- Zuletzt bearbeitet:
- Kommentare: 10
- Anmerkungen zum Text
Hallo zusammen! Ich bin neu hier und möchte euch eine kurze, fragmentarische Geschichte vorstellen. Sie ist reine Fiktion und kein Erfahrungsbericht – vielmehr ein Einblick in den inneren Gedankenraum einer Person, die die Frage nach dem Sinn erkundet, während sie durch verwirrte Wahrnehmung und Emotionen driftet.
Ich freue mich sehr über eure Eindrücke! Besonders interessieren mich:
Wie habt ihr die Geschichte auf euch wirken lassen?
Welche Gefühle oder Bilder sind euch besonders im Gedächtnis geblieben?
Wirkt sie für euch eher wie ein Bewusstseinsfragment oder eine klassische Kurzgeschichte?
Vielen Dank fürs Lesen und eure Rückmeldungen!
Fragmentarische Sinnessuche
Langsam rückt das Bild wieder zusammen. Tausend Welten habe ich gesehen, doch keine davon erscheint mir so unscharf wie diese.
Bunte Blitze zucken passend zum vibrierenden Gefühl, das mich umgibt.
Ich höre etwas. Es ist schnell und treibt mich an. Gleichzeitig ist es mir, als würde es zu mir sprechen, ohne dass ich die Worte verstehe. Es baut sich auf und zerfällt. Wieder und wieder – war das schon immer so?
Getrieben von dieser schnellen Energie schreite ich vorwärts. Eine Person taucht in meinem Blickfeld auf. Wo war sie die ganze Zeit? Ich war doch eben noch alleine. Sie stampft und bewegt ihre Arme schlirrend zum allgegenwärtigen Dröhnen. Doch warum sie dies tut, will ich nicht wissen. In mir brennt eine wichtigere Frage: „Wer bin ich?“
Um die Antwort zu finden, gehe ich weiter.
„Wo bin ich nur?“
Ich komme an zwei weiteren Menschen vorbei. Sie tragen neon- und violettfarbene Bänder um Arme und Hals. Auch sie stampfen und bewegen ihre Arme rhythmisch zuckend zum Gefühl, das mich durchströmt. Auch von ihnen wende ich mich ab, denn ich habe keine Zeit für sie.
„Ich muss diese Fragen beantworten.“ Seit ich aus all den Bildern erwache, brennen sie in mir. Als ich erwache? Wovon? Warum benutze ich dieses Wort? Was war vorher?
Verwirrt suche ich mit den Augen den Raum ab. Doch abgesehen von bunten, blinkenden Lichtern und tanzenden Schatten sehe ich nichts, was mir irgendeinen Hinweis geben könnte. Also gehe ich weiter, dem Gefühl entgegen, das mich durchströmt.
Mit jedem Schritt, den ich ihm näher trete, nimmt es zu. Meine Ohren beginnen zu schmerzen. Dennoch laufe ich weiter. Mehr und mehr Menschen sehe ich, während ich mir meinen Weg zu diesem Dröhnen suche. Zu Beginn kann ich noch weitergehen, doch schließlich versperren sie mir den Weg. Ich sehe Lücken zwischen ihnen und möchte mich hindurchquetschen. Doch bei jedem Versuch erscheint es mir, als würden sie zusammenrücken.
Mein Herz beginnt wie wild zu schlagen. Was, wenn ich es nicht schaffe?
Doch muss ich es denn überhaupt schaffen?
Ich existiere ja – sollte das nicht genügen? Tief in mir kriecht eine Erinnerung umher. Sogleich ergreife ich sie und erkenne, wie unbegründet meine Ängste doch alle sind.
„Bist du wirklich glücklich?“ Die Frage kommt unerwartet. Entfernt sehe ich Bilder vom Alltag. Ich sitze herum, den Kopf in den Händen vergraben. Weine ich? Dann laufe ich durch ein Geschäft. Regale überall, Regale, und mein Ich räumt Dinge in sie ein. Ist das das Leben? Regale voller Regale? Da mir dies nicht zielführend vorkommt, ziehe ich weiter.
Auf einmal ist Ruhe. Nichts mehr vibriert! Verwirrt drehe ich mich um die eigene Achse. Auf einen Schlag kommt es zurück – härter und schneller als zuvor. Erschrocken atme ich tief auf. Mein Herz beginnt wild zu schlagen. Die Lichter scheinen nur noch zu fließen, so schnell wechseln sie. Alles beginnt zu flackern, mein Gesicht wird bleich. Kalter Schweiß tropft von meiner Stirn, und die Welt beginnt sich zu drehen. Verzweifelt blicke ich umher und suche irgendetwas, das mir Halt geben könnte.
Da – ein stiller Punkt im Chaos! Mit jedem Schritt, den ich darauf zugehe, fühle ich mich etwas leichter. Dort angekommen erkenne ich, dass dieser Punkt nur ein leuchtendes Alien auf dem Shirt einer jungen Frau ist. Dennoch bin ich froh darum, denn dieser Punkt steht still in einer sich ständig bewegenden Welt.
Neben der jungen Frau steht ein Mann, der sich mit ihr unterhält. Ich verstehe die Worte nicht. Doch das ist auch nicht nötig. Verwirrt betrachte ich die beiden Stäbe, die er in der Hand hält und die sich ständig drehen.
Warum tut er das? Will er keine Ruhe?
Die Antwort will mir nicht kommen. Doch dabei kommt mir ein anderer Gedanke, der vielleicht die Lösung ist.
Ist Sinn wirklich das, was meine Existenz ausmacht?
Eine interessante Frage, doch sie hilft mir nicht. Ich brauche Antworten, nicht noch mehr Fragen. Vielleicht hilft es, wenn ich statt nach draußen nach innen gehe? Also versuche ich es. Ich schließe die Augen und schaue wieder in mich hinein. Das Drehen verschwindet, und mein Herz beruhigt sich.
Seltsam, wie kann ich das nur so schnell vergessen?
Mehr und mehr Bilder tauchen auf. Ich sitze an einem Pult und versuche, mir Dinge einzuprägen.
Danach stehe ich vor einem Mann, der mich anschreit. Deutlich gebückt und in beschämter Haltung erkenne ich mich vor meinem Vater. Ich höre Worte wie Leben, Stift und Arsch.
Dann sehe ich mich wieder in dem Geschäft. Die Regale leeren sich zusehends, und ich gebe mir alle Mühe, sie voll zu behalten. Doch es gelingt mir nicht, und gerade als ich verzweifle, wechselt das Bild.
Ich sitze alleine an einer Klippe. Ich starre in die Tiefe und stehe auf. Ein starker Drang, zu sehen, was mich erwartet, wenn … doch dennoch tue ich es nicht. Gibt es mehr im Hier, an das ich geglaubt habe? Oder habe ich einfach nur Angst?
Auf einmal sitze ich mit einigen anderen an einem Tisch. Wir spielen Karten und lachen zusammen.
War das nun hilfreicher als das, was ich vorhin gesehen habe? Nein, wahrscheinlich nicht, oder?
Alle sagen immer, man solle sich Mühe geben und etwas lernen.
Ja, da stimme ich zu, denn ohne geht es nicht. Doch macht das Leben dadurch einen Sinn?
Nein, entschließe ich, doch ich wundere mich, über was für Dinge ich gerade nachdenke.
Keines der Worte, die ich gesprochen habe, erscheint mir sinnvoll. Und doch bildet sich daraus ein abstraktes Konzept, das ich irgendwoher kenne.
Langsam werden meine Gefühle wieder schärfer, und es scheint, als würde das verwirrte Empfinden seit dem Erwachen langsam weichen. Ich habe es erst gar nicht bemerkt, da ich so angestrengt nach Antworten suche. Doch in all dem Schlamm von Gedanken und Bildern, den ich habe, ist auch das Gefühl, ich zu sein, drin.
Warum kommt das Gefühl mit Erinnerungen? Welche Erinnerungen geben mir mehr von meinem Ich zurück?
Ich denke darüber nach, und auf einmal erscheint mir klar und deutlich die Antwort auf beide Fragen:
Gefühle sind das, was den Sinn ausmacht und das, was mich ausmacht. Es ist das, was am Ende die Erinnerungen bildet. Während der Rest schnell unscharf und vergänglich wird, bleiben sie konsistent.
Was fühle ich jetzt?
Weiter komme ich nicht, denn plötzlich fühle ich eine Hand auf meiner Schulter, die mich rüttelt. Es ist die junge Frau. Sie sieht mich an und fragt: „Alles gut?“ Mir fällt keine Antwort ein, also drehe ich mich um und laufe davon.
Während ich nun Ziellos daher schreite, tritt jemand in meinen Weg und bietet mir ein weißes Pulver an.
Etwas in mir verlangt sofort danach. Gleichzeitig sehe ich jedoch keinen logischen Grund, diesem Gefühl zu folgen. Mein Herz pocht und es liegt ein starker Druck auf meinem Kopf. Doch habe ich nicht gerade herausgefunden das Gefühle das sind, was den Wert vermittelt?
Ich bin mir nicht sicher, ob ich gerade falsch denke, doch mir scheint, als müsse ich dem Verlangen dennoch folgen.
Also nehme ich schließlich das Röhrchen, und das Pulver verschwindet in meiner Nase. Erst durchströmt mich reine Euphorie. Ich bin glücklich und kann für kurz die Welt klar sehen. Doch bald erkenne ich, dass es eine Lüge ist, und mein Herz beginnt, wie wild zu rasen.
Ich ringe nach Luft.
Die Welt verzerrt und dreht sich schlimmer als vorhin. Alles wird fern. Ich stolpere nach vorne in jemanden hinein. Dann falle ich hin.
Er sagt: „Ey, pass doch auf.“
Doch ich kann mich nicht mehr konzentrieren. Zitternd liege ich am Boden und erkenne noch, wie sich Menschen um mich versammeln. Einige rufen etwas, andere halten schwarze und silberne Rechtecke auf mich.
Schaum läuft mir aus dem Mund, und wiederholt schlage ich meinen Kopf auf den Boden. Schmerzen habe ich keine. Erst habe ich noch Panik, doch nun fühle ich Frieden.
Irgendwie habe ich das Gefühl, dass ich meine Antworten bekommen habe, auch wenn sie mir wahrscheinlich nie mehr nützen werden. Sie liegen nicht in der reinen Logik, doch auch nicht in der Lüge des Glückes. Sie liegen dazwischen, tief verborgen und nur schwer zu erkennen.
Zwischen den Menschen steht nun eine große Gestalt. Sie leuchtet und lächelt, doch ich erkenne die Trauer in ihrem Gesicht. Sie winkt mich zu ihr und wendet sich dann ab. Interessiert stehe ich auf und folge ihr. Mein Körper bleibt liegen, und ich wende mich ein letztes Mal um.
„Bin ich tot?“, frage ich das Wesen.
„Noch nicht“, antwortet es und hält an.
Schnell blicke ich zwischen dem Wesen und meinem Körper hin und her, unfähig, mich zu entscheiden. Doch wird mir diese Entscheidung schließlich abgenommen, denn alles wird schwarz.
