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Ikarus

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Ikarus

Ikarus
für Panamarenko (14.12.2019)

Jemand versucht, mir eine alltägliche Geschichte zu erzählen. Zunächst hör’ ich geduldig zu:

"Morgens fiel ein Mensch in den besten Jahren, loyaler Untertan seiner Herren und unbescholtener Bürger seines Gemeinwesens, dem Kirchgang abgeneigter Protestant, begnadeter Buchhalter seines HERrn und so weiter aus seinem Bett, ohne größer'n Schaden zu nehmen. Jedenfalls stellte er sich auf die Bettkante, breitete die Arme aus und schlug mit ihnen die Luft; dann sprang er hoch und weit ins Zimmer, um, natürlich, auf den Boden zu plumpsen.
Was tustu da?, fragte ich.

Er antwortete, dass er frei wie ein Vogel sein wolle, worauf ich sagte, Vögel seien auch nicht freier als and're Geschöpfe.
Trotzig erwiderte er: Sind Vögel nicht freier als and're Geschöpfe auch, will ich wenigstens wie'n Vogel fliegen können!, stellte sich erneut auf die Bettkante und wiederholte das Schauspiel - natürlich erfolglos.
Natürlich, sagte ich, Du bist kein Vogel und kannst nicht fliegen.
Darauf nannte er seinen Vater ungerecht: mein Schöpfer ist ungerecht, dass er nicht alle Geschöpfe mit gleichen Fähigkeiten ausgestattet hat."

"Heißt Ihr Mensch vielleicht Hamm?", fragt der Hörer den Erzähler, der gar nicht hinhört und fortfährt:

„Das Schauspiel wurd' wiederholt, bis sich der Mensch erschöpft auf die Bettkante setzte.
Er beugte sich vor, stützte seine Ellbogen auf die Knie, vergrub den Kopf in den Händen und grübelte.
Kannstu nicht fliegen, sagte ich schließlich, so lass Dich doch fliegen. Mach Dich federleicht. Oder setz' Dich in ein Flugzeug mit allem Komfort.
Er erwiderte, er wolle fliegen, nicht geflogen werden.

Ich hatte gehört, einige Kosmonauten wären im Weltraum geblieben und man müsse annehmen, dass sie entmaterialisiert worden seien. - Das könnte die Lösung Deines Problems sein, sagte ich.

Der Gedanke behagte ihm nicht: dass ich mich entmaterialisiere, soll eine Lösung meines Problems sein? Er traute dem nicht. –
Nicht wirklich, mein ich. –
Wie sonst? –
Indem Du Dich vergeistigst. –
Er staunte: was müsste ich dazu tun? –
Denken, denk ich.
Und er versuchte zu denken.

Einst war er ein großartiger Denker gewesen, einer, der mit seinen Ergüssen Bibliotheken anfiel und entjungferte. Allein, er hatte nie seine Gedanken aufgeschrieben, nicht einmal seine Gedanken geäußert, dass man sie hätte notieren können. Jetzt kreisten seine Gedanken in Soll und Haben, kontierte er werktäglich jahraus, jahrein Daten, die ihm andere Leute ins Büro hineinreichten und die von ihm an wieder andere Leute weitergereicht wurden und schrieb mit seinem Team Bilanzen.

Nun saß der Mensch auf der Bettkante, schaute vor sich hin, versuchte zu denken:
FLIEGEN GEDANKEN?
DENKEN FLIEGEN?
MACHT DENKEN FLIEGEN?
MACHT DENKEN FREI?
Kluge Menschen behaupten, Gedanken seien frei.
Aber worüber kann man schon denken? –
Er dachte ans Büro. –
Über nützliche und nutzlose Dinge kann man denken, über ziemlich alles und nichts. –
Dauert das nicht recht lang?, bemerkte er, um dann doch sehr tief zu denken.
Er hatte sich gedanklich eingegraben und verlor sich darinnen:

ES DENKT. ALSO IST ES.
ES DENKT MICH, ALSO WERD ICH
GEDACHT. ABER SOLLT ICH ES
SEIN, SO BIN ICH ES, DAS SICH
DENKT. ZUMINDEST KÖNNT ICH
MICH DENKEN. NUN: DENKE MICH!
ICH DENKE MICH. ALSO BIN ICH.

Er stockte.
Wenn's mich aber zum Besten hielte, wär' ich dann noch Gedanke? - Er zog eine besorgte Fratze: Wenn ich mich zu denken vergäße, wäre ich dann gedankenlos weniger als denkend? –
In eine gedankliche Sackgasse geraten, verwarf ers Denken.

WIE WÄR ES, WENN ICH GINGE,
STATT ZU DENKEN? SO WÄR ES:
ICH GEHE, ALSO BIN ICH,
DENN FIEL ICH AUF DIE NASE,
WÄR'S MEIN SCHMERZ, DEN ICH FÜHLTE,
UND MIR WÜRDE GEWISS: ICH BIN!

Erneut stockte er, denn der mögliche Schmerz schmerzte ihn, dass er allerlei Rumoren im Kopf hatte und auf dem Kopf eine Schlafmütze, dass es mehr in ihr als in seinem Kopf herumging.

Ein neues Projekt keimte in ihm: Bin ich kein Vogel und recht erdgebunden, so will ich mir doch einen Apparat bauen, der fliegen kann.
Er ging ans Werk, kritzelte Zahlen, rechnete nach geheimnisvollen Formeln, bastelte Flugobjekte, experimentierte, verwarf, entwickelte weiter, schindete sich und einen hoch technischen Eindruck.

Heißt er vielleicht Panamarenko?, frag' ich mich.

Irgendwann entschied er sich für ein Modell, das einer Mischung aus einem degenerierten Seepferdchen und einem Mondkalb glich.
Er rieb sich die Hände und meinte, dass das Gerät vom technischen Standpunkt aus flugfähig sein müsste.
Eigentlich aber, so sagte er sich, sei's unwichtig, ob's fliege oder nicht.
Wichtig schien ihm allein zu sein, dass es fliegen könnte.
Er war einfach erregt und suchte, sich zu beruhigen.
Was soll's!
Bau' ich eine Flugmaschine, die eigentlich fliegen müsste und dennoch nicht fliegt, so flieg ich immerhin mehr als einer, der sich in ein Jet setzt und chauffieren lässt.

Er heißt Panamarenko, denk' ich, sag' aber nichts.

Er schindete einen hoch technischen Eindruck, berechnete das Gewicht von Mann und Maschine, die zum Flug notwendige Energie, Spannweite, Propellerwirkung, Auftrieb, Kraftübertragung, zeichnete, sägte, brannte, formte, leimte, hämmerte, schraubte, verglich und schwitzte.
Er realisierte einen Flugapparat, einem dürrbeinigen Schlachtross und einer Nähmaschine nicht unähnlich. Als die Flügel angesetzt waren, geriet das Nähmaschinenross zum Pegasos.
Er betrachtete die Maschine: ich werde sie Europa nennen, auf dass sie den Stier zu neuen Gefilden trage. –
Wahrscheinlich wird sie niemand zu neuen Gefilden tragen. -
Du wirst ganz schön staunen, wenn sie trotz Deiner Unkenrufe fliegen wird.
Er setzte sich auf Europa, lief an und tat mit dem Gerät einen mächtigen Satz ins Zimmer.
Ich staunte: Europa flog!
Er jubilierte, Europa trug ihn.
Ich war sprachlos.

Jeder Beobachter wär' sprachlos gewesen, bemerk' ich, ohne den Erzähler unterbrechen zu können.

Und er rief, öffne das Fenster, ich will hier 'raus!
Da sie einige Kreise gezogen hatten, öffnete ich das Fenster.
Der Mief aus Abgasen, Schweiß und Gestank, das Gebräu des Lärmens, Plärrens und Schwätzens schlug mir aus dem Gewimmel der Ameisen in der Straßenschlucht entgegen. Nase und Ohren verschließend beobachtete ich, dass Europa und er den Weg durchs Fenster nahmen und gleichmäßig und zügig immer höher stiegen.
Mir stockte der Atem. Wird er je heimkehren?
Und ich war sprachlos."

Ich auch, denn der Erzähler unterbricht die Handlung und gibt zu, dass er mit ihm identisch sei:

„Er ist ich und ich war er, kurz: Erich.“

Der Zuhörer sagt ihm, dass er ihn damit nicht überrasche, worauf der Erzähler fortfährt:

„Je höher Europa stieg, desto wacher glaubte ich meine Sinne.
Ich schaute über die Stadt weit ins Land hinein, erkannte Neugierige, die entsetzt in die Höhe starrten, ich vernahm auch einzelne Laute, konnte aber keinen Sinn heraushören. Irgendwann erschrak ich. Europa schlingerte. Sie stöhnte, hustete, spuckte, ruckte und zuckte ...

Vielleicht bedurfte sie einiger Schonung auf dem Jungfernflug, bemerk' ich. Vielleicht war sie allergisch gegen Höhenluft und Witterungseinflüsse. Vielleicht war sie gar zum Fliegen ungeeignet, geb' ich zu bedenken. Der Erzähler ignoriert die Bedenken:

Europa sackte ab.
Stürzte um.
Unsere Körper trennten sich und
rasten mit zunehmender Fahrt
abwärts.“

Ich stell' fest, dass der Erzähler mit wachsender Unruhe redet: er hetzt. Er wird gehetzt.

„Jedes Fleckchen Erde geriet mit ander'n zur Synthese, sich verflüchtend zu neuen Synthesen. Stürzen. Nichts fühlen. Nichts denken. Stürzte gleichgültig, tanzte schwerelos. Kopfüber, kopfunter. Geblendet. Gelähmt. Stumm. Taub. Sinnenlos. Sinnlos.“

Der Erzähler schweigt einen Augenblick und erzählt dann gelassen weiter:

„Nur langsam kehrten die Sinne wieder. Durcheinandergewirbelt lagen die Knochen und kalter Wind blies durch sie. Alle Glieder schmerzten. Alt fühlte ich mich. Schrei'n wollt' ich und vernahm nur Krächzen. Ich öffnete den Mund, der nurmehr auf und nieder klappte, steif, fest und vorgewachsen war. Abtasten wollt' ich ihn, bracht' aber die Arme nicht nach vorn'. Die Füße verkrampften sich. Der Rücken war steif, als wär' er verwachsen. Den Kopf aber konnt' ich ungewohnt weit dreh'n.
Ich fragte mich, ob ich das noch wär', was ich da sah, und hörte wieder das Krächzen: ich blickte auf schmale, steife Schwingen und einen schmutziggrau gefiederten, leicht gekrümmten Rücken.“

Heißen Sie vielleicht Samsa?, frag' ich und zieh' die Frage sogleich wieder zurück, denn Samsa fühlte sich ja als ein ungeheu'res Ungeziefer.

„Automatisch hatten die Schwingen, von denen ich nicht wusste, ob sie zu mir gehörten,
geschlagen und dadurch die sausende Fahrt beendet. Mit den Schwingen, die zu mir gehörten, des' war ich mir nun sicher, bracht' ich die Luft unter und hinter mich, um erneut aufzusteigen.
Ich glaubte, die Stimme des Vaters zu vernehmen, die mich ermahnte, den mittleren Lebensweg zu nutzen und die Extreme zu meiden. Denn, so redete die Stimme,

steigstu zu tief hinab, so werden Dich die Wasser des Sumpfes beschweren, um Dich herabzuziehen, Dich zu ersäufen.
Versteige Dich aber auch nicht in der Höhe. Denn näherstu Dich der Sonne, so wird sie Dich erhitzen, und Dein Kleid wird Feuer fangen, dass es Dich hinabstürzt und es Dir den Hals bricht.“

Er solle nur seinem Vorbild folgen, und so. Ich glaub', ihn ertappt zu haben und frag', ob er nicht Ikarus heiße. Aber er erzählt weiter:

„Und ich lernte es ihm nachtun. Besonnen und kunstvoll schlug ich die Schwingen, den Flügelschlag zum Vorankommen nutzend. Ich stieg auf, dem Platz an der Sonne entgegen, den ich insgeheim meinen Platz nannte.“

Er schweigt, dass der Gast und in der Folge auch wir fragen: wo denn da die Pointe bleibe, schließlich hören wir nicht einer alltäglichen Mär zu, ohne dass uns eine Pointe geliefert wird!

„Wo die Pointe liegt?", fragt dieser Jemand und überlegt.

„Nun, ich konnte fliegen, hatt' es nur noch nicht gemerkt.
Mein Leben war bisher einförmig gewesen, also war es notwendig, dass ich es merkte.
Und so flog ich eines morgens davon.
Allein: ich war unfähig zu manöv'rieren. Abgescheuert war mein Schwanz vom vielen Sitzen.
Aber ich hab' dies Land gefunden, das mir bewohnbar erschien, und bin hier geblieben.“

Gott sei dank! meinen wir, allzu leicht wär' aus einem Jemand ein Niemand geworden, drück' mich in die Polster meines Sessels und les' weiter …

 
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Hi Friedrichard :)

wenn mir jemand erzählt hätte, dass ein Autor das Leben mit dem Fliegen vergleicht, hätte ich es für abgedroschen gehalten, dir jedoch, ist eine starke Geschichte gelungen.
Im Moment weiß ich zwar nicht, ob ich sie gut oder schlecht finden soll (und was ich daran gut oder schlecht finde) - sie ist sehr komplex aufgebaut - aber zumindest ist es ein sehr erfülltes Stück und auf jeden Fall respekteinflößend.


LG
Backwater

 
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Grüß Dich, backwater,

vielen Dank für Deine Worte!

Die Komplexität mancher Geschichte führt oft dazu, dass sich keiner so recht traut, etwas dazu zu sagen. Aber auch Geschichten, die nur ein Problem thematisieren, haben’s hier nicht unbedingt leicht, -

aber das wirst Du hier noch herausfinden, vor allem soll's Dich nicht abschrecken.

Gruß

friedel

 
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Hallo Friedrichard,

ich werfe hier nur ein paar Schlüssel ins Kommentarfeld:

* Gustav Freytag
* Descartes ,Principia Philosophiae' 1644
* Henri van Herwegen: 'Das Flugzeug, 1967'
* Samsa, Protagonist einer Geschichte von 1915
* Bernhard v. Bülow, 1897

und das alles und noch viel, reichlichst viel mehr, ist in Deinem Text verpackt. Recht charmant daherplaudernd, spannend noch dazu und diesmal keineswegs 'schlumpig'.

Jetzt räume ich erstmal all die Bücher von meinem Schreibtisch, bündle die Notizzettel, esse einen Apfel, hole mir erneut einen Kaffee und grüsse Dich,

in ehrlicher Hochachtung,
Gisanne

 
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Grüß Dich, Gisanne,

vielen Dank für Deine Worte! Ich ahnte, - nee, ich wusste immer schon, dass Du ein vielbelesener Mensch bist (wer auf einen Gedankengang meinerseits hin sofort beim alten Carl Gustav J. nach und rein schaut, muss sich auskennen in allen Gattungen der Lit’ratur).

Wär’s nicht ein schöner Traum, die ganze Weltliteratur in einem einzigen Text von begrenzter Seitenzahl wiederfinden zu können? Warum soll’s hier anders zu gehen als in der Physik mit ihrer Suche nach der Weltformel?

In der Popmusik ist es den Beatles gelungen, mit Sgt. Pepper die gesamte bis dahin bekannte Geschichte der Pop-Musik zusammenzufassen. 10cc hat's sogar in einer einzigen Nummer geschafft (kennt noch einer 10cc?). Und ein Anfang bzw. Versuch zu einem ähnlichen Projekt wäre der Ikarus und alle übrigen Texte zuvor Fingerübungen hierzu.

Ein bisschen bekloppt und der übernimmt sich!?, wird mancher denken. Nee, überhaupt nicht. Dass das nicht mit dem Ikarus erledigt ist und dass es mit einer Geschichte aus einem Satz auch nicht gelingen kann, weiß ich auch. Und sollt’ ich mich übernehmen, so hätt’s wenigstens Spaß gemacht.

Gruß aus dem flachen Land in die Schweiz,

friedel

 
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Hey Friedrichard,

Dingens hab ich noch gesehen. Morgenstern, das Mondkalb. Der Bewusstseinsstrom taucht auf (passenderweise beim Absturz, der für die Weltkriege stehen könnte), der ist von Joyce etabliert worden - und ein kleines "und so" am Ende ist dann die Moderne, der Pop. Ich denke, also relativier ich.

Was mir gefällt, ist der Gag, den Erzähler nochmal zu hinterfragen, die zusätzliche Brechung. Dass der Erzähler noch einmal bewertet wird: Er erzählt hektisch, natürlich wenn er abstürzt.

Die Geschichte der Rock-Musik hat übrigens auch mal jemand zusammengefasst, ehm, mein Namensgedächtnis... Don McLean zusammengefasst: American Pie. Literarisch wird's da schon sehr schwer, glaub ich.

Du verwendest Ikarus als den Himmelsstürmer, Prometheus ist da immer mein Favorit, als Fan der Menschheit. Ikarus war ja ein ziemlicher Idiot, das muss man schon mal so hart sagen. Von daher ist so ein Versuch, durch die Literatur-Geschichte zu donnern, ähnlich wie der Flug des Ikarius natürlich eine Handlung der Hybris - und gehört eigentlich hart bestraft. Aber weil die Nemesis gerade Urlaub hat, sag ich mal:
Jau, gelesen. Aber ohne Sekundärliteratur wird's da für mich mit dem Verständnis nix. ;)

Gruß
Quinn

 
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„Ich denke, also relativier ich.“
Quinn​

Hallo, Quinn,

entschuldige, dass ich erst mit einem Tag Verspätung antworte. Hatte gestern die erste Lesung seit, hm, lass mich rechnen, genau 31 Jahren. Dann kam der Beruf voll dazwischen. Und nächste Woche geht’s weiter mit einem Versuch in einer Theatertruppe. Da bin ich jetzt schon reichlich nervös (hätt nie gedacht, dass ich im 6. Jahrzehnt meines Lebens noch richtig Lampenfieber kriegen könnt’!). Aber jetzt zum Kommentar:

Habe, wie immer, Deine Stellungnahme Aufmerksam gelesen, und - nach Gisanne - hastu einige weitere mögliche Quellen aufgeführt, ohne dass sie unbedingt verwendet worden sein müssen. Z. B. Morgenstern, den ich mit Vergnügen in jungen Jahren gelesen hab. Aber der ist, zumindest nicht bewusst, verwendet worden, - ist aber eine schöne Anregung, demnächst etwa den Weswolf irgendwo einzuarbeiten, falls Bingo mal wieder die Oberhand gewinnt.

Joyce ist natürlich nicht unrichtig beim Quellenstudium. Das schöne ist, dass Finnegan’s Wake mit meinen Initialen abgekürzt wird. Wenn das kein Wink ist!

Der „Gag“, der Dir besonders gefällt, ist Stilelement insbesondere Jean Pauls. Da mischt sich gelegentlich auch das Publikum ein. Ich mein vor Jahr & Tag den Begriff der „romantischen Ironie“ dafür gelesen zu haben. - Es wäre tödlich für mich gewesen, sie in meinem Beruf anzuwenden. Jetzt kann ich mich austoben!

Ob „American Pie“ (eine sehr schöne, aber auch vom inhaltlichen schwer verständliche Ballade) die Geschichte der Rockmusik zusammenfasst, möchte’ ich fast bezweifeln. –
Da wär dann schon eher m. E. das „Weiße Album“ angesagt, wo etwa mit „Helter Skelter“ bereits Hendrix & Cream eingebaut sind, obwohl sie da gerade erst in den Anfängen steckten. –
Gleichwohl bedeutete diese eine Nummer für McClean Sicherheit, dass er auf die Frage nach der Bedeutung des Songs sagen konnte "It means I never have to work again". So etwas wünscht sich doch jeder normale Sterbliche, - außer workaholics natürlich.

Dass das fürs Literarische ungleich schwieriger wird, steht außer Frage.

Ikarus ist ein Idiot.

Gleichzeitig sind wir alle, die sich an den „mittleren Weg“ halten Idioten, uns von einer kleinen, radikalen Minderheit, die zu wissen vorgibt, was uns allen gut täte, terrorisieren zu lassen. Insbesondere lässt das angepasste Verhalten der großen Masse der Leute diesen Terroristen in Nadelstreifenanzügen wirklich gut gehen. Nicht umsonst sagt Biermann irgendwo „Wer sich nicht in Gefahr begibt, der kommt drin um“.

Immerhin benannten die Griechen Sizilien nach diesem idiotischen Ikarus.

Der von Dir favorisierte Prometheus gehört einer ganz anderen Generation als Ikarus an, nämlich der Generation v o r den Göttern Griechenlands, den Titanen. Er ist also in diesem Sinne „übermenschlich“, aber auch ein Idiot, der sich in Gefahr begibt. Da ruinier ich mir doch die Leber selbst mit der einen oder andern Droge ...

Ich lese derzeit Lévi-Strauss und da werden für beide Amerika u. a. Mythen über die „Erfindung“ des Feuers genannt/erzählt, dass ich die Erwähnung Prometheus’ als Hinweis sehe, mich an diesem Mythos zu versuchen. – Schaun’mer mal, wie der letzte deutsche Kaiser zu sagen pflegt.

Einwurf: Ich hass’s, wenn Antworten länger sind als die Kommentare, die beantwortet werden wollen! Bei Texten lässt es sich nicht vermeiden …

Darum zum Schluss:

Jede Wette: Du bringst auch ohne Sekundärliteratur eine Interpretation zustande (selbst wenn’s jetzt überflüssig wirkt: bin ich von überzeugt!), und ich lass mich überraschen!

Gruß

friedel

 
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Hallo Friedel,

Dein Ikarus gefällt mir von den Texten, die ich bisher von dir gelesen habe, am besten. Find es bewundernswert, was du diesem Thema an neuen Aspekten abgewinnst. Es sind stilistisch schöne Elemente drin, manches erinnert an Theater, an Bühnenvortrag, womit du dich ja auch beschäftigst. Der Text hat viele tolle Elemente, der große Spannungsbogen fehlt allerdings auch hier. Ich selber vermisse ihn sehr, aber vielleicht braucht ihn auch nicht jeder Text. Entschädigt werde ich durch die vielen geisteichen Formulierungen.

besonders gefallen:

Trotzig erwiderte er: sind Vögel nicht freier als and're Geschöpfe auch, will ich wenigstens wie'n Vogel fliegen können!

Er erwiderte, er wolle fliegen, nicht geflogen werden.
Einst war er ein großartiger Denker gewesen, einer, der mit seinen Ergüssen Bibliotheken anfiel und entjungferte.

schöne grüße petdays

 
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12.04.2007
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Ja, totgeglaubte leben länger, wie dieser auch von mir bewunderte (wie streng ich schon am Anfang geschrieben hab, ich staun jetzt über mich selbst) kleine Text, in dem alles ausprobiert wurde, was Jean Paul, den ich in Bälde gänzlich durch hab, mir in jüngeren Jahren vorgemacht hat,

Dein Ikarus gefällt mir von den Texten, die ich bisher von dir gelesen habe, am besten.
Soll wohl so sein,

liebe petdays.

Schade, dass die Theaterleute sich in alle Himmelsrichtungen zerstreut haben und hoffentlich ihren Mann nährende Jobs, am besten natürlich Engagements gefunden haben.

Nun ja, der Spannungsbogen wird von mir gerne ironisiert. Aber das sollte niemand stören.

Es danken Dir Daedalus, pardon,

Friedel und Ikarus, den Du nach einem halben Jahrzehnt wiederentdeckt hast, was mich am meisten freut.

Gruß

Friedel

 
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Holdirho Friedrichard,

wie immer ein Vergnügen, dich zu lesen. Besonders nach so langer Zeit mal wieder.
Allein für die Erkenntnis, dass Vögel auch nicht freier sind als andere Geschöpfe sind, danke ich dir. Ich freu mich schon drauf, wenn bald mal wieder jemand ausruft, dass er frei wie ein Vogel sein möchte.

Auch Erich, er war ich und ich war er und so. sehr gut.
Manchmal merkt man halt, dass du gerne makante Sätze in einen Text einbinden musst. Ich kenn das Problem. Aber für mich ist alles Geschichte, daher brauchst du mir meinetwegen soviel Mühe auch nicht machen.
Ich les auch gerne Geschichte ohne Geschichte. Und bei dir ist ja sogar noch der Flug der oder des Europa vorhanden, eingewoben in Erzählebenen und Expressionen bis zur descatschen Seinsverballhornung.

gerne!

 
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Ja das ist eine Überraschung nach so langer Zeit,

lieber Aris,

ich glaubte Dich schon verschollen in den Weiten des Universums.

Wie immer ein Vergnügen, von Dir zu hören, pardon, zu lesen und eine Freude, Dich vergnügt zu finden. Da braucht es keines Dankes für kleine weltbewegende Erkenntnisse, die ich selbst breittrete. Und: ich müh mich gern!

Dank für's Lesen & Kommentieren (es trauen sich erstaunlich wenig an einige Texte, die doch so leicht sind als eine Gänsefeder im Kopfkissen knarrt).

Gruß & möge der bessere Latino gewinnen!

Friedel

 
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Ja, da schau her,

lieber Friedrichard,

wie du deine Texte zwischen den Experimenten versteckst und deine Zeilen nicht wissen, ob sie tiefsinnig, verwirrend, sympathisch, philosophisch, spannend oder einfach nur sentenzig sein wollen - zugleich alles auf einmal tun. Fleißig sind deine Zeilen, und wahrlich kippst du dir reichlich hochprozentige Literatur in den Rachen, ohne dass einem schlecht würde. Es vereint, ohne bemüht zu wirken. Das finde ich wunderbar. Freytag war ich schon einmal im Theater, Descartes kann ich aussprechen, glaube ich, Kafkas widerliches Insekt ist mir freilich unter die Klappe gekommen und Ikarus hab ich sogar vom Lateinischen ins Deutsche geholt, vermutlich sehr "brüchig" und dennoch lässt sich deine Erzählung auch so lesen, ganz alleine - Leselampenscheinwerferlicht drauf gerichtet.

Sind sehr viele Sätze dabei, die mir gut gefallen:

Vögel seien auch nicht freier als and're Geschöpfe.

Darauf nannte er seinen Vater ungerecht: mein Schöpfer ist ungerecht, dass er nicht alle Geschöpfe mit gleichen Fähigkeiten ausgestattet hat.
Mit ein bisschen Religion nachgewürzt, da bleibt der Schöpfer Vater und der Mensch wie immer undankbar.

„Er ist ich und ich war er, kurz: Erich.“
So einfach eigentlich, aber trotzdem noch nie gehört.

Heißen Sie vielleicht Samsa? frag' ich und zieh' die Frage sogleich wieder zurück, denn Samsa fühlte sich ja als ein ungeheu'res Ungeziefer.
zerfranzt ...

steigstu zu tief hinab, so werden Dich die Wasser des Sumpfes beschweren, um Dich herabzuziehen, Dich zu ersäufen.*
Versteige Dich aber auch nicht in der Höhe. Denn näherstu Dich der Sonne, so wird sie Dich erhitzen, und Dein Kleid wird Feuer fangen, dass es Dich hinabstürzt und es Dir den Hals bricht.“
Das hast du wirklich wunderbar parabelisiert.

Abgescheuert war mein Schwanz vom vielen Sitzen.
hahaha, köstlich!!!

Wär’s nicht ein schöner Traum, die ganze Weltliteratur in einem einzigen Text von begrenzter Seitenzahl wiederfinden zu können? Warum soll’s hier anders zu gehen als in der Physik mit ihrer Suche nach der Weltformel?*
Da haust du einfach solch einen Gedanken in einen Kommentar. Chance auf Lieblingszitat!


Einige Anmerkungen:

Vielleicht bedurfte sie einiger Schonung auf demJungfernflug,bemerk' ich.
Da bemerk' ich: ein Leerzeichen fehlt.

Schrei'n wollt' ich und vernahm nur krächzen.
Krächzen.

FLIEGEN GEDANKEN?*
DENKEN FLIEGEN?*
MACHT DENKEN FLIEGEN?*
MACHT DENKEN FREI?
Fliegen A
Denken B

A B
B A
B => A
B => frei

Mein Vorschlag wäre, für ganz zuletzt: MACHT FLIEGEN FREI, weil das Denken ja dann vom Fliegen kommt, vermutlich.

Doch, hat mir sehr gut gefallen. Das ist wieder so eine Geschichte, die man hundertmal lesen kann und immer wieder etwas Neues findet. Ich mag auch deinen Erzähler und die Art, wie du erzählst. Dieses Mal fühl ich mich an keinster Stelle aus dem Lesefluss geworfen - denn zugegeben, übertreibst du'S manchmal, aber hier bleibt man in der Spur. Komisch eigentlich, müsste man gerade bei dieser Geschichte sowas von herunterfallen, herausgeschleudert werden. Und da kommen wir schon zu den Verben: Respekt. Sie häufen und paaren sich und wirken einfach toll, machen das Ganze lebendig. Ein bisschen von einem Märchen hat deine Erzählung auch.

Übers Fliegen haben schon viele Menschen nachgedacht. Selten so schön wie du ...

Beste Grüße
markus.

Lass dich vom Glück stalken!

 
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Lass ich gelegentlich,

lieber markus,

denn zu oft täte dem G. nicht gut.

Und damit erst einmal Danke fürs Lesen und kommentieren eines meiner Erstlinge, als man vielleicht noch nicht wusste, was für ein Laborant da seine Hexenküche einrichtete. Und ich experimentier halt gern mit Sprache und so wenig jeder eine chemische Formel oder was da gerade geschieht begreifen kann / will, geht's halt auch mit manchem Text. Da geht es halt manchmal wie bei einem guten Wein, den selbst ich nicht zu würdigen wüsste als Biertrinker /nur Jean Paul war selbst darin besser als ich).

Aber warum immer so förmlich in der Begrüßung, wo doch der Friedel was ganz anderes bedeutet als die vereinigten Vornamen, von denen jeder so streng wirkt, wie ich wohl gar nicht sein kann?

Doch zurück zu Deinem Kommentar, der mich sehr gefreut hat, vor allem, weil wir auf gleicher Augenhöhe sprechen, denn wie anders könnte man die Zeilen

Freytag war ich schon einmal im Theater, Descartes kann ich aussprechen, glaube ich, Kafkas widerliches Insekt ist mir freilich unter die Klappe gekommen und Ikarus hab ich sogar vom Lateinischen ins Deutsche geholt,
einordnen? Und wenn man dann noch begreift, dass sich nicht nur Substantiv, Verb und Adjektiv zusammenführen lassen, sondern auch Pronomen, so ist das doch eine wundervolle sprachliche wie gesellschaftliche Entdeckung nebst Kommentaren.

Übers Fliegen haben schon viele Menschen nachgedacht. Selten so schön wie du ...

Dank Dir aus'm kühl geword'nen Pott

Friedel.

der die zu korrigierenden Stellen erst noch suchen muss ...

 
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Hallo Ihr Lieben,

grüß Dich, Markus -

unter der Schlafmütz bin ich also in mich gegangen, Deinen Vorschlag zu den ersten vier Fragen des Ikarus auf der Bettkante zu überdenken –

und wie zur Bestätigung der Thesen Ikarus’ hastu eine mittlere Katastrophe ausgelöst und am meisten wundert mich, dass es in fünf Jahren weder einem Leser noch mir selbst aufgefallen ist: Die Zeichensetzung folgt eigenwilligen Regeln – und schon ist die Legitimation als Oberlehrer dahin! Da muss ich erstmal Kollegen Seume – ein notorischer Fußgänger (wie ich), der der Auffassung war, nur der aufrechte Gang sei dem Menschen angemessen – konsultieren, ob er denn überhaupt mit mir’n Bierchen trinke, den entstandenen Kummer zu ersäufen. Und wenn nicht, muss ich eben bayreuth sein, mit Jean Paul Maß voll zu trinken … Aber der ist im Gegensatz zu mir Dorfschulmeister.
Na, bisher hatten wir immer Spaß und er wird sich an seine Levana halten und ich hab im Schweiße meines ... naja, korrigiert, was zu korrigieren war.

Markus hat vorgeschlagen

… für ganz zuletzt: MACHT FLIEGEN FREI, weil das Denken ja dann vom Fliegen kommt, vermutlich
als Ergebnis einer formelhaften Auflösung der ersten vier Zeilen
FLIEGEN GEDANKEN? / DENKEN FLIEGEN? / MACHT DENKEN FLIEGEN? / MACHT DENKEN FREI?

Fliegen A / Denken B // A B / B A // B => A / B => frei

Aber Fliegen allein macht so wenig frei wie Fliehen (was Gedanken wie die wörtliche Rede halt so tun) oder Fließen (Frei-schwimmer) und die Rede des Arztes, dass jemand sich freimachen solle, mag Fliegen noch so sehr der Reisefreiheit zuzurechnen sein, wie Meinungsfreiheit eigentlich nur die Weiterführung der Gedankenfreiheit ist, von der das Volk immer schon sang, dass die Gedanken frei sind. Sie durften (und dürfen heute noch) nicht geäußert werden und wenn doch um den entsprechenden Preis dieser Freiheit.
Freiheit setzt sich immer von seinem Gegenteil ab, dem Zwang und dem Müssen. Hegel hat das als staatserhaltender Philosoph auf die ironische Formel gebracht, Freiheit sei Einsicht in die Notwendigkeit -
die sich gerne als alternativlos darstellt (wie mancher statt des „müssen“ das Verb „dürfen“ verwendet).

Markus hat natürlich recht, insofern Denken flüchtig wie die wörtl. Rede ist und als Frage wär's in jedem Fall erlaubt. Sicherer aber wäre -

der Konjunktiv, und damit - so fürchte ich - fiele die Geschichte in ein Konjunktief ...

Was meint das Publikum?

Gruß

Friedel

 
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Lieber Friedel

Ich verirre mich eher selten in diese Rubrik, da solch Experimentelles mir oft wie verbale Vexierbilder oder einfach wie ein Rebus vorkommen. Ich mag da mehr lineare Geschichten. Ob ich den vorliegenden Text also zu verstehen vermag, muss sich weisen. Auch hatte ich nur deinen Letzten sowie die beiden ersten Fremdkommentare von Backwater und Gisanne gelesen. Sie legte teilweise offen, welcher Quellen du dich bedientest, so dass ich ohne Umschweife allein den Inhalt aufnehme.

Darauf nannte er seinen Vater ungerecht: mein Schöpfer ist ungerecht, dass er nicht alle Geschöpfe mit gleichen Fähigkeiten ausgestattet hat.

Hier tat der Möchtegernvogel seinem erdachten Schöpfer möglicherweise unrecht. Wenn auch in Paläontologie nicht sehr bewandert, meine ich mich zu erinnern, dass einer Reihe Lebewesen, dem feuchten Nass entronnen, Flügel wuchsen. Ich will damit weder die Thesen von Charles Darwin beurteilen, noch den Angelusianern Auftrieb geben, aber die Prüfmethode des Ausschlusses funktioniert hier nicht, die Schuldzuweisung ist folglich so oder so unzulänglich.

FLIEGEN GEDANKEN?
DENKEN FLIEGEN?
MACHT DENKEN FLIEGEN?
MACHT DENKEN FREI?
Kluge Menschen behaupten, Gedanken seien frei.

Hm, beim Lesen des Reimes fällt mir die Melodie aus dem Takt, und dann noch ein abdriften in die Internationale. Ich dachte, du als der Autor, stehst auf Sattgrün.

Blies kalter Wind durch meine Knochen.

Der Sturz gewährte da dem Denken wohl volle Entlastung und schenkte den verwirrten Gefühlen freien Flug, dass der Mensch wieder zu sich finde, eine Einheit von Denken und Gefühl sich einfinde.

Allein: ich war unfähig zu manöv'rieren. Abgescheuert war mein Schwanz vom vielen Sitzen.

Real dürfte er wohl das Steissbein meinen, welches beim Sturz eine Luxation erlitt. Dieses Ding bewog schon manchen fantasievoll anzunehmen, es sei ein Stummel wie bei einem kupierten Hund, und der Mensch habe früher auch über ein solches Ruder verfügt.

Also Ikarus begegnete mir als solcher nicht, seine Wachsflügel, welche die Sonne mit ihren Strahlen heiss küsste, schmolzen mir nur in der Erinnerung an dessen Gestalt. Doch die Konstruktion, welche der teutonische IKEAus da aus verschiedenem be(sch)raubte, brachte mir eine andere Erinnerung hoch, ein kurzer Filmausschnitt über die Brüder Wright, die damals vogelgleich abhoben.

Also Spass hat es mir vom Inhalt her sehr gemacht, aber das literarische Experiment blieb mir verborgen, drum mach ich mal erst wieder einen Bogen und wende mich dem Linearen zu.

Schöne Grüsse

Anakreon

 
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Hallo Anakreon,

schön, Dich mal vom geradlinigen Weg abgebracht zu haben. Aber muss man dann sofort auf eine armselige, hilflose Person mit dem Lineal einschlagen? Aber

die Schuldzuweisung ist folglich so oder so unzulänglich.

Zitat:
FLIEGEN GEDANKEN?
[...]
Kluge Menschen behaupten, Gedanken seien frei.
Hm, beim Lesen des Reimes fällt mir die Melodie aus dem Takt, und dann noch ein abdriften in die Internationale. Ich dachte, du als der Autor, stehst auf Sattgrün.
Du kennst aber Lieder ... aber sattgrün? Eher infrarot (schräges, aber schönes Wort), wenn's denn schon sein muss ...

Zitat:
Blies kalter Wind durch meine Knochen.
Der Sturz gewährte da dem Denken wohl volle Entlastung und schenkte den verwirrten Gefühlen freien Flug, dass der Mensch wieder zu sich finde, eine Einheit von Denken und Gefühl sich einfinde.
Prima Deutung!

Real dürfte er wohl das Steissbein meinen,
nicht falsch, aber der Pferdeschwanz findet sich ja auch nicht nur am Pferdeende. Aber haben nicht unsere entfernten Verwandten (ich sag mal Gibbon) einen voll ausgebildeten?

Also Ikarus begegnete mir als solcher nicht,
ist schon korrekt. Es ist eher ein Ikaross ... Da wäre dann
teutonische IKEAus
auch eine Möglichkeit.

Also Spass hat es mir vom Inhalt her sehr gemacht,
was es auch soll und mich somit auch freut. Und geben wir's zu: bissken Geheimnis muss bleiben ...

Schön, dass Du Dich hierher verirrt hast!

Gruß & schönes Wochenende (schon wieder fast so viele e) wünscht der

Friedel

 
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Hallo Friedl,
Vorweg, ein gutes, ein gelungenes Experiment. Insoferne, als es Kritiker wie mich davor stehen lässt, ohne dass ich recht weiß, was ich dazu sagen kann. So ist jetzt der Job des Kritikers durchaus schwere Arbeit.
Die Art wie du dich deiner Quellen bedienst und wie du sie zusammenfließen lässt ist gut gemacht, insbesonders im Zeitalter des Internets, wo Panamarenko in 0,16 s gegoogelt ist. Auch den Aufbau der Geschichte, die Suche nach der Freiheit sehe ich als gelungen an, doch am Ende lässt mich die Geschichte ratlos zurück wie zuvor. Mag es des Autors Ziel gewesen sein, mich zum Nachdenken anzuregen, so sei es als gelungen. Zufriedengestellt fühl ich mich durch die Geschichte nicht. Wo ist der Ausweg aus dem ganzen?
Ich wurde einmal gezwungen, Den Anfang von Finegans wake zu kritisieren. - - das ist jetzt weder Lob noch Kritik. Deine Geschichte spielt in einer ähnlichen Kategorie, ich find sie aber "verständlicher". Und das ist gut so.

Und nun noch eine Stelle, an der ich nach zweimaligem Lesen zur Kritik einhaken vermag:

Nun saß der Mensch auf der Bettkante, schaute vor sich hin, versuchte zu denken:
FLIEGEN GEDANKEN?
DENKEN FLIEGEN?
MACHT DENKEN FLIEGEN?
MACHT DENKEN FREI?
Kluge Menschen behaupten, Gedanken seien frei.
Hier geraten die zwei letzten Sätze aus dem Rythmus. Ich muss es sagen, ohne eine Lösung für das Dilema vorschlagen zu können.
begnadeter Buchhalter seines HERrn und so weiter aus seinem Bett, ohne größer'n Schaden zu nehmen
ich gehe mal nicht davon aus, dass die Großschreibung im HERrn ein Tipfehler ist. Allerdings weiß ich damit nichts anzufangen. Ein lautmalerisches Experiment?

lg
Bernhard

 
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Zuletzt bearbeitet:

Vorweg, ein gutes, ein gelungenes Experiment -
was mich sehr freut,

lieber Bernhard -

aber etwas ist noch erfreulicher: dass Du Dich herantrautest und erkennst, dass ich bis zu meiner Liaison mit Anna Livia Plurabella (der ALP in Finnegans Wake, den manche nichts ahnend gar mit Genitiv-s fälschlich schmücken).

Es ist eh das Kreuz des Kritikers, seine Sicht der Dinge in mehrdeutigen Geschichten einzubringen: Kritik ist ebenso sehr Arbeit wie's Texten. Nicht jeder Hit ist wie der Hound Dog in einer 1/4 Stunde fertig. Bei solchen Ereignissen bleibt mir Sprache wie Spucke weg.

Wenn ich Dir jetzt noch verrat, dass ich das Internet gar nicht für solche Dinge gebrauch, sollte es auch keine Überraschung sein - dennoch seh ich's als Lob an

Die Art wie du dich deiner Quellen bedienst und wie du sie zusammenfließen lässt ist gut gemacht
- und der Witz ist, dass ich manchmal gar nicht mehr weiß, bei oder in wem ich was fand und im Köpfchen zu Brei mit anderm vermengte und mit Autobiografischem oder aus der aktuellen Nachrichtenwelt - "I read the news today, oh boy" beginnt der Tag im Leben des Johnny B. Goode Lennon wie des kleinen Friedel.

Mag es des Autors Ziel gewesen sein, mich zum Nachdenken anzuregen, so sei es als gelungen.
Das ist gut und ich geh von aus - durch das, was ich von Dir kenn - dass Du auch einen eigenen Kopf hast. Aber unzufrieden muss man nicht die Geschichte verlassen: Hastu nicht wenigstens einmal gelacht (oder auch geflucht)? Das wär Schade und ich müsste auf andere Experimente (natürlich von mir) hinweisen ... Was natürlich kein Ausweg aus Deinem Dilemma sein muss, aber sein kann.
Deine Geschichte spielt in einer ähnlichen Kategorie, ich find sie aber "verständlicher".
Und das ist gut so. Aber unlösbar ist der Joyce auch nicht ...

Und nun noch eine Stelle, an der ich nach zweimaligem Lesen zur Kritik einhaken vermag:
Zitat:
Nun saß der Mensch auf der Bettkante, schaute vor sich hin, versuchte zu denken:
FLIEGEN GEDANKEN?
DENKEN FLIEGEN?
MACHT DENKEN FLIEGEN?
MACHT DENKEN FREI?
Kluge Menschen behaupten, Gedanken seien frei.
Hier geraten die zwei letzten Sätze aus dem Rythmus. Ich muss es sagen, ohne eine Lösung für das Dilema vorschlagen zu können.
Ist doch einfach: Ein Vierzeiler eingeklemmt in Prosa ("Nun saß ... seien frei.")

Zitat:
begnadeter Buchhalter seines HERrn und so weiter aus seinem Bett, ohne größer'n Schaden zu nehmen
ich gehe mal nicht davon aus, dass die Großschreibung im HERrn ein Tipfehler ist. Allerdings weiß ich damit nichts anzufangen. Ein lautmalerisches Experiment?

Nee, die Alten schrieben so Gott als den HERrn.

Um es zu vereinfachen: Eine Lösung liegt in Anfang und Ende, begonnen bei den Missfitts hier aus der Nachbarschaft ...

Ich dank Dir für's Lesen & Kommentieren +
wünsch Dir ein schönes Wochenende!

Friedel

 
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Aber unzufrieden muss man nicht die Geschichte verlassen: Hastu nicht wenigstens einmal gelacht (oder auch geflucht)? Das wär Schade und ich müsste auf andere Experimente (natürlich von mir) hinweisen ... Was natürlich kein Ausweg aus Deinem Dilemma sein muss, aber sein kann.
Doch habe ich - geschmunzelt und nicht geflucht. Die Geschichte enthält einige sehr tolle sprachliche Kleinode:
Er antwortete, dass er frei wie ein Vogel sein wolle, worauf ich sagte, Vögel seien auch nicht freier als and're Geschöpfe.
Trotzig erwiderte er: sind Vögel nicht freier als and're Geschöpfe auch, will ich wenigstens wie'n Vogel fliegen können!
ist meine Lieblingsstelle.

lg
Bernhard

 
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Hallo Leute,

da entwickelt wohl jeder seine Lieblingsstelle/n, wobei der Wunsch zu fliegen wohl in uns allen steckt. Und es beruhigt mich, dass Du,

lieber Bernhard,

schmunzeln konntest. Aber auch für Anakreon sei noch ein Geheimnis gelüftet (und auch allen, die's interessiert):

Zitat:
Blies kalter Wind durch meine Knochen.
Der Sturz gewährte da dem Denken wohl volle Entlastung und schenkte den verwirrten Gefühlen freien Flug, dass der Mensch wieder zu sich finde, eine Einheit von Denken und Gefühl sich einfinde.

Wesentlichen Anteil an der Konstruktion des Ikaross gaben mir Artikel im Brockhausüber Vogel/Vögel insbesondere des Raben und der Rabenvögel / Krähen(vögel). Brockhaus, Ausgabe 1890-er Jahre 14. Auflage. Die Bände dienen heute noch der Standfestigkeit eines Regals zu EL - was Deiner Deutung,

lieber Anakreon,

keinen Abbruch tun kann!

Gruß & schönes Restwochenende vom

Friedel

 

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