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Theaterstück Kreatur Mensch

Seniors
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29.01.2010
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Kreatur Mensch

Bühnenbild: Aufwachsaal in einem Spital. Im Fokus des Scheinwerfers ein Bett, in dem ein weißer Haarschopf und ein bleiches Gesicht sich beinah nur durch die unterschiedliche Zeichnung von Haaren und Falten gegenüber dem Webmuster der Laken, voneinander abheben.

Imaginärer Beobachter, nur als sonore Stimme hörbar, gibt eine „Einführung für die Zuschauer“: Der Patient erlebt die Gegenwart und erinnert sich fragmentarisch an die vergangenen Monate. Seine Sinne sind derzeit erheblich beeinträchtigt, was sich in seinen in Worte gefassten Gedanken spiegelt. Anfänglich erzeugte ein starkes und konstant eingesetztes Cortison-Medikament im Rahmen einer Basistherapie, in ihm euphorische Gefühle. Die Schmerzen, welche unerwartet über Nacht eingetreten waren, erfuhren erst nach zweieinhalb Monaten des Leidens, mit dem endlichen Beginn gezielter therapeutischer Maßnahmen, Beruhigung. Von seinem Hausarzt, Lehrbeauftragter an einer Universität, trennte der Patient sich mit dem Vorwurf, er habe seine Interessen und Bedürfnisse aus eigennützigen oder fahrlässigen Gründen erheblich missachtet.
Mit dem Ausklingen der Basistherapie, welcher die erkannte schwere Psoriasis-Arthritis-Erkrankung zugrunde lag, traten erneut sukzessiv starke Schmerzen und Behinderungen auf, die die Erträglichkeit infrage stellten. Die Symptome ließen vorerst auf einen erneut starken Schub dieser zerstörerischen Entwicklung vermuten. In der folgenden Untersuchung bestätigte sich dies jedoch nicht. Die radiologisch bildgebenden Verfahren, die ursprünglich erhoben wurden, zeigten im Körper einige Veränderungen, von denen eine sich für die auftretenden Schmerzen direkt anbot. Eine starke Verengung des Spinalkanals in der Lendenwirbelsäule, an drei Stellen über zwei Wirbel hinweg. – Es waren sich alle einbezogenen Ärzte einig, die Nervenbahnen wurden an dieser Stelle massiv drangsaliert. Einzig der Neurochirurg, welcher kurz vor der nun zu erfolgenden Operation beigezogen wurde, begegnete diesem Standpunkt mit Skepsis. Dem waren inzwischen drei Monate vorangegangen, in denen man versuchte, mit schwerer und sich wechselnd steigender Medikation, die Schmerzen zu unterbinden. Erfolglos – ebenso wie die Operation.

Als meine Augendeckel sich nach der Vollnarkose öffneten und wieder schlossen, wirkte es mir wie ein Blick in ein schwabbelndes Grau von Nebelschwaden. Das Bewusstsein war träge, doch die Empfindung von schmerzfrei vermochte sich auszubreiten. Dieses Gefühl war im Moment beherrschend, nichts anderes zulassend, nach Monaten mit beständigen Schmerzen, die mich - der sich nicht schmerzempfindlich wähnte -, an den Rande des Erträglichen führten. Der Höhepunkt war in der Nacht zum 24. Dezember aufgetreten, als Kreatur Mensch schien ich auf den nackten Wahnsinn gestoßen zu sein, den höchsten Schmerzlevel 10.​

Imaginärer Beobachter: Ah, er kehrt zurück. Sein Gesicht wirkt entspannter als vor der Operation, die er mit großer Erwartung antrat. Das Cortison, welches hochdosiert der Infusion beigegeben wurde, tat seine Wirkung. Sein schmales Gesicht ist bleich, die weißen Haare wirr, als hätten sie sich gesträubt und wollten sich nun keiner Ordnung fügen. Der Faltenwurf im Gesicht, die Zeichnung langanhaltender Schmerzen, bilden mit der Wirrnis den einzigen Kontrast gegenüber dem grellen Laken, das ausgenommen dieser Partie ihn zudeckt.

Einem Zeitraffer gleich öffnet sich in ihm eine Innenschau.

Leiden konnte ich jahrzehntelang meist als Außenstehender begleiten, die Ursachen mitfühlend verstehen zu versuchen und Lösungen anzunähern, doch wissend um die Unerreichbarkeit des subjektiv schmerzlichen Empfindens der Betroffenen. Mich hatte es vor knapp über 10 Monaten ereilt, als ich eines Morgens kaum mehr beweglich, nur noch mühselig aufstehen konnte. Kreuzschmerzen waren schnell behoben, eine Dehnungsübung für den Rücken brachte hierzu Linderung. Das Erschrecken war umso heftiger, als ich merkte, dass meine Beine, dem Befehl zu laufen, nur zögerlich nachkamen. Trippelnde Schritte waren möglich, doch kein normales Gehen, geschweige denn zügiges Fortschreiten. Eine Blockade hatte sich meiner bemächtigt, zu der ich keine Antwort hatte und auch in der einschlägigen Fachliteratur keine Lösung fand. Die Schmerzen bauten sich zusehends auf, ließen mich rätseln, welcher Facharzt mir treffende Hilfestellung bieten könnte. In jener Nacht hatte ich wie einen Arthrose-Schub im Körper verspürt, obwohl nie betroffen, ordnete ich es entsprechend so zu. Nur die Blockade wollte zu diesem Krankheitsbild nicht passen.​
Trippelnden Schrittes, der in der Öffentlichkeit heiteres Aufsehen erregte, begab ich mich nach einer Woche erfolgloser Selbstregulationsversuche in die Praxis meines Hausarztes. Einige Tage später eine erste Untersuchung, dem sich eine Anmeldung in der Radiologie anschloss, präzis dem klinischen Handbuch folgend. Der Hausarzt nahm sich inzwischen Ferien, nein eine zwischenzeitliche Behandlung von mir durch seinen Stellvertreter wollte er nicht, wie es die Praxisassistentin anregte. Ihr Gesicht hatte Verständnislosigkeit ausgedrückt, mir blieb dieser Entscheid auch unklar, doch hoffte ich auf die sedierend überbrückende Wirkung der Medikamente. NSAR, Nichtsteroidales Rheumatikum, bilden eine Gruppe entzündungshemmender Schmerzmittel, die bei bestimmten Krankheitsformen das Mittel der Wahl bilden. Ich hatte solches schon eingenommen, bevor ich meinen Hausarzt aufsuchte und die vorläufige Selbstdiagnose Arthrose stellte. Nach einigen Tagen schwoll mein Bein an, ein Ödem hatte sich ausgebreitet. Zur Not halfen eine Nummer größere Schuhe und sofortige Absetzung des Medikaments. Auch das neue Medikament, welches er verordnete, zählte zu dieser Gruppe, und er war überzeugt, dieses rufe kein Ödem hervor. Nach drei Tagen musste ich auch dieses absetzen, zu seinem Zorn, als er aus den Ferien heimkehrte. Die Zeit zog dahin, der Schmerz blieb, die Röntgenbilder zeigten einige Veränderungen, doch keine zweifelsfreien Indikationen. Nach zwei Monaten endlich, verabreichte Schmerzmittel hatten sich für mich als unzulänglich erwiesen, Überweisung an eine Fachärztin für Rheumatologie und zugleich eine in die Physiotherapie. Die Diagnose Psoriasis-Arthritis erschreckte mich nicht, war ich von Ersterem doch bereits seit zwei Jahrzehnten betroffen. Verblüffender war nach medizinischer Meinung die schnelle Entwicklung der Arthritis, welche sich ohne Vorzeichen bereits im ganzen Körper verbreitet hatte. Mit der gezielten Basistherapie schwanden die Schmerzen ins Erträgliche, bewegten sich auf einem Level, der mich aufleben ließ. Aufgrund meiner positiven Einstellung bezeichnete die Fachärztin mich alsbald als einen pflegeleichten Fall. Zu diesem Zeitpunkt fühlte ich mich auch als nicht Leidender, einzig das Handicap mit dem Gehen harrte noch einer Behebung. In der Physiotherapie wusste man keine Lösung für die Blockade im Gehapparat, doch das Gespräch führte ungewollt darauf zu. Um mich schneller und damit unauffälliger bewegen zu können, ließ ich mich über eine solche Möglichkeit informieren, was einen überzeichneten Bewegungsablauf mit den Armen einschloss. Noch auffälliger statt diskreter, doch nach gezieltem Einsetzen im Alltag löste sich die Blockade unvermittelt auf. Ich fühlte mich nach außen wieder als vollwertiger Mensch.​

Imaginärer Beobachter: Wie konnte es sein, das dieser gebildete Mensch, die Befunde und die Beurteilungen der Radiologie einfach so hinnahm, ohne zu hinterfragen, ob nicht unmittelbar weitere bedrohliche Szenarien bestanden. Immerhin wurden im Bericht fünf verschiedene ungünstige Veränderungen aufgezeigt, die nicht wirklich bedrohlich sein mussten, aber deren Klärung eines Behandlungsbedarfs im Einzelnen erwägenswert erscheinen ließen. Gut, die Diagnose einer Psoriasis-Arthritis nahm in seinem Denken den vollen Raum ein, weiteren Handlungsbedarf auf später verschiebend. Das Cortison gab ihm derzeit das Gefühl, trotz Erkrankung, die Leichtigkeit des Seins zu erleben.

Das Wissen um die Schwere meiner Krankheit erschütterte mich nicht, war mir doch seit jeher bewusst, dass ich die Schwelle des körperlichen Abbaus um die Zeit des 70. Altersjahrs erreichen würde. Auch als Ethiker waren meine Gedanken schon in frühen Jahren um solche Themen gekreist. Eine allgemeingültige Antwort war nicht zu finden, mehr Leitlinien und Positionssignale, die dem Einzelnen bei der Orientierung nützlich sein könnten. Für die meisten erwies sich die Angst vor Ungewissheiten und der Unausweichlichkeit eines begrenzten Lebens als absolute Hemmung, sich diesen Fragen frühzeitig und vertieft zu stellen. Mir waren die Gegebenheiten der kausalen Natur ein dienliches Indiz, wenngleich deren Gesetzmäßigkeiten keineswegs immer erkennbar, verständlich und deutbar sind. Die Kreisläufe der Vergänglichkeiten des Einzelnen, ergeben vor der sich in großen Zeiträumen immer neu entwickelnden Teilen des Ganzen, schon einen zu erahnenden Sinn, auch wenn unsere Vorstellungskraft daran scheitert, es letztlich zu erfassen.​
Nach der dreimonatigen Basistherapie, welche die Lebensqualität ungeachtet des extremen Hitzesommers auf gewohntes Niveau einpendeln ließ, unternahmen wir einen Versuch mit einem neu zugelassenen Medikament, welches einen Teil der zerstörenden Entwicklung hemmen sollte. Das Scheitern war nach wenigen Wochen gegeben, da sich zwei Unverträglichkeiten etablierten, die den Nutzen fraglich erscheinen ließen. Auch Biological, eine neue und extrem teure Medikation, erwies sich als ungeeignet, da ich nach sorgfältigem Studium der Wirkungen auf eine Eigenschaft stieß, die bei allen Medikamenten dieser Gruppe auftrat und bei mir potentiell negative Auswirkungen hätte. Also entschieden wir für das weitere Vorgehen die konventionellen Therapien.​
Knapp einen Monat später traten Schmerzen auf, die an den Krankheitsauftritt im Frühjahr erinnerten. Die Merkmale erwiesen sich allerdings als trügerisch, es war keine Intensivierung der Arthritis. Abklärungen zeigten, dass die damals in der Radiologie bemerkten Verengungen des Spinalkanals im Lendenwirbel, in dem die Nervenbahnen für den Unterkörper sich bündeln, sich als Ursache aufdrängen. Hier hatten altersbedingte Deformation und Ablagerungen durch Arthritis diese Engpässe bewirkt. Mit indizierten Schmerzmitteln war dem nicht beizukommen, auch eine Infiltration mit Cortison der betroffenen Wirbel führte zu keiner Linderung. Nach langwieriger Schmerztherapie, mit stets noch stärkeren Kombinationen, erwies sich einzig die Verbindung mit einem Morphium-Präparat als geeignet dafür, den Schmerzlevel in einem noch erträglichen Maß zu halten. Nur bedeutete dies nicht schmerzfrei und die Abhängigkeit mit seinen Konsequenzen würde sich einstellen. Ohne jegliches Zögern, da ich über Jahrzehnte die Empfindungen von Angst und eingeschränkt von Schmerzformen herabzusetzen lernte, stimmte ich einer operativen Erweiterung des Spinalkanals zu. Der sich steigernde Schmerzlevel hätte eine Notoperation angezeigt, doch ich entschied durchzuhalten und erst aufgrund sorgfältiger Berücksichtigung aller Umstände, die Knie versagten inzwischen auch ihren Dienst, was zu Stürzen führte, ordentlich terminiert operiert zu werden.​
Das Gespräch mit dem neurochirurgischen Operateur erwies sich als nicht motivierend, da er sich skeptisch über den Nutzen dieser Operation ausließ. Die Frage, was er denn für eine Ursache in den Schmerzsymptomen und dem Abbau gewisser Funktionalitäten sehe, konterte er schlicht, er wisse dies nicht. Mir Grund genug, kein Jota von meinem Entscheid operiert zu werden abzuweichen.​

Imaginärer Beobachter: Die Fassung des Patienten war schon etwas angeknackt, auch wenn er keine Miene verzog, als er unerwartet und unmittelbar vor der Operation auf eine Infragestellung des Nutzens dieser stieß. Dazu ausgerechnet von dem Neurochirurgen, der diesen Eingriff vornehmen würde. Eine Leere bemächtigte sich seiner. Sein sonst durch klare Differenzierung geprägtes Denken stand vor einem Nichts. In seinem Schmerzgedächtnis pochten die ungeheuerlichen Erfahrungen und Empfindungen der letzten zweieinhalb Monate schemenhaft aber bedrohlich, ohne sich in den Vordergrund zu schieben. Das Bewusstsein signalisierte, ohne raschmöglichstes Handeln wäre ein endgültiges Absinken der Lebensqualität unter den Nullpunkt gegeben. Mit stets zunehmender Sedierung, um der Palliativmedizin gerecht zu werden, würde letztlich erreicht werden, dass er in den Sinnen betäubt, auf den Tod hinvegetierte. Wenigstens hat er eine Patientenverfügung hinterlegt, die eine künstliche Ernährung in einer solchen Situation ausdrücklich verbot. Recht sei Dank, der Gedanke des Humanen hatte hier Oberhand.

Bühnenbild: Krankenzimmer und Teil eines Flurs. Lichtverhältnisse wechselnd mit den Tageszeiten.

Die der Operation folgenden Tage und Nächte erlebte ich zwar bewusst, aber von einer großen Menge an Schmerzmitteln durchtränkt, wie in einem unwirklichen Film. Tagesordnung war Laufen und Liegen, was infolge der schmerzfreien Betäubung sich mechanisch bewerkstelligen ließ. Das Liegen war meist von einem Dösen begleitet, das Laufen dagegen von einem vorsichtig strapaziösen tappen, da die Beine sich kraftlos anfühlten. Allerdings, das Einknicken der Knie war verschwunden.​
Die schleichende Zeit erlaubte, die vergangenen Monate erneut im Zeitraffer nochmals zu durchleben. Höhe- und Tiefpunkte blinkten auf, vermischten sich mit Gedankenfetzen, und festigten die langgehegte Erkenntnis, dass der Schmerz durchaus jedem bekannt und doch der des Andern einem immer fremd bleiben musste.​

Imaginärer Beobachter: Das Gesicht des Patienten ist maskenhaft apathisch, es vermochte schon ein Lächeln anzudeuten, doch gab es dem Betrachter den Eindruck, es sei nur ein Teil des Menschen bei dieser Funktionalität beteiligt. Nicht qualvoll gezwungen, mehr wie bei einem weggetreten sein.

In jener Nacht, als ich den stärksten je wahrgenommenen Schmerz verspürte, keine erlösende Ohnmacht stellte sich ein, fragte ich mich, worin hier noch Sinn gegeben sein sollte? Die Natur ist raffiniert und zugleich in ihrer Komplexität bei Weitem nicht durchschaubar. Sie auszutricksen mochte ein Stück weit gehen, beim Schmerzreiz jedoch beschränkt, da er sich unter Umgehung der Barrieren chemischer Keulen, neu und noch intensiver zu etablieren vermag. Liegen, stehen und laufen wechselten sich ab, die erschöpfende Müdigkeit bewirkte, dass die Lider ab und an zuklappten und wie auf Warnsignal wieder aufrissen, um nicht zu stürzen. Der erste öffentliche Sturz war mir völlig überraschend gekommen, im Parkhaus eines Einkaufzentrums, als ich auf den Lift zueilte, der gleich seine Türen schließen würde, gaben die Knie durch die beschleunigte Gangart nach. Keine Möglichkeit mich festzuhalten verspürte ich das absacken der Beine, meine Knie schlugen auf und der Dynamik folgend der Oberkörper, hart nach vorn auf den Boden aufschlagend. Ich hätte mit den Fäusten auf den Boden trommeln mögen, vermochte der unseligen Situation jedoch nur mit sanft schimpfenden Worten zu entgegnen. Am Boden auf die Wand zu robbend, gelang es mir schwerlich, mich im Winkel anstemmend langsam hochzubringen. Kein Mensch war zugegen, hier wo sonst ein ständiges Kommen und Gehen herrschte, als hätte der Zeitpunkt sich mit meinem Körper verschworen, um mir eine Lektion zu erteilen. Immerhin ersparte es mir die Scham andern Leuten gegenüber, meine Hinfälligkeit auch noch in dieser Weise zu demonstrieren. Gefährlicher noch waren jene Stürze, die auf Treppen erfolgten. Obwohl eine Hand sich immer am Griff festhielt, folgte nachlassendem Halt in den Knien jeweils ein kopfüber Hinfallen über die Stufen hinweg. Verwunderlich nur, dass es bisher nicht zu Knochenbrüchen kam, da das Cortison die Entwicklung einer Osteoporose begünstigt hatte.​
Keine einzige Träne vermochte jemals den Schmerz zu begleiten. Kurz mal traten feuchte Augen auf, wenn die Gedanken an die Hoffnungslosigkeit des Gegebenen überhandnehmen drohten, doch stemmte sich da gleich der Wille dem entgegen, diesen Krieg im Körper nicht zu verlieren. Clausewitz, ein Militärstratege im ausgehenden18. beginnenden19. Jahrhundert, hatte einst den Satz geprägt, dass man eine Schlacht verlieren kann, niemals aber den Krieg. Der Schlachten waren da ihrer viele, die im Körper tobten, das Gemetzel grausam, das Leid unverständlich.​

Bühnenbild: Tristes Erscheinungsbild einer im Winter unpassenden Möblierung wie bei einem Straßencafé.

Nach zwei Tagen wollte ich wieder mal eine Zigarette rauchen, ein Genuss, den ich unter Kontrolle halte, aber schätze, was jedoch nur außerhalb des Gebäudes, in einem speziell dafür reservierten Geviert, möglich war. Diese Restriktion gilt für Patienten, Besucher und Personal gleichermaßen. Was im Sommer apart wirken mag, unter großen Sonnenschirmen standen metallene Tische und Stühle, erwies sich zu dieser winterlichen Jahreszeit als Tortur. Bei einer Temperatur wenige Grad über null saßen oder standen, alle schlotternd, die Raucher und Raucherinnen. Da ein kräftiger Wind blies, trug es die Feuchtigkeit des Regens nahezu an alle Stellen unter den Abdeckungen. Ein Areal, wie in einem Zoo musste es den dem Haupteingang des Spitals zu- oder wegströmenden Menschen vorkommen. Da war stets eine kleine Herde frierender Kreaturen, ihre Inhalation an blauem Dunst in die Luft ausstoßend. Signalisierend, ihr Sein und ihr Verlangen nicht von inhuman anmutenden Geboten verdrießen zu lassen. Wenn der eine oder andere etwa eine Lungenentzündung hineintrug, war er doch immerhin gleich am richtigen Ort, der Pflege durch das Gesundheitswesen.​

Imaginärer Beobachter: Der Patient hat schon recht, ein Anblick wie im Zoo. Die Perspektive würden sich allerdings auch wechseln lassen, da die ein- und ausgehenden Kreaturen mit verdrießlichen Gesichtern, manche mit Schirm gegen Wind und Regen kämpfend, andere in Kapuzenmäntel gehüllt, nicht minder ein komisches Bild boten. Überheblichkeit in den einen oder andern Gesichtern, das Gehege nach besonderen Artungen musternd, auf keinen Fall Blickkontakt suchend. Manche richteten den Blick starr geradeaus oder stur auf den Boden, verkniffen Gesichter, so wirkten sie nicht mitfühlend oder aufbauend, welche Art von Kranken sie auch besuchten. Pflichtübungen? Oder natürlich auch ambulante Patienten, den einen standen möglicherweise unheilvolle Diagnosen bevor.

Das unsichere Stehen, ich erinnerte mich allzu gut an die Stürze, machte mir zu schaffen. Aber sitzen, einen freiwerdenden trockenen Stuhl zu ergattern, war mir kein Anreiz. Die Kälte, durch das Metall direkt in den Körper leitend, würde unter Umständen die Wirkung der hochdosierten Medikamente unterlaufen, im Schmerzgedächtnis eine besonders perfide Form eines Reizes hervorlocken, der eine Rückkehr ins Krankenzimmer noch zusätzlich beschwerlich machte.​
Frische Luft war einzig von Labsal, nebst den wenigen aromatischen Zügen des Rauchs, im Mund an den Geschmacksnerven streichend, den Dunst dann den böigen Winden überlassend.​
Noch mochte ich mich nicht losreißen, obwohl im Visier der Zoobesucher, da die einatmende frische Luft mir ein Gefühl wie ein perlendes Wasser vermittelte. Die Kälte wurde durchdringender, die Finger langsam klamm, noch eine Zigarette, wenigstens für den Moment der Illusion mich frönend, frei entscheiden zu dürfen.​

Bühnenbild: Krankenzimmer und Teil eines Flurs.

Dank Schmerzfreiheit stand meiner Entlassung am Freitag nichts entgegen. Bei der Stippvisite des Neurochirurgen überreichte dieser einen kurzen provisorischen Austrittsbericht, ein Merkblatt Verhalten nach einer Operation an der Wirbelsäule sowie einem Rezept, ausgestellt durch seinen Assistenten, fein säuberlich in einem Couvert verpackt. Sobald der Nebel sich lichtet, könnte man es dann zu Hause lesen.​
Die Unruhe des Wartens nahm seinen Lauf. Stehen war mit Anstrengung verbunden, Sitzen auf zehn Minuten beschränkt und wenn, dann auf einem Keil, der zwar das Rückgrat trimmte, doch leidlich erträglich war. Wieder einmal hinlegen, den desorientierten Gedanken geringe Aufmerksamkeit schenkend, beim Dösen von einer Aufhängung für das Skelett träumend, die mir die Last den Körper zu tragen abnehmen würde. Oder wäre Schwerelosigkeit besser, die je nach Ausrichtung Liegen oder Stehen simulieren ließe?​
Ein Physiotherapeut erschien, freudig fragte er mich, ob ich einen Rollator zu Hause habe. Nein? Nein! Dieser würde mir das Gehen erleichtern und einen aufrechten Gang ermöglichen. Einen Moment, er verschwand, und kehrte mit einem solchen Mobilisationsgerät zurück. Ich solle dies ausprobieren. Unübersehbar klebte eine Beschriftung daran, die das Gerät als Eigentum des Spitals, Chirurgische Abteilung, auswies.​
Die ersten Schritte verblüfften mich, sie entsprachen zwar nicht Schwerelosigkeit, doch ermöglichten sie mir vergleichsweise einen beinah schwebenden Gang. Der Flucht stand damit nichts entgegen, raus, in das Gehege für Raucher. Noch einmal sich den Blicken der Betrachter preiszugeben, diesmal ordentlich gekleidet, gab ich annähernd das Bild eines Besuchers ab – mit Rollator. Warum nur, hatte man mir diesen nicht früher ausgeliehen? Er hätte wenigstens ein wenig Erleichterung bedeutet.​
Kaum wieder in der Warteschleife im Zimmer ausharrend, erschien der Physiotherapeut, den Rollator wieder vereinnahmend.​

Imaginärer Beobachter: Glaubt er denn, das Spital könnte jedem gehbehinderten Patienten die bestmöglichen Mobilisationsgeräte zur Verfügung stellen? Die schon knappen finanziellen Mittel, auch wenn es Millionen sind, die sich jährlich noch weiter kumulieren, dienen wichtigeren Zwecken. Die Forschung, das wesentlichste Antriebsrad des Gesundheitswesens, zwar ein Moloch, doch das präsentabelste Vorzeigeergebnis nebst den modernsten Apparaturen, genießen selbstverständlich Priorität.
Die Unruhe passt eigentlich nicht zu ihm, jetzt in dieser noch schmerzfreien Zeit. Die Realität wird ihn noch einholen, wenn er denn endlich zu Hause einmal das Merkblatt liest und begreift, dass das Rezept nur noch beschränkt sedierende Medikamente vorgibt, die zudem abgebaut werden sollten. Es gehört zu den Nachwirkungen dieser Operation, dass in den nächsten Wochen sporadisch Schmerzen auftreten, dies sei jedoch normal.

Das Mittagessen durchbrach die zähflüssig sich hinziehende Zeit. Es war nicht schlecht zubereitet, da ich jedoch heikel bin, vermochte es meinen Ansprüchen nur gering zu entsprechen. Einzig die Abwechslung zählte.​
Eine SMS versprach um 14:00 Uhr würde ich abgeholt, eine Perspektive, die mir Auftrieb gab. Die Zeit verging, das Warten fühlte sich noch öder an, bereits eine halbe Stunde über den Termin. Ein Blick auf die Parkanlage durch das Fenster zeigte den Weg, welche die Besucher von der Busstation her schleuste. Da, unverkennbar die grazile Figur meiner Frau, die dem Eingang zustrebte. Kein Blick zum Fenster hinauf, sonst hatte ich die Hand zur Begrüßung erhoben.​

Bühnenbild: Wohn- und Schlafräume in einem Privathaus.

War es ein Fehler, noch benebelt zu Hause die Papiere zu sichten? Das Rezept war ein Fragment dessen, was ich bis anhin an Medikamenten benötigte. Der provisorische Austrittsbericht sehr dürftig und das Merkblatt markant in seiner Anordnung, das Leben behutsam anzugehen. Die Schmerzen würden in den nächsten Wochen immer wieder auftreten, was einen Widerspruch zur neu verordneten Medikation erahnen ließ. In etwa acht Wochen würde man dann den gewohnten Alltag wieder begehen können. Die Medikamenteneinnahme sollte baldmöglichst eigenständig reduziert und dann abgesetzt werden. Direkt ermutigend wirkten diese knappen Instruktionen und Hinweise nicht auf mich, zwischen den Zeilen versteckten sich da Negativaspekte, die alles oder nichts bedeuten konnten. Bei Problemen war die Telefonnummer des behandelnden Arztes angeführt.​
In der Nacht zum Sonntag machte sich der Quantensprung der Reduzierung an starker Medikation seit dem Spitalaustritt dann mit heftigen Schmerzen bemerkbar. Der Schmerzlevel vollführte Kapriolen, den Griff zu dem am stärksten wirksamen Medikament, ich hatte noch zu Hause vorrätig, unterließ ich, da es meinem Willen entsprach mich korrekt zu verhalten, der Rezeptur entsprechend.​
Der Anruf am Sonntagvormittag auf die Nummer des Neurochirurgen wurde an die Notfallstation geleitet, um die unzureichende Medikation zu klären. Nein, eine stärkere Medikation sei nicht opportun, da müsse ich durch.​
Ich stöhnte auf, das Tal der Demut, welches ich nun schon so lange beschritt, schien von variabler und sich endlos dehnender Länge zu sein. Analog erschienen mir Gebilde der Astrophysik vor Augen, die wachsen oder schrumpfen können. Also wird der Schmerz ertragen, die angeordneten Pillen geschluckt, bis in der nächsten Nacht der Schmerzlevel auf 8 hochstieg. Ein Griff zu einer morphinhaltigen Tablette ermöglichte, nach einer Stunde Warten, dann wenigstens drei Stunden Schlaf.​

Imaginärer Beobachter: Gerissen, er verbildlicht eine unumgängliche Anforderung, die sich ihm stellt, gibt ihr so eine fiktiv greifbare Gestalt, drückt Ergebenheit aus, um den Schmerz täuschend zu besänftigen. Ob es nutzt? Manchmal sollen suggestive Wirkungen durchaus auch etwas bewegen können. Obwohl, er steht derartigen Phänomenen eher sehr kritisch gegenüber, differenziert gar Wahrheit und Wirklichkeit als Glaube versus Realität./I]

Erst am Nachmittag, als eine beruhigte Phase eintrat, rief ich meine Rheumatologin an und schilderte ihr meinen Zustand. Sie meinte, die im Spital kennen mich eben nicht, ich solle durchaus selbstregulierend zum stärksten Mittel greifen, wenn ich den Schmerz als unerträglich empfinde. Und wenn es sich nicht bessert, sie anrufen, damit wir zusammen eine neue Schmerztherapie aufgleisen könnten.

In der folgenden Nacht wurde es unumgänglich, Schmerzlevel 10, dem Punkt, an dem man sich keine Steigerung mehr vorstellen konnte. Ob da das Koma folgen musste, da das Hirn vor Schmerzwahrnehmung kollabiert, den keimenden Wahnsinn dem Bewusstsein entziehend? Ein Krümmen zu embryonaler Haltung war unmöglich, der operierte Rücken verunmöglichte in dieser regressiven Form, Schutz zu suchen. Wahrscheinlich wäre es ohnehin wirkungslos, da ein solches Pressen nur bei den Bauchraum betreffenden Leiden oder seelischen Schmerzen, allfällig Milderung brachte. Griff zur hochgradigsten Tablette, nach langsam einsetzender Wirkung verebbte diese bereits nach einer Stunde. Die neue Terminvereinbarung mit meiner Ärztin wird schneller zustande kommen, als ich plante.

Imaginärer Beobachter: Was habe ich gesagt, seine kritische Differenzierung ist ihm so verinnerlicht, dass sie auch unter stärkster Folter Teil von ihm bleibt. Da vermögen auch die anhaltenden Nachwirkungen der chemischen Cocktails, welche seine Konzentration unterlaufen, nichts daran zu ändern. Mit Beharrlichkeit sucht er zwischen Kompromiss und Widerstand Wege, mit den Schmerzen umzugehen und zu überwinden.

Der Schlafrhythmus von einer Stunde, der sich seit Längerem etablierte, setzte sich auch mit der neuen Medikation fort. Die Wachphasen dazwischen wechselten wie gewohnt, je nach Schmerzempfinden, bestenfalls zehn Minuten, in der Regel eine bis zweieinhalb Stunden, in denen Stehen, Laufen und Sitzen sich abwechselten.

Ich konnte nicht sagen, ob die skurrilen Träume die mich jede Nacht einmal heimsuchten, neu waren oder nicht. In den letzten Monaten waren sie sicher vereinzelt aufgetreten, aber nun regelmäßig. Fantastisches Erleben, das sich bei bewusster Fantasie nicht derart verdichtet, zwischen Harmonie und Disharmonie schwankend, vorbeizog. Ich selbst immer im Mittelpunkt des Erlebens.

Imaginärer Beobachter: Von einem prekär starken Schmerz, der seine Zentren im Kreuz und unter dem rechtsseitigen Beckenknochen hatte, und vom Knie abwärts bis über das Sprunggelenk in den Rist hinein sich fortsetzte, aus dem Schlaf gerissen. Nach Schnellem aufstehen, reduzierte er sich verblüffend schnell./INDENT]

So war es noch nie abgelaufen, was mir einen leichten Schimmer von Hoffnung aufkommen ließ, es könnte der Beginn einer positiven Veränderung sein. Nach einer erneuten Stunde Schlaf wieder ein heftiger Schmerzschub, diesmal von noch höherem Level, dem auch eine leichte Besänftigung folgte, doch dann den ganzen folgenden Tag gegenwärtig war. Meine Zuversicht bröckelte.


Imaginärer Beobachter: An der letzten Sprechstunde bei seiner Ärztin, der Neurochirurg war telefonisch zugeschaltet, erörterten sie die Ergebnisse eines neuen MRI, das ambulant im Spital gemacht wurde. Die Ergebnisse zeigten, dass der Spinalkanal weit war und keinen Druck auf die Nervenbahnen ausübt. Andere Engpässe oder Druckstellen konnten auch nicht geortet werden.

Meine Ärztin war etwas konsterniert, sie hoffte noch immer, nach der Operation würde der Schmerz doch noch abklingen, wenn die Schwellung am Nerv sich zurückbildet. Nun wird notwendig sein, noch weitere Fachärzte beizuziehen. Die Erörterungen möglicher anderer Ursachen drehten sich im Kreis des Ausschlussverfahrens. Eine letzte Ursache, die sie noch erwog, da der Schmerz auch aus den Knochen entlang der Nervenbahn hervorgehen könnte, wären Metastasen. Ich wusste was dies bedeutet, ein unbemerkter Krebsherd musste im Körper vorhanden sein. Meine Gefühle erreichte es nicht, prallte daran ab, nur endlich Schmerzfreiheit zu erlangen.

Ihr waren die erhöhten PSA-Werte aufgefallen, die nicht besorgniserregend sind doch als Indiz auch nicht übersehen werden können. Seit Jahren hatte ich einen entsprechenden Test und eine Biopsie abgelehnt, da internationale Studien auswiesen, dass ein nicht Anrühren dieser allfälligen Krebszellen, die Lebensqualität bewahrt und die Chance sehr hoch ist, Jahre später an etwas völlig anderem zu sterben.

War ich nun einer jener, die die Ausnahme bildeten, der Herd sich wohl bis anhin zurückhaltend verhielt, doch nun eine Streuung von Metastasen in den Knochen des Beins einsetzte? Die zunehmende Mühe, das Bein beim Gehen normal einzusetzen, wirkten mir bestätigend.


Auch in den folgenden Tagen und Nächten, die ein Wechselbad aus geringem, stärkeren aber erträglichen Schmerz und handkehrum heftigen Attacken bestanden, war die Hoffnung grösser die Ursache gefunden zu haben, als daraus eine Angst zu entwickeln. Dem setzte ich mir einen Überblick gegenüber, welche Behandlung mir angezeigt erschien, um baldmöglichst aus diesem schmerzhaften Dilemma zu entkommen. Es müssten der Herd und die Metastasen behandelt werden.


Imaginärer Beobachter: Er bleibt sich ganz selbst, das Kalkül obliegt, was ihm am ehesten entspricht. Diesen Patienten aufgeben zu beobachten, fällt mir dereinst direkt schwer. Er war ein interessantes Objekt, das sich nicht einfach mit einer Norm bemessen ließ.


Bühnenbild: Im Fokus des Scheinwerfers nur der Haarschopf und das Gesicht, auf beiger Satinbettwäsche.

Ah. Allmählich hat sich der Schmerz beruhigt, der seit Stunden meinen Körper quälte. Die Kreatürlichkeit des Menschen zeigt sich mir mal nicht als Außenstehender, der Seitenwechsel lässt mich voll und ganz teilhaben an den Grenzen des Erträglichen. Doch das Prinzip Hoffnung begrabe ich nicht, was auch kommen mag. Weder über die Schmerzüberwindung, noch über das, das den Menschen als ein an sich humanes Wesen auszeichnet, auch wenn Entartungen auftreten mögen.


In voller Intensität bricht die nächste Schmerzwelle über mich herein.

 
Seniors
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Dieses kurze, monologische Stück entstand wenige Tage nach einer Wirbelsäulenoperation, unter dem erneut auftretenden und anhaltenden Gefühl von intensiven Schmerzen. Insofern will es nicht mehr als das Hingeworfen-Sein des Individuums Mensch in seiner Kreatürlichkeit abbilden, dem als verschärfendes Moment eine Missachtung von einem seiner Bedürfnisse miteinhergehen. Dass es hierzu in diesem minimalsten Aspekt das Gesundheitswesen aufgreift, dem aufgrund aufgekommenen ideologischen Glaubens, das Verständnis des Ganzen abgeht – anderes wäre möglich -, ist eher Zufall. Es hätten auch andere Komponenten aus dem Alltag sich einfügen lassen, doch die aufgezeigte Regulierung entspricht der Realität.

In seiner Kürze ist es natürlich höchstens im Programm einer Soiree einer Kleinstbühne denkbar, die es im Rahmen verschiedenster, kurzer Präsentationen darbietet. Oder – einfach als Lesestück.

Man möge mir bitte verzeihen, wenn es mir nicht gelingen sollte, auf allfällige Reaktionen und Meinungen zeitnah einzutreten. Ich werde mich aber bemühen, dies zu tun.

 
Team-Bossy a.D.
Seniors
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Hallo Anakreon,

ich habe hier in der Rubrik noch nie gelesen und bin nun etwas unsicher, wie ich dein Posting bewerten kann.
Mir fehlt außer der Bühnenbildbeschreibung noch die von der Person, wie sie innerhalb der Bühnenbilder agiert. Ich brauche da ein Bild - sitzt die Person, liegt sie (nur in der ersten Szene gibt es da Erklärungen), gibt es Mimik, Gestik? So, wie das hier aufgeschrieben ist, ist es für mich kein Bühnenstück, weil keine Erklärungen (sowas wie ein Drehbuch) dabei sind. Mir ist natürlich bewusst, dass der Schwerkranke nicht in der Gegend herumtanzen kann, aber so gar keine Beschreibung geht für mich nicht. Dann könnte es ein Monolog in Form eines Hörspieles sein.

Liebe Grüße
bernadette

 
Seniors
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Mir ging es beim Lesen ähnlich wie bernadette, Anakreon. Über die sprachliche Gestaltung des Textes hinaus fragte ich mich in erster Linie, wie ich mir die dramaturgische bzw. die bühnentaugliche Umsetzung des Textes vorzustellen habe. Am ehesten gelang mir das noch bei den Szenen, wo der Erzähler in einem Krankenhausbett liegt und sein bleiches Gesicht vermutlich von einem Scheinwerfers angestrahlt wird.
Aber bei allen anderen Szenen (der Raucherbereich des Krankenhauses, die Wohnung des Protagonisten usw.) fehlen mit quasi Regieanweisungen, wo und wie ich mir jetzt die Figur des Erzählers im Kontext des jeweiligen Settings vorzustellen habe.
Das andere, was mich irritierte, war der Sprachduktus des Erzählers, dieser unverkennbare (weil sehr partiziplastige) Anakreon-Stil, der halt nicht unbedingt gesprochen klingt und der in seiner Eloquenz für mein Gefühl bisweilen in krassem Widerspruch steht zum gequälten Zustand des Erzählers.

Ich kann mir gut vorstellen, Anakreon, dass für dich das Niederschreiben dieses Textes möglicherweise was Kathartisches hatte. Wie ich den Text jetzt allerdings literarisch zu bewerten habe, ist mir ehrlich gesagt ein Rätsel.

Auf jeden Fall wünsche ich dir ganz viel Kraft und die notwendige Gelassenheit, um mit deinem Leiden fertigzuwerden.

Alles Gute, Anakreon

offshore

 
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Hallo anakreon,

zunächst einmal wünsche ich Dir von ganzen Herzen gute Besserung!
Du fehlst hier.
Zum Deinem Projekt:
Schwer zu sagen, ob eigene Schmerzen und/oder Depression einem Text gut- oder schlechttun. Am Ende schweben wir alle doch nicht im luftleeren Raum sondern stehen unter dem Einfluss uns bewegender Dinge, Dinge, die sich unweigerlich in einzelnen Sätzen und Zeilen oder ganzen Geschichten abbilden.
Tarantinos neuer Film ist unter dem Einfluss einer Depression gefilmt, Phillip K. Dicks Drogen rauf-und runter, der Beispiele sind es viele …
Ich finde toll, dass mal einer von uns ein Bühnenstück probiert. Geh selbst gern und oft ins Theater, immerhin sind in den größeren Städten tolle Stücke mit guten Schauspielern zum Preis einer CineStar-Karte zu haben.
Zum Text: Typischer anakreon-Stil mit vielen Partizipkonstruktionen. Haben wir ja schon besprochen.
Mir geht es ähnlich wie bernadette und ernst: Mir fehlt eine drehbuchartige Beschreibung, was der Protagonist in den betreffenden Szenen tut und lässt. Wie willst Du die Gedanken des Kranken anschaulich auf die Bühne bringen? Als Aneinanderreihung von gesprochenen Gedanken? Als Dialog und wenn ja mit wem?
Weiß nicht, ob am Ende eine andere Erzählform (Ich-Erzähler im Präteritum) die bessere Wahl wäre.

 
Seniors
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Hallo bernadette, ernst offshore und nastroazzurro

Ich danke Euch für Eure Meinungen, deren Kongruenz im Ungenügen des dargelegten Stücks mir die Möglichkeit einer Reflektion bietet. Ehrlich gesagt hielt ich es nicht für unwahrscheinlich, dass keine Reaktionen eintreffen, da ich mir der Gewagtheit des Vorliegenden bewusst war. Dies nicht in Missachtung des Anspruchs der Leser, eine durchdachte und in sich geschlossene Handlung möglichst in präsentabler Form vorgelegt zu erhalten. Es war meine Befürchtung, den Esprit, welcher mir zufloss, würde sich auflösen, im Schreiben verzerren, wenn ich es in dieser ersten Form nicht freigebe, da ich in einer Sackgasse steckte. Die langanhaltende und sich wechselnde Medikation hat meine Konzentration auf unbestimmte Zeit arg in Mitleidenschaft gezogen und so beanspruche ich für diese Enthemmung u. a. die kreative Werkstatt der Wortkrieger, um es vielleicht doch zu besserem Gelingen führen zu können. Ursprünglich inspirierten mich die ersten drei Sätze, welche ich festhielt, da es mir ein unwirklich anmutendes Erleben war, obwohl in der Situation nicht überraschend. Aus diesem Ansatz entstand dann sukzessive das Gesamtbild, auf dessen Gestaltung ich noch eingehe.

Dein Kommentar, liebe bernadette, gab mir den Anstoss, die Befangenheit welche sich wie Kerkermauern aufzogen, abzureissen. Wie ich erst während des fortschreitenden Schreibens bemerkte, hatte die Stoffverarbeitung mich in die Bahnen des absurden Theaters gelenkt. Von der Herangehensweise an das Thema eigentlich nicht verwunderlich, da ich den Fokus auf die Absurdität, welche den Menschen in solchen Situationen überschwemmt, unter direkt Erlebtem in fiktive Visualisierung überführte. Absurdes Theater erlaubt anders als andere literarische Formen, von gewissen Normen abzuschwenken, etwa statt fortlaufender Handlung nur Reflexionen, Dialoge ohne Ziel, gedankliche Akrobatik u. Ä. zu bieten. Nicht die äussere Welt ist inhärent, sondern der seelische Innenraum des Menschen. Es zeigt die Situation des Menschen auf, in der er sich befindet: die Situation der metaphysischen Ausweglosigkeit. – Doch kann es in geschriebener Form nicht die von Dir zu Recht angemerkten Aspekte und von ernst und nastroazzurro nachgedoppelt, ausklammern, das Bild muss dem Leser auch ohne sichtbare Bühnendarstellung transparent aufscheinen.

Als Lösung schwebt mir nach reiflicher Überlegung ein imaginärer Beobachter vor, der nicht als Darsteller auftritt, sondern nur mit seiner Stimme so manche Lücke der Mimik oder des Verhaltens des Patienten oder anderer Personen, die sich in dessen Nähe bewegen, anmerkend kommentiert. Dies hat meiner Meinung nach gegenüber einer reinen Regieanweisung den Vorteil, als Lesestück angenehmer fassbar zu sein. – Da ich bis auf Weiteres in der Regel nur etwa zehn Minuten sitzen kann, dann umherlaufen oder liegen muss, um verstärkende Schmerzen möglichst zu unterbinden, wird diese Überarbeitung sich wohl etwas hinziehen, auch wenn ich es knapp fassen werde. Vollendet wird es dann auch nicht sein, wenn ich die neue Fassung auflege, da sich wahrscheinlich neue Unzulänglichkeiten einschieben könnten, die mir in der engen Verstrickung mit dem Thema nicht auffallen. Den Kritikern steht also die Tür offen.

Manch einem, dem absurdes Theater ein Herzanliegen ist, wird einwenden: „ja, aber“. Stimmt. Ich halte mich nicht zwingend an dessen Merkmale, nehme mir die Freiheit eigener Interpretation und szenischer Darstellung. Ich kann mich nicht im allerentferntesten mit entsprechenden Autoren wie Ionesco, Beckett, Genet, Adamov, Pinter, Grass oder Hildesheimer messen, denke aber, sie würden diesen Ansatz teilen. Mit dem imaginären Beobachter könnte es auch gelingen, diesen Grundzug zu vertiefen.

Mein Sprachduktus, lieber ernst und nastroazzurro, bleibt wohl solange meine Worte aufscheinen, ein Stein des Anstosses. Es ist mir keineswegs gleichgültig und ich arbeite ständig daran, doch nicht jedes Ungenügen lässt sich durch üben, üben, üben, wie gewünscht beheben. Ich weiss auch nicht, ob es in einem Stück absurden Theaters als tragbares Element gewertet werden kann, oder dieses nicht gerade eine geschliffen sprachliche Perfektion einforderte, wenn ich an die oben erwähnten Autoren zu diesem Genre denke. Dem steht nicht entgegen, dass die Zerstörung der Sprache im absurden Theater evident ist. So oder so, ich bin Euch dankbar, dass Ihr mich immer wieder darauf hinweist, da es mein Bemühen anstachelt, auch in diesem Aspekt noch Fortschritte zu erzielen.

Als Katharsis in therapeutischem und selbstregulierendem Sinne hatte ich das Stück nicht verfasst. Wie obenstehend erwähnt, war es mir zugeflossen, der Absurdität welches das Durchleben einer solchen Situation auszeichnet, Rechnung tragend. Wenngleich ich das Anliegen von Aristoteles, der in seiner Tragödieninterpretation auf die seelische Reinigung des Zuschauers abzielte, auch vor Augen hatte. Insofern differenzieren sich die Motive und die Definition zwischen absurdem Theater und Aristoteles jedoch auch nicht, bei beiden ist der Kernpunkt dem Zuschauer einen Spiegel vorzuhalten. Katharsis macht durchaus Sinn, wenn es jemandem ermöglicht daraus eigene Spannungen zu lösen und abzubauen. Allerdings bin ich etwas skeptisch, ob Literatur und Kunst beim Einzelnen solch starke Wirkungen auslösen. Denke aber, wenn nur schon ein Sinnieren über die bei ihm auftretenden Emotionen eintreten, es indirekt wenn auch beschränkt funktioniert.

Ich hoffe, das Rätsel einer literarischen Bewertung wird sich dann in einer kommenden Fassung selbstredend lösen.

Für die guten Wünsche bedanke ich mich herzlich.

Auch werde ich, soweit mir möglich, auch künftig als Leser kritisch und wohlmeinend kommentierend präsent sein.

Schöne Grüsse Euch Dreien.

Anakreon

 
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Hallo Anakreon,

Ob sich Dein Text für ein Theaterstück eignet, kann ich nicht beurteilen. Da kenne ich mich zu wenig aus.
Mich hat der Text als Lesestück angesprochen. Und eigentlich finde ich es schade, dass er aus der Rubrik Alltag und Philosophisches verschwunden ist; denn er fordert heraus, über gewisse Fragen des Lebens nachzudenken.

Du schreibst: "Leiden konnte ich jahrzehntelang meist als Aussenstehender begleiten, wissend um die Unerreichbarkeit des subjektiv schmerzlichen Empfindens der Betroffenen."

Ich sehe das auch so. Ich kann dem Leidenden gegenüber mein Mitgefühl und meine Anteilnahme zum Ausdruck bringen, was sicher wichtig ist, jedoch ist es mir nicht möglich voll nachzuempfinden, was der andere wirklich durchmacht. Im Grunde muss jeder allein hindurch.

Ich lebe seit über zwanzig Jahren mit einer chronischen Schmerzkrankheit. Starke Schmerzmittel und ihre Nebenwirkungen sind mir durchaus vertraut.
Bis zum Ausbruch der Krankheit habe ich mich hauptsächlich über meine Leistung definiert.
Und Du weisst ja selbst wie unsere Gesellschaft reagiert, wenn man nicht mehr leistungsfähig ist. Das Wertebarometer zeigt tief nach unten.

Ich habe zwei Jahre gegen die Krankheit gekämpft, bis ich schliesslich in einer Gesprächstherapie anfing, gewisse Lebensmuster zu hinterfragen. Prozesshaft erkannte ich, dass mein Wert und meine Identität nicht von meiner Leistung abhängen, sondern in erster Linie in der Liebe meines himmlischen Vaters begründet sind. In Gottes Augen bin ich wertvoll, ohne etwas vorweisen zu müssen.

Seither versuche ich mit der Krankheit zu leben und das Beste daraus zu machen. Was mir nicht immer gelingt. Jeder Tag ist eine neue Herausforderung.

Du schreibst: "Das Prinzip Hoffnung begrabe ich nicht." Das ist ein grosses und wichtiges Wort!
Es war der Schauspieler Heinz Rühmann, der einmal sagte: "Alles hat seinen tiefen Sinn."
Ich denke, er hat recht. Einmal werden wir verstehen.

Lieber Anakreon, ich danke Dir für Deinen Text und wünsche Dir von Herzen gute Besserung.

Es grüsst Dich
Marai

 
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Hallo Marai

Es freut mich sehr, dass Dich das Stück als Betroffene einer chronischen Schmerzkrankheit angesprochen und zu einer Reflexion bewegt hat. Bereits in den ersten Zeilen fiel mir durch die Wortwahl der Reifegrad auf, den der Umgang mit der eigenen Krankheit in Dir bewirkte.

Durchschnittlich reagieren nicht wenige Menschen abwehrend auf das Leiden anderer, die Angst davor von deren Empfindungen übermannt zu werden, tritt als seelischer Schutzfaktor auf. Andere wiederum, desto näher sie einer betroffenen Person stehen, empfinden tiefes Mitleid, was sich jedoch leicht als negative Spirale für sie selbst entwickeln kann, da es wirklich zum Mitleiden wird, weil die notwendig schützende Distanz aufgehoben wird. Mit echtem Mitgefühl, das den Schmerz des Andern vielleicht annähernd zu verstehen vermag, ohne diesen zu adaptieren, ermöglicht die konstruktivste Form von Anteilnahme. Das Mitgefühl wird zur tragenden Kraft, die durch den Verhaltensausdruck des Gegenübers im Austausch mit dem Kranken, diesem am ehesten entgegenkommt und –sofern dies möglich ist – zumindest seelisch mildernd wirkt.

Bei einem Stück zu absurdem Theater beschränkt sich der Stoff in der Regel auf die Innenschau, das Leiden am Dasein ist die Spiegelung, welche den Zuschauer treffen und zu eigenem Nachdenken und Auseinandersetzung animieren soll. An sich eine starke Herausforderung, da sich die Themen nicht immer auf intellektuell leicht nachvollziehbarer Ebene bewegen.

In meinem Stück habe ich diese Vorläufigkeit wohl zu weit überschritten, gequält durch die eigene Situation. Da gilt es diesen Aspekt noch etwas zu abstrahieren und das schwer fassbar absurde des Schmerzes, welcher von Natur aus lediglich als ein Warnsignal des Körpers vorgesehen ist, stärker zu positionieren.

Deine Reflexion, liebe Marai, hat mir einen weiteren Impuls gegeben, wie sich das Stück in seiner Bestimmung gestalten muss, um diesen Effekt zu erzielen. Inhaltlich wird es nicht sympathischer aufklingen, das Mitfühlen wird der Leser sich selbst erarbeiten müssen, doch der Sinn, das Thema und das gewählte Genre zu einem wirklichen Ganzen zu führen, sind mir zur Ausführung nun plastischer vor Augen.

Ich danke Dir für Deinen Kommentar, der wie Du siehst, mich konstruktiv bewegte, und wünsche Dir möglichst viel gute Tage sowie viel Kraft, um den immer neuen Herausforderungen zu begegnen.

Schöne Grüsse

Anakreon

 
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Lieber Anakreon,

mich berührt das Persönliche, was durch deine Beiträge scheint und ich hoffe, dass es dir gelingt, mit deinen Schmerzen zu leben. Marais Kommentar zeigt, dass manchmal ein neues mentales Herangehen helfen kann. Leider kann ich nicht mehr dazu sagen, weil alles Weitere getragen wäre von der Unkenntnis dessen, was sich wirklich abspielt, wenn jemand leiden muss.

Wie ich erst während des fortschreitenden Schreibens bemerkte, hatte die Stoffverarbeitung mich in die Bahnen des absurden Theaters gelenkt.
Schon lange habe ich mich nicht mehr mit dem absurden Theater beschäftigt, obwohl es in meinem Studium eines der wichtigsten Themen war. Ich musste erst mal nachdenken, worauf es diesem Genre eigentlich ankam. Wenn ich mich recht erinnere, so versuchten die Autoren, durch groteske Szenen und groteskes Handeln Sinnfragen der menschlichen Existenz zu thematisieren bzw. zu stellen. Die Antworten überließen sie dem Publikum.

Ansätze, die mich an Szenen des absurden Theaters erinnern, finde ich in der (ich nenn sie mal so) ‚Straßencafé-Szene’:

Was im Sommer apart wirken mag, unter großen Sonnenschirmen standen metallene Tische und Stühle, erwies sich zu dieser winterlichen Jahreszeit als Tortur. Bei einer Temperatur wenige Grad über null saßen oder standen, alle schlotternd, die Raucher und Raucherinnen. Da ein kräftiger Wind blies, trug es die Feuchtigkeit des Regens nahezu an alle Stellen unter den Abdeckungen. Ein Areal, wie in einem Zoo musste es den dem Haupteingang des Spitals zu- oder wegströmenden Menschen vorkommen.
Die würde ich ausbauen.
Vielleicht könnte dies überhaupt der Ort für die Selbstreflexion des Protagonisten werden. Der Ort, an dem er monologisierend über sein vergangenes und jetziges (vielleicht auch zukünftiges) Sein nachdenkt. Letztendlich bleibt ja während des gesamten Stückes alles auf der Ebene des (inneren?) Monologs. Da ist meiner Meinung nach der Wechsel des Ortes nicht notwendig. Die Absurdität dieser ‚Raucherecke’ teilt sich wohl jedem mit und ich finde, dass genau dies der Ort sein könnte für die Frage nach dem Sinn des Lebens und des Leidens.
Da sitzen oder stehen Kranke, ertragen die Kälte und den Regen ‚schlotternd’, weil sie rauchen müssen. Sie akzeptieren die widrigen Umstände und auch, dass sie wie in einem Zoo von den Vorbeigehenden angeschaut werden.

Ohne Ortswechsel könnte ich mir vorstellen, ließe sich dort deine Intention realisieren. Ein Monolog über das Erleben des Schmerzes in einer grotesken Umgebung.

Als Lösung schwebt mir nach reiflicher Überlegung ein imaginärer Beobachter vor, der nicht als Darsteller auftritt, sondern nur mit seiner Stimme so manche Lücke der Mimik oder des Verhaltens des Patienten oder anderer Personen, die sich in dessen Nähe bewegen, anmerkend kommentiert. Dies hat meiner Meinung nach gegenüber einer reinen Regieanweisung den Vorteil, als Lesestück angenehmer fassbar zu sein. –
Auch diese Idee ließe sich dann mMn recht gut einbauen.

Aber, das sind nur ein paar Gedanken, die mir nach dem Lesen deines Textes kamen.

Anakreon, ich wünsche dir alles Gute.

Liebe Grüße
barnhelm

 

Ane

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Hej Anakreon,

das von Dir gewählte Thema finde ich spannend. Ich kann allerdings kaum etwas speziell zu "Für die Bühne" sagen, da kenne ich mich zu wenig aus.

ernst hat es ja schon gesagt, die von Dir gewählte Sprache beisst sich auch für mich etwas mit der Situation, in der der Erzähler steckt. Da erzählt einer von Schmerzen, die ihn an jede vorstellbare Grenze bringen und gleichzeitig erlebe ich die Sprache selbst wie einen unterschwellig mitschwingenden Versuch, die Kontrolle zu behalten. Das würde dann den Versuch, Schmerz und das Ausgeliefert-sein zu beschreiben untergraben.

Ich meine mich zu erinnern, dass Du auf Deinem Stil beharrst, was Z.B die Benutzung von Partizipien betrifft?

Kennst Du übrigens "Tod eines Bienenzüchters"? Mich hat der Versuch, Schmerz (und Krankheit) zu beschreiben daran erinnert.

Ich wünsche Dir alles Gute.
Ane

 
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29.01.2010
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Hallo barnhelm und Ane

Die Resonanz, welche ich erfahre, obwohl die Neubearbeitung durch mich noch ausstehend ist, bewegt mich. Da sich immer mehr zeigt, dass die „Baustelle“ wohl aufwendiger wird, als ich meinte, versuche ich wenigstens mit den Kommentaren Schritt zu halten.

Vorab Du barnhelm. Es freut mich sehr, dass auch Du Zugang fandst in dieses Stück und Deine Überlegungen einbrachtest, die mir zentrisch treffend wirken.

In einem erträglichen Moment hatte ich gestern Nachmittag bereits mal ein wenig an der Umstrukturierung und inhaltlichen Neuaufbereitung skizziert. Da mich noch immer u. a. Konzentrationsprobleme behindern, war es das erste Mal, dass ich den Text seit der Veröffentlichung wieder gelesen habe. Aus der Distanz der paar Tage seither erschrak ich über die vorgelegte Form, mein Gedächtnis war trügerisch, was den inhaltlichen Aufbau und die Ausgestaltung belangt. Ich erkannte, dass ich den Stoff viel radikaler überarbeiten muss, um dem Genre annähernd gerecht werden zu können.

Das Persönliche, welches in diese Arbeit einfloss und in der Beantwortung der Kommentare zum Ausdruck kommt, ist durch die Duplizität der selbst gemachten und noch anhaltenden Erfahrungen geprägt, was ich beim Geschichteschreiben sonst eher auf Distanz hielt. Hier wurde die Trennung zwischen fiktiver Figur und meinem Ich verwischt. Elemente, die ich ohne einen solchen Zugzwang nicht ausgewählt hätte, fanden hier Raum, da sie in ihrer gefühlsmässigen Unmittelbarkeit mir normalerweise nicht derart aufgekommen wären. Anderes unterschlug ich, um der fiktiven Figur ein Eigenleben und dem Stück seine bestimmungsorientierte Ausrichtung zu geben. In der weiteren Überarbeitung werde ich da aber noch ordentlich Hand anlegen müssen.

Deine Idee, den Bühnenschauplatz auf die „Strassencaféartige Raucherecke“ einzuschränken, hat einen genialen Anstrich und zeigt Deine fachliche Kenntnis. Mit einem solch visuell eingeschränkten Bild für den Zuschauer blendet es Ablenkungen durch verschiedene Kulissen aus und hebt die Absurdität hervor, die der Patient in seiner schmerzlichen Situation durchmacht. Ob ich es in diesem Sinne umgestalte oder diesem Schauplatz lediglich viel mehr Handlung zuordne, weiss ich noch nicht, da ich es beim Umbau sich spontan neu entwickeln lassen will. Der Radikalität, die dies noch einfordert, bin ich mir hingegen nun im Klaren.

Auch Du, liebe barnhelm, hast mir wertvolle Hinweise vermittelt, die ich mit der weiteren Gestaltung würdigen werde. Hierfür danke ich Dir herzlich.

--

Der Sprung auf die Bühne, liebe Ane, kommt einem ins kalte Wasser gleich, da ich mich nicht darauf vorbereitete, sondern in desolatem Zustand beim Schreiben da hineinstürzte. So hatte ich zwar Themen und Gestaltungsformen mir bekannter Stücke im Hinterkopf, doch in gepeinigter Situation die Wichtigkeit der Erarbeitung der Merkmale vermasselt.
Dass Du dem Thema Spannung zuordnest, gibt mir Bestätigung, mich nicht völlig vergriffen zu haben, nicht aus egozentrischer Sicht die Interessen der Leser (Zuschauer) ignorierend.

Du bemerkst vollkommen richtig, dass die Sprache Widersprüche vermittelt, indem der Patient die Schmerzen als Höllenqual wahrnimmt, gleichzeitig aber der Versuch unterschwellig mitschwingt, die Kontrolle zu behalten. Dieser wunde Punkt, den ich aus dem Stück entweder eliminieren oder zumindest in sichtbar kämpferische Auseinandersetzung bringen muss, ist zu sehr Teil meines Selbst. In jedem Fall die Contenance zu wahren. Dies ist in dem Stück so fehl am Platz.

An meinem Stil halte ich deshalb fest, da es mein Unvermögen spiegelt, ihn einfach abzuschütteln, auch wenn ich daran arbeite. Es ist also nicht eine Form von Arroganz dem Leser gegenüber, mehr dem Verlangen entspringend, mit diesen dennoch im Austausch zu bleiben. Aber ich werde auch im vorliegenden Stück, wenn ich dann die Kraft finde, letztlich mehr Augenmerk geben.

Der „Tod eines Bienenzüchters“ ist mir nicht bekannt, doch der Titel und Deine Inhaltsanmerkung machen mich schon neugierig. Auch kam mir gleich die Assoziation zum Apis auf, dem Gift der Bienen, das eine nicht zu unterschätzende Wirkung entfalten kann. Ich werde mir den Titel vormerken, da die thematische Nähe zu meinem Stück mir natürlich ein Reiz bereitet, es vergleichend zu lesen.

Für die Anregung, welche Du mir vermitteltest, danke ich Dir herzlich.

Schöne Grüsse an Euch beide

Anakreon

 
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Lieber Anakreon,

ich habe jetzt nicht die Kommentare gelesen (bin immer noch unter phasenweisem Zeitdruck), aber deinen Text, der Entwurf eines Theaterstücks.
Deine Worte haben mich sehr berührt und ich danke dir dafür, dass du uns, deine Leser, so nah zu dir lässt. Ich habe sie gerne und mit Gewinn gelesen!
Eine solche Innenschau, eine Reflexion dazu, wie ein Mensch mit Schmerzen, Einschränkungen fühlt, denkt und weiterlebt, ist besonders wertvoll. Einerseits, um denen, die wir lieben, einfühlender zur Seite zu stehen in solchen Zeiten, andererseits um selbst besser vorbereitet zu sein auf das, was kommen kann.
Allerdings, das passt für mich persönlich nicht zu einem Bühnenstück - obwohl es natürlich solche gibt - sondern (gerade weil du so schön und mit besonderer Sprache schreibst) besser in eine Geschichte. Für mich (das kann ja Anderen anders gehen) würde das ausschließlich übers Ohr und (bewegte) Bilder nicht funktionieren, ich muss die ein oder andere Zeile mehrfach lesen, auch mal zu einer anderen Zeit mit einem anderen Eigengefühl, und das ginge da ja nicht. Doch so hat mir dein Text viel gegeben - und wie waghalsig schön, wenn da noch Humor ins Spiel kommt, trotz allem. Dass der unglückliche Outdoor-Raucher im Falle einer Lungenentzündung gleich am richtigen Ort wäre - sehr schön!

Alles erdenklich Gute für dich!

Eva

 

Ane

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Dieser wunde Punkt, den ich aus dem Stück entweder eliminieren muss
Bitte nicht eliminieren.

Dies ist in dem Stück so fehl am Platz.
Finde ich nicht, weil es so viele Menschen (mich eingeschlossen) betrifft. Es mag Ausnahmen geben, aber die meisten Menschen wollen nicht die Contenance verlieren und haben gute und weniger gute Gründe dafür.
In der Situation, die Du beschreibst, will wohl jeder Mensch die Kontrolle über den Schmerz haben und die Contenance bewahren ist da eine mögliche Variante.

sichtbar kämpferische Auseinandersetzung
Das klingt nach einem guten Plan.

 
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29.01.2010
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Hallo Eva und Ane

Ich finde es schön, liebe Eva, dass Du ungeachtet eines Zeitdrucks in das Stück eintauchtest. Dass es trotz seiner Vorläufigkeit, aber eben insbesondere durch unzulänglich weitgehende Verwischungen der eigenen Empfindungen von mir, Gewinn darin fandst, freut mich sehr.

In der vorliegenden Form, Du hast die andern Kommentare noch nicht gelesen, sind sich alle einig, dass es so nicht bühnentauglich ist und einer konkreten, am Genre orientierten Neubearbeitung bedarf. Da es eine Selbstreflexion des Patienten ist, der im Strudel seiner Empfindungen von bisher so nie erfahrenen Schmerzen, sich tapfer an die Hoffnung einer Genesung klammert, mit jedem extrem auftretenden Reiz jedoch wieder an die Schwelle des Wahnsinns geworfen wird, ist es schon über die Sprache orientiert. Allerdings muss diese isolierte Artikulation durchbrochen sein, es sein winden, seine Verzweiflung, sein momentanes Aufblühen in schmerzreduzierten Momenten mimisch spiegeln und so ein ganzes Bild entwickeln. Gerade in diesem Thema sah ich die Ausdruckskraft in einem Stück zu absurdem Theater gegeben, eine Geschichte wäre möglich, doch in seiner Herausforderung für den Zuschauer (Leser) erlaubt dies ein Spiel, das anders eingeschränkt wirkte. Vorausgesetzt es gelingt mir, die aufgenommenen Anregungen, Impulse und die freigesetzte Neuorientierung bestmöglich einzubinden.

Das Genre erlaubt diesen aufgegriffenen Galgenhumor, als Abwehrreflex in unerbittlichen Situationen, kann er u. U. dazu beitragen, diesen Moment lindernd zu überstehen.

Ich danke Dir herzlich für Deine eingebrachten Überlegungen, die in die Summe meines Nachdenkens über die Neufassung einflossen.

++++

Deine Intervention Ane, die Kontrolle welcher der Patient ausüben will, nicht zu eliminieren, setzte mir erneut Überlegungen zu dessen Persönlichkeit frei. Danke dafür. Ein kämpferischer Aspekt kann den Stachel der Brisanz natürlich erhöhen und damit die Spannung ausreizen. Ich werde es wahrscheinlich so im Auge behalten.

Schöne Grüsse Euch beiden

Anakreon

 
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Machen wir uns nix vor, das Gesundheits(un)wesen ist mit der Einführung der Diagnoseschlüssel und der Umwandlung vieler kirchlicher Häuser in GmbHs (bzw. Aufkauf durch Private, Eingliederung in „Gesundheits“Konzerne) zum reinen Geschäft verkommen, was sich darin äußert, dass die ehemals kirchlichen Sondervermögen nun konkursfähig sind. Was ja auch eine Art von Fortschritt ist.

Dienstleister betreuen nicht mehr Patienten, sondern Kunden (wo wäre der Kunde jemals König gewesen, wie die Werbung einem weiszumachen versucht?), als bestimme er die Nachfrage und nicht gewinnversprechende Diagnoseschlüssel … (Was nicht bedeuten muss, dass der Pflegetag als Bemessungsgrundlage der Preisgestaltung unbedingt besser gewesen wäre).

Die Kreatürlichkeit des Menschen zeigt sich mir mal nicht als Außenstehender, der Seitenwechsel lässt mich voll und ganz teilhaben an den Grenzen des Erträglichen. Doch das Prinzip Hoffnung begrabe ich nicht. Weder über die Schmerzüberwindung, noch über das, das den Menschen als ein an sich humanes Wesen auszeichnet, auch wenn Entartungen auftreten mögen
will mir die zentrale Aussage (sehn wir mal von der Entartung ab, Abweichungen täten es vielleicht auch) dieses Textes zu sein,

lieber Anakreon,

eines Zwitterwesens zwischen wechselnder Theater-/Kleinkunstbühne, auf der eine Lesung abgehalten wird im Krankenbett (Aufwachsaal, also doch: Absurdes Theater?), über ein alle gleichmachendes „Raucherzimmer“ der Klinik, das mit einem sicherlich behaglicheren Straßencafé im Winter verglichen wird, bis hin zur eigenen Wohnung. Es ist mir, als wäre diese Selbstbeobachtung eine auf die Spitze getriebene teilnehmende Beobachtung, wie man sie aus Sozio- und Ethnologie (eigentlich ein einziges Fach, finde ich) kennt, in dem uns bekannten partizip-geleiteten Stil, den ich als einen durch Dich gefundenen Verfremdungseffekt begreifen wil -l ruft es doch, wenn man genau hinhört: Merk auf, Publikum! Nicht will ich, dass Du Dich identifizierest! Halte Distanz und nutze Deinen Schädel nicht nur um die neueste Haarmode auszuführen.

Nicht zu vergessen, wenn feine Ironie aufblitzt

Wenn der eine oder andere etwa eine Lungenentzündung hineintrug, war er doch immerhin gleich am richtigen Ort, der Pflege durch das Gesundheitswesen.

Die interessante Formulierung (interessant, weil das Partizip „mitfühlen/d“ durchs Endungs-d von den folgenden Infinitiven unterscheidet und somit zum Adjektiv/Attribut des Verstehens wird)
…, die Ursachen mitfühlend [zu]verstehen versuchen und Lösungen anzunähern, …
verlangt m. E. in der Wendung „mitfühlend verstehen versuchen“ nach dem Infinitiv-zu, dessen Wiederholung im Verb „annähern“ kein (Ver-)Hinderungsgrund sein kann.

..., dass meine Beine[,] dem Befehl zu [l]aufen nur zögerlich nachkamen.
..., die Knie versagten inzwischen auch ihren Dienst[,] was zu Stürzen führte, ordentlich terminiert operiert zu werden.

Zu guter Letzt erzeugtestu eine Grübeln in mir, was das für eine spezielle Schweizer Visite sei, bei der selbst der Chirurg steppte
Bei der Steppvisite des Neurochirurgen …
Ist's unsere „Stippvisite“?
… und das Merkblatt markant in seiner Anordnung[,] das Leben behutsam anzugehen.

Schmerz wegzuwünschen hat noch niemand geholfen, vielleicht ist da ein erträgliches Leben der angemessenere Wunsch oder – wie's halt meiner schnoddrigen Art entspricht – halt die Ohren steif, Alter! Da kommze durch.

Gruß aus'm flachen Land vom

Friedel

 
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Hallo Friedrichard

Die zahlreichen ökonomischen Umbauten am Gesundheitswesen weltweit präsentieren in der Tat kein in sich gelungenes Werk, zu verschieden sind da die Interessen. Die Architekten dieser Strukturen, ein Gemisch aus Politikern, Beamten, Investoren, Think tank-Foren und anderen Interessegruppen, sind personell austauschbar und finden sich auch bei andern Konglomeraten, die sich völlig entgegengesetzten Themen widmen. Mich persönlich berühren da mehr die dem Oberbegriff zugrundeliegenden Kerngedanken, die unter dem Druck des vorherrschenden Politikums seit jeher immer wieder in seinen Teilen absorbiert und unter Eigenvorteilsabwägungen interpretiert wurden, ein Vorgang, der sich nie ändern wird.

Merk auf, Publikum! Nicht will ich, dass Du Dich identifizierest! Halte Distanz und nutze Deinen Schädel nicht nur um die neueste Haarmode auszuführen.

Dies ist durchaus eine mögliche Antwort, die der individuelle Zuschauer für sich finden kann. Das Risiko sich mit einem Virus von Identifikation zu infizieren, in den Sogwirbel der Schmerzen des Patienten miteinbezogen und vereinnahmt zu werden, und letztlich alle ein Leben lang aufgebauten eigenen Sinngebungen in seinen Festen zu erschüttert, der Absurdität ausgeliefert sein. Er wird schon versuchen, sich am Ufer der Argumentationen festzuklammern, sein anhin Verinnerlichtes dem Geschehen entgegenstemmen, und wenn es ihm gelingt, wieder Distanz zu gewinnen, vielleicht geläutert daraus hervorgehen.
Die Ironie, welche der Ort in einer seiner Regeln zu bieten vermag, ist hier ein Farbstrich, der über seinen Gehalt hinaus die Tragik erahnen lässt, wie Diskrepanzen sich zwischen Theorie und Praxis etablieren können. Hinterfragen, wenn eine Sanktion einmal beschlossen ist? Nein, Fragen dazu sind selbstherrlich ausgeschlossen, der Akt der Ächtung gilt immerhin weltweit.

Da sag einer, dies sei nicht grosses Theater, oder doch mehr Varieté, das ich den Chefarzt auf seiner Stippvisite mit Fred Astaire assoziierte und ihn steppen sah.

halt die Ohren steif, Alter! Da kommze durch.

Genau die Worte, welche ich meiner Schwägerin auch sagte.
Nur zu dumm, dass der Hang, bis zur Fertigstellung des Stücks, noch weitere Inspiration zu empfangen, noch kein Ende der Schmerzen zulässt. Mein Spinalkanal verfügt wieder über eine komfortable Weite, doch die Suche nach der Ursache der Schmerzen läuft auf Hochtouren weiter. Das Kokain, welches Freud bei seiner Krankheit im Alter zur Erträglichkeit verwandte, ist bei mir nun definitiv mit Morphin gegeben. Zusätzlich inspirierend wirkt es nicht, dies kann ich versichern, doch ebnet es die Tragbarkeit, den Ausweg zu suchen.

Danke Dir, lieber Friedel, für Deinen Kommentar, der mir auf dem Weg zur Endfassung, das mitverwobene Politikum vor Augen führte.

Schöne Grüsse

Anakreon

 
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Neufassung liegt vor

Sie liegt vor, die Neubearbeitung [#1].

Die bei der Beantwortung der Kommentare und Anregungen mir aufgekommenen Impulse, Erkenntnisse und Reflexionen versuchte ich zu vergegenwärtigen, und entsprechend einzubeziehen. Ob dies mir so gelungen ist, wie ich es im jeweiligen Moment verspürte und mir umzusetzen wünschte, mag ich selbst nicht zu sagen, da ich auch aktuell zu sehr zwischen dem verarbeiteten Stoff und eigenem Erleben verstrickt bin. Ich hoffe jedoch, für die geneigten Leser ein Stück absurdes Theater aufleben lassen zu können, das dem Genre gerecht wird.

 

Ane

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Für mich fühlt es sich nicht richtig an, Deinen Text literarisch zu bewerten, wenn ich weiß, dass Du Dich damit im wirklichen Leben herumschlagen musst. Aber ich habe ihn gelesen und finde, die Wirkung hat sich durch die Aufteilung verstärkt, das ganze ist viel deutlicher, jetzt.

Ich wünsche Dir vor allem eine Klärung der Sachlage und alles, was notwendig ist, das, was da auf Dich zukommt, durchzustehen.

LG
Ane

 
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29.01.2010
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Danke Ane

Du triffst den Nagel auf den Kopf. Es deckt sich mit den Zweifeln, die mir nach der Freigabe der Überarbeitung zu schwelen begannen. Viel zu stark sind eigenes Erleben und jenes der fiktiven Figur im Stück noch verzahnt. Ich machte mir erste Gedanken, an welchen Stellen ein Brecheisen angesetzt werden muss, um dieses Desaster in jene Form zu bringen, die sich durch Handlungs-, Geschichts- und Sinnverlust auszeichnet. Fremdbestimmung und Ohnmacht die Absurdität spiegelt, und damit erst zur Auseinandersetzung einlädt. Beim Lesen schreckte mich die fortlaufende Handlung zurück, die nicht absurdem Theater entsprechen will und nur in episodisch knappen Einspielungen in der Zeitlosigkeit des Geschehens auftreten darf.

Vorerst habe ich mir mal acht Merkmale festgelegt, die als Werkzeuge dienen sollen, um nun schonungslos am Bestehenden zu meisseln, einem Felsblock gleich der sich zur Skulptur wandeln soll.

Auch wenn mich die Unruhe treiben wird, daran zu arbeiten, werde ich mir sehr viel Zeit nehmen, zwischendurch abwarten, bis meine ungeklärten körperlichen Beschwerden in der Ursache erkannt und soweit gelöst werden können. Mit wiederzuerlangender voller Konzentrationsfähigkeit werde ich dann daran schleifen und abwägen, ob die Merkmale auch wirklich zum Tragen kommen, und das Stück für die Leser ein Gewinn sein kann. Erst dann folgt die Veröffentlichung einer dritten Überarbeitung, also zu einem noch unbekannten, weiter entfernten Zeitpunkt.

Für Deine Impulse, die Geduld, das Interesse an dem Stück und natürlich die guten Wünsche, danke ich Dir herzlich.

Schöne Grüsse

Anakreon

 
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12.04.2007
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Zuletzt bearbeitet:

Die schleichende Zeit erlaubte, die vergangenen Monate erneut im Zeitraffer nochmals zu durchleben. Höhe- und Tiefpunkte blinkten auf, vermischten sich mit Gedankenfetzen, und festigte[n] die langgehegte Erkenntnis, dass der Schmerz durchaus jedem bekannt und doch der des Andern einem immer fremd bleiben musste.

Hallo Anakreon,

wie lange hat es gedauert, bis den Gehhilfen fürs Kleinkind eine entsprechende Gehhilfe für gehändikäpte (seltsames Wort, dass eher ans Händy denn ein Gebrechen erinnert heutigentags) Erwachsene folgte? Erst Ende der 1970-er Jahre wurde der Rollator in Schweden erfunden. Das Genialste ist eigentlich immer zugleich das Einfachste. Man muss nur darauf kommen.

Was zunächst auffällt an der neuen Fassung – vllt. ist's mir auch bei der urspr. durchgegangen - ist der Gleichklang der tragenden zwo Personen, dem imag. Beobachter und dem Ich-Erzähler, wobei beim Beobachter das Klammern besonders auffällt (wie etwa hier, direkt am Anfang

Anfänglich erzeugte ein starkes und konstant eingesetztes Cortison-Medikament im Rahmen einer Basistherapie, in ihm euphorische Gefühle. Die Schmerzen, welche unerwartet über Nacht eingetreten waren, erfuhren erst nach zweieinhalb Monaten des Leidens, mit dem endlichen Beginn gezielter therapeutischer Maßnahmen, Beruhigung
wobei es mir nicht um die Kommasetzung geht - würd ich mir beim von uns geliebten Kleist auch nicht erlauben, der als „eigentlicher“ Dramatiker die Zeichensetzung als Teil der Regieanweisung verwendete, gleichwohl sollte nach den „euphorischen Gefühlen“ gelegentlich darauf geachtet werden).

Wenn die schwache Klammer „Die Schmerzen … erfuhren erst nach zweieinhalb Monaten des Leidens … Beruhigung“ zuschnappt, sollte das lesende Publikum eigentlich aus dem ff wissen, was dort steht. Aber wir wissen auch, wie oft längere Wortkaskaden den hiesigen Leser nicht immer, aber immer öfter überfordert, weil die Text-Arbeit ihn überlastet oder sein Gedächtnis nicht auf komplexe Dinge ausgerichtet ist. Konzentration reicht unterm Diktat des WeltWeitengeWerbes von hier bis zur nächsten Guugelei und der Ruf nach kurzen, überschaubaren Sätzen wird laut. Um wie Vieles eher ist dergleichen vom hörenden Publikum zu erwarten, dass sich zugleich unterm potentiellen Diktat seines Smartphones steht. Was auf die Gefahr hindeutet, dass keiner zuhöre, bestenfalls noch aufs Bühnenbild, Handy oder in sein Innerstes starre, was mancher für Meditation ausgibt.

Wäre da nicht das Passiv angesagt? Böte sich nicht die Leidensform des Verbs an, dem dann auch manche unnötige Substantivierung geopfert würde - was ich an diesem einen Satz einfach mal ausprobieren will, ohne eine Garantie aufs Gelingen geben zu können:

„Die über Nacht einsetzenden Schmerzen wurden erst nach zweieinhalb Monaten des Leidens mit Beginn gezielter therapeutischer Maßnahmen beruhigt“, was ein bisschen gequält wirken mag. Es ist ja nicht der Schmerz, der schreit und beruhigt werden muss. Das Verb „schmerzen“ meint etwa „aufreiben / beißen / scheuern“ und Ähnliches. Erfahrungen, die „schmerzlich“ sind und „Kummer / Leid“ bis zur Unerträglichkeit verursachen. Das Bild des (Spinal-) „Kanals" führt vielleicht zum korrekteren Verb: „Eindämmen“.

Aber das ist mal wieder Spielerei eines denkwürdigen, an sich winzigen Hirns, das natürlich um die Probleme und Nöte weiß, sich selbst zu offenbaren, Gedanken, die einem so kommen, schriftlich einzufangen, festzuhalten und damit auch schon wieder zu verfremden. Denn was ist die geäußerte Sprache anderes als Ausdruck unseres Bewusstseins - es sei denn, wir stünden unter Drogen, wären nicht mehr Herr unserer Sinne. Und das Gießen in ein (hier theater- oder lesebühnengemäßes) Förmchen verfremdet nicht nur, es entfremdet den Selberlebens[abschnitt]beschreiber von seinem ursprünglichen Erleben. Distanz stellt sich in der Regel - jedenfalls bei mir - unterm Schreiben ein, wie ja der Gedanke sich bei Kleist im Gespräch verfestigt, was ich gelegentlich verfremde vom Gedanken zum Laufen/Gehen. Und für einen, der für zwanzig lumpige Kilometer nicht mal das Fahrrad anrührt, wäre mit dem Rollator gehen zu müssen eine mittlere Katastrophe (obwohl ich auch Leute kenne, die trotz oder gerade wegen Rollatornutzung einen Hund mitführen).

Bevor ich weiter abschweife, noch ein paar wenige Trivialitäten

hier stolper ich übers abschließende „dazu“

In der Physiotherapie wusste man keine Lösung für die Blockade im Gehapparat, doch das Gespräch führte ungewollt darauf dazu.
und grübel - sehr wahrscheinlich irritiert durch ein schlichtes „da“ ...

Hier ist ein Dreher anzuzeigen

, aber deren Klärung eines Behandlungsbedarfs im Einzelnen erwägenswert ersch[ei]nen ließen.
hier die Kleinschreibung für den Stand
Liegen, tehen und laufen …

Hier wäre der Gezeitenwechsel zu korrigieren,
Sobald der Nebel sich lichtet, konnte man es dann zu Hause lesen,
vielleicht sogar der Indikativ in den Konjunktiv zu verwandeln.

, eine Perspektive, die mir [A]uftrieb gab.
da internationale Studien auswiesen, dass ein nicht [A]nrühren dieser allfälligen Krebszellen,

Aber es geht allemal voran!,

meint der

Friedel

 

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