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Jeremie

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24.06.2015
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Jeremie

Mit einem Seufzer der Erleichterung lenkte Christina Walsh ihren schwarzen BMW in die Zufahrtsstraße des Truck-Stops ein. Bereits vor einigen Meilen hatte die Warnleuchte des Tanks angeschlagen und gerade, als sie die Zapfsäulen erreichte, begann der Motor zu ruckeln und würgte ab.
Das war in der sprichwörtlichen letzten Sekunde, dachte sie bei sich.
Nachdem Christina getankt und bezahlt hatte schwang sie sich wieder hinter das Steuer und fuhr auf den angrenzenden Parkplatz des Truck-Stop. Sie bereits fast drei Stunden ohne Pause unterwegs und lechzte mittlerweile nach einem heißen Becher Kaffee.
Es waren nur ein paar Trucker zwielichtigen Aussehens anwesend und eine Gruppe tätowierter Biker, die sie ungeniert musterten und ihr ein paar Pfiffe und obszöne Kommentare entgegen warfen. Christina verlangte einen großen Becher Kaffee, nahm noch einen Donut mit Schokoladenglasur dazu und zahlte rasch.
„Hey Süße, wie wär`s denn mit uns, he?“, knurrte ein schäbig wirkender Kerl mit aschblondem Rauschebart.
Christina achtete nicht auf den Mann, sie beschleunigte nur ihre Schritte und eilte seufzend hinaus.
Hoffentlich folgt mir keiner von diesen Typen, ging es ihr kurz durch den Kopf, als sie auf dem Parkplatz einen Jungen von etwa elf Jahren bemerkte, der mit weinerlichem Gesicht sein Fahrrad vor sich her schob.
„Hallo Kleiner, was ist denn mit deinem Fahrrad passiert?“, meinte Christina, als ihre Blicke das lädierte Vorderrad trafen.
Sie nahm einen Schluck Kaffee und schaute zurück in Richtung Truck-Stop. Keiner verließ das Gebäude, wie sie erleichtert feststellte.
„Ich war auf dem Weg nach Hause, irgendwo muss ich in eine Scherbe gefahren sein.“
„Und bist du denn ganz alleine unterwegs?“
„Ja.“
Ein hastiges Nicken folgte.
Der Junge hatte hellblonde, kurzgeschnittene Haare. Ein paar winzig kleine Sommersprossen verteilten sich um die Nase, die zwischen zwei stahlblauen Augen hervor lugte.
„Wo wohnst du denn?“, fragte Christina dann und folgte anschließend mit den Augen seinem ausgestreckten Finger.
„Noch ein Stück den Highway entlang, dann muss ich an einer Kreuzung rechts ab und noch paar Meilen der Battonroad folgen, die im Zick-Zack-Kurs durch die Wälder führt. Dort lebe ich.“
„Wow. Deine Eltern lassen dich ganz alleine so weit mit dem Rad wegfahren?“
Der Junge zuckte nur gleichgültig mit den Schultern.
Christina seufzte und zückte ihr Handy.
„Du weißt hoffentlich eure Telefonnummer, dann werde ich schnell deinen Vater für dich anrufen, okay?“
„Wir haben kein Telefon!“
„Kein … Telefon?“
„Nein!“
Der Junge schüttelte den Kopf und musterte Christina eindringlich dabei.
„Na toll. Was machen wir denn jetzt? Du kannst doch unmöglich den weiten Weg laufen.“
„Würden Sie mich nach Hause fahren?“
Christina seufzte tief.
„Na ja, es liegt ja fast auf meinem Weg. Dann lass uns schnell dein Fahrrad im Kofferraum verstauen.“
„Ich bin übrigens Jeremy!“
„Hallo Jeremy, ich bin Christina!“
Die junge Frau öffnete die Heckklappe und entschuldigte sich für die Unordnung, während sie minutenlang zwei Reisetaschen, einen Kosmetikkoffer sowie einige Bücher und Schnellhefter hin-, und herräumte, bis halbwegs Platz für Jeremys Fahrrad gefunden war.
Anschließend setzten sie sich hinein und fuhren ab.

+++

Während den Gesprächen ihrer kurzen Fahrt benahm sich Jeremy seltsam, wie Christina empfand. Geschickt wich er ihren Alltagsfragen über Familie, Freunde und die Schule aus oder er antwortete ihr lediglich mit einem Achselzucken.
Schließlich standen sie vor seinem Elternhaus, ein fünfstöckiges Gebäude im viktorianischen Baustiel mit zahlreichen Balkonen und Erkern.
„Wow, das ist kein Haus, sondern ein halbes Schloss!“, schwärmte Christina und parkte linker Hand vor einem Lattenzaun, der von verschlungenem, unkontrolliert gewuchertem Gestrüpp fast gänzlich verschluckt wurde.
Jeremy schnallte sich ab und blickte die junge Frau wieder mit seinen eisblauen Augen eindringlich an.
„Kommen Sie noch zum Abendessen mit hinein!“
Christina wollte dankend ablehnen, doch ihre Lippen formten andere Worte, als der Geist ihr vorgab.
Verdammt, hat der Bengel hypnotische Fähigkeiten?
Sie folgte ihm zur Haustür, wo sie von einer Frau, zwei Männern und zwei blonden, hübschen Mädchen im Teenageralter überschwänglich begrüßt wurden.
„Jeremy, Jeremy ist da!“, hieß es wie ihm Chor. „Unser lieber Junge ist wieder zu Hause!“, kam noch hinzu.
„Hey Leute, das ist Christina. Sie hat mich nach Hause gefahren, weil mein Bike einen Platten hatte. Kann Sie bis zum Abendbrot bleiben?“
„Aber selbstverständlich! Kommen Sie herein, kommen Sie herein!“, sagten alle fast gleichzeitig.
Christina kam der Aufforderung nach und Jeremy stellte seine Familienmitglieder vor.
„Das sind meine Eltern Elisabeth und Richard, mein Onkel Dave und meine älteren Schwestern Melissa und Mary-Lou.“
„Wir freuen uns so, dass Sie sich unserem lieben Jungen angenommen haben“, meinte Jeremys Vater und wuselte durch die Haare seines Sohnes. „Ja, es gibt tatsächlich noch anständige Leute“, meinte Onkel Dave und nickte Christina anerkennend zu.
Plötzlich klatschte die Mutter in beide Hände.
„Da hätte ich doch beinah vergessen, dass das Abendessen auf dem Tisch steht!“
„Na, das wollen wir uns doch nicht entgehen lassen, was?“, machte Onkel Dave und tätschelte sanft Jeremys Hinterkopf.
Na denn, Chrissi, bring` die Sache hinter dich und dann geht`s schnellstmöglich von dannen, sagte sich die junge Frau im Stillen und folgte der Familienbande in das geräumige Esszimmer.


+++

Es gab Schweinekoteletts in dunkler Soße, Kartoffeln, Mischgemüse und Weißbrot. Als Getränke wurde Apfel-, und Orangensaft sowie Cola gereicht.
Christina zeigte regen Appetit und sie musste zugestehen, dass das Essen von exquisitem Geschmack war. Trotz allem konnte sie das merkwürdige Verhalten von Jeremys Familie nicht verstehen. Ihr ganzes Gehabe wirkte irgendwie künstlich. Sie drangen auf Christina mit allen möglichen Fragen ein, wobei sie aber immer den Blickkontakt mit Jeremy suchten. Es kam ihr vor, als suchten sie für jedes ausgesprochene Wort seine Zustimmung – oder sie fürchteten, etwas Verkehrtes zu sagen. Ja, Furcht! Das schien für die junge Frau das richtige Wort zu sein. Jeder umgarnte Jeremy mit führsorglicher Hingabe. Geschah dies aus Liebe oder aus Furcht?
„Erzählen Sie doch einmal was von sich“, sagte die Besucherin irgendwann offen in die Runde hinein, um eine Reaktion zu provozieren. Mehr zufällig hafteten sich ihre Blicke dabei an Onkel Dave, der sich daraufhin angesprochen fühlte.
„Och, was soll ich schon großartig erzählen. Ich möchte Sie doch nicht mit alten Kriegsgeschichten über den Sturm der Normandie langweilen, wo ich die Stellungen der Deutschen unter Beschuss genommen habe.“
Die junge Frau konnte ein Lachen nicht unterdrücken.
„Was ist daran so witzig?“, konterte der andere scharf. Der Ärger war in seiner Stimme kaum zu überhören.
Die folgende Stille erschien geradezu erdrückend. Lediglich das Pendel der großen Standuhr, das mit leisen Geräuschen dumpf und monoton schlug, war zu hören. Selbst Jeremy gab keinen Laut von sich. Reglos hielt er sein Glas in der Rechten und beobachtete neugierig die Szene.
Christina spürte einen Kloß im Hals und schluckte schwer. Mit bebender Stimme meinte sie schließlich: „Entschuldigen Sie … aber … aber ich dachte, Sie hätten nur einen Scherz gemacht. Ich meine … Sie … Sie sind kaum sechzig, Sie können doch unmöglich am Strand der Normandie dabei gewesen sein!“
„Ja, so ist mein Onkel Dave, er macht immer seine Späße“, meinte Jeremy dann mit so lauter Stimme, das jeder am Tisch merklich erschrak.
Dann stimmten alle in ein Gelächter ein, welches sich bei jedem der Familienmitglieder gequält und gestellt anhörte. Onkel Dave tätschelte Christinas Arm und erklärte ausschweifend: „Ein Scherz, ein Scherz, natürlich war das nur ein Scherz. Ich meine, wie soll ich am Strand der Normandie gewesen sein? War ich denn da überhaupt schon geboren?“
Abwechselnd blickte er jeden an (Jeremy besonders intensiv) und lachte. Sein Gelächter klang so unnatürlich, der schlechteste Laiendarsteller hätte es glaubhafter dargestellt.
Just in diesem Moment bemerkte Christina endgültig, dass hier etwas nicht stimmte. Das Haus, diese merkwürdigen Leute, alles wirkte irgendwie falsch. Sie schob ihren Teller von sich, kaum in der Lage, auch nur noch einen Bissen herunter zu bekommen, und leerte ihr Saftglas in raschen Zügen.
Jeremy, du magst ein netter Junge sein, aber bei deiner verrückten Familie bleibe ich keine Minute länger!
„Sie müssen mich aber jetzt entschuldigen. Ich danke sehr für Ihre Gastfreundschaft, doch nun muss ich wirklich los.“
Jeder schaute sie schweigsam an, bis Jeremie sich räusperte und meinte: „Fahren Sie noch nicht, bleiben Sie wenigstens eine Nacht. Morgen nach dem Frühstück können Sie doch immer noch abreisen, oder?“
Sofort stimmten Jeremies Eltern, die beiden Schwestern und Onkel Dave ihrem jüngsten Sprössling zu und baten Christina in einem wilden, gestikulierenden Durcheinander über Nacht zu bleiben.
Dieser kleine Kerl gibt in seiner Familie unmissverständlich den Ton an!
Mit einer abwehrenden Geste stand die Besucherin auf. „Ich muss jetzt wirklich los, es tut mir leid“, kommentierte sie. „Sie sind bestimmt schon sehr müde“, konterte der Junge.
„Ich bin wirklich nicht müde, ich …“
Ein herzhaftes Gähnen hinderte sie daran, ihren Satz zu Ende zu führen. Eine bleierne Schwere überkam sie und wie auf Kommando drang ihr eine plötzliche Müdigkeit und Schlappheit bis in die Knochen.
Jeremy erhob sich, ging um den Esstisch herum und fasste sie bei der Hand.
„Kommen Sie, Christina, ich werde Sie auf das Gästezimmer bringen. Sicher möchten Sie sich hinlegen.“
Sie wollte dem Jungen widersprechen. Sie wollte sich einfach losreißen, aus dem Haus rennen, in ihr Auto steigen und fort fahren. Es gelang ihr einfach nicht. Widerstandslos ließ sie sich an der Hand des Jungen über eine endlos scheinende Treppe in eines der oberen Stockwerke führen…

+++

Der Nachtwind säuselte durch das gekippte Fenster und wirbelte sanft die dünnen Vorhänge auseinander. Der Halbmond stand am bedeckten Himmel und spendete nur wage Licht. Christinas tastende Hand suchte die Nachttischlampe und knipste sie an. Sofort kniff sie die Lider zusammen, weil das grelle Licht unangenehm in ihre Augen drang. Nur allmählich gewöhnten sie sich an die Helligkeit.
Die junge Frau schaute sich um. Sie befand sich in einem hübsch eingerichteten Schlafzimmer mit angrenzendem Bad. Sie schob die Decke beiseite und setzte sich an den Bettrand. Erst jetzt stellte sie fest, dass sie nichts als ihre Unterwäsche trug.
Was war geschehen?
Christina fühlte sich als Opfer eines klassischen Black-outs. Ihre letzte Erinnerung war, dass sie mehr oder weniger freiwillig gemeinsam mit Jeremy die Treppe hinauf gegangen war.
Wer hatte sie entkleidet und ins Bett gebracht?
Ihr Blick fiel auf den geöffneten Kleiderschrank zu ihrer Linken. Sie erschrak. Sämtliche Kleidungsstücke, die sie mit sich führte, hingen sauber an Bügeln bzw. lagen akkurat zu gleichmäßigen Stapeln auf den beiden Einlegeböden. Die Reisetasche lag zusammengefaltet am Boden des Schranks. Ihre Handtasche hing über der Lehne eines Stuhls.
Christina erhob sich und schlenderte hinüber in das Badezimmer. Wieder traf sie ein Schreck.
Der dreiteilige Spiegelschrank, der über dem breiten Waschbecken hing, war eingeräumt mit ihren Kosmetikartikeln und Waschutensilien.
„Mein Gott, oh mein Gott, was geht hier bloß vor sich?“, sagte sie zu sich selbst mit brüchiger Stimme.
Eines stand jedenfalls fest. Man wollte sie nicht mehr gehen lassen. Sie war eine Gefangene!
„Oh Gott, das darf doch wohl nicht wahr sein, in was für ein Irrenhaus bin ich hier nur geraten?“
Die Gefühle übermannten sie schließlich und sie begann bitterlich zu weinen und zu schluchzen. An dem Waschbecken musste sie sich festhalten, sonst hätten die zittrigen Beine ihren Dienst versagt und sie stürzen lassen.
Irgendwann, als sie sich nur halbwegs beruhigt hatte, kehrte sie in das Zimmer zurück und streifte sich ein T-Shirt über. Sie durchwühlte ihre Handtasche und stellte resigniert fest, dass ihr Handy entnommen wurde. Seltsamerweise war ihre Brieftasche mit sämtlicher Barschaft, Papieren und Kreditkarten noch vorhanden. Für Geld schienen sich diese Leute demnach nicht zu interessieren. Das Laptop allerdings, welches sich in einem Seitenfach in ihrer Reisetasche befand, fehlte.
Nachdem sie sich überzeugte, dass die Zimmertür von außen abgeschlossen war (was sie nicht wirklich überraschte), wanderte Christina eine ganze Weile nachdenklich hin und her.
„Wenigstens haben sie mir einen Fernseher gelassen, dann bin ich nicht völlig von der Außenwelt abgeschnitten“, sprach sie irgendwann zu sich selbst, ließ sich in einen bereits etwas abgewetzten Sessel plumpsen und grapschte nach der Fernbedienung.
In der Hoffnung, sich ein bisschen ablenken zu können, schaltete sie sich durch die einzelnen Programme.
Verrückt, das ist doch einfach nur verrückt, sagte sie schließlich in Gedanken und schüttelte fassungslos den Kopf.
Welchen Kanal sie auch immer wählte, der Bildschirm zeigte ausschließlich Kinder-, und Jugendserien. Tom & Jerry, Lassie, Die Muppet-Show, He-Man und die Masters of the Universe, Simpsons und so weiter – die ganze Palette.
Christina schaltete das Fernsehgerät aus und vergrub das Gesicht in ihren Händen.
Was hat das bloß alles zu bedeuten?

+++

Das Mädchen schreckte aus dem Schlaf auf und war sofort hellwach. Trotz der Dunkelheit erkannte Mary-Lou ihren jüngeren Bruder, der wie erstarrt vor ihrem Bett stand. Mit zitternder Hand schaltete sie das Licht an.
„Jer … Jeremy, was … was machst du denn mitten in der Nacht hier?“, stotterte sie ängstlich.
Ihr Herz schlug im Takt schneller und schneller.
„Das weißt du nicht?“
„Nein, nein!“
„Ich habe jetzt eine neue große Schwester, ich brauche dich nicht mehr!“
Das blanke Entsetzen packte das fünfzehnjährige Mädchen.
„Aber … aber wieso ich? Wieso nicht Melissa?“
„Weil du mich am meisten von allen anderen hasst. Du hasst mich weitaus mehr, wie du mich fürchtest. Leugne es nicht, Mary-Lou, ich spüre es. Du kannst deine Gefühle nicht verbergen. Nichts kannst du vor mir verbergen!“
Wie von einer Tarantel gestochen jagte das Mädchen hoch, schlang ihre nackten Arme um Jeremies Hals und bedeckte sein Gesicht mit Küssen.
„Du … du irrst, Jeremy! Ich liebe dich und ich verspreche, dass ich mich bessern werde. Nie soll ein böses Wort über meine Lippen kommen und ich möchte dich für immer ganz lieb haben!“
Sie küsste seine Stirn, seine Wangen, Nase und Mund. Vollkommen reglos, ohne den kleinsten Muskel zu bewegen und nicht die geringste Gefühlsregung zeigend, ließ der Junge die Prozedur über sich ergehen.
„Es ist vorbei, Mary-Lou. Es ist vorbei.“
Kraftlos sank das Mädchen auf die Knie, am ganzen Leib zitternd.
„Dann … lass mich doch einfach frei. Lass … lass mich doch einfach gehen.“
Der Junge stieß einen langen Seufzer aus.
„Du weißt doch, das würde dir nicht helfen. Auch dann wäre dir ein sofortiger Tod gewiss.“
Langsam hob Mary-Lou das tränennasse Gesicht. Sie schaute an Jeremie hoch, der plötzlich wie ein Gigant vor ihr stand. Erst jetzt begriff sie, was mit ihr geschah. Sie schrumpfte! Im Sekundentakt wurde ihr ganzer Körper kleiner und kleiner. Es brauchte nicht einmal eine halbe Minute, bis sie kaum größer als eine Barbie-Puppe war. Doch es ging immer noch weiter. Auf Insektengröße geschrumpft, waren ihre flehenden Klagelaute nicht mehr war zu nehmen. Gleichgültig hob Jeremy das Bein an und zermalmte die fingernagelgroße Mary-Lou mit dem rechten Fußabsatz.

+++


„Ich will jetzt wissen, was hier läuft, und zwar sofort!“
Christina fragte sich insgeheim, ob sie jemals einen derartigen Zorn verspürt hatte. Ja, ihre Wut übertraf noch ihre Furcht und Verwirrung. Mit regungsloser Mine stand Jeremy lässig vor ihr.
„Ich wollte Sie gerade zum Frühstück abholen und dafür schimpfen Sie mich aus!“
Das ist ja wohl die Höhe!
Christina hätte dem Jungen einen Schlag mitten ins Gesicht geben können.
„Ich glaub` ich spinne! Ich werde hier gegen meinen Willen von dir und deiner beschränkten Familie gefangen gehalten, hältst du das etwa alles für ein Spiel!“
Jeremie seufzte und schüttelte leicht den Kopf.
„Sie sind hier, weil ich es so will, Christina. Alles um Sie herum habe ich geschaffen und ich fürchte, Sie können nie mehr hier fort!“
Sie war sprachlos. Ein Irrenhaus, ich bin hier in einem Irrenhaus, dachte sie.
„Okay, das reicht! Das reicht!“
Sie wollte weg. Einfach nur weg. Auf dem Absatz drehte sie sich um, grapschte nach ihrer Handtasche, drückte sich an dem Jungen vorbei und eilte hinaus auf den Flur. Sie ärgerte sich zwar wegen ihrer übrigen Sachen, die sich noch in dem Zimmer befanden, vermochte aber anbetracht der Situation darauf verzichten.
„Ein Wiedersehen wird es nicht geben, Jeremy, deshalb sage ich lediglich lebe wohl!“
Dann rannte sie mit geschulterter Tasche die Treppe hinunter. Jeremie sagte nichts. Er blieb stehen, blickte ihr nach und sprach kein Wort.
Onkel Dave, der im gemeinsamen Wohnzimmer zurückgelehnt im Sessel saß und in einem Buch las, schreckte auf, als er Christina bemerkte, die an der offenen Tür vorbei hetzte.
„Das will ich sehen“, sagte der Mann zu sich selbst, legte das Buch zur Seite und stand auf.
Schnellen Schrittes eilte Christina zur Haustür und betete, dass diese nicht verschlossen war. Nein, sie öffnete, jedoch stieß die junge Frau prompt zurück. Ein gellender Schrei drang aus ihrer Kehle.
Vor der Haustür erwartete sie ein Nichts aus formloser, tiefschwarzer Unendlichkeit. Es schien, als blicke sie in ein gigantisches, schwarzes Loch.
Habe ich jetzt endgültig meinen Verstand verloren?
Sie wirbelte herum. Mutter Elisabeth, Vater Richard, Onkel Dave und Melissa, alle standen sie da und starrten sie an.
„Beruhige dich, Kleines, jeder von uns hat einmal diese Erfahrung gemacht“, erklärte der grauhaarige Onkel Dave schließlich und seine Stimme klang ungewöhnlich weich.
Als wimmerndes Bündel kauerte Christina zitternd am Boden. Wie aus dem Nichts stand Jeremie plötzlich neben ihr.
„Ich habe dir doch gesagt, du kannst hier nicht mehr weg. Doch du musstest es offensichtlich selber herausfinden. Ich bin dir deshalb nicht böse, große Schwester!“
Christina horchte auf.
„Was sagst du da?“
Jeremy wandte sich an seine Familienmitglieder und erklärte: „Mary-Lou ist nicht mehr unter uns. Dies hier ist jetzt meine neue zweite Schwester. Behandelt sie gut und kümmert euch um sie.“
Kaum eine Gefühlregung war in den Gesichtern der anderen zu deuten. Entweder kümmerte sie der Verlust Mary-Lous rein gar nicht, oder sie ließen sich ihre Trauer nicht anmerken.
Jeremy ging an den dicht beieinander stehenden Menschen vorbei, deutete auf Christina und sprach: „Ich habe keinen Hunger und gehe jetzt auf mein Zimmer. Nehmt euch ihrer an. Erklärt ihr alles. Doch bedenkt eurer Worte gut. Ich brauche euch nicht zu sagen, dass ich aus jedem Winkel dieses Hauses heraus, eure Gedanken lesen und eure Worte hören kann.“
Dann verschwand der Junge über die Treppe in die oberen Stockwerke.

+++

Christina saß an dem lang gezogenen Tisch des Esszimmers und stierte auf ihre dampfende Tasse Kaffee. Jeremys `Familie´ saß an der Seite der jungen Frau, ebenso schweigend.
„Nun denn, schweigen wir uns nicht länger gegenseitig an. Was geht hier vor? Wer ist Jeremy wirklich?“
Richard, der vermeintliche Familienvater, räusperte sich und sah Christina von der Seite an.
„Das ist schwer zu erklären.“
„Versuchen Sie es!“
Der Mann stieß einen langen Seufzer aus und schaute die anderen der Reihe nach an. Sichtlich nervös wich jeder seinen Blicken aus.
Anscheinend geht der Kelch nicht an mir vorbei, dachte der Endvierziger mit dem schütteren, dunklen Haar und der altmodischen Brille auf der Nase.
„Einerseits ist Jeremy ein ganz gewöhnlicher Junge. Er sehnt sich nach Liebe und Geborgenheit, nach Eltern, Geschwistern und Verwandten. Er liebt Süßigkeiten, Spielzeugautos, Action-Figuren und Zeichentrick-Serien. Anderseits … nun ja … wie soll ich mich ausdrücken? In dem Jungen schlummern Kräfte unfassbaren Ausmaßes, der Macht seines Geistes sind keine Grenzen gesetzt. Er kann alles tun, alles erschaffen, was er will, nur mit der Kraft seiner Gedanken. Selbst diesen Ort, an dem wir uns befinden. Er liegt jenseits von Raum und Zeit und nur mit einem Fingerschnippen kann Jeremie das Haus, Sie, uns und alles, was sich hier befindet, einfach verschwinden lassen.“
„Mein Gott“, machte Christina nur und schluckte.
Der kurze Bericht klang zwar wie ein Szenarium aus einem billigen Science-Fiction-Film, jedoch kam sie nicht darum, jedes Wort davon zu glauben.
„Und … und was wird jetzt aus mir?“
Onkel Dave übernahm das Wort und sagte: „Sie machen das, was wir auch machen. Sie werden Teil dieser Familie. Von jetzt an sind Sie Jeremys Schwester. Punkt. Zumindest so lange, bis er es so haben möchte.“
Und dann endest du wie die arme Mary-Lou. Der Teufel allein weiß, was der Bengel mit dem Mädchen gemacht hat, fügte der Mann in Gedanken hinzu und erschrak merklich. Auch nach all der Zeit, in der er sich nun in diesem Haus befand, hatte er sich noch nicht daran gewöhnt, dass Jeremie selbst auf die Ferne in den Gedanken anderer Menschen lesen konnte wie in einem offenen Buch.
Elisabeth hüstelte leicht und sah Christina etwas verlegen an.
„Jeremy möchte eine `echte´ Familie um sich haben, verstehen Sie? Also denken Sie zukünftig daran, mich Mutter und meinen Mann Vater zu nennen, okay?“
„Wo wir schon dabei sind, sollten wir zum Wohle aller auch jetzt zum `du´ übergehen“, kommentierte Richard noch.
Christina schüttelte sich.
Das ist verrückt, das ist einfach nur verrückt!
„Darf ich Chris zu dir sagen, große Schwester?“, fragte Melissa nun, die bisher noch kein Wort gesprochen hatte. „Okay. Ja das ist okay“, antwortete die Angesprochene knapp.
„So“, sagte Onkel Dave und rückte vom Tisch ab, „jetzt haben wir unser neustes Familienmitglied erfolgreich aufgenommen, jetzt können wir auch endlich mal frühstücken!“
Er stand auf und ging an den Kühlschrank.
„Weißt du, Kindchen, du musst versuchen, das Ganze von der positiven Seite zu betrachten. Du wirst nicht älter, musst nicht mehr zur Arbeit und der Kühlschrank ist immer voll. Nur mit Bier und Erwachsenenfernsehen sieht es schlecht aus. Mit der Zeit gewöhnt man sich aber auch daran.“
Dann war Jeremy plötzlich da. Er erschien so plötzlich, wie er vorhin im Hausflur verschwunden war. Er lächelte und zeigte den Gesichtsausdruck eines fröhlichen, glücklichen elfjährigen Jungen.
„Ist das Frühstück fertig?“
„Na so was aber auch, unser lieber Junge ist wieder da“, sagte Elisabeth, „wir wollten gerade den Tisch decken und dich rufen, Schatz!“
„Ich möchte neben meiner Schwester sitzen!“
Er schloss die verdatterte Christina in die Arme und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Dann rückte er sich einen Stuhl zurecht und nahm an ihrer Seite Platz.
„Ich hätte jetzt richtig Lust auf Rührei mit Schinken, wer noch?“
Augenblicklich hörte man brutzelnde Geräusche aus der Küche und ein würziger, herrlicher Duft drang aus der Tür ins Esszimmer hinein.
Während Melissa Teller und Besteck verteilte, eilte Elisabeth in die Küche und kehrte mit einer großen Pfanne zurück, in der sich saftig-gelbes Rührei und knusprig gebackenen Bacon befand.
Jeremy klatschte in die Hände und meinte: „Oh toll, du bist die beste Mama auf der ganzen Welt. Nicht war, Schwester?“
Christina erwiderte die Blicke des Jungen.
„Ja … ja das stimmt. Sie ist die beste!“
Die junge Frau schluckte hart.
Jeder nahm Platz und dann wurde gefrühstückt – wie in einer richtigen Familie!

 

Hallo Alga!

Willkommen bei den Wortkriegern.

Zu einem langen Text bekommst du nun keinen kurzen Kommentar:

"Schon vor einigen Meilen schlug die Warnleuchte des Tanks an"
=> Da deine Erzählzeit die Vergangenheit ist, musst du bei Rückblenden, wie hier, in die Vorvergangenheit. "hatte angeschlagen"

"der schon geraume Zeit keine Badewanne mehr von einer liegenden Position heraus gesehen zu haben schien"
=> Aber er hat sich stehend geduscht und ist jetzt rein wie Meister Propper?

"Die Angesprochene" => ist doch deine Protagonistin, die du bereits im ersten Satz mit Namen eingeführt hast. Warum nimmst du den Namen hier nicht? Auch später: "junge Frau", "die Besucherin". Liest sich nicht schön. Man fragt sich immer: wer ist denn nun gemeint? Bleib besser bei ihrem Namen.

"akkurat in Prinz Eisenherz-Manier gestutzt"
=> Ich habe nicht die geringste Ahnung, was Prinz Eisenherz für eine Frisur gehabt haben könnte. Eine anschauliche Beschreibung wäre nützlicher - immer vorausgesetzt, dass überhaupt wichtig ist, was für eine Frisur der Junge hat. Sonst kannst du das ganz streichen.

"folgte seinem ausgestreckten Finger."
=> Sie? Oder nur ihr Blick?

Niemals, niemals, niemals tun:
"Biiiiiiiiiiiiitttttttttttteeeeeeeeeeeeeee"
=> Usus zur Wortverlängerung sind höchstens drei Buchstaben.

"Fahrt gebar sich Jeremie seltsam"
=> "Gebar" ist kein heutzutage gebräuchliches Wort. Warum nicht "benahm"?

"dass das Essen von exquisitem Geschmack war."
=> Weniger ist mehr. Drück dich lieber mit einfachen Worten aus. Versuche von "gehobener Sprache" gehen meistens schief. Gilt natürlich für den gesamten Text.

"Ihr ganzes Gehabe wirkte irgendwie künstlich."
=> Das ist dem Leser durchaus schon aufgefallen. Christinas Verhalten dagegen ist nicht schlüssig.
"Just in diesem Moment bemerkte Christina endgültig, dass hier etwas nicht stimmte."
=> Was? Jetzt erst? So schwer von Begriff kann sie doch gar nicht sein.

"Christinas Rechte suchte"
=> Was soll das sein? Vermutlich meinst du die Hand. Schreib das lieber hin. Ohnehin, hat die Hand ein Eigenleben, dass sie selbstständig etwas sucht?

"Sofort kniff sie die Lider zusammen"
=> Die Rechte? Der Bezug stimmt nicht.

"bzw." => Bitte keine Abkürzungen in literarischen Texten.

"Lene" => Lehne

"schlenderte hinüber in das Badezimmer"
=> Wirklich? Sie ist völlig nackt, hat keine Ahnung, was passiert ist, aber sie schlendert herum? Wie wär's mit ein bisschen Panik?
=> An Christinas Reaktionen und der Glaubwürdigkeit müsstest du arbeiten. Ihre Gedanken sich auch viel zu rational: „Oh Gott, das darf doch wohl nicht wahr sein, in was für ein Irrenhaus bin ich hier nur geraten?“ => So denkt doch kein Mensch in einer derartigen Situation. Übrigens klingt das sehr nach "Hotel California".

"Wenigstens haben sie mir einen Fernseher gelassen"
=> Na prima, dann ist ja alles in Ordnung. Ich würde versuchen, aus dem Fenster zu klettern, um Hilfe zu schreien, die Tür aufzubrechen ..., deine Protaognistin sieht fern. Ähm ...

"Mit regungsloser Mine"
=> Gleich macht es BUMM! "Miene" meinst du.

Zum Ende hin wird dann Jeremie erklärt und Christina fügt sich ein (naja, warum auch nicht, sie hat ja 'nen Fernseher).
=> Nein, sorry, das gefällt mir nicht. Deine Protagonistin hat nicht einmal einen Hauch von Widerstand in sich. Sie wird mir nirgends sympathisch und somit ist mir ihr Schicksal gleichgültig. Bleibt sie eben im Hotel California. Na und?

Wie du bemerkt hast, kann ich deinem Text nicht so viel abgewinnen. Nimm das bitte nicht persönlich; mir geht's nur um Textarbeit.

Grüße,
Chris

 
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Hallo und herzlichen willkommen im Forum, Alga. :)

Ah, solche Horrorgeschichten hab ich schon als Kind (war ein R.L. Stine-Fan) gerne gelesen. Gruselige Vorstellung. Und seit "The Grudge" gibt es nichts Unheimlicheres für mich als "seltsame Kinder".
Den Beginn deiner Horrorgeschichte mochte, man kommt gut in die Geschichte und ahntschnell, dass etwas nicht ganz koscher ist mit dieser Familie.

Allerdings hatte ich am Ende das Gefühl, du löst es zu schnell auf. Bzw. dass du es überhaupt auflöst - also dass Christina mit Jeremies Familie um den Tisch sitzt und sie ihr alles erklären - hat mir persönlich viel von der Spannung genommen. Es war schnell klar, dass Jeremie Gedanken lesen kann bzw. beeinflussen (als er Christina "gezwungen" hat, mit ins Haus zu gehen und als sie auf einmal müde wurde). Damit hast du etwas nochmal in die Geschichte eingebracht und erklärt, was nicht nötig gewesen wäre, weil du es an voriger Stelle sehr gut und subtil eingebracht hast. Es hätte mehr Horror-Charme gehabt, finde ich, wenn man Ende einfach alle so getan hätten, als sei Christina die neue Schwester - sie praktisch "in die Rolle gedrängt" hätten - ohne ausdrücklich zu sagen, was vor sich geht. Das versteht man auch super so.

Was für mich nicht ganz schlüssig war: Christinas Verhalten. Sie setzt sich hin und sieht fern, während sie irgendwo gerade nack aufgewacht ist? Und fügt sich dann ganz lammfromm in ihr Schicksal? Die Figur war mir noch zu weit weg, an sie kam man nicht ran.

Auch ein paar andere Dinge - v.a. was die Erzählperspektive angeht - sind mir aufgefallen. Du schreibst aus Christinas Sicht, einmal auch eine Szene im Zimmer der Schwester Mary-Lou - rutschst dabei aber mittendrin in den Kopf einer anderen handelnden Person. Beim Schreiben sollte man, um der Stringenz willen, immer bei der Sicht derselben Person bleiben. Also nicht auf einmal die Leser mehr wissen lassen als den Protagonisten. Das ist auch oft ein Spannungskiller.

Außerdem spielt die Geschichte im englischsprachigen Raum, wenn ich das richtig verstanden habe? Dazu sind mir auch ein paar Kleinigkeiten aufgefallen.
Aber der Reihe nach ...

Schon vor einigen Meilen schlug die Warnleuchte des Tanks an, die junge Frau hatte sich bereits mental auf einen Fußmarsch zur nächsten Tankstelle eingestellt.

Da du im Präteriutum bzw. Perfekt (also in der Vergangenheit) schreibst, muss auch der erste Teil des Satzes ins Plusquamperfekt (Vorvergangenheit). Allerdings bin ich mir beim Gebrauch des Verbs "schlug ein" nicht sicher, ob man das so sagen kann. Kometen schlagen normalerweise ein. Warnleuchten blicken auf/gehen an.
"Schon vor einigen Meilen war die Warnleuchte der Tankanzeige angegangen ..."

Nach dem Christina getankt und bezahlt hatte(, schwang sie sich wieder hinter das Steuer und fuhr auf den angrenzenden Parkplatz des Truck-Stops, weil sie nach dreistündiger Fahrt nach einem Becher heißen Kaffee lechzte.

- Nachdem schreibt man zusammen
- nach hatte kommt das Komma
- des Truck-Stops (Genitiv-s)
- zweimal die Formulierung mit "nach" finde ich sperrig.
Auch dass es ein so langer Satz ist, kommt mir etwas unnötig vor. Generell ist es für den Leser eher angenehmer - außer es gehört explizit zum Stil - wenn man nicht all zu viel in einen Satz packt, sondern mal einen Punkt macht. Ist natürlich auch Geschmackssache. Aber so hast du sogar dreimal was mit "nach" (nachdem sie getankt hatte ... nach dreistündiger Autofahrt ... lechzte nach).

Mein Vorschlag wäre etwas in die Richtung:
"Nachdem Christina getankt und bezahlt hatte schwang sie sich wieder hinter das Steuer und fuhr auf den angrenzenden Parkplatz des Truck-Stop. Drei Stunden war sie bereits unterwegs, ein Becher Kaffee wäre jetztgenau das Richtige!"

Es waren nur ein paar Trucker zwielichtigen Aussehens anwesend und eine Gruppe tätowierter Biker, die sie ungeniert musterten und ihr ein paar Pfiffe und obszöne Kommentare entgegen warfen.

Eher ruft und pfeift man Mädels nach; offene Flirtversucht von Angesicht zu Angesicht sind für solche Jungs eher etwas zu "persönlich", wenn du verstehst, was ich meine. :P
Außderm würd ich das "anwesend" hinter die Biker setzen, die wirken sonst so "nachgestellt".

Christina verlangte einen großen Becher Kaffee, nahm noch eine große Salzbrezel dazu und zahlte rasch.

Deine Geschichte spielt, wenn ich das richtig deute, eher im englischsprachigen Raum? Truck-Stops sind klischeehafterweise in unseren Breiten auch mit den USA assoziiert. Da finde ich eine Salzbrezel als Snack eher ungewöhnlich, Amis stehen eher auf Donuts (und alles, was man sonst noch fritieren kann).

„Hey Süße, wie wär`s denn mit uns, he?“, knurrte ein schäbiger Kerl mit aschblondem Rauschebart, der schon geraume Zeit keine Badewanne mehr von einer liegenden Position heraus gesehen zu haben schien.

Hm ... Du willst mit der letzten Beschreibung ausdrücken, dass er wohl eine etwas zweifelhafte Körperhygiene hatte? Mit dieser Formulierung kommt mir Christinas Art zu denken näher (kann verstehen, was du damit erreichen wolltest), allerdings finde ich es extrem unglücklich und gezwungen.
Wer sagt, dass er sich nicht auf den Badezimmerboden gelegt und seine Badewanne von dort aus angestarrt hat? Ha ha ...
Spaß beiseite: Wenn er schmutzig wirkte, wird ich einfach beschreiben, wie er aussah (Dreck im Gesicht, Gerucht etc.), das mit der "liegenden Position" (außerdem kann man ja auch in der Badewanne sitzen) klingt "pretty banana".

„Hallo Kleiner, hast wohl platt gefahren, was?“, meinte Christina

Einen Frosch platt gefahren? Klingt etwas sehr salopp, v.a. wenn man Christinas eher nüchternen Ton bedenkt. Schöner fände ich: "Oh, du hast ja einen Platten/platten Reifen!" Wobei das auch etwas komisch klingt (ist ja offensichtlich), es reicht auch: "Wie ist das denn passiert?", meinte Christina ...

Der Junge hatte hellblonde Haare, akkurat in Prinz Eisenherz-Manier gestutzt.

Die Beschreibung fand ich süß. ^^

Ein paar winzig kleine Sommersprossen verteilten sich um die Nase, die zwischen zwei stahlblauen Augen hervor lugte.

"winzig kleine" ist ein bisschen zu viel; "klein" reicht auch. Du schreibst allgemein sehr nüchtern, da sollte man sich mit den nutzfreien Adjektiven beschränken.
"hervorlugte" zusammen geschrieben. Aber: Nase, die zwischen Augen hervorlugt? Das klingt, als würde sich die Nase genau zwischen den Augen verstecken und immer mal wieder schüchtern hevorschauen.
Außerdem ist das auch unnötig - dass die Nase zwischen den Augen ist bzw. das da die Nasenwurzel beginnt, ist normal; da muss man nicht nochmal extra schreiben, wo sich die Nase befindet. (Du schreibst ja auch nicht: Er hatte je links und rechts ein Ohr.)

Noch ein Stück den Highway entlang, dann muss ich an einer Kreuzung rechts ab und noch paar Meilen der Battonroad folgen, die im Zick-Zack-Kurs durch die Wälder führt. Dort lebe ich.“

Die Wegbeschreibung allgemein fand ich etwas seltsam ... Kann mir schlecht vorstellen, wie der Kleine dasteht und das erklärt. Dazu das zweimal "noch" wirkt für mich zu sperrig.

„Wow. Deine Eltern lassen dich ganz alleine so weit mit dem Rad weg fahren?“

wegfahren

Der Junge schüttelte den Kopf und musterte Christina eindringlich dabei.

Das "dabei" kann auch weg; meinem Sprachgefühl folgend würd ich es, wenn du es drinhaben willst eher so anordnen: "musterte Christina dabei eindringlich"; sonst klingt es wie der unnötige "Schwanz".
Aber nur ne Kleinigkeit.

„Würden Sie mich nach Hause fahren? Biiiiiiiiiiiiitttttttttttteeeeeeeeeeeeeee!“

Durch diese (onomatopoetische) Schreibweise kann man sich zwar vorstellen, wie er es sagt, aber es liest sich trotzdem unangenehm. Wenn du das "bitte" kursiv machst oder beschreibst, wie er es ausdrückst, wäre das meine Meinung nach die elegantere Lösung. Und wenn es unbedingt sein muss, würde ich keinen Buchstaben mehr als dreimal hintereinander schreiben (Biiitteee!") (aber wie gesagt: ist allgemein unelegant).

entschuldigte sich für die Unordnung, während sie minutenlang zwei Reisetaschen, einen Kosmetikkoffer sowie einige Bücher und Schnellhefter hin-, und herräumte, bis halbwegs Platz für Jeremies Fahrrad gefunden war.

Es reicht eigentlich, wenn du schreibst "ihr Gepäck/ihre Koffer und Taschen" (inhaltlich ist es ja nicht wichtig, was sie alles genau im Kofferraum hat). Und den Platz "findet" sie ja nicht, den "schafft" sie. Das "halbwegs" ist auch nicht nötig - entweder, da ist genug Platz oder nicht.
"... bis sie Platz für Jeremies Fahrrad geschaffen hatte."

Während den Gesprächen ihrer kurzen Fahrt gebar sich Jeremie seltsam, wie Christina empfand.

Mehrere Gespräche? Das klingt, als wären sie da eher Stunden unterwegs. ;) Etwas anschaulicher hätte ich es gefunden, wenn du vielleicht das Gespräch an sich beschreibst. Was fragt sie ("Was machen denn deine Eltern?" etc.) und wie antwortet er ("Sie sind meine Eltern.") Das könntest du auch schon nutzen, um ein paar erste ungewöhnliche Details über diese "Familie" zu nennen. Würde deinem Spannungsaufbau bestimmt helfen.

Schließlich standen sie vor seinem Elternhaus, ein fünfstöckiges Gebäude im viktorianischen Baustiel mit zahlreichen Balkonen und Erkern.

Äpfel haben "Stiele" - Häuser werden im Stil einer bestimmten Epoche erbaut: Baustil

„Kommen Sie noch zum Abendessen mit herein?“

hinein

Christina wollte dankend ablehnen, doch ihre Lippen formten andere Worte, als der Geist ihr vorgab.

Komma weg.
Vielleicht auch eher: "andere Worte als sie sagen wollte"? Das wirkt so, als sei sie von einem Geist besessen, der ihr sonst immer einsagt, was sie antworten soll.

„Hey Leute, das ist Christina. Sie hat mich nach Hause gefahren, weil mein Bike einen Platten hatte. Kann Sie bis zum Abendbrot bleiben?“

Auch in Geschichten, die in England/den USA spielen, würde ich Anglizismen vermeiden. Im Deutschen kann man das benutzen, um einen gewissen Slang deutlich zu machen, aber hier spricht doch nichts gegen die Benutzung des Wortes "Fahrrad", im Gegenteil, sonst drückt sich der kleine Haustyrann doch auch sehr gewählt aus.

Sie soll bis zum Abendbrot bleiben (und dann gehen)? Oder darf sie mitessen (in letzterem Fall das "bis" dann weg).

„Jeremie, Jeremie ist da!“, hieß es wie ihm Chor.

Sagten sie es im Chor oder nur "wie im Chor"? Wenn sie es alle gleichzeitig riefen, kann das "wie" auch weg.

„Unser lieber Junge ist wieder zu Hause!“, kam noch hinzu.

Den letzten Abschnitt brauchst du eigentlich auch nicht, es ist klar, wer das wie sagt.

meinte Jeremies Vater und wuselte durch die Haare seines Sohnes.

WAHH! Der Vater ist ein Wurm und windet sich durch die Haare seines Kindes? Uh, das ist wirklich creepy! O.ô Ansonsten: "fuhr seinem Sohn durch die Haare" oder "wuschelte" (wobei ich diesen Ausdruck für die sonst sehr nüchterne Beschreibung des Textes etwas zu verspielt finde, aber reine Geschmackssache).

Es gab Schweinekoteletts in dunkler Soße, Kartoffeln, Mischgemüse und Weißbrot. Als Getränke wurde Apfel-, und Orangensaft sowie Cola gereicht.
Christina zeigte regen Appetit und sie musste zugestehen, dass das Essen von exquisitem Geschmack war.

Irgendwie wirkt es auf mich immer "erzwungen" wenn man unnötige Aufzählungen wie was es genau zu essen gab etc. macht, die für den Inhalt nicht von Bedeutung sind; dein Stil ist mir da noch zu "unsicher" - wie ich schon mehrmals angemerkt habe, erzählsz du sehr klar und nüchtern, was absolut passt und mir gut gefällt. Nur manche zusätzlichen inhaltlichen Details - wie das Essen, der genaue Inhalt der Kofferraums - wirkt dann unpassend, weil du sonst auch nicht sehr detailreich beschreibst. Wenn du mit wenigen Beschreibungen arbeitest (was du gut machst!), würd ich auch nur dann welche einsetzen, wenn es tatsächlich was zum Inhalt beiträgt.
Und Cola/Saft reichen? Das wirkt so, als würde ein Butler um den Tisch spazieren und die Familie bedienen.

Auch das "zeigte" Appetit hat mich nicht ganz in Ruhe gelassen. Das wirkt, als würde jemand beobachten, wie sie isst und sagen können, sie "zeigt" Apettit (daran, dass sie reinhaut) ohne zu wissen, ob sie wirklich Hunger hat.
Aber es ist ja Christina, aus deren Sicht berichtet wird, das kann man ganz mutig schreiben: "Sie hatte großen Appetit ..."

Ihr ganzes Gehabe wirkte irgendwie künstlich. Sie drangen auf Christina mit allen möglichen Fragen ein, wobei sie aber immer den Blickkontakt mit Jeremie suchten. Es kam ihr vor, als suchten sie für jedes ausgesprochene Wort seine Zustimmung – oder sie fürchteten, etwas Verkehrtes zu sagen. Ja, Furcht! Das schien für die junge Frau das richtige Wort zu sein. Jeder umgarnte Jeremie mit führsorglicher Hingabe. Geschah dies aus Liebe oder aus Furcht?

fürsorglich
Auch hier würde ich mehr beschreiben/mehr wörtliche Rede, um zu zeigen, was genau seltsam ist.

Die folgende Stille erschien geradezu erdrückend.

Die nachfolgende Sendung ist für Zuschauer ...
Das finde ich auch etwas unglücklich beschrieben. Dave sagt etwas, das ernst ist. Christina lacht. Danach folgt betretenes Schweigen. So, wie es hier steht, wirkt es eher so, als würden die sich einfach schon eine ganze Weile unangenehm anschweigen ohne Grund. Die Betretenheit der Anwesenden bzw. Christinas Verwirrung kommt so nicht raus.
Verstehst du, wie ich meine?

„Ja, so ist mein Onkel Dave, er macht immer seine Späße“, meinte Jeremie dann mit so lauter Stimme, das jeder am Tisch merklich erschrak.
Dann stimmten alle in ein Gelächter ein, welches sich bei jedem der Familienmitglieder gequält und gestellt anhörte.

Mindestens das erste "dann", wenn nicht sogar beide, würde ich streichen.

Sein Gelächter klang so unnatürlich, der schlechteste Laiendarsteller hätte es glaubhafter dargestellt.

Das finde ich für einen auktorialen Erzähler zu wertend. Ich würde es Christina denken lassen oder - besser - einfach beschreiben, wieso es künstlich wirkte.

Just in diesem Moment bemerkte Christina endgültig, dass hier etwas nicht stimmte. Das Haus, diese merkwürdigen Leute, alles wirkte irgendwie falsch. Sie schob ihren Teller von sich, kaum in der Lage, auch nur noch einen Bissen herunter zu bekommen, und leerte ihr Saftglas in raschen Zügen.

Komma weg.

„Fahren Sie noch nicht, bleiben Sie wenigstens eine Nacht. Morgen nach dem Frühstück können Sie doch immer noch abreisen, oder? Biiiiiiiiiiiiittttttttttttteeeeeeeeeeeeeee!“

Siehe oben.

Christina fühlte sich als Opfer eines klassischen Black-outs.

Sämtliche Kleidungsstücke, die sie mit sich führte, hingen sauber an Bügeln bzw. lagen akkurat zu gleichmäßigen Stapeln auf den beiden Einlegeböden.

Solche Abkürzungen wie "bzw." würde ich in literarischen Texten ausschreiben. Ein schönes "oder" passt hier übrigens auch sehr gut statt des "bzw."

Ihre Handtasche hing über der Lene eines Stuhls.

Lehne

Wieder traf sie ein Schreck.

Ich würde eher mehr beschreiben, wie sie sich fühlt (Gänsehaut, Übelkeit ... Richtig in die Vollen schöpfen für das Gruselgefühl.)

Eines stand jedenfalls fest. Man wollte sie nicht mehr gehen lassen. Sie war eine Gefangene!

Wieso steht das fest? Bis jetzt hat sie weder die Tür kontrolliert, ob sie abgeschlossen ist (das kommt später) noch versucht, irgendwie sonst zu gehen. Ein bisschen voreilig, der Schluss, zu dem sie da kommt.

An dem Waschbecken musste sie sich festhalten, sonst hätten die zittrigen Beine ihren Dienst versagt und sie stürzen lassen.

Das ist toll beschrieben!! :) Mehr davon!

ließ sich in einen bereits etwas abgewetzten Sessel plumpsen und grapschte nach der Fernbedienung.

Also, dass sie sich so chillig vor den Fernseher setzt ... ? Nun gut.
"grabschen" schreibt man mit "b", wobei ich sagen muss, dass ich "plumpsen" und v.a. "grabschen" viel zu umgangssrachlich finde im Vergleich zum Rest des Textes (nüchterner, klarer Stil; hatte ich schon ein paar Mal angemerkt).

Welchen Kanal sie auch immer wählte, der Bildschirm zeigte ausschließlich Kinder-, und Jugendserien. Tom & Jerry, Lassie, Die Muppet-Show, He-Man und die Masters of the Universe, Simpsons und so weiter – die ganze Palette.

Auch was genau für Sendungen sie sieht - eben Cartoons, Zeichentrick - musst du nicht unbedingt schreiben. "die ganze Palette"? Das klingt inhaltlich auch wieder zu salopp für den Erzählstil.

Jetzt kommt der Szenenwechsel: Jeremie killt Mary-Lou. Da muss ich sagen, wäre ich bei Christinas Perspektive geblieben, ganz streng.
Guter Horror lebt von Dingen, die man nicht unbedingt weiß, sondern die die Phantasie des Leser anregen.
Gut wäre zum Beispiel: In diesen alten Häusern gibt es doch diese Luftschächte oder Dienstbotenaufzüge. Was wäre, wenn Christina nur durch einen solchen Mary-Lous Schreie/Betteln/Flehen hört und Jeremies Lachen/Seufzen/wasauchimmer.
Dann wäre das für Leser und Prot. gruseliger, finde ich, da kann man sich dann so alles drunter vorstellen und weiß, es ist nicht gut ...

„Ich will jetzt wissen, was hier läuft, und zwar sofort!“

Komma weg.

Mit regungsloser Mine stand Jeremie lässig vor ihr.

Dass er lässig ist, weiß man schon durch die "reglose Miene".

hältst du das etwa alles für ein Spiel!

Kommt mir eher wie eine Frage mit einem richtigen "?" vor.

Christina hätte dem Jungen einen Schlag mitten ins Gesicht geben können.

Ja, das hätte sie. Sie hätte wohl auch mit ihm Walzer tanzen oder ihn küssen können. Aber sie hätte ihm wohl am liebsten einen Schlag verpasst, nehme ich an.

Sie wollte weg. Einfach nur weg. Auf dem Absatz drehte sie sich um, grapschte nach ihrer Handtasche,

Das passt hier genauso wenig wie oben. "griff nach ihrer Handtasche"

vermochte aber anbetracht der Situation darauf zu verzichten

Onkel Dave, der im gemeinsamen Wohnzimmer zurück gelehnt im Sessel saß und in einem Buch las, schreckte auf, als er Christina bemerkte, die an der offenen Tür vorbei hetzte.

zurückgelehnt
Dass das Wohnzimmer "gemeinsam" ist, finde ich auch nicht nötig zu erwähnen. Auch die beiden Relativsätze finde ich unpraktisch. Ich würde eher zwei Sätze aus dem ganzen machen.

jedoch stieß die junge Frau prompt zurück.

Mit dem Auto kann man zurückstoßen (damit hat mich mein Fahrelehrer immer genervt beim Einparken). Die Tür kann jemanden - in diesem Fall Christina - zurückstoßen. Oder Christina kann zurückfallen.
Aber so klingt der Satz auf mich befremdlich.

Vor der Haustür erwartete sie ein Nichts aus formloser, tiefschwarzer Unendlichkeit.

"tiefschwarz" gibt es nicht. Entweder etwas ist schwarz oder nicht. Schwärzer gibt's nicht. Auch unter "formloser" Schäwrze kann ich mir nichts vorstellen.
Es ist einfach ein schwarzes Loch. Mehr Beschreibung würd ich hier nicht machen.

Kaum eine Gefühlregung

Gefühlsregung

Doch bedenkt eurer Worte gut. Ich brauche euch nicht zu sagen, dass ich aus jedem Winkel dieses Hauses heraus, eure Gedanken lesen und eure Worte hören kann.“

ich gedenke einer Sache (z.B. meiner Worte ... auch wenn das keinen richtigen Sinn ergibt, man gedenkt seiner Taten oder so ...), aber "bedenkt eure Worte"

Das Komma weg.

„Wo wir schon dabei sind, sollten wir zum Wohle aller auch jetzt zum `du´ übergehen“, kommentierte Richard noch.

Das Problem mit dem englischsprachigen Raum:
You can say you to me?
Wenn es eine amerikanische Familie ist, "duzt" man da Fremde generell nicht. :P Aber auch sonst nennt man sich von Anfang an eher ungezwungen beim Vornamen.
Ansonsten nennt man sich beim Nachnamen, sagt "Sir" etc.

Zu der Erklärung der Familie:
Wie gesagt, es hat für mich die Spannung gekillt. Wenn sie Christina mit unheimlicher Bestimmtheit einfach in ihrer Mitte ohne Erklärung aufgenommen hatte ("Aber Kind, ich bin doch deine Mutter, seit wann nennst du mich Ma'am?"), wäre das gruseliger gewesen.
Vll macht Onkel Dave noch einen schlechten Witz - über Bier etc. - um die Sitmmung zu lockern, aber sonst hast du mit dem Ende extrem viel Potential verschenkt, finde ich.
Du hattest gute Ideen am Anfang, wo du auch subtil beschrieben hast (wie mit Jeremies Verhalten während der Autofahrt oder der Stimmung am Tisch). Lass so etwas für dich arbeiten, das klappt ganz wunderbar!

Anscheinend geht der Kelch nicht an mir vorbei, dachte der Endvierziger mit dem schütteren, dunklen Haar und der altmodischen Brille auf der Nase.

und hier:

Und dann endest du wie die arme Mary-Lou. Der Teufel allein weiß, was der Bengel mit dem Mädchen gemacht hat, fügte der Mann in Gedanken hinzu und erschrak merklich. Auch nach all der Zeit, in der er sich nun in diesem Haus befand, hatte er sich noch nicht daran gewöhnt, dass Jeremie selbst auf die Ferne in den Gedanken anderer Menschen lesen konnte wie in einem offenen Buch.

Perspektivenwechsel meiden. Bleib bei Christinas Sicht.

„So“, sagte Onkel Dave und rückte vom Tisch ab, „jetzt haben wir unser neustes Familienmitglied erfolgreich aufgenommen, jetzt können wir auch endlich mal frühstücken!“

Einmal "jetzt" reicht eigentlich.

Dann war Jeremie plötzlich da. Er erschien so plötzlich,

Wortwiederholung. "Plötzlich war Jeremie wieder da ..."

Augenblicklich hörte man brutzelnde Geräusche aus der Küche und ein würziger, herrlicher Duft drang aus der Tür ins Esszimmer hinein.

Kann die Mutter auch zaubern? Ansonsten würd ich ihr ein paar Minuten Zeit geben, um den Herd anzumachen usw. ...

Die junge Frau schluckte hart.

Wie schluckt man denn hart? Es kann hart sein zu schlucken ...

knusprig gebackenen Bacon befand.

eher "gebackener" bzw. gebratener? Auch wieder hier: Warum der Anglizismus? Schinken ist zwar nicht kischer oder hallal, aber man kann es doch wenigstens beim (deutschen) Namen nennen.

Allgemein hätte ich auch gerne mehr über Christina erfahren - ihre Familie/Freunde, wohin sie geht ... Dann wäre die Vorstellung, dass sie jetzt ewig in diesem verrückten Laden eingesperrt ist, viel bedrückender. So wurde sie nicht ganz greifbar für mich.

Auch mit der Schreibweise von "Jeremie" konnte ich mich nicht anfreunden. Im Französischen schreibt man "Jérémie"; im Englischen benutzt man zwar gerne irgendwelche abgefahrenen Schreibweisen für die banalsten Namen ("Lyza" statt "Lisa"), aber da die anderen Namen in deinem Text auch die englische Schreibweise hatten, fände ich "Jeremy" stimmiger.

Allgemein: Eine gute Idee. Lies' mal die Horrorgeschichte "Der Garten" von Quinn hier auf dem Forum, ich denke, das wird die gefallen.

Viele Grüße
Tell

 

Vielen Dank für die ausführlichen Bewertungen. Woran man mal sieht, wie wichtig eine Korrekturlesung ist. Vieles hier Angesprochene ist mir auch nach mehrmaligem Durchlesen selber gar nicht aufgefallen (vielleicht ist das auch ein Stück weit normal, dass man bei der Lektüre des eigenen Textes "Scheuklappen" auf den Augen hat) oder ich habe einfach nicht darüber nachgedacht. An der Autobahnraststätte einen Kaffee und eine Brezel zu kaufen, ist für mich vielleicht normal, für einen Truck-Stop in den USA eher ungewöhnlich - eines der Dinge, die mir beim schreiben und lesen gar nicht bewusst geworden sind. Ebenfalls ist mir aufgefallen, wie tief der heimische Dialekt in einem selbst verwurzelt sein kann. Einige der angemerkten, sprachliche "Fehler" sind für mich selbstverständlich. Im ersten Moment konnte ich gar nicht verstehen, was an dem Satz "hast du platt gefahren" verkehrt sein soll, da es für mein Verständnis eine ganz gängige, normale Ausdrucksweise ist.
Abschließendes Fazit: Ausdrucksweise zukünftig verbessern und vor allem keine persönlichen Interessen und Gewohnheiten in meine Texte einbringen. Über Chris Stones Bemerkung wegen der Beschreibung "akkurater Prinz-Eisenherz-Manier" konnte ich erst nur den Kopf schütteln. Für mich ist das selbsterklärend, jemand anderes, der mit Prinz Eisenherz nix am Hut hat, kann mit dieser Beschreibung natürlich nichts anfangen.

 
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Hallo Alga,

willkommen bei uns.

Wir verstehen uns als eine Art Schreibwerkstatt, d.h. gepostete Texte bleiben eigentlich nicht auf ewig so stehen, sondern werden auf Basis des Feedbacks bearbeitet, um sie möglichst gut werden zu lassen. Falls du das nicht willst, entspricht das nicht dem Sinn dieser Seite, aber ok - dann wäre es allerdings nur fair, einen Kommentar zu schreiben, dass du die Geschichte nicht zu überarbeiten gedenkst, damit sich keiner die Mühe macht, lange Listen mit Verbesserungsvorschlägen zu erstellen.
Korrigier hier doch bitte wenigstens die Fehler, die dir Chris Stone und Tell netterweise rausgesucht haben, damit es künftige Leser einfacher haben und der Text hier nicht so fehlerhaft drinsteht. Das übt ja auch.

Viele Grüße,
Maeuser

 

Hallo,

die Geschichte ist jetzt überarbeitet.

Grüße

 

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