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Heinrich (8): Das dünne Eis

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Heinrich (8): Das dünne Eis

Das Ruderboot kenterte und fünf Männer fielen schreiend, lachend, mit Armen wedelnd und Beinen tretend in den Herrmannsee. Inklusive Papa. Eines der Ruderblätter flog in hohem Bogen auf eine Entenfamilie zu, die in alle Richtungen auseinanderstob. Mama stellte ihre rudernde Tätigkeit ein und schüttelte den Kopf. Ich saß am Heck, beobachtete das Gejohle und entdeckte Papa, der wundersamerweise seine Bierflasche gerettet hatte und sie, bis zur Brust im See stehend, leer trank, hineinäugte und in die Brusttasche seiner Latzhose klemmte.
»Gut, dass wir ein eigenes Boot haben, was Heinrich?«, meinte Mama.
»Hm.« Ich lachte und sah Papa und seinen Freunden zu, wie sie Richtung Steg schwammen, das Boot hinter sich herziehend. Der Wirt kam laut fluchend aus dem Restaurant gerannt und fuchtelte wild mit den Armen.
»Das gibt Ärger«, stellte Mama fest. »Als hätte ich es nicht geahnt. Wir rudern lieber noch ein wenig hin und her. Was meinst du?«
Ich drehte mich ihr zu. Durch die Kronen der Weiden fielen kleine Sonnenstrahlen und verfingen sich in Mamas roten Haaren.
»Ich habe aber Hunger.«
Sie seufzte, nahm ein Ruder aus dem Wasser und drehte uns mit dem zweiten.
»Wir rudern aber langsam zurück. Der Wirt muss sich erst mal beruhigen.«
»Ja, machen wir, Mama.«
Der Wirt tobte und war bis hierher zu hören. Papa machte das Boot am Steg fest und seine Freunde kletterten aus dem Wasser. Sie umringten den Wirt, klopften seine Schultern, dann war offenbar wieder alles in Ordnung.
»Man muss sich schon schämen«, flüsterte Mama hinter mir. Ein wenig rechts von uns schnappte sich ein Karpfen einen Wasserläufer.
»Kann ich Pommes Frites und Bockwurst essen, Mama?«
»Ja, bestimmt. Es ist ja Jürgens Geburtstag und ich denke, jeder darf essen, was er möchte.«
»Und einen Kalten Kaffee trinken?«
»Bestimmt«, machte sie mir Hoffnung.
Pommes Frites mit Bockwurst, Senf und einem Kalten Kaffee. Ein herrlicher Tag. Wir erreichten den Steg, ich kletterte aus dem Boot, nahm das Seil und zog es fest an den Holzpfosten. Mama stieg aus und machte einen Knoten. Papa und seine Freunde saßen schon an der großen Bank und der Wirt brachte Bier und Schnaps. Nichts wie hin.

*​

Ein großer weißer Teller mit vielen Pommes Frites und einer dicken, langen Bockwurst stand vor meiner Nase. Mama drückte den Senf aus dem Plastikbeutel auf den Tellerrand. Papas Freund Jürgen hob seine Bierflasche.
»Lasst es euch schmecken!«, rief er und trank die Flasche in einem Zug aus. Papa und die anderen johlten, klopften auf den Tisch und taten es ihm nach. Mama zog eine Augenbraue nach oben.
»Soll ich dir die Wurst schneiden, Heinrich?«, fragte sie durch den Lärm hindurch.
»Das möchte ich machen.«
»Gut.« Sie lächelte und nippte an ihrem Wasser. Ich versuchte, die Gabel in die Wurst zu stechen, aber die Haut war widerstandsfähig und gab nicht nach. Verzweifelt piekte ich einige Pommes auf und steckte sie in den Mund. Dann der zweite Versuch, am anderen Ende der Wurst. Wieder nichts. Also noch ein paar Pommes.
»Wenn du magst, helfe ich dir«, sagte Mama leise und grinste.
»Nein. Das kann ich.«
Papas Vorgaben, das Besteck zu halten, waren streng und mussten immer eingehalten werden, egal wo man war und wie man sich fühlte. Aber mit seinen Vorgaben schaffte ich es nicht. Also presste ich meine Faust um den Gabelstiel und stach mit Schwung auf die Wurst ein. Die Zinken verfehlten ihr Ziel und trafen nur seitlich. In hohem Bogen flog die schöne Rindswurst von meinem Teller, über die Köpfe von Papas Freunden hinweg und landete im Split vor der gegenüberliegenden Bank. Alle starrten der Wurst hinterher. Papas flache Hand sah ich nicht kommen, so schnell landete sie auf meiner Wange. Die Wucht drückte mich fast von der Bank. Ich richtete mich wieder auf und rieb die brennende Stelle. Mama hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht laut loszuprusten, Papas Freunde bogen sich vor Lachen und johlten …
»Die Wurst kann fliegen!«
»Achtung! Tiefflieger!«
»Das ist gar nicht lustig!«, rief Papa und knallte die Bierflasche auf den Tisch.
»Doch!«, schrie einer. »Das ist sogar superlustig! Stell dich nicht so an!«
Das laute Lachen steckte mich an. Mein Grinsen konnte ich nur kurz unterdrücken, dann stieg ich mit ein; mit dem Bild der startenden Wurst vor Augen. Wie sie den Teller verließ, zitternd auf dem Split landete. Papa stand mit hochrotem Kopf auf, packte die Wurst und stapfte schimpfend ins Restaurant. Wir blieben mit Tränen in den Augen zurück.

*​

Nach Hause schafften wir es nur mit dem Taxi. Zumindest Papa. Daheim stieg Mama aus und klingelte bei Onkel Heinz. Zusammen mit dem Taxifahrer wuchteten sie Papa vom Beifahrersitz bis hinunter ins Bett. Da lag er. Alle Viere von sich gestreckt. Onkel Heinz drückte dem Taxifahrer einen Geldschein in die Hand und schob ihn aus der Tür. Mama zog Papa die Schuhe aus.
»Heute Nacht schlaf ich bei dir, Heinrich.«
Das hörte ich gerne und freute mich schon ungemein.
»Räum bitte die Schuhe in den Flur und lass die Rollläden runter«, bat sie mich. Die Rollläden mit den Gurten herunterlassen tat ich gerne. Mal schneller, dann wieder abbremsen. Ein schönes Spiel. Mama deckte Papa ein wenig zu und reichte mir die Hand.
»Komm, Heinrich. Wir gehen hoch zu Oma. Abendessen.«
»Und Papa?«
»Na, vor morgen früh wird er nicht mehr wach. Mach bitte das Licht aus.«
Das tat ich und wir gingen in den ersten Stock zu Oma.

Der Fernseher lief. Wie immer. Opa ohne Fernsehen konnte ich mir nicht vorstellen. Oma interessierte das alles nicht. Sie schaute nicht hin und hörte auch nicht zu. Opa jedoch sog alles, was in der Welt vorging, wie ein Schwamm auf. Und weil der Fernseher in der Stube stand, wurde dort auch gegessen.
»Wo ist denn Rudolf?«, fragte Oma nach einer Weile.
»Schläft«, erwiderte Mama knapp und legte sich Salami aufs Brot.
»Hat er mal wieder ordentlich ins Glas geschaut, was?«, setzte Oma nach.
»Könnt ihr nicht mal ein wenig leiser reden? Ich will das sehen«, fuhr Opa dazwischen. Ich starrte sowieso die ganze Zeit auf den Bildschirm und versuchte zu lesen, was am unteren Rand eingeblendet wurde. ‚Peter Scholl-Latour in Saigon‘, vor einem großen, weißen Gebäude. »Das ist die US-Botschaft«, erklärte Opa. »Jetzt, wo die Amis abziehen, machen die es nicht mehr lang.«
Ich wusste nicht, wen Opa meinte.
»Wer macht denn nicht mehr lang, Opa?«
»Die Südvietnamesen. Die sind am Ende …« Er legte sein Brot auf den Teller und winkte mit der Hand ab. »Ach was, die waren schon immer am Ende. Weiß gar nicht, warum die Amis da rein sind. Und …«
»Hannes!« Omas lauter Ruf brachte Opa zum Schweigen. »Genug vom Krieg! Ich will das weder sehen noch hören!« Sie stand auf und schaltete den Fernseher aus.
»He!«, fuhr Opa auf. »Schließlich ist Ted auch dort drin gewesen. Ist ja immerhin unser Schwiegersohn!«
Mama legte ihre Hand auf meinen Arm. Ich sah hoch und bemerkte ihr leichtes Kopfschütteln. Mund halten, hieß das. Oma stand auf und verließ die Stube. Mit einem Knall schlug sie die Tür zu. Ich hörte Mama schlucken. Die Stille war fast unheimlich.
»War das nötig, Papa?«, fragte sie leise. »Immer Krieg, Krieg, Krieg … manchmal meine ich, in deinem Kopf gibt es nichts mehr anderes.«
Ich steckte mir zwei eingelegte Frühlingszwiebeln in den Mund und Mama stand ebenfalls auf. »Ich geh zu Oma. Ess du fertig«, bat sie mich und ging raus.
»Heinrich, schalt bitte den Fernseher wieder ein.«
»Mach ich, Opa.«
Es zischte, als ich den Knopf drückte und der Punkt in der Mitte wuchs zu einem Schwarzweißbild heran. »Danke, mein Junge«, sagte Opa und wechselte auf die Couch. »Komm her, Heinrich.« Ich setzte mich neben ihn und er zog mich zu sich heran.
»Was ist das da, Opa?«
»Das sind Transportflugzeuge. Die fliegen Truppen aus. Heim nach Amerika«, erklärte er. Dann erschien ein Mann vor einer Flagge und sah sehr bedeutungsvoll in die Kamera. »Das ist Nixon, der amerikanische Präsident«, meinte Opa. »Er sagt, dass alles ganz ehrenvoll ist und sie die Scheiße nun den Südvietnamesen überlassen.«
»Welche Scheiße?«
Opas Arm schüttelte mich und er lachte. »Die Scheiße, die sie sich eingebrockt haben. So wie wir damals. Ist immer dasselbe.«
Während ich noch versuchte, diese Worte zu verstehen, endeten die Bilder und ein Mann sagte, dass es nun in den Nahen Osten ginge.
»Oh Mann«, stöhnte Opa.
»Ist da auch Krieg?«, fragte ich verwundert.
»Ja, Heinrich, da ist auch Krieg.«
Opa schwieg und bald war die Sendung fertig. Ich war froh, das nicht mehr sehen zu müssen, all diesen Krieg, vor dem ich mehr und mehr Angst bekam. Denn wenn überall Krieg war, musste ja auch bald ein Krieg zu uns kommen.

*​

Ein dauerndes Hämmern weckte mich und ich suchte Mama neben mir, aber sie war wohl schon aufgestanden. Also stieg ich aus dem Bett und ging nach vorne. Sie saß am Tisch und schälte Kartoffeln. Das große Bett stand mitten im Raum, Papa kniete vor dem Kopfteil und schlug mit einem Hammer Nägel in das dunkelbraune Brett. Es war nicht möglich durchzukommen, und so kletterte ich über die Eckbank auf die andere Seite. Mama strubbelte meine Haare.
»Guten Morgen, mein Großer«, begrüßte sie mich und lächelte. Aber das Lächeln verschwand gleich wieder, denn Papa machte einen solchen Krach, dass man sich kaum auf etwas anderes konzentrieren konnte als die Hammerschläge. »Papa hat das Bett heute Nacht kaputt gemacht!«, erklärte Mama. Ich staunte. »Geh ins Bad, Heinrich. Wasch dich.« Ich nickte stumm und verschwand ins Bad.
Als ich wieder zurück kam, stand Papa neben dem Bett, die Hand am Kinn und schaute mal links, mal rechts am Kopfbrett vorbei.
»Es ist schief«, stellte Mama fest.
»Nein. Es ist nicht schief«, erwiderte er. »Heinrich, komm mal her.«
Ich ging zu ihm hin und er bugsierte mich vor das Brett, richtete meinen Kopf mit seinen Händen aus. »Ist das schief?«
Ich dachte an unsere Eckbank und die Kommode.
»Ich glaube, es ist schief«, antwortete ich vorsichtig. Papa stöhnte.
»Halt du nur zu deiner Mutter«, krächzte er mit versagender Stimme. »Oh, mein Kopf. Haben wir noch Aspirin?« Ohne eine Antwort abzuwarten, kniete er sich und schlug das Brett wieder vom Rahmen. Dann drückte er mir einen Nagel in die Hand und kletterte auf die andere Seite.
»Hast du schon mal einen Nagel mit dem Hammer eingeschlagen?«
»Mit Opa«, sagte ich, was so nicht stimmte, denn Opa und ich hielten zusammen den Hammer. Aber ich war mir sicher, das zu können.
»Gut. Dann steck mal den Nagel in das Loch da unten. Ich richte das Brett aus und du schlägst zwei Mal ganz fest auf den Nagel«, wies er mich an.
»Rudolf …«, hörte ich Mamas Stimme.
»Wir Männer machen das schon.«
Ich drückte den Nagel ins Loch. Papa schielte über die Kante.
»Jetzt«, sagte er und ich traf das Holz. Der Nagel fiel auf den Boden.
»Fester reindrücken, einmal kurz drauf schlagen. Dann klemmt er.«
Ich nickte und mit einem leichten Schlag traf ich ihn sofort.
»Toll«, lobte Papa mich.
»Rudolf …«
»Und jetzt ein kräftiger Schlag.«
Ich schlug kräftig daneben, der Nagel rutschte weg. Papa wurde wohl nervös. »Halt den Nagel einfach fest und hau dann drauf.«
Ich spürte Mamas Hand auf meinem Rücken. Das wollte ich mir jetzt nicht nehmen lassen und hielt den Nagel fest. Ein kräftiger Schlag. Der Nagel fiel auf den Boden und der Hammer landete auf meinem Daumennagel. Nur einen Augenaufschlag später rollte der Schmerz durch mich hindurch. Ich schrie auf. Mama zog mich weg, ins Bad. Den Weg sah ich nicht vor Tränen. Wie schnell sie kamen … kaltes Wasser. Und das tat noch viel mehr weh. Papa fluchte laut und hämmerte wie ein Wilder, während ich Mama unscharf im Spiegel hinter mir sah. Schweigend. Kopfschüttelnd.

*​

Das Bett stand wieder im Eck. Mein Daumen war ordentlich angeschwollen, der Druck wuchs ständig. Ein enormer Bluterguss hatte sich darunter gebildet.
»Der Bluterguss wächst und braucht Platz«, erklärte Mama. Ich wusste nicht, wohin mit mir, mit dem Schmerz, dem Gefühl, nicht ausweichen zu können. Was, wenn es weiter wuchs und mir der Nagel abfiel?
»Das Blut muss raus«, sagte Papa zu Mama und ging in den Keller. Mit einem kleinen Handbohrer kam er zurück. Mama legte den Kopf auf die Seite und sah ihn stirnrunzelnd an.
»Rudolf … was hast du vor?«
»Ich kenn das. Hab ich auch schon mal bei mir gemacht. Merkt man gar nix von. Im Nagel hat man ja gar keine Nerven.«
»Wollen wir nicht mit dem Taxi zu einem Arzt? Im Städtischen gibt es bestimmt jemand, der uns da helfen kann«, schlug Mama vor.
»Ach was. Das ist nicht schlimm.«
Er zog den Stuhl heran und setzte sich. »Komm mal her, Heinrich. Da musst du keine Angst haben. Ein kleines Loch, das Blut kann abfließen und danach wird alles wieder gut.«
Ich sah zu Mama. Sie presste die Lippen zusammen. Was sollte ich tun? Was wollte ich tun? Nicht mehr diesen zunehmend unerträglichen Schmerz spüren. Langsam streckte ich Papa die Hand hin. Er nickte und lächelte.
»Mein mutiger Sohn. Pass auf, gleich ist es vorbei«, sagte er mit ruhiger Stimme und setzte den Bohrer mitten auf meinen Nagel.
»Rudolf …«, hörte ich Mama sagen, dann stach er zu und in meinem Kopf explodierte ein grelles Licht. Ich knickte ein und es wurde dunkel, dann hörte ich Stimmen, wieder kurze Dunkelheit. Ich lag auf dem Boden und jemand schrie. Das war ich. Mamas Gesicht war mit ihren Händen bedeckt und Papa zog an etwas und jedes Ziehen war ein Stich in meinem Rücken.

Seltsam, dachte ich, wie komme ich ins Bett? Und was war passiert? Mama saß neben mir, streichelte meinen Kopf, fuhr mit den Fingern durch meine Haare, so wie ich es mochte. Aber sie blickte mich nicht an. Sie war sehr weit weg. Nur mit den Händen bei mir.
»Mama?«
Keine Antwort. Kein Kopfdrehen. Sie weinte nicht. Mama war einfach nicht da und ich bekam Angst. Dann pochte da etwas in meinem Kopf. Mein Daumen fiel mir ein und ich hob die Hand. Sie war in einen Verband eingewickelt. Von draußen kam Gelächter. Papa und Onkel Heinz.
»Was ist denn, Mama? Sag doch was.«
Ein Ruck ging durch ihren Oberkörper. Tiefes Einatmen, als wäre ihr in diesem Moment eingefallen, dass es noch eine Welt um sie herum gibt.
»Heinrich …«, sie legte meine Hand vorsichtig auf die Seite und beugte sich herunter, gab mir einen Kuss auf die Stirn. »Wie geht es dir?«
»Was ist denn passiert? Warum liege ich hier?«
»Du warst kurz ohnmächtig. Dein Papa hat wohl vergessen, dass Kindernägel nicht so dick sind wie Männernägel«, erklärte sie mir und musterte mich. »Kannst du dich an was erinnern?«
Ich nickte und deutete mit der gesunden Hand auf meinen Kopf, die rechte Seite, tippte ganz genau auf die Stelle, an der ich diesen Schmerz noch empfand.
»Da drin ist der Schmerz. Der ist jetzt noch da. Wie Opa, wenn er im Fußgängertunnel am Bahnhof ruft.« Ich fixierte einen Punkt an der Decke. »Er ist immer noch da. Wie eine Stimme in meinem Kopf. Ich kann ihn fast sehen, Mama.«
Mama seufzte. »Ruh dich ein bisschen aus.« Sie stand auf und ging hinaus. Ich drehte mich auf die Seite und schloss die Augen. Aber diese Stimme in meinem Kopf wollte nicht verschwinden. Ich dachte an einen Blitz, groß und grell, Wolken und Erde verbindend, so sah ich das Bild in mir. Nur löste sich der Blitz nicht auf. Er blieb.

*​

»Und? Was macht dein Daumen?«
Ich antwortete nicht auf Papas Frage. Es würde ihn wütend machen, das wusste ich, doch … ich konnte nicht antworten. Alles in mir sträubte sich. Ich schämte mich dafür, nicht zu antworten, aber ich spürte, dass etwas anders war in mir. Nur was? Wie sollte ich das herausfinden? Ich setzte mich neben Mama an den Frühstückstisch.
»Na, keine Antwort ist auch ne Antwort«, sagte Papa und tat sich Marmelade aufs Brot.
»Oma und Opa gehen heute in die Kirche. Wollen wir mit?«, fragte Mama. »Ich war schon lange nicht mehr …«
»In den Laden kriegen mich keine zehn Pferde. Das weißt du doch«, unterbrach Papa und schlürfte an seinem Kaffee. »Hast du Heinrich schon was gesagt?«, setzte er plötzlich nach. Mama ließ das Messer auf das Holzbrett fallen und ich meinte, dass sie kurz mit dem Atmen aufhörte. Dann seufzte sie.
»Was gesagt?«, wollte ich wissen, hob vorsichtig meine Hand und legte sie auf den Tisch. Papa stand auf.
»In die Kirche gehe ich nicht. Ich lege mich jetzt in die Badewanne. Vielleicht treffe ich mich später noch mit Jürgen.«
»Was gesagt, Mama?«, bohrte ich und sah Papa aus dem Zimmer gehen. Ich erschrak. Mir wurde eiskalt und mein Herz klopfte. Ich ertappte mich dabei, Freude über sein Verschwinden zu empfinden. Neben Mama zu sitzen und ihre Nähe zu spüren, war ein viel helleres Licht.
»Wir werden umziehen, Heinrich«, hörte ich Mama sagen, während ich noch meiner Freude lauschte, mich schämte, wunderte, ich weinen wollte. Hatte ich Papa nicht mehr so lieb? Und was hatte Mama gesagt?
»Wir ziehen um, Mama? Aber wohin? In eine neue Wohnung?«
Sie nickte und ihre Augen wurden feucht. Mehr als das. Ein Schluchzen brach aus ihr hervor. Heftiges Zittern. Schnell wollte ich sie in den Arm nehmen und vergaß die Hand. Der Schmerz erinnerte mich daran. Aber Mama rückte ein Stück ab, trocknete sich die Tränen mit dem Geschirrhandtuch.
»Papa hat eine Arbeit, mit der er viel mehr Geld verdienen kann. Uns wird es besser gehen, Heinrich. Nicht immer das Geld zählen, genug zu essen, keine Sorgen mehr«, sagte sie und ich hörte, dass sie es nur sagte, aber nicht glaubte. Wenn Mama etwas glaubte, dann war ihre Stimme so fest, dass ich mich anlehnen konnte. Aber Mama zitterte nach wie vor.
»Wo ziehen wir denn hin?«
Sie schluckte.
»Nach Köln.«
»Köln? Wo ist das?«
Sie schloss die Augen und schüttelte den Kopf.
»Und was ist mit Opa und Oma?«
»Oma und Opa, Onkel Heinz und Tante, sie werden natürlich hierbleiben.«
Ich dachte nach. Von tief unten krochen kleinen Schlangen gleich viele Gedanken in meinen Kopf. Schule? Eine neue Schule? Oma und Opa nicht mehr da?
»Aber ich will nicht umziehen«, erklärte ich spontan. »Ich will nicht weg. Hier ist unser Garten. Und Opa. Er braucht mich zum spazieren gehen. Und wenn er mal weint, nur ich kann ihm zuhören, hat er gesagt …«
Ich ließ mich unter den Tisch gleiten, ignorierte den Schmerz der Hand, krabbelte drunter hervor und rannte hinaus in den Garten. Zu den Himbeeren, hinter den Kompost. Mein Geheimversteck. Weg? Warum weg? Unter der Thujahecke zog ich die Streichholzschachtel hervor, nahm eine Nähnadel heraus und steckte sie in mein Bein. Die zweite in meine Ellbogenbeuge. Es tat weh und mich fröstelte. Wut kochte in mir hoch. Die Nadel raus, wieder rein. Den Arm beugen, aber aller Schmerz half nicht. Nichts wurde besser, leichter. Ich warf die Nadeln weg und kroch an der Hecke entlang zu Onkels Rosensträuchern. Dann ging ich mitten hindurch und die Dornen rissen und kratzten an meinem ganzen Körper. Auf der Wiese legte ich mich hin, starrte in den Himmel, meinen Pfirsichbaum. Mamas Gesicht erschien über mir. Sie legte sich neben mich.
»Warum hast du das getan, Heinrich? Das tut mir weh, weißt du? Immer wenn du Schmerzen hast, habe ich ebenfalls Schmerzen.«
Über uns waren ein paar Wolken. Käfer und Hummeln brummten.
»Warum ziehen wir um, Mama?«
Sie schnaufte.
»Ich glaube, dass es für Papa gut ist. Und damit für uns. Für uns alle. Du hast hier niemanden, oder? Thomas ist weg, Patricia ist weg. Für die anderen bist du der Sohn vom dreckigen Fensterputzer. Lass uns einfach das Glück woanders suchen, Heinrich.«
Das Glück? Etwas krabbelte an meinem Ohr. Vielleicht eine Ameise. Mama drehte sich zu mir und fuhr mit den Fingern durch meine Haare.
»Einverstanden, Heinrich?«
Ich nickte.

 
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Eine sehr warme und intime Geschichte, die einen genauso intimen Einblick in das Leben einer Familie der 70ger erlaubt. Echt schön erzählt und mit guten Bilder geschmückt. Die patriarchalen Verhältnisse sind nur angedeutet und doch sehr präsent. Obwohl in der Geschichte nicht viel passiert, passiert so viel. Auch wenn ich nicht in der Zeit aufgewachsen bin hatte ich direkt meine Familie vor Augen.
echt gut gemacht. Mir gefiel vor allem das Bild vom Sonnenlicht, dass sich in den Haaren verfängt.

 
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Hallo @Bastion,

willkommen hier im Forum. Besten Dank fürs Lesen und Kommentieren ... zu dieser Uhrzeit! Der Beginn der 70er, ja, eine spannende Zeit. Nach dem "Aufbrechen von Krusten" Ende der 60er nun das Auseinanderdriften der Gesellschaft in viele und immer kleinere Teile, die RAF radikalisiert sich endgültig. Im Fernsehen kommt Tetzlaff, der den Spiegel vorhält, die Olympischen Spiele bringen den Nahost-Konflikt vor unsere Fenster, überall entstehen Dogmen ... alles nicht unähnlich zur heutigen Situation. Damals nur 3 Programme und kein Internet. Heute wesentlich unübersichtlicher. Und dazwischen viele kleine Familien, die sich zurechtfinden müssen und Kindern neue Wege zeigen sollen, aber noch in alten Mustern stecken.

Beste Grüße
Morphin

 
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Hallo @Morphin,

was für ein Spaß, die Leute kentern, der Vater trinkt ein Bier mitten im See. Aber warum ist der Wirt wütend, das Boot ist doch noch da? Kam für mich nicht heraus. Regt er sich im Voraus auf, weil die Leute in nassen Sachen in sein Restaurant kommen wollen oder ist er wütend, weil er sich Sorgen um die Männer gemacht hat?

Die Zinken verfehlten ihr Ziel und trafen nur seitlich. In hohem Bogen flog die schöne Rindswurst von meinem Teller, über die Köpfe von Papas Freunden hinweg und landete im Split vor der gegenüberliegenden Bank.
Darauf habe ich gewartet, seitdem Heinrich sagte, er könne das alleine. Herrlich. :lol:

Omas Reaktion fand ich etwas übertrieben. Man kann auch ganz gesittet rausgehen, wenn man etwas nicht sehen will, ohne die Tür zu knallen. Ich habe nicht gesehen, warum sie sich aufregt, auch wenn der Opa immer wieder vom Krieg erzählt.

»Papa hat das Bett heute Nacht kaputt gemacht!«
Ich musste hier laut lachen. Der Vater hat Heinrich für die Sache mit der Wurst bestraft und dann zerstört er in seinem Suff die Einrichtung. Einerseits trifft es den Richtigen, andererseits greift es nach dem ernsten Abschnitt mit dem Opa und dem Krieg wieder die Heiterkeit vom Anfang auf. Zumindest ist das mein Eindruck, da sich die Tollpatschigkeit wiederholt. Irgendwie dachte ich auch, der Vater wäre Schuld am Kentern gewesen, würde passen.

Der Nagel fiel auf den Boden und der Hammer landete auf meinem Daumennagel.
Das hat sich bei "Halt den Nagel fest und hau drauf" bereits abgezeichnet. Ich weiß nicht, warum ich das auch lustig finde.

»Ich kenn das. Hab ich auch schon mal bei mir gemacht. Merkt man gar nix von. Im Nagel hat man ja gar keine Nerven.«
Nicht mehr lustig. Hier steigt Panik in mir auf.

»Rudolf …«, hörte ich Mama sagen, dann stach er zu
Ich bin hier zusammen mit Heinrich in Ohnmacht gefallen.

Ich nickte und deutete mit der gesunden Hand auf meinen Kopf, die rechte Seite, tippte ganz genau auf die Stelle, an der ich diesen Schmerz noch empfand.
»Da drin ist der Schmerz. Der ist jetzt noch da. Wie Opa, wenn er im Fußgängertunnel am Bahnhof ruft.« Ich fixierte einen Punkt an der Decke. »Er ist immer noch da. Wie eine Stimme in meinem Kopf. Ich kann ihn fast sehen, Mama.«
Heinrich wird in den Finger gebohrt und er hat Kopfschmerzen? Ich verstehe hier nur wirres Zeug, was mir den Eindruck gibt, dass es ihm ... nicht so gut geht.

»Wir werden umziehen, Heinrich«
Der Abschnitt war noch überschattet mit meiner Sorge um Heinricht. Als sie erst nicht sagen wollten, was los ist, dachte ich schon, jemand wäre gestorben. Ich bin glatt erleichtert, dass sie nur umziehen.

Schöne Geschichte. Sie hatte irgendwie einen Sog mit der Ausgelassenheit am Anfang und plötzlich finde ich mich in dem ernsten Abschnitt über den Krieg und den Streit wieder. Der Vater wirkt konsistent in seiner Inkonsistenz: regt sich über den Sohn auf, wenn dieser Fehler macht, die der Vater genauso macht. Der Vater weiß alles besser. Nicht.

Ich finde außerdem, im Vergleich zu Teil 7, dass das Ende hier abgeschlossen und rund wirkt. Finde ich gut so.

Viele Grüße
Jellyfish

 
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Feine Familiensaga, die Du uns hierorts vorgelegt hast,

lieber Morphin,

alles abdeckend vom Slapstick (wenn etwa die Wurst zu fliegen übt), dem ersten schmerzlichen, handwerklichen Versuch bis hin zu den psychischen Wirkungen aufgrund nicht nur der räumlichen Änderungen eines Umzuges aus dem badischen Pf. in die Gegend, wo die Sprache wie ein gelbliches Getränk heißt. Ich kann getrost den Vorrednern folgen und als der Name des Peter Scholl-Latour’ genannt wird, vermiss ich sogar für einen Augenblick seine Stimme …

Und obwohl ich anfangs ein Partizipien-Festival befürchtet hab, halten sich die Flusen in Grenzen.

Sie schaute nicht hin und hörte auch nicht zu. Opa jedoch sog allesKOMMA was in der Welt vorgingKOMMA wie ein Schwamm auf.

Papa fluchte laut und hämmerte wie ein WilderKOMMA während ich Mama unscharf im Spiegel hinter mir sah. Schweigend. Kopfschüttelnd.

Ich wusste nichtKOMMA wohin mit mir, mit dem Schmerz, dem Gefühl, nicht ausweichen zu können.

»Papa hat eine ArbeitKOMMA mit der er viel mehr Geld verdienen kann.

»Oma und Opa, Onkel Heinz und Tante, sie werden natürlich hier bleiben.«
besser zusammen „hierbleiben“

Gern gelesen vom

Friedel

 
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Hallo @Jellyfish,

ich danke dir fürs Lesen und Kommentieren, deine Gedanken dazu. Naja, fünf trinkende Männer in so ner Holzschale war einfach zu viel. Ich schätze, der Wirt war besorgt wegen seiner Karpfen ... und ich glaube, da stand: "Maximal 3 Personen im Boot" oder so. Herrmannsee ist ja mehr ein Weiher.

Heinrich fehlen da ein wenig die Worte beim Kopfschmerz. Es ist "das Echo". Ein deutliches Echo, gibt es in der Medizin/Psychologie oft, dass starker Schmerz einen erneuten Reiz, Nachhall, auslöst und man ihn "noch einmal" erfährt. Es fehlte ihm halt an Worten dafür. Ich hoffe, du hast die Geschichte im Liegen gelesen, von wegen Ohnmacht und so ...

Ja, Omas Reaktion ... sie hat genug vom Krieg, von Kriegen. Sirenen, ausgebombt, Mann erst in Russland, dann Italien, verschüttet, Gefangenschaft, nicht mehr voll funktionsfähig (PTBS würde man heute sagen) und dann im Fernsehen Krieg gucken. Von all dem wollte sie nichts mehr wissen.

Beste Grüße
Morphin


Servus @Friedrichard

auch dir meinen Dank fürs Lesen, Kommentieren, die Kommas und deine Gedanken. Sprichst du das Wort "Kölsch" nicht gerne aus? Kann ich gar nicht verstehen ... Ja, Auslandsjournal mit PSL war schon ein Urgestein der Volksbildung. Endlich kam die Welt mal zu uns. Opa hat es immer geguckt. Und ich mit. Besondere Ereignisse stecken als Bilder wie festgenagelt noch deutlich in meinem Kopf, etwa Jom Kippur. Darüber wurde gesprochen, was im Auslandsjournal lief. In der Schule, beim Grillen ... im Nachhinein habe ich durchaus den Eindruck, dass zumindest nicht Wenige an all dem sehr interessiert waren und sich wirklich - zum ersten Mal vielleicht - Gedanken machten. Das Betuliche, Beschauliche plötzlich einen anderen Stellenwert bekam. Für mich eine sehr wichtige Zeit. Eine formende Zeit. Erzählenswert.

In diesem Sinne wünsche ich eine schöne Woche.
Morphin

 

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