ein Spieß zugange, der die anständich im Hintern tritt und jeden Tach ein paar Mal so zusammenstaucht, dat die nich mehr wissen, ob die Männlein oder Weiblein sind.“ „Ja und dann?“, fracht der Ede schon widder. „Jawie und dann?“, sach ich, „Dann kommt nach die sechs Wochen sonn Psüchologe im Kämp und bescheinicht de Jungendliche, dat die jezz kein mehr hauen und alle gute Menschen geworden sind.“ „Ja und?“, fracht der Ede widder, „und wenn se dann widder draußen sind, wat is dann?“ „Ede, dat weiß ich aunich. Wahrscheinlich haun die dann diesen Psüchologe im Krankenhause, weil der gelogen hat.“

„Man man“, sacht der Ede, „wenn ich diese Jugendliche begegnen würde, ich würd ein Knüppel auße Tasche ziehn und immer draufhauen. Dann wüssten se aber, wat die Stunde geschlagen hat.“ Ich sach: „Ede, dat is genau dat, wat du von Gesetz her nich machen daafs. Diese Selbsjustizerei.“ „Ja, wat soll man denn machen, wenn se dich anstänkern oder du siehs, wie die ein verprügeln? Da musse doch selbs draufhauen!“ Ich sach: „Pass auf, Ede. Ich hab da letzte Woche wat in Fersehn. Da hatten die bei ein Sender so ein Kommessar gefracht, wat man den machen soll. Und der hat gesacht, wenn Du sowat siehs, dann solls du.....wie hat der dat noch gesacht.....dann solls du dat Herz und den Hintern inne Hand nehmen und da ordentlich eingreifen. Dat du zum Beispiel rumbrülls, um de anderen dadrauf aufmerksam zu machen. - Auch wenn grade gaakeiner da is. Oder dat du auf eine Trillerfeife rumflötes. Oder dat du ganz laut rufs, dat du de Pollizei gerufen hass.“ Da fracht der Ede mich: „Und wenn du dann sachs, dat du die Pollizei gerufen hass, waaten die auch schön ordentlich, bis die dann kommt?“ Ich sach: „Ede, dat is ein gute Frage. Vielleicht solltes du statt ein Knüppel immer ein paar Stühle dabei haben, dat die sich dann wenichstens hinsetzen können, bis de Pollizei kommt. Dat Opfer liecht ja meistens sowieso schon. Vielleicht, dat du noch Schlücksken Kaffe ausse Termospulle anbietes. Dat du die damit schön friedlich stimms und die sich dann ordentlich verhaften lassen, wie sich dat gehört.“ „Und dat würde klappen?“, fracht der Ede widder ganz dusselich. Da krichte ich schon widder Wut. Da hab ich den richtich angebrüllt: „Wat willz du eigentlich von mir, du Heini. Bin ich ein Kommesar oder ein Psüchologe? Ich weiß dat doch auch nich, wie du mit diese Rabauken umgehn solls. Machs doch sowieso allet verkehrt. Greifße ein, krisse selbs auffe Schnauze, greifße nich ein, weil du Schiss hass, bisse fällich wegen diese untergelassene Hilfeleistung. Also in so ein Fall entweder Krankenhaus oder Zelle, von Gesetz aus. Kannze aussuchen!“

Da war der Ede aber ganz klein. Wir haben dann beschlossen, dat dat besser is, gaanich mehr auffe Straße zu gehen, wenn dat dunkel is. Jeder bleibt mit sein Hintern zuhause und kuckt sich inne Nachrichten an, wen se jezz widder verprügelt haben. Wat willze machen? Als Einzelnen siehße da alt aus. Leider. Also, mach gut, ne.
 
Wortkrieger-Team
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Hallo elmarrasch,

herzlich willkommen auf kurzgeschichten.de und ganz besonders im Satireforum.

Nettes Einständchen, was du uns da präsentierst. Ich hab es gern gelesen, wenn auch ich ein wenig Mühe hatte, den Ruhrpottdialekt so flüssig runter zu lesen, wie Sprache, die keinen Dialekt aufweist.

Das Thema, naja...es hätte ruhig etwas satirischer sein dürfen. Wenn du mal deine Geschichte auf ihren Aussagegehalt hin pur runterbrichst, kommt nicht so arg viel dabei herum: zwei Männer unterhalten sich über die derzeitige unsichere Lage, wenn man vor die Tür geht, weil die Gefahr besteht, an Gewalttätige zu geraten. Sie reden kurz über die Jugendkamps, der eine erläutert dem anderen, was dort so abläuft und dann reden sie noch darüber, wie man sich am besten verhält, wenn man so einem Schläger begegnet und mitbekommt, wie der grad jemanden verprügelt (hat).
Das ist für ne gute Kurzgeschichte mit durchdachter Handlung und Spannungsbogen, du weißt schon, was ich meine, gewiss ein wenig dürftig.
Als Blenderverpackung hast du den Dialekt genommen, ich bin mir sicher, dass er in der Lage ist, gut zu kaschieren, die wenigsten werdens merken. :D

Ich hab die Geschichte trotzdem gern gelesen, weil sie im Grunde genommen in der Lage ist, so en passant innerhalb eines Dialogs brisante politische und soziale Themen anzusprechen. Meistens geraten Satiren zu ernst und stehen auf der Kippe zur Verbissenheit. Das ist hier nicht so.

Lieben Gruß
lakita
 

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