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Es ist nicht so, wie es aussieht

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27.05.2026
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Es ist nicht so, wie es aussieht

„Mach das nicht!“
„Ich kann das. Pass auf.“

Wir waren gerade um die Ecke gebogen. Meine übliche Gassirunde führte am Radweg entlang, direkt an meinem Haus vorbei. Sebastian, der große Bruder eines Schulfreunds meiner Tochter, war spontan vorbeigekommen und wollte mir zeigen, wie er einen Radüberschlag auf einer Hand machte.

„Ich glaube es dir. Kein Beweis nötig.“
„Geh ein Stück zur Seite.“

Sebastian setzte an, in der einen Hand noch eine glühende Zigarette. Er überschlug sich, fiel hin, rollte über den Weg und landete direkt im Graben. Der kleine Bach nahm ihn ohne Widerstand auf.

„Gut gemacht. Du hast Talent.“

Der Hund blieb verwundert neben mir stehen.

„Alles in Ordnung?“
„Natürlich.“
„Du liegst im Bach.“
„Ich weiß.“

„Mist. Meine Zigarette ist aus“, stöhnte Sebastian, während er triefend nass auf allen vieren versuchte, aus dem Graben zu kraxeln.
„Mein Rücken knackt.“
„Dein Hirn auch. Nimm meine Hand.“
„Nein.“

Vor mir stand ein nasses Häufchen Selbstüberschätzung. Nach zwanzig Metern war unser Spaziergang beendet.

„Du musst aus den nassen Klamotten raus.“
„Und dann?“
„Wickel dich in die Decke ein.“
„Ich bin nackt.“
„Seh ich.“
„Erzähl das bloß niemandem.“

Genau in diesem Moment ging die Haustür mit Schwung auf. Hannelore, meine Nachbarin, kam herein. Sie wollte etwas sagen, sah Sebastian nackt und in eine Decke gewickelt auf meinem Sofa sitzen und blieb wie angewurzelt stehen. Sie sah mich an. Dann Sebastian. Dann wieder mich.

„Ha... hallo“, sagte Sebastian und zerrte an der Decke, als könne er sich mit genügend Willenskraft doch noch in Luft auflösen.

Hannelore stand noch immer bewegungslos an der Tür, die Hand fest um denTürgriff gelegt. Ich konnte ihr beim Denken praktisch zusehen. In einem kleinen Ort brauchte ein Gerücht nicht viel. Eigentlich nur genau dieses Bild.

„Er ist in den Graben gefallen“, sagte ich.

Hannelore nickte langsam.

Es war das Nicken eines Menschen, der höflich zur Kenntnis nahm, dass eine Erklärung vorhanden war, ohne sie auch nur im Ansatzüberzeugend zu finden.

„Es ist nicht so ... wie ... es vielleicht aussieht.“

 

Hallo Alea,
du hat alles sehr passend beschrieben. Vor allem die Situation so beschrieben, dass man die Gefühle der Charaktere wahr nimmt, ohne das sie explizit genannt werden.

Die wörtliche Rede steckt voller kleiner Details, die es sehr natürlich wirken lassen. Leider habe ich nun garkeine Kritik mit der ich dir weiter helfen kann. Sorry

VG

Freeed

 

Hallo Freeed, lieben Dank. Mit so einem tollen Feedback habe ich gar nicht gerechnet aber ich freue mich natürlich sehr.
LG
Alea

 
Zuletzt bearbeitet:

Liebe Alea,
spannende Szene. Wie Freeed schon erwähnte, ist anhand des Dialoges zu erkennen, wer gerade spricht. Gefällt mir.

Allerdings war ich etwas verwirrt, als plötzlich die Nachbarin in das Haus reinkam. Den Übergang von der Straße zum Haus könntest du mit kleinen Einschüben im Dialog gestalten.

(Beispiel:
„…“, sagte er und hielt mit mir Schritt, als wir zum Haus zurückkehrten.

Ich blieb vor der Tür stehen und kramte in meiner Hosentasche nach dem Schlüssel. „…“)

Am Anfang hast du das bereits so in der Art umgesetzt - super. Ich denke jedoch, wenn nach dem ersten Satz nicht sofort die Antwort kommt, wird das Ganze noch etwas spannender und ausgeglichener.

Beispiel:
„Mach das nicht!“
Wir waren gerade um die Ecke gebogen. Meine übliche Gassirunde führte am Radweg entlang, direkt an meinem Haus vorbei.
„Ich kann das. Pass auf.“
Sebastian, der große Bruder eines Schulfreunds meiner Tochter, war spontan vorbeigekommen und wollte mir zeigen, wie er einen Radüberschlag auf einer Hand machte.

Ich empfinde die Stelle, bei der die Nachbarin reinkommt und Sebastian „nackt, aber in eine Decke gewickelt“ sieht, als konstruiert. Es klingt beinahe so, als wollte die Autorin die Nachbarin unbedingt skeptisch sein lassen. Aber dafür gibt es im Text keinen sinnvollen Zusammenhang. Warum ist die Nachbarin argwöhnisch? Welche Erfahrung hat die Protagonistin bereits mit ihr gemacht? Welche Details im Raum könnten die Nachbarin zu diesem Argwohn verleiten? Hat Sebastian sich die Decke vielleicht hastig umschlungen, als die Nachbarin reinkam? Eine kleine Andeutung, könnte diese Gestelltheit entschärfen.

Ich wünsche dir viel Freude mit deinem Text.

Herzliche Grüße,
Lea

 

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