Hallo @Chinanski
Ich finde, dass du gut mit Bildern bist – die Atmosphäre fängst du gut ein und insgesamt fand ich den Text auch angenehm zu lesen. Die Erzählstruktur machte es mir allerdings extrem schwer, dabei zu bleiben, weil ich weder die Personen noch die Situation zuordnen konnte. Dabei stört mich nicht, dass am Ende offen bleibt, was genau die Situation ist, weil dafür hast du (zumindest meiner Ansicht nach) genug Hinweise gestreut. Ich lese es so, dass sie die Frau begehrt und sich (aus welchem Grund auch immer) vor dem Onkel ekelt. Aber bis zu dem Punkt hin, muss ich ehrlich sagen, wäre ich gar nicht gekommen, wenn wir nicht in diesem Forum hier wären, weil ich als "gewöhnlicher" Leser einfach nicht so viel Geduld habe. Versteh mich nicht falsch: Ich mag es zu rätseln, aber ich fühlte mich einfach nicht gut "eingebettet" in der Story. Die Fragen, die ich mir stellte, waren nicht die Richtigen, d. h. ich hab mich nicht gefragt: Oha, warum ist die Frau im Zimmer, was geht da ab? Sondern meine Fragen waren: Ist das jetzt eine Frau? Sind es zwei Frauen? Wer beschreibt hier wen? Wo bin ich grade? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? etc. Da musste ich einige Absätze öfter lesen. Vielleicht auch, weil auch die personale Erzählerin recht vage bleibt. Ich machs mal an ein paar Beispielen fest:
Edit: Nach Stureks Anmerkungen überarbeitet. Danke an dieser Stelle nochmal. Konkret geändert: erster Satz, Zeitenfolge im Metzger-Absatz, Bezug beim Ersticken-Bild, Brücke vor dem Schnarchen-Absatz, sowie weitere kleinere inhaltliche Änderungen. Die ursprüngliche Fassung ist im Diskussionsverlauf nachvollziehbar.
Also vorweg: Das hier gehört denk ich eig. eher in die Info-Box.
Ihre Augen blickten auf die zwei Gestalten, fuhren über die zarten Gelenke der Frau, über das sanfte Heben ihrer Brust.
"fuhren" hört sich für mich so an – trotz der Augen – als würde sie sie berühren. Bei den Augen kenne ich eher den Begriff "schweifen". Das mag nur ne Kleinigkeit sein, aber hat bei mir dazu geführt, dass ich nochmal an den Satzanfang zurückspringen musste, und mich vergewisserte, dass sie wirklich nur hinblickt und nicht grade jemanden berührt.
Die Nächte waren heiß im Moment.
Das "im Moment" kann man eig. streichen. Wobei ich mich auch frage, warum die Information hier überhaupt wichtig ist, weil sich darauf ja nichts weiter aufbaut, sofern ich nichts übersehen habe.
Mit feuchten Händen betrat sie das fremde Schlafzimmer. Die Gardinen waren zugezogen, nur ein Schimmer des Mondes schaffte es, einen weißen Streifen auf den kargen Holzboden zu werfen. Sie setzte sich in den alten Stoffsessel vor dem großen Bett, hörte ihr Herz rhythmisch pochen.
So: Hier startest du mit der Perspektive von der Protagonistin, die ihr eigenes Herz rhythmisch pochen spürt. Danach kommt ein Satz, der sich auf die beiden Personen im Bett bezieht und dann das hier:
Der Körper, ab Hüfthöhe von einem Leinentuch bedeckt. Die Nächte waren heiß im Moment.
Hier sind auch die Personen im Bett gemeint, denke ich. Beim ersten Mal lesen, war ich mir nicht sicher. Obwohl es eig. so wie es geschrieben steht, klar sein sollte. Ich denke, dass es daran liegt, dass die Ich-Erzählerin selbst so blass bleibt und ich als Leser - trotz der klaren Beschreibungen - nicht verortet bin. Zumal es dannach (mit Absatz, aber dennoch) so weitergeht:
Wie ein Pförtner saß sie da, lauschte dem leisen Ticken der Wanduhr. Tick. Tick. Der Tag war schwül und laut gewesen.
Also wieder mit der Protagonistin. Das heißt, in den ersten 4 Sätzen geht es von Protagonistin zu Beobachtung und wieder zur Protagonistin. Das bringt eine Unruhe in den Text, die es mir als Leser schwer macht, das ganze einzuordnen. Vielleicht hilft hier die Reihenfolge ein bisschen, wenn absichtlich Innenperspektive weggelassen wird, so vielleicht:
"Mit feuchten Händen betrat sie das fremde Schlafzimmer. Die Gardinen waren zugezogen, nur ein Schimmer des Mondes schaffte es, einen weißen Streifen auf den kargen Holzboden zu werfen. Sie setzte sich in den alten Stoffsessel vor dem großen Bett, hörte ihr Herz rhythmisch pochen. Wie ein Pförtner saß sie da, lauschte dem leisen Ticken der Wanduhr. Tick. Tick. Der Tag war schwül und laut gewesen. Eine Familienfeier im alten Landhaus ihrer Großeltern.
Ihre Augen blickten auf die zwei Gestalten im Bett, fuhren (schweiften) über die zarten Gelenke der Frau, über das sanfte Heben ihrer Brust. Der Körper, ab Hüfthöhe von einem Leinentuch bedeckt. Die Nächte waren heiß im Moment. Die Feier glich dem letzten Jahr. Wie immer. Abgesehen von ihr. Abgesehen von der neuen Freundin des Onkels."
Sind eig. nur ein paar kleine Änderungen drinnen (das fettgedruckte), ansonsten habe ich nur die Sätze umgestellt, um den Fokus ein bisschen zu schärfen. So würdest du mit der Protagonistin anfangen, länger bei ihr bleiben, den Kontext der Familienfeier schon drinnen haben und dann erst fällt der Blick auf die zwei Gestalten im Bett, expliziter auf die Frau und gleich darauf die Erklärung, okay, sie ist neu (da denk ich mir als Leser dann schon: wahrscheinlich die Frau, das war mir nämlich beim Lesen auch nicht klar). Und expliziter dann: Sie ist die neue Freundin des Onkels. Ich glaub so in die Richtung, würde man den Leser mehr abholen, ohne großartig viel zu verändern.
Eine Familienfeier im alten Landhaus ihrer Großeltern. Wie jedes Jahr. Wie immer. Abgesehen von der neuen Freundin des Onkels. Abgesehen von ihr.
Ja, das habe ich rauszitiert, weil ich da eig. fragen wollte, wer denn "sie" ist, weil ich mir da noch keinen Reim drauf machen konnte und es mir auch schwerfiel, die Protagonistin und die Frau im Bett auseinander zu halten.
Sie begleitete ihn am Vormittag zum Einkauf bei dem Metzger aus dem kleinen Dorf.
Hier dassebe, ich war mir nicht sicher, wer denn jetzt den Onkel begleitet hat. Die Protagonistin oder die neue Freundin? Wenn es die neue Freundin ist, ist es zwar logisch, aber woher weiß das die Protagonistin? War sie dabei? Wussten Onkel und Frau, dass sie dabei war oder hat sie gestalkt? Oder wurde es der Protagonistin später erst erzählt? Andererseits kommen dann diese expliziten Empfindungen zu dem Tierfleisch, den Hasen und dem Grillen, was mich wieder denken lässt, dass die Protagonistin da mit dem Onkel einkaufen war und nicht die neue Freundin, denn von der kann ich als Leser ja keine Innenperspektive haben. Also da blick ich nicht ganz durch.
Zu früh legte sie sich ins Bett, blieb schlaflos. Gedanken kreisten. Zu ihr. Stunden später schlich sie los
Hier kommt quasi gegen Ende des Textes noch die "Einordnung" wenn man so will, wie sie in dem Schlafzimmer gelandet ist. Kann man natürlich machen, fand ich bei dem kurzen Text aber irgendwie seltsam, d. h. ich frage mich, wieso du nicht gleich so eingestiegen bist, wenn das "ins Zimmer schleichen" so wichtig ist, dass es eine eigene kleine Szene bekommt. Wenn es um das "es ist verboten" gehen soll, das macht eh die Nervosität im letzten Absatz, dieses lauschen auf die Schritte etc. (wobei ich das auch vielleicht schon etwas früher rein gebracht hätte, also dass sie sich unwohl fühlt, vielleicht etwas rumrutscht auf dem Sessel und weiß, dass sie eig. nicht hier sein sollte - wobei andererseits, mit dem "fremden Schlafzimmer" und dem beobachten zweier Leute im bett, da ist eig. eh mAn das "voyeuristische" ein klein wenig gegeben. Auch wenn die jetzt akut keinen Sex (mehr) haben.
So viel zu meinen Gedanken. Ich hoffe, es hilft dir ein wenig.
LG
Salatze