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Puppenspieler - ein Versuch

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01.09.2006
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Puppenspieler - ein Versuch

Puppenspieler

Stich um Stich hub er das Grab aus. Begleitet vom Ächzen und Stöhnen toter Bäume, prasselte staubiges Erdreich auf zertretenen Boden. Ich trat einige Schritte zur Seite, um dem Jungen bei seinem Vorhaben nicht im Wege zu stehen. Er hielt kurz inne, wischte sich mit dem Handrücken die Schweißperlen von der Stirn. Sein blondes Haar glänzte feucht im Mondschein und ließ die Anstrengung erahnen, die es für einen sechzehnjährigen bedeuten musste, ein solch tiefes Loch auszuheben und dies innerhalb weniger Minuten. Die Zeit, die ihm blieb, wurde knapp.

"Beeil dich!", hielt ich ihn an, maß mit geduldigem Blick nach. "Einen Meter tief, einsachtzig lang, sechzig breit", so die Bedingung. "Es fehlen fünf Zentimeter in der Tiefe und du hast nur noch zehn Minuten. So passend du mir auch erscheinst, erfüllst du die Anforderungen nicht, wird man Mahila gewöhnlich bestatten."

Sapyro nickte, fuhr eifrig fort, das Loch zu vertiefen, während der Sand der Zeit Körnchen für Körnchen die goldene Kugel verließ und zu meinen Füßen ein Häufchen Vergangenheit bildete. Ich sah auf, und ließ den Jungen die Schaufel vor mir auf den Boden legen. Als er sich zitternd vor mir verbeugte, zog ich ein silbernes Amulett aus der Tasche meines Mantels und legte es ihm in die mit Schwielen bedeckten Hände.

"Lege diese Kette Mahila um das rechte Handgelenk, wenn du sie zu Grabe trägst. Bedenke, dass es die elfte Stunde sei nach ihrem Tode, zu der du sie mit Erde bedeckst. Und noch etwas -" Sapyro hielt den Blick gesenkt, hörte jedoch zu und hielt sich an alles, was ich ihm bisher aufgetragen hatte – "Geh sicher, dass sie auch tot ist, bevor du ihr die Kette umlegst. Kinder des Lichts können nur aus dem Tode heraus geboren werden."

"Was ist mit der Liebe?" Sapyro sah mich beinahe an, besann sich jedoch im letzten Augenblick eines Besseren.
"Was soll damit sein?", erwiderte ich spöttisch.
"Ich frage mich, ob sie hell ist und leuchtend, wie in den Geschichten, die mir Großmutter erzählte, bevor sie... Es ist so dunkel hier."
"Du meinst die Sonne, Sapyro, und diese gibt es schon sehr lange nicht mehr."
"Verzeih mir,", er lehnte sich erschöpft an die neben dem Grabe stehende Eiche, "aber ich meine nicht die Sonne."
"Ich weiß nichts von der Liebe. Die Auswahl derjenigen, die Bündnisse eingehen werden, um ihre Linie fortzuführen, begründet sich auf deren Zugehörigkeit zu einer der drei Dynastien der Zeitenwende. Zusammen mit den von mir erschaffenen Kindern des Lichtes werden sie älter als die siebzehn üblichen Zyklen und besitzen zudem wieder die Fähigkeit, sich fortzupflanzen."

"Warum gibst du sie uns nicht zurück, das könntest du doch?"

Einen Augenblick sann ich nach über die Frevelei, der Sapyros Frage gleichkam und entschied, dass es Dummheit war, nicht böser Wille, die ihn dazu bewogen hatte, diese zu stellen. Er war ein guter Mensch, seiner Existenz würdig und in der Lage, taugliche Nachkommen zu schaffen, davon war ich überzeugt.

Dieses Mal würde das Experiment erfolgreich verlaufen. Ohne die Verwirrung eines Gefühls, das zu nichts höherem nütze gewesen war seit Anbeginn der Zeit, als Unruhe und Verwirrung zu stiften.

"Nein." Ich drehte mich um und überließ ihn dem ihm zugedachten Schicksal.

Zwölf Zeiteinheiten später versicherte mir ein Leuchten des achthundertsechsundvierzigsten Gegenstücks der Plakettenordnung, dass er Mahila erfolgreich beerdigt hatte. Erleichtert atmete ich auf. Nur noch wenige Zyklen und der normale Mensch würde ausgestorben sein. Ich hoffte, dass ich bis dahin genügend Kombinationen fand, die zur Gründung einer neuen Rasse notwendig waren.

Ich spielte sogar mit dem Gedanken, das Licht zurückkehren zu lassen, wenn alles nach Plan verlief – und das musste es, denn nichts erschien mir trostloser, als mir einmal mehr ein Spiel ausdenken zu müssen, im Zuge dessen ich der Erde würdige Bewohner verschaffen wollte.


© Antibus (2006)

 

Hallo Antibus.
Dein erster Beitrag? Dann erstmal ein herzliches Willkommen. Bin selbst erst seit Kurzem dabei und das hier wird meine erste Kritik.

Das Hauptproblem, das ich bei deiner Geschichte sehe, ist die schwere Verständlichkeit. Vielleicht liegt das auch an mir aber ich hatte am Ende einen ganzen Haufen unbeantworteter Fragen. Vielleicht fang ich mal mit dem an, was ich glaube, verstanden zu haben (korrigier mich bitte): Also der Protagonist scheint mir kein Mensch und eine Art Wissenschaftler zu sein. Er macht Experimente mit Toten um eine neue Spezies zu züchten. Der Unterwürfigkeit des Jungen nach, würde ich sagen die Menschheit lebt versklavt. Die Sonne scheint futsch zu sein. Was mich allerdings zu der Frage bringt warum die Leute draußen durch die Gegend laufen, da ja eigentlich alles ZIEMLICH kalt sein müßte. Vielleicht ist auch alles nur ein merkwürdiges Experiment, da die Hauptfigur am ende meint, sie könnte das Licht zurückbringen.
Dieses „Vielleicht" ist das Problem. Nichts wird geklärt. Ich werde mal einige Fragen nennen die mir ungeklärt geblieben sind: Wer ist der Protagonist und welche Rolle spielt er? Was sind das für Experimente? Was ist mit der Erde geschehen? Was soll die Beerdigung und Eile bei dieser? Wozu ist das Amulett? Von welchem Spiel ist die Rede? Usw.
Ich denke mir, das du das zum Teil gewollt hast, vieles offen zu lassen. Find ich prinzipiell gut aber hier nimmt es überhand. Man wird einfach unbefriedigt zurückgelassen. Das könntest du vielleicht ausräumen, indem du die Geschichte über ein paar weitere Seiten ausdehnst.
Noch ein Problem ist die Charakterisierung des Ich Erzählers. In einem Moment wird er völlig Gefühlskalt gezeigt und dann plötzlich, hat er Emotionen von denen man sich fragt woher sie kommen. Genauso Sapyros Frage nach der Liebe, da wusste ich auch nicht wie er plötzlich darauf kam. Das ist ein Problem der Nachvollziehbarkeit. Wenn eigentlich nichts geschieht, kannst du nicht erwarten das der Leser versteht was in den Figuren vorgeht. Selbst wenn du warscheinlich ein konkretes Bild vor Augen hast, musst du es auch Mitteilen.

So, jetzt noch ein paar Kleinigkeiten:

prasselte staubiges Erdreich auf zertretenen Boden. Ich trat einige Schritte zur Seite,

hier stört mich die Wiederholung von „treten". Wie währe es stattdessen mit „Ich ging einige Schritte zur Seite."

Beeil dich!", hielt ich ihn an, maß mit geduldigem Blick nach.

Erstens würde ich das zweite Komma durch ein „und" ersetzen und zweitens hatte ich einen hastigen Eindruck von der Situation: Wieso hat er einen geduldigen Blick?

So passend du mir auch erscheinst, erfüllst du die Anforderungen nicht, wird man Mahila gewöhnlich bestatten."

Hier versteh ich nicht, was die Tatsache das er ihm passend erscheint, mit dem Rest zu tun hat.

"Lege diese Kette Mahila um das rechte Handgelenk, wenn du sie zu Grabe trägst. Bedenke, dass es die elfte Stunde sei nach ihrem Tode, zu der du sie mit Erde bedeckst

Gewaltiger Stilbruch an dieser Stelle. Die geschwollene Redeweise passt einfach nicht zum Rest. Entweder du lässt ihn konsequent so reden oder gar nicht.

Sapyro hielt den Blick gesenkt, hörte jedoch zu und hielt sich an alles, was ich ihm bisher aufgetragen hatte

Das „Jedoch" ist überflüssig. Sein Blick ist doch unterwürfig, da widerspricht es doch nicht, dass er tut was man ihm sagt.

"Geh sicher, dass sie auch tot ist, bevor du ihr die Kette umlegst. Kinder des Lichts können nur aus dem Tode heraus geboren werden."

Äh, wieso hebt er denn das Grab aus und alles, wenn er nicht mal sicher ist das sie tot ist. Ich hatte den Eindruck du hast den ersten Satz nur geschrieben um den zweiten anbringen zu können.

"Warum gibst du sie uns nicht zurück, das könntest du doch?"

Hier ist nicht der Satz an sich das Problem, sondern seine Stellung im Kontext. Was meint er denn jetzt: Die Liebe? Das Licht? Die Fortpflanzungsfähigkeit?

"Nein." Ich drehte mich um und überließ ihn dem ihm zugedachten Schicksal.

Selbes Problem. Die Antwort ist zu weit entfernt von der Frage.

Im Übrigen solltest du noch mal wegen der Kommasetzung drüber lesen. Gelegentlich fehlen welche und manchmal könntest du die Sätze auch vereinfachen um einen besseren Lesefluss zu gewährleisten.

Das war´s glaub ich soweit. Zum Schluss noch etwas positives:
Einige Bilder haben mir gut gefallen. Und auch der Vergleich von Licht - Sonne - Liebe ist gelungen. Und, wie gesagt, aus der Hauptperson und ihrem Zwiespalt kann man etwas machen, sofern du dir mehr Zeit lässt für deren Entwicklung.
In diesem Sinne, lass dich nicht entmutigen und überarbeite es noch mal.

Gruß, Skalde

 

Hallo Antibus,

ich fand's eigentlich ganz gut. Gestört hat mich nur, dass es ein wenig zu knapp ausgemalt ist, um zu einer wirklichen Interpretation zu führen: Z.B. könnte der Protagonist Gott sein, der die Sonne ausgeknipst hat & nun wartet, bis alle Menschen tot & begraben sind, um die dann auferstehen zu lassen. Oder auch nicht.
Zweifellos ist der Text phantastisch, aber ob er damit SF ist, lässt sich - durch seine magere Ausstattung - nicht entscheiden.

Insgesamt als erste Iteration brauchbar, aber ich würde mir mehr wünschen.

Liste:

Stich um Stich hob er das Grab aus.
die es für einen Sechzehnjährigen bedeuten musste,
(Dann hatte ich keine Lust mehr, siehe Skalde für weitere Hinweise.)

Viele Grüße & Willkommen,
Naut

 

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