Hallo @Chinanski
Und herzlich willkommen im Forum! Ich habe deinen Einstand gerne gelesen. Stureks Kommentar habe ich kurz überflogen (um mich nicht zu stark voreinnehmen zu lassen), habe aber deine Antwort an ihn gelesen. In meiner Rückmeldung nehme ich zum Teil Bezug darauf.
Die Gardinen waren zugezogen, nur ein Schimmer des Mondes schaffte es, einen weißen Streifen auf den kargen Holzboden zu werfen.
Du schreibst später in der Story teilweise elliptisch und verdichtet, weshalb der Satz hier für mich etwas rausfällt. Da steckt ja eigentlich gar nicht so viel drin. Nur als Vorschlag, in welche Richtung es für mich gehen könnte:
Die Gardinen waren zugezogen. Nur der Mond warf einen weißen Streifen auf den Holzboden. Das mit dem 'Schimmer' grenzt für mich schon an eine klischeehafte Formulierung.
Sie setzte sich in den alten Stoffsessel vor dem großen Bett, hörte ihr Herz rhythmisch pochen.
Ja, das rhythmisch pochende Herz, das geht für mich in eine ähnliche Richtung wie der Schimmer des Mondes. Das kratzt am Klischee und deshalb würde ich sowas eher meiden. Ist aber auch Geschmackssache, ich will nur darauf hinweisen.
Sie blickte auf die zwei Gestalten im Bett, fuhr mit ihren Augen über die zarten Gelenke der Frau, über das sanfte Heben und Senken ihrer Brust, ab Hüfthöhe von einem Leinentuch bedeckt.
Hier stolpere ich etwas über 'mit den Augen über die Gelenke fahren'. Das liest sich ungelenk und eigentlich 'fahren' Augen ja nicht, vielleicht der Blick, aber naja ... Das war hier in einem anderen Thread, unter einer jetzt leider gelöschten Geschichte, stark Thema, also dass sich gewisse Körperteile wie verselbstständigt haben. Das liest sich dann meist ein wenig ulkig und auch hier klingt das an. Würde ich mir überlegen.
Die Nächte waren heiß im Moment.
'im Moment' macht für mich keinen Sinn. 'zu dieser Jahreszeit' oder so, ja, das könnte ich verstehen.
Sie saß dort in dem alten Stoffsessel wie ein Pförtner, lauschte dem leisen Ticken der Wanduhr.
Hier verstehe ich den Vergleich mit einem Pförtner nicht. Sie bewacht ja nichts, auch nicht den Eingang zum Schlafzimmer, sondern ist auf die Uhr und die Schlafenden im Bett konzentriert. Also, will sagen, dass scheint mir ein wenig unpassend oder weit hergeholt, oder, kann natürlich auch sein, ich habe was nicht richtig verstanden.
Sie begleitete ihn am Vormittag zum Einkauf bei dem Metzger aus dem kleinen Dorf.
Der Satz liest sich ungelenk.
Sie begleitete ihn am Vormittag zum Einkauf beim Metzger. Ist das mit dem kleinen Dorf wichtig? Der Leser weiss bereits, die Feier findet in einem Landhaus statt, da ist das mit dem Dorf für mich naheliegend. Ansonsten vielleicht den Satz so formulieren:
Sie begleitete ihn am Vormittag ins Dorf zum Einkauf beim Metzger.
Seine Fleischprodukte, alle aus der eigenen Jagd.
Hier beginnst Du, teilweise die Sätze zu verkürzen. Das fällt für mich auch aus dem restlichen Stil. Das Komma 'zerhackt' zudem den Flow. Gönne dem Satz bspw. ein Verb:
Seine Fleischprodukte stammten aus eigener Jagd.
Er trug einen grauen Bart und dazu eine Baseballcap, die sich stellenweise verdunkelt hatte. Eingezogener Schweiß.
Ich wüsste nicht, wovon die verdunkelten Stellen an seiner Baseballcap sonst stammen sollten, also weg damit.
Die blutigen Hasensteaks, die ihr Vater später servierte, erinnerten sie an die Kaninchen mit den großen schwarzen Augen, die sie als Kind bei einer Freundin fest auf dem Arm umschlungen hielt.
Wieso serviert der Vater die Hasensteaks blutig? Rein aus Interesse, esse selber sehr selten Hase, habe ich das mal recherchiert. Also Hasenfleisch sollte immer gut durchgebraten und geschmort werden, um Parasiten abzutöten. Soll das hier etwas implizieren? Wenn ja, so kommt bei mir nicht recht an, was. Das Unterstrichene liest sich wie 'erdrückende Liebe'. Vielleicht ist das ja gewollt. Die grossen, schwarzen Augen ... das ist wiederum ein Klischee, die Emotionalität betreffend, da rieche ich den Braten sofort, dass mir darüber die 'Herzigkeit' dieser Hasen vermittelt werden soll.
Die Männer machten schlechte Witze mit lauten Stimmen und die Frauen lachten in schrillen Tönen dazu.
Auch hier: Klischee-Alarm.
Sie flüchtete nach drinnen, hatte lange genug ausgehalten.
Du arbeitest teilweise mit Andeutungen etc., warum wird dann solch Profanes extra ausgeführt? Es ist doch auch ohne das klar, warum sie nach drinnen flüchtet.
An der Wohnzimmerwand hing ein ausgestopfter Bussard und blickte sie beim Eintritt an.
Bisschen verkürzen. Das Bild wirkt auch länger nach, wenn der Bussard sie nicht nur beim Eintritt anblickt, sondern allgemein, das wirkt auch unheimlicher, wenn Du verstehst was ich meine.
Stunden später schlich sie los. Saß sie hier, hörte dumpfes, unregelmäßiges Schnarchen, als würde sich immer wieder ein Kloß im Hals festsetzen, der dann mit Würgen besiegt werden musste, um nicht an ihm zu ersticken.
Der Beginn des zweiten Satzes holpert, zumindest wenn man schnell liest. Ich hatte direkt das Gefühl, beim Übergang fehlt etwas. Vielleicht ein 'Nun' vorne dranstellen?
Ihr Blick wanderte von der schönen Frau zu dem Mann.
Zum wandernden Blick habe ich weiter oben was geschrieben, das gehört für mich in dieselbe Kategorie, wie 'mit den Augen fahren'.
Sie fühlte den kalten Holzboden unter ihren nackten Füßen und die Uhr tickte leise, als sie erschrak.
Der Satz hier geht drunter und drüber. Also sie fühlt die Kälte des Bodens, hört die Uhr ticken und gleichzeitig erschrickt sie. Das ist zuviel.
Sie fühlte den kalten Holzboden unter ihren nackten Füßen und die Uhr tickte leise. Sie erschrak, als sie Schritte im Flur hörte. Irgendwie sowas.
Sie schaute zur Uhr, konnte aber, obwohl sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, nichts Genaues erkennen.
Die Erklärung weicht den Satz auf, würde ich rausnehmen.
Sie spürte das zersessene Polster unter sich, schien damit zu verschmelzen, immer weiter zu versinken.
Auch wieder so ein Klischee: Im Sessel versinken ...
Eine Flüsterstimme, die fragte. Was machst du da.
Eine Flüsterstimme, die fragte: "Was machst du da?"
Dies meine Anmerkungen zum Sprachlichen. Da ist doch einiges zusammengekommen. Nun noch ein paar Details zum Inhaltlichen. Ich habe gesehen, in deiner Antwort an @Sturek schreibst Du:
Für mich trägt er ein Motiv mit, das im Text untergründig laufen soll. Jagd, Beute, Fleisch, das Zwinkern als kleine Grenzüberschreitung.
Hierzu: Das Motivnetz ist vorhanden, aber nicht stark genug in die psychologische Dynamik integriert. Der Text hat für mich eher etwas Voyeuristisches, also wie sich die Protagonistin da des Nachts in das Schlafzimmers ihres Onkels schleicht, ihn und seine neue Partnerin beobachtet. Ich lese es gar nicht unbedingt so, dass sie die neue Partnerin des Onkels begehrt, sondern durch sie ihre vermeintlich 'eigene Hässlichkeit' erfährt.
Hierzu muss ich sagen, der offene Inhalt/ das offene Ende war meine bewusste Entscheidung. Mir ging es nicht um eine Kurzgeschichte mit Auflösung, sondern um eine kürzere Prosaform, in der der Schluss-Satz selbst der Beat ist und der Rest beim Leser passiert.
Hier bin ich mir auch unsicher, ob das so funktioniert. Inhaltlich scheint mir das doch ziemlich stark gelenkt. Also es gibt sicherlich mehr als einen Ansatz, den man verfolgen könnte, warum die Protagonistin jetzt da im Schlafzimmer sitzt und beobachtet, aber durch die Fixation auf die neue Partnerin des Onkels bleiben für mich eigentlich nur zwei Lesarten: Sie begehrt sie, oder sie verachtet sie. Das sind zwar zwei sehr gegensätzliche Arten, den Text zu verstehen, aber unter Offenheit würde ich etwas anderes erwarten. Dann ist es auch so, dass der letzte Satz nicht unbedingt wirklich Impact besitzt. Sie wird halt bei ihrem Beobachtungspielchen erwischt. That's it. Was genau soll da bei mir als Leser weiterschwingen? Wieso ist das der Beat? Das habe ich nicht verstanden.
Beste Grüsse,
d-m