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Jagdhaus

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09.05.2026
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Anmerkungen zum Text

Mein erster Versuch in Kurzprosa, entstanden aus einem eigenen Gedicht. Ich bin besonders dankbar für jede ehrliche, auch unbequeme Reaktion.

Jagdhaus

Edit: Nach Stureks Anmerkungen überarbeitet. Danke an dieser Stelle nochmal. Konkret geändert: erster Satz, Zeitenfolge im Metzger-Absatz, Bezug beim Ersticken-Bild, Brücke vor dem Schnarchen-Absatz, sowie weitere kleinere inhaltliche Änderungen. Die ursprüngliche Fassung ist im Diskussionsverlauf nachvollziehbar.

Jagdhaus

Mit feuchten Händen betrat sie das fremde Schlafzimmer. Die Gardinen waren zugezogen, nur ein Schimmer des Mondes schaffte es, einen weißen Streifen auf den kargen Holzboden zu werfen. Sie setzte sich in den alten Stoffsessel vor dem großen Bett, hörte ihr Herz rhythmisch pochen. Ihre Augen blickten auf die zwei Gestalten, fuhren über die zarten Gelenke der Frau, über das sanfte Heben ihrer Brust. Der Körper, ab Hüfthöhe von einem Leinentuch bedeckt. Die Nächte waren heiß im Moment.

Wie ein Pförtner saß sie da, lauschte dem leisen Ticken der Wanduhr. Tick. Tick. Der Tag war schwül und laut gewesen. Eine Familienfeier im alten Landhaus ihrer Großeltern. Wie jedes Jahr. Wie immer. Abgesehen von der neuen Freundin des Onkels. Abgesehen von ihr. Nachmittags hatte der Vater Steaks und Würstchen über dem offenen Feuer im Garten gegrillt. Sie begleitete ihn am Vormittag zum Einkauf bei dem Metzger aus dem kleinen Dorf. Seine Fleischprodukte, alle aus der eigenen Jagd. Er trug einen grauen Bart und dazu eine Baseballkappe mit dunklen Flecken. Eingezogener Schweiß. Beim Abschied zwinkerte er ihr zu. Die blutigen Hasensteaks, die ihr Vater später servierte, erinnerten sie an die Kaninchen mit den großen schwarzen Augen, die sie als Kind bei einer Freundin fest auf dem Arm umschlungen hielt. Sie wählte den mayonnaiseschweren Kartoffelsalat. Abends saßen sie auf der Terrasse, es wurde getrunken. Die Männer machten Witze mit blökenden Stimmen und die Frauen lachten in schrillen Tönen dazu. Ihr Kopf dröhnte. Es roch nach Bier. Sie flüchtete nach drinnen, hatte genug ausgehalten. An der Wohnzimmerwand hing ein ausgestopfter Bussard und blickte sie beim Eintritt an.

Zu früh legte sie sich ins Bett, blieb schlaflos. Gedanken kreisten. Zu ihr. Stunden später schlich sie los – saß sie hier, hörte dumpfes, unregelmäßiges Schnarchen, ein Würgen wie ein Kampf gegen den Erstickungstod. Ihr Blick wanderte von der schönen Frau zu dem Mann. Sein Mund war offen, die Glieder ragten in verrenkter Position in alle Richtungen. Ekel biss sich fest. Der Klang ihres Onkels.

Sie fühlte den kalten Holzboden unter ihren nackten Füßen und die Uhr tickte leise, als sie erschrak. Auf dem Flur gingen Schritte. Dann Stille. Dann die Spülung im gemeinsamen Badezimmer am Ende des Flures. Wieder Stille. Wie lange saß sie hier schon in dem alten Sessel? Der weiße Streifen auf dem Holzboden war gewandert. Sie schaute zur Uhr, konnte aber, obwohl sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, nichts Genaues erkennen. War es halb drei? Oder bildete sie sich nur ein, die Schemen der Zeiger erfassen zu können? Sie sollte aufstehen, in ihr Bett gehen. Doch ihre Arme blieben reglos im Schoß liegen. Sie spürte das zersessene Polster unter sich, schien damit zu verschmelzen, immer weiter zu versinken. Wieder hörte sie Schritte. Näherten oder entfernten sie sich? Und plötzlich zerschnitt eine Flüsterstimme das Ticken der Uhr. Eine Flüsterstimme, die fragte. Was machst du da.

 

Hallo Chinanski und herzlich willkommen hier im Forum.

Du beschreibst hier eine geheimnisvolle nächtliche Szene in einem Landhaus. Die Protagonistin ist vor dem Trubel einer Party in ein fremdes Schlafzimmer geflüchtet und am Anfang fragte ich mich, wer die Personen in dem Schlafzimmer sind, dann, warum sie dort so lange verweilt. Später erfahre ich aber nur, dass es sich bei einer der Personen um den Onkel der Erzählerin handelt. Die Frage „Was machst du hier?“ am Ende bleibt unbeantwortet. Und ich habe auch keine Idee, wie sie zu beantworten ist. Dadurch bleibt der Text meiner Meinung nach auf halber Strecke zur Kurzgeschichte leider stecken. Positiv anmerken will ich aber, dass der Text angenehm zu lesen ist und du mit vielen konkreten Bildern Atmosphäre erzeugst. Der alte Stoffsessel, das Ticken der Wanduhr, die kurzen, prägnanten Beschreibungen der Party, der ausgestopfte Bussard – da habe ich als Leser Bilder vor Augen und werde in das Geschehen hineingezogen..

Hier noch etwas Detailkritik:

Mit kalten, aber feuchten Händen betrat sie das fremde Schlafzimmer.
Gleich im ersten Satz bin ich gestolpert. Warum das „Aber“? Gibt es einen Widerspruch zwischen kalt und feucht?
Draußen herrschte Nacht, die Gardinen waren zugezogen, nur ein Schimmer des Mondes schaffte es, einen weißen Streifen auf den kargen Holzboden zu werfen.
„Draußen herrschte Nacht“ ist überflüssig, denn gleich darauf hat der Mond seinen Auftritt.
Sie war dabei, als sie zusammen am Vormittag bei dem Metzger aus dem kleinen Dorf eingekauft hatten.
„Sie war dabei gewesen“. Sonst haben wir in dem Satz zwei verschiedene Zeitformen.
Seine Fleischprodukte, alle aus der eigenen Jagd. Er trug einen grauen Bart und dazu eine Baseballcap, die sich stellenweise verdunkelt hatte. Eingezogener Schweiß. Beim Abschied zwinkerte er ihr zu.
Der Metzger bekommt hier sehr viel Raum in Anbetracht der Kürze des gesamten Textes. Warum eigentlich? Er spielt doch später gar keine Rolle mehr.
An der Wohnzimmerwand hing ein ausgestopfter Bussard und blickte sie beim Eintritt an.
Das geht hier aber ganz schön durcheinander mit den verschiedenen Zeiten und Orten. Erst ist sie im Schlafzimmer. Jetzt betritt sie nach der Party das Wohnzimmer. Gleich darauf hört sie es schnarchen. Wo ist sie denn jetzt? Plötzlich wieder im Schlafzimmer?!
Sie hörte dumpfes, unregelmäßiges Schnarchen, als würde sich immer wieder ein Kloß im Hals festsetzen, der dann mit Würgen besiegt werden muss, um nicht zu ersticken.
Fehler beim Bezug. Der Kloß muss besiegt werden, um nicht zu ersticken? „Um nicht an ihm zu ersticken“ macht es klar.

Grüße
Sturek

 

Hallo @Sturek,

vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen und so genau gelesen hast. Das hilft mir wirklich.

Bei mehreren deiner Detailpunkte muss ich dir sofort recht geben:

Warum das „Aber“?
Das „aber" im ersten Satz ist tatsächlich unmotiviert. Stolperstein, weg damit.

„Sie war dabei gewesen“. Sonst haben wir in dem Satz zwei verschiedene Zeitformen.
Stimmt, da habe ich beim letzten Überarbeiten was kaputtgemacht.

Fehler beim Bezug. Der Kloß muss besiegt werden, um nicht zu ersticken? „Um nicht an ihm zu ersticken“ macht es klar.
Guter Punkt, klarer Bezug, übernehme ich.

Das geht hier aber ganz schön durcheinander mit den verschiedenen Zeiten und Orten. Erst ist sie im Schlafzimmer. Jetzt betritt sie nach der Party das Wohnzimmer. Gleich darauf hört sie es schnarchen. Wo ist sie denn jetzt? Plötzlich wieder im Schlafzimmer?!
Der für mich wichtigste Hinweis, danke. Den Übergang vom Bussard zurück ins Schlafzimmer hatte ich selbst nicht als Bruch wahrgenommen, aber jetzt, wo du es schreibst, sehe ich es. Der Bericht über die Party sollte eine gedankliche Rückblende sein, die mit dem Absatz endet. Danach wechselt die Erzählung wieder in die erste Ebene, das Schlafzimmer. Da fehlt eine Brücke, das werde ich definitiv überarbeiten.

Der Metzger bekommt hier sehr viel Raum in Anbetracht der Kürze des gesamten Textes. Warum eigentlich? Er spielt doch später gar keine Rolle mehr.
Beim Metzger bin ich unentschieden. Für mich trägt er ein Motiv mit, das im Text untergründig laufen soll. Jagd, Beute, Fleisch, das Zwinkern als kleine Grenzüberschreitung. Aber wenn das beim Lesen nicht ankommt, sondern als Überdimensionierung wirkt, ist das ein Hinweis, dass ich dieses Motiv vielleicht zu versteckt eingebaut habe.

Und ich habe auch keine Idee, wie sie zu beantworten ist. Dadurch bleibt der Text meiner Meinung nach auf halber Strecke zur Kurzgeschichte leider stecken.
Hierzu muss ich sagen, der offene Inhalt/ das offene Ende war meine bewusste Entscheidung. Mir ging es nicht um eine Kurzgeschichte mit Auflösung, sondern um eine kürzere Prosaform, in der der Schluss-Satz selbst der Beat ist und der Rest beim Leser passiert. Ob das trägt oder ob ich damit zu wenig liefere, ist genau die Frage, die mich am meisten beschäftigt, insofern ist deine Rückmeldung sehr wertvoll, auch wenn ich an der Form vorerst festhalten möchte. Aber ich nehme den Punkt mit und denke nochmal drüber nach, ob ich dem Text vielleicht durch etwas mehr Inhalt auch mehr "Spur" geben kann.

Nochmal danke für die Mühe.

Liebe Grüße
Chinanski

 
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Hallo @Chinanski!

bin unsicher, ob ich den Text richtig lese. Tatsächlich lässt er viel offen. Der Ekel der Prota lässt so etwas wie sexuellen Missbrauch anklingen. Oder ist es doch nur Eifersucht? Begehrt sie die Frau, die neben dem Onkel schläft? Wahrscheinlich.

Tatsächlich sind aber beide weiblichen Figuren unklar. Sowohl die Protagonistin in ihrem Motiv, sich ins Schlafzimmer zu begeben, als auch die Frau im Bett, von der überhaupt nur Körperliches bekannt wird (sie ist erotisch attraktiv, das wars). Wird ein Trauma wiederholt? Das Trauma eines Missbrauchs? Das Eindringen in den Schlafraum ist grenzüberschreitend. Ist das Opfer-wird-Täter-Psychologie? Oder geht es nur um Anziehung? Dann halte ich das für problematisch. Denn diese 'Obsession' ist fast beiläufig. Was ist mit dem Onkel, warum wird er so gezeichnet (auch er hat kaum Kontur)?
Kurzum: So richtig funktioniert deine Geschichte bei mir nicht. Obschon ich sie für interessant halte. Aber deine Motive arbeiten nicht zusammen, ergeben keine Einheit; gleichwohl ich auch das Gefühl habe, das ist nicht weit weg davon.

Sprachlich ist das bis auf Weniges gekonnt, aber hier ein paar Kleinigkeiten:

Die Nächte waren heiß im Moment.
Im Moment? Ist das gewollt? Wie lange dauert denn der 'Moment' hier? Länger als 1 Nacht?

An der Wohnzimmerwand hing ein ausgestopfter Bussard und blickte sie beim Eintritt an.
'Beim Eintritt' klingt etwas seltsam. Beim Eintritt des Katastropenfalls ... Eintrittskarte ... Das sind Konnotationen. Vielleicht einfach: An der Wohnzimmerwand hing ein ausgestopfter Bussard, der sie anblickte, als sie den Raum betrat.

Gedanken kreisten. Zu der neuen Freundin ihres Onkels, zu Ihr.
Etwas schief. Gedanken kreisten … zu ihr? Kreisen ist ja eben keine Bewegung auf etwas zu …
Gedanken kreisten um die neue Freundin ihres Onkels, um sie.

Stunden später schlich sie los.
'Losschleichen' ist auch kein übliches Verb. "Komm, lass uns losschleichen ..."
Könnte natürlich sein, du hast einen Grund, das so zu verwenden
Saß sie hier, hörte dumpfes, unregelmäßiges Schnarchen, als würde sich immer wieder ein Kloß im Hals festsetzen
Würde ich auch anschauen. Saß sie hier … als würde sich ... bezieht sich im ersten Teil des Satzes aufeinander (als hätte der Kloß mit ihrem Da-Sitzen zu tun).
Klar wäre: Saß sie hier und hörte dumpfes, unregelmäßiges Schnarchen – ein Schnarchen, als würde sich immer wieder ein Kloß im Hals festsetzen.

Gruß
Flic

 

Hallo @Chinanski

Ich finde, dass du gut mit Bildern bist – die Atmosphäre fängst du gut ein und insgesamt fand ich den Text auch angenehm zu lesen. Die Erzählstruktur machte es mir allerdings extrem schwer, dabei zu bleiben, weil ich weder die Personen noch die Situation zuordnen konnte. Dabei stört mich nicht, dass am Ende offen bleibt, was genau die Situation ist, weil dafür hast du (zumindest meiner Ansicht nach) genug Hinweise gestreut. Ich lese es so, dass sie die Frau begehrt und sich (aus welchem Grund auch immer) vor dem Onkel ekelt. Aber bis zu dem Punkt hin, muss ich ehrlich sagen, wäre ich gar nicht gekommen, wenn wir nicht in diesem Forum hier wären, weil ich als "gewöhnlicher" Leser einfach nicht so viel Geduld habe. Versteh mich nicht falsch: Ich mag es zu rätseln, aber ich fühlte mich einfach nicht gut "eingebettet" in der Story. Die Fragen, die ich mir stellte, waren nicht die Richtigen, d. h. ich hab mich nicht gefragt: Oha, warum ist die Frau im Zimmer, was geht da ab? Sondern meine Fragen waren: Ist das jetzt eine Frau? Sind es zwei Frauen? Wer beschreibt hier wen? Wo bin ich grade? Was hat das eine mit dem anderen zu tun? etc. Da musste ich einige Absätze öfter lesen. Vielleicht auch, weil auch die personale Erzählerin recht vage bleibt. Ich machs mal an ein paar Beispielen fest:

Edit: Nach Stureks Anmerkungen überarbeitet. Danke an dieser Stelle nochmal. Konkret geändert: erster Satz, Zeitenfolge im Metzger-Absatz, Bezug beim Ersticken-Bild, Brücke vor dem Schnarchen-Absatz, sowie weitere kleinere inhaltliche Änderungen. Die ursprüngliche Fassung ist im Diskussionsverlauf nachvollziehbar.
Also vorweg: Das hier gehört denk ich eig. eher in die Info-Box.

Ihre Augen blickten auf die zwei Gestalten, fuhren über die zarten Gelenke der Frau, über das sanfte Heben ihrer Brust.
"fuhren" hört sich für mich so an – trotz der Augen – als würde sie sie berühren. Bei den Augen kenne ich eher den Begriff "schweifen". Das mag nur ne Kleinigkeit sein, aber hat bei mir dazu geführt, dass ich nochmal an den Satzanfang zurückspringen musste, und mich vergewisserte, dass sie wirklich nur hinblickt und nicht grade jemanden berührt.

Die Nächte waren heiß im Moment.
Das "im Moment" kann man eig. streichen. Wobei ich mich auch frage, warum die Information hier überhaupt wichtig ist, weil sich darauf ja nichts weiter aufbaut, sofern ich nichts übersehen habe.

Mit feuchten Händen betrat sie das fremde Schlafzimmer. Die Gardinen waren zugezogen, nur ein Schimmer des Mondes schaffte es, einen weißen Streifen auf den kargen Holzboden zu werfen. Sie setzte sich in den alten Stoffsessel vor dem großen Bett, hörte ihr Herz rhythmisch pochen.
So: Hier startest du mit der Perspektive von der Protagonistin, die ihr eigenes Herz rhythmisch pochen spürt. Danach kommt ein Satz, der sich auf die beiden Personen im Bett bezieht und dann das hier:

Der Körper, ab Hüfthöhe von einem Leinentuch bedeckt. Die Nächte waren heiß im Moment.
Hier sind auch die Personen im Bett gemeint, denke ich. Beim ersten Mal lesen, war ich mir nicht sicher. Obwohl es eig. so wie es geschrieben steht, klar sein sollte. Ich denke, dass es daran liegt, dass die Ich-Erzählerin selbst so blass bleibt und ich als Leser - trotz der klaren Beschreibungen - nicht verortet bin. Zumal es dannach (mit Absatz, aber dennoch) so weitergeht:

Wie ein Pförtner saß sie da, lauschte dem leisen Ticken der Wanduhr. Tick. Tick. Der Tag war schwül und laut gewesen.
Also wieder mit der Protagonistin. Das heißt, in den ersten 4 Sätzen geht es von Protagonistin zu Beobachtung und wieder zur Protagonistin. Das bringt eine Unruhe in den Text, die es mir als Leser schwer macht, das ganze einzuordnen. Vielleicht hilft hier die Reihenfolge ein bisschen, wenn absichtlich Innenperspektive weggelassen wird, so vielleicht:

"Mit feuchten Händen betrat sie das fremde Schlafzimmer. Die Gardinen waren zugezogen, nur ein Schimmer des Mondes schaffte es, einen weißen Streifen auf den kargen Holzboden zu werfen. Sie setzte sich in den alten Stoffsessel vor dem großen Bett, hörte ihr Herz rhythmisch pochen. Wie ein Pförtner saß sie da, lauschte dem leisen Ticken der Wanduhr. Tick. Tick. Der Tag war schwül und laut gewesen. Eine Familienfeier im alten Landhaus ihrer Großeltern.
Ihre Augen blickten auf die zwei Gestalten im Bett, fuhren (schweiften) über die zarten Gelenke der Frau, über das sanfte Heben ihrer Brust. Der Körper, ab Hüfthöhe von einem Leinentuch bedeckt. Die Nächte waren heiß im Moment. Die Feier glich dem letzten Jahr. Wie immer. Abgesehen von ihr. Abgesehen von der neuen Freundin des Onkels."

Sind eig. nur ein paar kleine Änderungen drinnen (das fettgedruckte), ansonsten habe ich nur die Sätze umgestellt, um den Fokus ein bisschen zu schärfen. So würdest du mit der Protagonistin anfangen, länger bei ihr bleiben, den Kontext der Familienfeier schon drinnen haben und dann erst fällt der Blick auf die zwei Gestalten im Bett, expliziter auf die Frau und gleich darauf die Erklärung, okay, sie ist neu (da denk ich mir als Leser dann schon: wahrscheinlich die Frau, das war mir nämlich beim Lesen auch nicht klar). Und expliziter dann: Sie ist die neue Freundin des Onkels. Ich glaub so in die Richtung, würde man den Leser mehr abholen, ohne großartig viel zu verändern.

Eine Familienfeier im alten Landhaus ihrer Großeltern. Wie jedes Jahr. Wie immer. Abgesehen von der neuen Freundin des Onkels. Abgesehen von ihr.
Ja, das habe ich rauszitiert, weil ich da eig. fragen wollte, wer denn "sie" ist, weil ich mir da noch keinen Reim drauf machen konnte und es mir auch schwerfiel, die Protagonistin und die Frau im Bett auseinander zu halten.

Sie begleitete ihn am Vormittag zum Einkauf bei dem Metzger aus dem kleinen Dorf.
Hier dassebe, ich war mir nicht sicher, wer denn jetzt den Onkel begleitet hat. Die Protagonistin oder die neue Freundin? Wenn es die neue Freundin ist, ist es zwar logisch, aber woher weiß das die Protagonistin? War sie dabei? Wussten Onkel und Frau, dass sie dabei war oder hat sie gestalkt? Oder wurde es der Protagonistin später erst erzählt? Andererseits kommen dann diese expliziten Empfindungen zu dem Tierfleisch, den Hasen und dem Grillen, was mich wieder denken lässt, dass die Protagonistin da mit dem Onkel einkaufen war und nicht die neue Freundin, denn von der kann ich als Leser ja keine Innenperspektive haben. Also da blick ich nicht ganz durch.

Zu früh legte sie sich ins Bett, blieb schlaflos. Gedanken kreisten. Zu ihr. Stunden später schlich sie los
Hier kommt quasi gegen Ende des Textes noch die "Einordnung" wenn man so will, wie sie in dem Schlafzimmer gelandet ist. Kann man natürlich machen, fand ich bei dem kurzen Text aber irgendwie seltsam, d. h. ich frage mich, wieso du nicht gleich so eingestiegen bist, wenn das "ins Zimmer schleichen" so wichtig ist, dass es eine eigene kleine Szene bekommt. Wenn es um das "es ist verboten" gehen soll, das macht eh die Nervosität im letzten Absatz, dieses lauschen auf die Schritte etc. (wobei ich das auch vielleicht schon etwas früher rein gebracht hätte, also dass sie sich unwohl fühlt, vielleicht etwas rumrutscht auf dem Sessel und weiß, dass sie eig. nicht hier sein sollte - wobei andererseits, mit dem "fremden Schlafzimmer" und dem beobachten zweier Leute im bett, da ist eig. eh mAn das "voyeuristische" ein klein wenig gegeben. Auch wenn die jetzt akut keinen Sex (mehr) haben.


So viel zu meinen Gedanken. Ich hoffe, es hilft dir ein wenig.

LG
Salatze

 

Hallo @Chinanski

Und herzlich willkommen im Forum! Ich habe deinen Einstand gerne gelesen. Stureks Kommentar habe ich kurz überflogen (um mich nicht zu stark voreinnehmen zu lassen), habe aber deine Antwort an ihn gelesen. In meiner Rückmeldung nehme ich zum Teil Bezug darauf.

Die Gardinen waren zugezogen, nur ein Schimmer des Mondes schaffte es, einen weißen Streifen auf den kargen Holzboden zu werfen.
Du schreibst später in der Story teilweise elliptisch und verdichtet, weshalb der Satz hier für mich etwas rausfällt. Da steckt ja eigentlich gar nicht so viel drin. Nur als Vorschlag, in welche Richtung es für mich gehen könnte: Die Gardinen waren zugezogen. Nur der Mond warf einen weißen Streifen auf den Holzboden. Das mit dem 'Schimmer' grenzt für mich schon an eine klischeehafte Formulierung.

Sie setzte sich in den alten Stoffsessel vor dem großen Bett, hörte ihr Herz rhythmisch pochen.
Ja, das rhythmisch pochende Herz, das geht für mich in eine ähnliche Richtung wie der Schimmer des Mondes. Das kratzt am Klischee und deshalb würde ich sowas eher meiden. Ist aber auch Geschmackssache, ich will nur darauf hinweisen.

Sie blickte auf die zwei Gestalten im Bett, fuhr mit ihren Augen über die zarten Gelenke der Frau, über das sanfte Heben und Senken ihrer Brust, ab Hüfthöhe von einem Leinentuch bedeckt.
Hier stolpere ich etwas über 'mit den Augen über die Gelenke fahren'. Das liest sich ungelenk und eigentlich 'fahren' Augen ja nicht, vielleicht der Blick, aber naja ... Das war hier in einem anderen Thread, unter einer jetzt leider gelöschten Geschichte, stark Thema, also dass sich gewisse Körperteile wie verselbstständigt haben. Das liest sich dann meist ein wenig ulkig und auch hier klingt das an. Würde ich mir überlegen.

Die Nächte waren heiß im Moment.
'im Moment' macht für mich keinen Sinn. 'zu dieser Jahreszeit' oder so, ja, das könnte ich verstehen.

Sie saß dort in dem alten Stoffsessel wie ein Pförtner, lauschte dem leisen Ticken der Wanduhr.
Hier verstehe ich den Vergleich mit einem Pförtner nicht. Sie bewacht ja nichts, auch nicht den Eingang zum Schlafzimmer, sondern ist auf die Uhr und die Schlafenden im Bett konzentriert. Also, will sagen, dass scheint mir ein wenig unpassend oder weit hergeholt, oder, kann natürlich auch sein, ich habe was nicht richtig verstanden.

Sie begleitete ihn am Vormittag zum Einkauf bei dem Metzger aus dem kleinen Dorf.
Der Satz liest sich ungelenk. Sie begleitete ihn am Vormittag zum Einkauf beim Metzger. Ist das mit dem kleinen Dorf wichtig? Der Leser weiss bereits, die Feier findet in einem Landhaus statt, da ist das mit dem Dorf für mich naheliegend. Ansonsten vielleicht den Satz so formulieren: Sie begleitete ihn am Vormittag ins Dorf zum Einkauf beim Metzger.

Seine Fleischprodukte, alle aus der eigenen Jagd.
Hier beginnst Du, teilweise die Sätze zu verkürzen. Das fällt für mich auch aus dem restlichen Stil. Das Komma 'zerhackt' zudem den Flow. Gönne dem Satz bspw. ein Verb: Seine Fleischprodukte stammten aus eigener Jagd.

Er trug einen grauen Bart und dazu eine Baseballcap, die sich stellenweise verdunkelt hatte. Eingezogener Schweiß.
Ich wüsste nicht, wovon die verdunkelten Stellen an seiner Baseballcap sonst stammen sollten, also weg damit.

Die blutigen Hasensteaks, die ihr Vater später servierte, erinnerten sie an die Kaninchen mit den großen schwarzen Augen, die sie als Kind bei einer Freundin fest auf dem Arm umschlungen hielt.
Wieso serviert der Vater die Hasensteaks blutig? Rein aus Interesse, esse selber sehr selten Hase, habe ich das mal recherchiert. Also Hasenfleisch sollte immer gut durchgebraten und geschmort werden, um Parasiten abzutöten. Soll das hier etwas implizieren? Wenn ja, so kommt bei mir nicht recht an, was. Das Unterstrichene liest sich wie 'erdrückende Liebe'. Vielleicht ist das ja gewollt. Die grossen, schwarzen Augen ... das ist wiederum ein Klischee, die Emotionalität betreffend, da rieche ich den Braten sofort, dass mir darüber die 'Herzigkeit' dieser Hasen vermittelt werden soll.

Die Männer machten schlechte Witze mit lauten Stimmen und die Frauen lachten in schrillen Tönen dazu.
Auch hier: Klischee-Alarm.

Sie flüchtete nach drinnen, hatte lange genug ausgehalten.
Du arbeitest teilweise mit Andeutungen etc., warum wird dann solch Profanes extra ausgeführt? Es ist doch auch ohne das klar, warum sie nach drinnen flüchtet.

An der Wohnzimmerwand hing ein ausgestopfter Bussard und blickte sie beim Eintritt an.
Bisschen verkürzen. Das Bild wirkt auch länger nach, wenn der Bussard sie nicht nur beim Eintritt anblickt, sondern allgemein, das wirkt auch unheimlicher, wenn Du verstehst was ich meine.

Stunden später schlich sie los. Saß sie hier, hörte dumpfes, unregelmäßiges Schnarchen, als würde sich immer wieder ein Kloß im Hals festsetzen, der dann mit Würgen besiegt werden musste, um nicht an ihm zu ersticken.
Der Beginn des zweiten Satzes holpert, zumindest wenn man schnell liest. Ich hatte direkt das Gefühl, beim Übergang fehlt etwas. Vielleicht ein 'Nun' vorne dranstellen?

Ihr Blick wanderte von der schönen Frau zu dem Mann.
Zum wandernden Blick habe ich weiter oben was geschrieben, das gehört für mich in dieselbe Kategorie, wie 'mit den Augen fahren'.

Sie fühlte den kalten Holzboden unter ihren nackten Füßen und die Uhr tickte leise, als sie erschrak.
Der Satz hier geht drunter und drüber. Also sie fühlt die Kälte des Bodens, hört die Uhr ticken und gleichzeitig erschrickt sie. Das ist zuviel. Sie fühlte den kalten Holzboden unter ihren nackten Füßen und die Uhr tickte leise. Sie erschrak, als sie Schritte im Flur hörte. Irgendwie sowas.

Sie schaute zur Uhr, konnte aber, obwohl sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, nichts Genaues erkennen.
Die Erklärung weicht den Satz auf, würde ich rausnehmen.

Sie spürte das zersessene Polster unter sich, schien damit zu verschmelzen, immer weiter zu versinken.
Auch wieder so ein Klischee: Im Sessel versinken ...

Eine Flüsterstimme, die fragte. Was machst du da.
Eine Flüsterstimme, die fragte: "Was machst du da?"

Dies meine Anmerkungen zum Sprachlichen. Da ist doch einiges zusammengekommen. Nun noch ein paar Details zum Inhaltlichen. Ich habe gesehen, in deiner Antwort an @Sturek schreibst Du:

Für mich trägt er ein Motiv mit, das im Text untergründig laufen soll. Jagd, Beute, Fleisch, das Zwinkern als kleine Grenzüberschreitung.
Hierzu: Das Motivnetz ist vorhanden, aber nicht stark genug in die psychologische Dynamik integriert. Der Text hat für mich eher etwas Voyeuristisches, also wie sich die Protagonistin da des Nachts in das Schlafzimmers ihres Onkels schleicht, ihn und seine neue Partnerin beobachtet. Ich lese es gar nicht unbedingt so, dass sie die neue Partnerin des Onkels begehrt, sondern durch sie ihre vermeintlich 'eigene Hässlichkeit' erfährt.

Hierzu muss ich sagen, der offene Inhalt/ das offene Ende war meine bewusste Entscheidung. Mir ging es nicht um eine Kurzgeschichte mit Auflösung, sondern um eine kürzere Prosaform, in der der Schluss-Satz selbst der Beat ist und der Rest beim Leser passiert.
Hier bin ich mir auch unsicher, ob das so funktioniert. Inhaltlich scheint mir das doch ziemlich stark gelenkt. Also es gibt sicherlich mehr als einen Ansatz, den man verfolgen könnte, warum die Protagonistin jetzt da im Schlafzimmer sitzt und beobachtet, aber durch die Fixation auf die neue Partnerin des Onkels bleiben für mich eigentlich nur zwei Lesarten: Sie begehrt sie, oder sie verachtet sie. Das sind zwar zwei sehr gegensätzliche Arten, den Text zu verstehen, aber unter Offenheit würde ich etwas anderes erwarten. Dann ist es auch so, dass der letzte Satz nicht unbedingt wirklich Impact besitzt. Sie wird halt bei ihrem Beobachtungspielchen erwischt. That's it. Was genau soll da bei mir als Leser weiterschwingen? Wieso ist das der Beat? Das habe ich nicht verstanden.

Beste Grüsse,
d-m

 

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