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Mein grauer Nachbar

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03.11.2025
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Mein grauer Nachbar

Der Dreck des aufgewühlten Vorgartens klebte noch an Marks Händen. Er stand im dunklen Flur. Sein Atem ging flach, während er mit leeren Augen auf die Maserung der Haustür starrte.
Dann riss ein schrilles Läuten die Stille in Stücke.
Mark zuckte zusammen. Er rieb die feuchte Erde an seiner Jeans ab, bis die Handflächen brannten, umklammerte den Riegel und riss die Tür auf.
Auf seiner Veranda standen zwei Männer. Schwarze Anzüge, weiße Hemden, schmale Krawatten. Sie wirkten, als hätte man sie direkt aus den Schatten der Nacht geschnitten.
„Guten Abend, Mr. Higgins.“ Der Linke sprach, als läse er einen Strichcode ab – völlig frei von jeder Betonung. Mit einer fließenden Bewegung hob er ein Lederetui auf Augenhöhe und klappte es auf. Das Metall des FBI-Abzeichens blitzte im fahlen Licht der Außenlampe. „Special Agent Grey. Und das ist mein Partner, Special Agent Stone.“
Mark starrte auf das Abzeichen, dann in das aschfahle Gesicht des Sprechers. Sein Blick glitt weiter zu dem stummen, massiven Klotz daneben, dessen dunkle Augen keinen Millimeter blinzelten.
Grey und Stone. Ein kratziges Lachen stieg in Marks trockener Kehle auf. Er presste die Kiefer aufeinander und schluckte es mühsam hinunter. Diese Typen blätterten nicht einmal mehr in einem verdammten Telefonbuch. Wer im schwarzen Anzug auftrat und sich als Farbe und Gestein vorstellte, suchte keine Tarnung.
„Mr. Higgins?“ Das FBI-Abzeichen verschwand wieder im Jackett. „Dürfen wir eintreten?“
Marks Finger krampften sich um die Türklinke. Zuschlagen, hämmerte es in seinem Kopf. Verriegeln. In den Keller rennen. Aber man schlug dem FBI nicht einfach die Tür vor der Nase zu. Schon gar nicht Männern, die aussahen, als bräuchten sie für geschlossene Türen nicht einmal einen Schlüssel.
Seine Beine fühlten sich an wie Blei. Er trat einen Schritt zurück und gab den Weg ins Haus frei.
Die Agenten betraten den Flur. Mark schnupperte unwillkürlich. Kein Schweiß, kein Aftershave, keine feuchte Nachtluft. Nichts.
Mark drückte die Haustür ins Schloss. Als er sich umdrehte, stockte ihm der Atem.
Sein Blick blieb am Hinterkopf von Agent Stone hängen. Die pechschwarzen, streng gescheitelten Haare wirkten starr, wie ein Helm aus Plastik. An seinem Nacken, wo der steife Kragen des weißen Hemdes endete, hob sich die Haarlinie deutlich ab.
Es war eine Perücke. Und sie saß schief.
Das Licht der Flurlampe fiel genau auf diesen Spalt. Darunter schimmerte keine Haut. Eine nahtlose, kreideweiße Fläche spannte sich über den Nacken. Sie glänzte matt wie feuchtes Silikon.
Mark wich unwillkürlich einen Schritt zurück, bis seine Schulter hart gegen die Raufasertapete stieß. Das Blut rauschte plötzlich so laut in seinen Ohren, dass es den Rhythmus seiner Gedanken übertönte.
Die drei Männer gingen den schmalen Flur hinunter. Agent Grey schritt zielstrebig voran, dicht gefolgt von Stone. Mark bildete das Schlusslicht, den Blick noch immer wie gebannt auf den schiefen Haaransatz des stummen Riesen gerichtet.
Am Ende des Flures fror Greys Bewegung ein. Seine Hand schloss sich bereits um die Klinke der rechten Tür, während er den Kopf über die Schulter zu Mark zurückdrehte.
„Ist Ihnen die Küche recht, Mr. Higgins?“
Mark starrte auf die bleiche Hand an der Klinke.
Er weiß, wo die Küche ist. Ein eiskalter Schauer kroch Marks Wirbelsäule hinab. Er war noch nie hier. Die Tür ist zu. Woher weiß er das?
Ein trockenes Würgen lag in seinem Hals. Er brachte nur ein stummes Nicken zustande.
Grey drückte die Klinke hinab und trat ein. Er durchquerte den Raum, ohne sich auch nur einmal fragend umzusehen, und ließ sich an dem kleinen Küchentisch nieder. Stone folgte ihm lautlos und blieb wie ein steinerner Wächter im Halbschatten hinter Greys Stuhl stehen.
Grey faltete die Hände auf der Resopalplatte. „Sie haben uns angerufen wegen des Vorfalls in Ihrem Garten, Mr. Higgins.“ Er klang, als würde er einen monotonen Wetterbericht vorlesen. „Die Kollegen in der Zentrale haben uns bereits grob über den Fall aufgeklärt.“
Mark krallte die Finger in seine Oberschenkel, bis die Knöchel weiß hervortraten. Die Zentrale. Ein unterirdischer Bunker in Nevada? Majestic 12?
„Wir benötigen von Ihnen nur noch einige präzise Informationen“, fuhr Grey im exakt selben, flachen Tonfall fort, „um den Fall der zuständigen Behörde zu übergeben und die Schadensansprüche geltend zu machen.“
Mark spürte, wie ihm kalter Schweiß auf der Stirn ausbrach. Schadensansprüche? War das der geheimdienstliche Code für zivile Kollateralschäden? Für die Liquidierung von Mitwissern?
„Ich… ich habe das alles doch schon der Kollegin am Telefon gesagt.“ Marks Stimme brach in der Mitte des Satzes weg und klang wie das Krächzen eines verängstigten Teenagers.
Er deutete fahrig über die Schulter auf die verdunkelte Glastür am anderen Ende der Küche. „Vor zwei Stunden. Ich saß draußen auf der Veranda. Mit Blick auf den Vorgarten.“ Mark rieb sich nervös die feuchten Handflächen an der Jeans ab. „Ich saß da einfach, wie jeden Abend. Hab auf mein Handy geschaut. Ein bisschen YouTube, ein paar bestimmte Facebook-Gruppen… Sie wissen schon. Ganz normal.“
Agent Grey klickte einmal mit seinem billigen Plastik-Kugelschreiber.
„Nein, Mr. Higgins, das wissen wir nicht.“ Greys Stimme besaß die schneidende Präzision eines Papierschnitts. Er sah nicht einmal von seinem verbeulten Klemmbrett auf. „Ihre nächtlichen Freizeitgewohnheiten sind nicht mein Anliegen. Könnten Sie sich bitte ausschließlich auf den protokollierten Vorfall konzentrieren?“
Mark schluckte schwer.
„Es schwebte keine zwei Meter über dem Boden“, stieß Mark hervor. Die Worte überschlugen sich fast, während er mit den Händen in der Luft fuchtelte. „Dann riss es das Steuer herum. Viel zu schnell. Das Heck – sofern so eine verdammte Untertasse ein Heck hat – brach aus. Es schoss quer über Millers Grundstück, fräste eine Furche durch die Gänseblümchen und stoppte mit einem brutalen Ruck. Exakt acht Meter vor meiner Veranda. Ein perfektes Manöver. Als würde ein Irrer seinen Wagen mit gezogener Handbremse in eine Parklücke driften.“
„Ein Drift“, wiederholte Agent Grey tonlos. Er klang, als würde er das Wort zum ersten Mal in seinem Leben in den Mund nehmen.
„Ein hochkomplexes Ausweichmanöver!“, fuhr Mark dazwischen. Er rutschte auf die Stuhlkante. „Es wollte mir zeigen, dass es die Gesetze der Physik auf unserem Planeten absolut beherrscht.“
„Notiert“, sagte Grey und hakte etwas auf dem Klemmbrett ab. Er blickte nicht auf. „Wurden Sie nach diesem Parkmanöver von einem Lichtstrahl oder einer anderen Anomalie erfasst?“
Mark stieß ein kurzes, bellendes Lachen aus. „Ein Lichtstrahl? Schön wär’s.“ Er beugte sich vor und presste die Hände flach auf den Tisch. „Als das Ding stand, glitt eine Luke auf. Wie bei einem verdammten Tresor! Da saß ein kleiner, grauer Kerl mit riesigen Augen. Er starrte mich an … und winkte! Einfach so. Ein freundlicher Gruß, als würde er drüben den Rasen mähen! Dann schloss sich das Schott und das Ding schoss exakt in die Richtung zurück, aus der es gekommen war.“
Aus dem Halbschatten hinter Grey drang ein feuchtes, abgehacktes Schnauben.
Mark fuhr herum. Agent Stone presste sich eine Hand auf den Mund. Die breiten Schultern des stummen Riesen bebten.
Das ist es. Marks Herzschlag hämmerte plötzlich bis in seinen Hals. Der Druckanzug versagt. Die menschliche Hülle reißt auf!
Er presste den Rücken tief in die Stuhllehne und zog die Schultern hoch, bereit, dem Monster auszuweichen, das jeden Moment aus Stones Nacken brechen musste.
Agent Grey drehte langsam den Kopf. Sein Blick über die Schulter war pures Gift. Dann wandte er sich wieder Mark zu. Keine Muskelregung veränderte sein aschfahles Gesicht.
„Sind Sie sich ganz sicher, Mr. Higgins“, fragte Grey in die absolute Stille hinein, „dass es nicht einfach Ihr Nachbar war?“
Mark starrte Grey an. Er öffnete den Mund, blinzelte ein paarmal und suchte nach Worten. Erst vor ein paar Tagen hatte George Miller seinen verrosteten Honda sturzbetrunken in die Mülltonnen gesetzt.
Aber Millers Civic ignorierte nicht die Schwerkraft.
„Jetzt hören Sie mir mal zu!“ Mark beugte sich vor und stemmte die Hände flach auf die Resopalplatte. „Ich bin nicht blöd! Ich weiß, was ich gesehen habe.“ Er straffte die Schultern. „Das Teil hat einen sauberen Drift hingelegt! Ich zeige Ihnen die Furche da draußen, wenn Sie wollen.“
Greys aschfahles Gesicht blieb reglos. Er legte den Stift exakt parallel zur Tischkante ab, schloss die Augen und rieb sich mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel.
„Mr. Higgins.“ Mit einem langen, schweren Ausatmen verflog die maschinelle Kälte aus seiner Stimme. Zurück blieb die bleierne Müdigkeit eines Mannes, der seit drei Tagen nicht geschlafen hatte. „Niemand zweifelt an Ihrem Drift. Aber begreifen Sie doch bitte unsere Situation. Wenn das Flugobjekt ausschließlich auf Ihrem privaten Rasen gedriftet ist, ist das ein zivilrechtliches Problem der Kategorie 4. Wenn die Heckflosse dabei jedoch in den öffentlichen Luftraum über dem Bürgersteig geragt hat, muss ich Abteilung 7 für kommunale Straßenschäden anrufen. Und glauben Sie mir, Mr. Higgins… Sie wollen nicht, dass ich Abteilung 7 anrufe. Also noch einmal: War das Heck über dem Bürgersteig?“
Mark riss die Augen auf. „Was für ein Bürgersteig? Wir reden hier von meinem Vorgarten!“ Er sprang so hastig von seinem Stuhl auf, dass die Beine laut über das Linoleum kratzten, und deutete wild auf die Tür hinter sich. „Bitte hören Sie mir doch zu! Ich zeige es Ihnen. Jetzt!“
Agent Grey stieß ein leises Seufzen aus. Er schob das Klemmbrett zur Seite und erhob sich langsam.
„Nun denn, Mr. Higgins“, sagte er. „Zeigen Sie uns die Stelle.“
Mark stieß die Tür auf und trat auf die Veranda. Die kühle Nachtluft schlug ihm entgegen, dicht gefolgt von den beiden Agenten.
Agent Stone zog eine klobige, gelbe Plastiktaschenlampe aus der Innentasche – exakt das Modell, das man an jeder Tankstelle im Kassenbereich bekam – und knipste sie an. Der weiße Lichtkegel glitt über das Gras und offenbarte das ganze Ausmaß der Zerstörung.
Eine tiefe, perfekt geschwungene Furche zog sich quer durch den Vorgarten. Sie hatte die Grasnarbe regelrecht umgepflügt und endete in einem Massaker aus abrasierten Blüten und zersplitterten Stängeln. An der tiefsten Stelle der Spur war die feuchte Erde leicht verglast, als hätte jemand den Boden mit einem Schweißbrenner gestreift.
Mark reckte das Kinn und verschränkte die Arme vor der Brust. „Da! Sehen Sie? Ein perfekter Drift.“
Stone trat stumm an die Furche heran. Er hockte sich schwerfällig hin, klappte einen handelsüblichen hölzernen Zollstock auf und begann die Breite der verglasten Erde zu vermessen.
Grey stellte sich daneben und klickte mit seinem Kugelschreiber.
„Mr. Higgins“, sagte Grey. Er löste den Blick nicht von der verglasten Erde. „Sie gaben drinnen zu Protokoll, das Objekt habe Ihre Petunien vernichtet.“
„Ja! Alles weg!“ Mark fuchtelte mit den Händen in Richtung der zersplitterten Stängel. „Habe ich doch gesagt!“
Grey hob mit der Spitze seines Kugelschreibers ein zerfetztes, rußiges Blatt auf und hielt es in den Lichtkegel der Taschenlampe. „Das hier ist eindeutig Hydrangea macrophylla. Eine gewöhnliche Bauernhortensie.“ Er ließ das Blatt fallen. Sein Blick fixierte Mark mit der abgrundtiefen Strenge eines Finanzbeamten. „Wenn Sie beim Schadensbericht falsche Angaben machen, erlischt Ihr Anspruch auf Regulierung. Also, Mr. Higgins: Bewegen wir uns hier im Bereich des versuchten Versicherungsbetrugs, oder kennen Sie einfach Ihren eigenen Vorgarten nicht?“
„Ich… ich habe beide Pflanzen.“ Mark fuhr sich fahrig über die Stirn. Unter dem bohrenden Blick des Agenten kroch ihm schlagartig die Hitze den Kragen hinauf.
Grey sah ihn an. „Beide.“ Klick. Er setzte einen präzisen Haken auf seinem Klemmbrett. „Um den Tathergang für die Versicherungsstelle exakt zu rekonstruieren, Mr. Higgins, bitte ich Sie nun um Folgendes.“
Grey drehte sich um und schritt in abgemessenem, völlig unbeeindrucktem Tempo zurück zur Veranda. Er blieb vor der alten Holzbank stehen. „Ich nehme an, dies ist die Bank, von der aus Sie das Objekt beobachtet haben?“
Mark blinzelte. Er sah abwechselnd zur Furche im Rasen, zu Stone und dann wieder hinüber zu Grey. „Ja. Genau da saß ich.“
Grey setzte sich. Er zupfte die Falten seines schwarzen Anzugs zurecht, legte das Klemmbrett ordentlich auf seine Knie und verschränkte die Hände. Dann sah er zu Mark hinab, der noch immer wie bestellt und nicht abgeholt unten im Vorgarten stand.
„Gut.“ Greys Gesichtsausdruck besaß die absolute Ernsthaftigkeit eines Regisseurs bei einer Schulaufführung. „Ich bin jetzt Sie. Und Sie spielen das UFO.“
„Ich soll was?“ Marks Stimme überschlug sich fast. „Das UFO spielen? Soll ich vielleicht mit ausgestreckten Armen durch meinen eigenen Vorgarten rennen und ‚Wuuusch‘-Geräusche machen? Das kann doch unmöglich Ihr Ernst sein!“
Agent Grey sah ihn an. Kein Muskel bewegte sich. Die Grillen im Garten schienen für einen Moment aufzuhören zu zirpen.
Grey schloss für eine Sekunde die Augen und atmete tief durch die Nase ein. „Mr. Higgins.“ Er ließ die Schultern um einen winzigen Millimeter sinken. „Ich habe an keiner Stelle ‚Wuuusch‘-Geräusche verlangt. Antigravitations-Antriebe sind absolut geräuschlos, wie Sie selbst vorhin in der Küche ausdrücklich betont haben. Wir legen hier großen Wert auf eine akkurate Protokollierung. Also: Bitte begeben Sie sich jetzt an die Startposition hinter der Hecke und leiten Sie den Drift ein.“
Mark klappte den Mund auf und wieder zu. Die Hitze schoss ihm in die Wangen, bis sein Gesicht brannte. Mit schweren Schritten stapfte er hinüber zur Hecke. Er hob die Arme – nicht ganz ausgestreckt, um sich zumindest einen winzigen Rest an Würde zu bewahren – und rannte los. Stumm. Mit scharfer Kurvenlage schlitterte er über den feuchten Rasen.
Im Halbschatten der Veranda folgte ihm der weiße Lichtkegel von Stones Tankstellen-Taschenlampe. Der stumme Riese führte das Licht fehlerfrei mit. Als Mark die Stelle mit der verglasten Erde erreichte, riss er imaginär die Handbremse an und zwang seinen fiktiven Honda Civic mit einem stummen Ruck in die Parklücke.
Pffft.
Ein kurzes, feuchtes Prusten drang aus dem Halbschatten. Agent Stone presste hastig ein schweres Räuspern hinterher.
Marks Kopf ruckte herum, die Arme noch immer halb in der Luft. Agent Grey hingegen schaute nur kurz von seinem Klemmbrett auf, ignorierte seinen Partner und schüttelte den Kopf.
Mark stand starr auf dem Rasen. Er senkte den rechten Arm und machte eine unbeholfene Zugbewegung in der Luft.
„Und dann hat er die Luke aufgemacht“, schnaufte er. „Hat gewinkt. Und ist steil in den Himmel hochgezogen. Alles in höchstens fünfzehn Sekunden.“
Grey notierte etwas. Der Stift kratzte laut über das Papier.
„Dieses Winken, Mr. Higgins“, fragte Grey, ohne von seinem Klemmbrett aufzusehen. „War das ein Winken, wie wir es im Allgemeinen aus dem Straßenverkehr kennen? Etwa so, als würde man einem anderen Verkehrsteilnehmer freundlich die Vorfahrt gewähren?“
Mark riss den Mund auf. Die Ader an seinem Hals pochte. Sind Sie völlig wahnsinnig, Special Agent Grey?, wollte er brüllen. Das war ein intergalaktischer Erstkontakt! Doch die Worte blieben ihm im Hals stecken. Er ließ die Schultern hängen und blinzelte in den Lichtkegel der Taschenlampe. Denn wenn er ganz ehrlich zu sich selbst war … ja. Genau so hatte es ausgesehen.
„Mr. Higgins?“
Agent Grey saß auf der Holzbank. Er legte den Stift ab, hob den Kopf und fixierte Mark. Zum ersten Mal an diesem Abend traf sein Blick ihn direkt.
„Ja“, antwortete Mark. „Genau so sah es aus.“
Ein Klicken zerschnitt die Nacht. Agent Stone schaltete die Taschenlampe aus. Dunkelheit verschluckte den Rasen. Der stumme Riese durchmaß das Gras, trat an die Veranda heran und positionierte sich schweigend neben der Bank.
Grey strich über das Papier.
„Wir fassen zusammen.“ Seine Worte schnitten glatt durch die Dunkelheit. „Ein Lenker verliert die Kontrolle über sein Fahrzeug. Er gerät auf Ihr Grundstück, vernichtet Ihre Bepflanzung. Er stoppt, erkennt sein Fehlverhalten, entschuldigt sich mittels Handzeichen und flieht vom Unfallort.“
Mark trat an die Veranda heran und umklammerte das Holzgeländer. „Ein Lenker? Das war ein Raumschiff! Ein verdammtes UFO! Der Pilot war grau und besaß Augen wie schwarze Billardkugeln!“
„Das äußere Erscheinungsbild des Fahrers ändert den Tatbestand nicht, Mr. Higgins.“ Grey stand langsam von der Holzbank auf. „Fahrerflucht bleibt Fahrerflucht. Unabhängig vom Herkunftsort des Fahrzeugs.“
„Aber die Technologie!“ Mark schlug mit der flachen Hand auf das Holz. „Das Ding hob die Schwerkraft auf! Es schwebte über meinem Gras!“
„Ein Verstoß gegen die städtische Verordnung zur Nutzung des Luftraums unterhalb von drei Metern.“ Grey glättete sein Jackett. „Hinzu kommt das Fehlen eines akustischen Warnsystems.“
„Es erzeugte keinen Ton! Es flog völlig lautlos!“
„Eben das verletzt die Richtlinien für Verkehrssicherheit in Wohngebieten.“ Grey zog einen schmalen Block aus der Innentasche. „Ihr Bericht beschreibt ein alltägliches Verkehrsdelikt, Mr. Higgins. Jemand verpasst die Kurve und ruiniert Ihren Garten.“
Mark starrte den Agenten an. Er öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Sein intergalaktischer Erstkontakt zerfiel vor seinen Augen zu Staub.
„Ein Verkehrsdelikt?“ Mark stützte sich schwer auf das Geländer. „Wollen Sie ihm jetzt ein Knöllchen hinterherschicken? Nach Zeta Reticuli?“
„Wir leiten den Vorgang an das Ordnungsamt weiter.“ Grey riss einen rosa Zettel vom Block und hielt ihn Mark hin. „Die Kollegen kümmern sich um die Eintreibung.“
Mark stieß sich vom Holz ab und ballte die Hände zu Fäusten.
„Dass Sie diesen Vorgang hier leiten, durchschaute ich von Anfang an“, stieß er hervor. Er reckte das Kinn. „Für wie blöd halten Sie mich eigentlich?“
Agent Grey hob langsam eine Hand. „Mr. Higgins –“
„Nein.“ Mark schnitt ihm das Wort ab. Ein Lachen entwich seiner Kehle. Es klang hart und kratzig. „Jetzt spreche ich. Agent Grey und Agent Stone.“ Er spuckte die Namen in die Dunkelheit. „Grau und Stein. Ernsthaft? Wer denkt sich sowas aus? Ein Praktikant?“
Grey antwortete nicht. Er stand völlig reglos.
Mark drehte den Kopf. Er hob den Arm und zielte mit dem Zeigefinger direkt auf den Riesen im Schatten.
„Und diese Perücke!“ Marks Stimme kippte in eine unangenehm hohe Tonlage. „Das Plastik glänzt! Die Haarlinie verrutscht bei jeder Bewegung am Nacken. Ein Blinder erkennt diese Tarnung.“
Er atmete stoßweise. Die Luft brannte in seiner Brust. Er ließ den Arm sinken, umklammerte das Geländer und fixierte Greys unnatürlich dunkle Augen.
„Sie machen mir keine Angst“, presste Mark hervor. Er stemmte die Füße fest in den Boden. „Ihre Einschüchterung funktioniert nicht. Sie können die Sache als Verkehrsunfall tarnen, so viel Sie wollen. Aber ich habe gesehen, was unter seiner Perücke steckt.“
Agent Grey sah Mark an. Keine Regung veränderte sein Gesicht.
„Alopecia areata“, sagte Grey.
Mark blinzelte. „Was?“
„Kreisrunder Haarausfall.“ Grey strich die Kante des rosa Zettels glatt. „Agent Stone trägt ein Toupet. Diese Krankheit belastet ihn. Ihr Spott verletzt ihn.“
Mark starrte den Mann an. Die Luft verließ schlagartig seine Lungen.
„Mein Name lautet Grey.“ Der Agent streckte den Arm mit dem Papier weiter aus. „Nehmen Sie den Antrag für die Pflanzen, Mr. Higgins, oder ich schließe die Akte.“
Die Akte schließen. Mark wich vom Geländer zurück. Seine Sohlen rutschten über das feuchte Gras. Er stolperte rückwärts in den Garten.
Es beginnt, hämmerte es in seinem Kopf. Jetzt fällt die Maske.
„Mr. Higgins?“ Grey legte den Kopf minimal schief. „Fehlt Ihnen etwas?“
Stone trat aus dem Schatten und schloss zu seinem Partner auf. Schulter an Schulter kamen die Männer die Stufen der Veranda hinab. Ihre Bewegungen verliefen vollkommen synchron. Ein reiner Gleichschritt. Ihre Schuhe strichen über den Rasen und drängten Mark unaufhaltsam weiter in die Dunkelheit des Vorgartens.
„Sie erblassen“, stellte Grey fest. Er hob die Hand. Die Geste sollte vielleicht Hilfe anbieten, glich in ihrer Starre aber einem eisernen Befehl. „Betreten Sie wieder das Haus, Mr. Higgins. Gehen Sie dorthin, wo Sie sich sicher fühlen.“
Das rosa Papier flatterte im kalten Nachtwind.
„Hier.“ Greys Finger verharrten unerbittlich in der Luft. „Nun nehmen Sie schon.“
Mark zwang seinen Arm nach oben. Seine Muskeln zitterten, als er den Durchschlag aus Greys Hand zog.
„Reichen Sie das bei Ihrer Versicherung ein.“ Grey drehte sich zur Straße. Nach zwei Schritten hielt er inne und blickte über die Schulter zurück. „Ach, und Mr. Higgins?“
Mark riss den Kopf hoch. Sein Blick suchte Greys Gesicht. Seine Augen flehten stumm nach einer Erklärung. Nach der Wahrheit. Nach irgendwas.
„Ja?“, flüsterte er in die Dunkelheit.
„Wählen Sie nicht mehr die Notfallnummer des FBI. Wenden Sie sich in Zukunft bitte an Ihre zuständige Polizeibehörde.“
Grey wandte sich ab. Stone folgte der Bewegung. Wie ein einziger schwarzer Block schritten sie über den vom Nebel feuchten Rasen. Ihre dunklen Silhouetten boten dem spärlichen Licht keinen Widerstand mehr, als die Schatten der Nacht nach ihnen griffen und sie restlos verschluckten.
Mark blieb allein im zerstörten Garten zurück. Seine Knie gaben nach. Er taumelte zurück zur Veranda und ließ sich schwer auf die alte Holzbank fallen. Er blickte auf den rosa Zettel in seiner Hand, öffnete die Finger und ließ ihn einfach los. Das Papier trudelte wie ein totes Blatt auf den ruinierten Rasen.
„Ein alltägliches Verkehrsdelikt“, flüsterte er und grub das Gesicht in beide Hände. Er lauschte in die Nacht hinaus, bis irgendwo draußen auf der Straße zwei Wagentüren mit einem satten Klicken ins Schloss fielen.
Stone saß stumm hinter dem Lenkrad. Sein Blick hing irgendwo im Dunkel der leeren Vorstadtstraße. Mit einem leisen Seufzen griff er in sein Jackett, zog das Portemonnaie heraus und nestelte mit seinen klobigen Fingern einen Zwanzig-Dollar-Schein aus dem Leder. Ohne seinen Partner anzusehen, streckte er ihm das Geld hin.
„Die Nummer mit der städtischen Luftraumverordnung“, brummte Stone und starrte stur durch die Windschutzscheibe. „Die zog.“
Grey nahm den Schein. Zum ersten Mal an diesem Abend erreichte ein echtes, schmales Lächeln seine Augen. Er strich das Papier akkurat glatt und ließ es in seiner Innentasche verschwinden.
„Du hättest mich auch einfach zum Essen einladen können.“
Grey lehnte sich vor und drückte den Verschluss des Handschuhfachs. „So, was haben wir hier?“
Das Fach war ein Arsenal gebündelter Autorität. Dutzende Lederetuis und laminierte Ausweise lagen dicht an dicht – ein wildes Sammelsurium unterschiedlichster Behörden, von der Steuerfahndung bis zur Seuchenkontrolle.
Grey wühlte in der Sammlung. Das Leder raschelte leise. Er zog zwei abgegriffene Etuis heraus und klappte eines davon auf.
„Behörde für Brücken und Tunnel“, las Grey von der ID-Karte ab. Er schnippte seinem Partner einen der Ausweise in den Schoß und drückte die Klappe wieder zu.
Stone nahm das Etui, ohne es auch nur zu prüfen, und drehte den Zündschlüssel. Der Motor erwachte mit einem tiefen, vibrierenden Schnurren.
Während Stone den Wagen von der Bordsteinkante lenkte, griff Grey nach dem Funkgerät auf der Mittelkonsole. Er drückte die Sprechtaste. Ein kurzes, statisches Rauschen durchbrach die Stille.
„Grey hier“, sagte er. „Sagen Sie dem Boss, der Sektor ist sauber. Higgins ist ruhiggestellt. Wir machen uns auf zum nächsten.“
Er ließ die Taste los und hängte das Gerät zurück. Die Scheinwerfer zerschnitten die Dunkelheit, und der schwarze Wagen glitt unaufhaltsam in die Nacht hinaus.

 

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