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Regen

Phi

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28.04.2016
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Regen

Sie sitzt am Fenster und wartet auf das Gewitter. Es wurde für diesen Tag angekündigt, sie hat sich schon die ganze Woche darauf gefreut. Sie liebt Gewitter, es beruhigt sie und regt sie zum Nachdenken an. Dahinten, nicht mehr weit entfernt, kann man am Himmel die ersten dunklen Wolken erkennen. Leichter Wind lässt die Blätter der Bäume schaukeln und sie öffnet das Fenster, um die kühle Luft an ihren Wangen zu spüren. Sie kann den kommenden Regen schon fast schmecken, sie spürt ihn beinahe auf ihrer trockenen Haut. Da hört sie schon das Donnergrollen, dumpf und leise, aber sie weiß, dass das Gewitter in ihre Richtung zieht und bald direkt über ihren Kopf hängen wird. Sie schaut in den Himmel und freut sich.

Er flucht leise vor sich hin, ausgerechnet jetzt muss es regnen. Das ist mal wieder typisch sein Glück, wo er doch mitten im Park ist und keinen Schirm dabei hat. Eigentlich wollte er sich gemütlich unter einen Baum setzen und sein neues Buch lesen, aber jetzt regnet es. Wurde das nicht sogar im Wetterbericht angesagt? Sogar ein richtiges Gewitter mit Donner, Blitz und allem drum und dran? Seufzend beschleunigt er seine Schritte und spürt schlecht gelaunt einzelne Tropfen auf seinen nackten Armen. Er hat wegen den warmen Temperaturen absichtlich keine Jacke mitgenommen, aber jetzt ist es plötzlich kühl geworden, ein leichter Wind lässt ihm eine Gänsehaut über die Arme laufen. Er hofft wenigstens ein bisschen trocken zu Hause anzukommen, er hasst den Regen.

Ich gleite geräuschlos vorbei und beobachte. Etwas anderes mache ich nie, nur beobachten. Die Menschen, Tiere, Pflanzen, alles. Wenn ich genug gesehen und meine Schlüsse daraus gezogen habe, versuche ich mein Wissen an die Erde weiterzugeben. Ich entleere meine Gedanken, Gefühle und Erlebnisse in Form von Regen und hoffe, dass irgendjemand froh über mein Geschenk ist. Manche freuen sich über die Wassertropfen, die ich hinabschicke, aber noch hat niemand das aufgenommen, was ich ihnen mitgebe. Ich werde nie aufgeben, dazu ist mein Wissen zu wertvoll, mit jedem Regen nieselt es mit hinab und irgendwann wird derjenige, für den es bestimmt ist, es auffangen und mir dankbar sein. Und das, obwohl ich auch nur aus meinen Beobachtungen, die unbenutzt wieder zu mir zurückkehren, bestehe.

Sie lehnt sich weiter heraus und streckt ihre Finger in die kühle Luft, um mehr vom Regen spüren zu können. Jeden Tag, jede Stunde wartet sie am Fenster in der Hoffnung, diese geheimnisvollen Wassertropfen wieder sehen zu können. Sie spürt deutlich, dass in den durchsichtigen Perlen mehr zu finden ist als nur die natürliche Nässe. Jeder einzelne Tropfen ist kostbar, einzigartig und will etwas bestimmtes sagen. Sie weiß es einfach, schon seit sie ganz klein war wusste sie es. Und ganz tief in ihrem Herzen weiß sie auch, dass sie das Geheimnis bald lüften wird. Sie muss nur weiter warten, beobachten und glauben. Und dann, eines Tages, wird sie es spüren, die Bedeutung des Regens. Sie muss nur warten und den Wolken vertrauen.

Er wartet genervt, dass die Ampel endlich auf grün umschaltet. Nass ist er nun zwar so oder so, aber das ist in diesem Moment egal. Hauptsache raus aus diesem schrecklichen Regen, der außer zum Pflanzen bewässern zu nichts gut ist. Warum hat er auch nicht einmal auf den Wetterbericht gehört, wie sonst auch immer. Das hat er jetzt davon, er steht durchnässt in einem furchtbaren Sommergewitter. Blitze, Donner, Grollen. Wie er das hasst. An solchen Tagen würde er am liebsten das Haus nicht verlassen. Mit jedem Tropfen wird seine Laune schlechter, bis er schließlich vollkommen entnervt bei rot losläuft. Dass genau in dem Moment ein heller, blauer Blitz den Himmel erleuchtet, in dem das Auto ihn erfasst, das bemerkt er schon nicht mehr.

Ich bemerke eine Veränderung. Jemand nimmt sich mir an, in diesem Augenblick. Es ist ein Mädchen, fast noch ein Kind. Aber sie will verstehen und versteht. Sie beobachtet und zieht Schlüsse. Sie ist wie ich. Aber sie ist ein kleiner Mensch, der noch viel lernen muss. Und ich bin ab sofort ihr Lehrer, ich muss weiter meine Arbeit tun, für sie, für dieses Mädchen. Es gibt vieles, was sie verstehen muss und auch wird, ich muss es nur richtig machen. Aber darüber mache ich mir keine Gedanken, alles wird so kommen, wie es kommen soll, daran kann ich nichts ändern. Zuerst muss sie verstehen, was das Leben ist, für mich, für sie, für ihn. Alles andere kommt danach, jetzt ist nur das wichtig.

Sie bemerkt eine Veränderung. Dieser eine besondere Tropfen, als er ihre Haut berührte, er hat ihr etwas übermittelt. Sie schließt die Augen und hört in sich hinein, sie bewegt sich nicht, sie atmet nicht, sie hört nur. Sie hört die wundervollen Stimmen des Regens, des Wassers, der Wolken, der Natur. Sie erzählen ihr ihre Erlebnisse, Gedanken, Wahrnehmungen. Sie zeigen ihr das, was sie seit etlichen Jahren gesehen und gehört haben. Sie versteht nicht alles, aber sie weiß, dass jede Einzelheit von Bedeutung ist und grade etwas besonderes mit ihr passiert. Plötzlich hört alles auf, sie hört und fühlt es nicht mehr. Sie öffnet die Augen und sieht, dass dieser bestimmte Regentropfen an ihrem Arm hinunterläuft und schließlich zu Boden fällt. Sie fühlt Traurigkeit.

Er liegt im strömenden Regen auf der Straße und bewegt sich nicht mehr. Menschen haben sich um ihn herum versammelt, der Autofahrer steht unter Schock und wird vom Notarzt versorgt. Aber für den Mann kommt jede Hilfe zu spät, er ist tot. Seine Seele gleitet aus seinem Körper hinaus, sie schwebt gegen die Regentropfen hoch zu den Wolken. Er hasst den Regen, aber das ist für ihn nun nicht mehr wichtig. Wichtig ist nur, sich zu den Wolken setzen zu können und dort zu beobachten. Er will mit der Wolke verschmelzen, mit dieser Wolke, die so viel weiß und so beruhigend aussieht. Die Wolke lässt ihn gewähren, auch wenn er den Regen hasst. Denn sie weiß, dass das nun keine Bedeutung mehr hat.

Ich schwebe weiter, ich kann nicht zu lange an einem Ort bleiben. Das Mädchen muss warten, bis ich wiederkomme, wie sie schon ihr ganzes Leben auf mich gewartet hat. Und ich werde weiter beobachten, für sie, für dieses Mädchen. Wenn ich dann wiederkomme, wird sie mich erwarten und sich freuen. Dann kann ich ihr mehr beibringen, um schließlich wieder für einige Zeit zu verschwinden. Solange, bis sie weiß, was Leben ist und bedeutet. Denn außer mir wissen das leider nur die Seelen der Toten. Deswegen schicke ich die Seelen, die zu mir kommen, in Form von Wasserperlen auf die Erde. Wenn das Mädchen alles begreift, dann ist meine Arbeit vollendet und ich werde nicht wieder kommen. Dann nimmt das Mädchen meinen Platz ein.

Im Grunde sind wir alle nur Regentropfen, die willkürlich und ungesteuert auf der Welt verteilt sind. Wenn man genau hinsehen würde, könnte man eine Wasserperle in jedem Menschen erkennen. Leider haben die Menschen verlernt zu beobachten. So werden die Wolken wohl immer die einzigen sein, die wissen, was Leben wirklich bedeutet. Und wenn wir die Gelegenheit haben, sie zu fragen, dann ist es nicht mehr wichtig. Dann ist unser Leben vorbei, ohne dass wir jemals wirklich gewusst haben, was es ist. Es scheint, als sei dieses Wissen nur für die Wolken bestimmt, die geräuschlos und sanft über unsere Köpfe hinweggleiten und beobachten. Hört man genau hin, hört man sie rufen. Sie rufen nach dem Mädchen, das alles versteht. Aber sie finden es nicht.

 

Hallo Phi,

in Bezug auf deine Grammatik und Rechtschreibung habe ich nichts auszusetzen. Das ist schon mal super. Ich finde die Idee mit dem Wissen bescherenden Regen ganz gut, aber vom Hocker haut mich deine KG nicht. Ich kann schwer sagen woran das liegt. Das Mädchen ist das komplette Gegenteil vom Mann, soweit so gut; sie liebt den Regen, er hasst ihn. Und dann wäre da noch der Regen oder die Wolken selbst, als dritter Erzähler. Aber was passiert in der Story? – vermutlich zu wenig. Sie bleibt trüb und dunkel wie das Regenwetter, sie begeistert mich nicht. Der Mann und das Mädchen könnten doch aufeinander treffen, und sie könnte seine Meinung vom Regen revidieren. Dann wäre da mehr Handlung drin. So besteht die einzige Handlung darin, dass der verbitterte Mann nach Hause geht und überfahren wird. Bin gespannt wie andere die Story sehen. Ist vielleicht einfach Geschmackssache deine KG.

Lg, chico

 

Hej Phi,

ich hab mal beim ersten Lesen mitgeschrieben:

Sogar ein richtiges Gewitter mit Donner, Blitz und allem drum und dran?
Fettgedrucktes sagt dasselbe

Er hofft wenigstens ein bisschen trocken zu Hause anzukommen
besser vielleicht: "bevor es anfängt zu regnen"?

er hasst den Regen.
Gesprochen funktioniert das. Wenn jemand sagt:
"Ich hasse Regen", dann weiß man, dass das eher heisst: Gerade regnet es und das passt mir irgendwie nicht.
Geschrieben und mit dem Artikel davor kann ich "Hass" auf Regen nicht so ohne Weiteres nachvollziehen.

der außer zum Pflanzen bewässern
Soll der wirklich so dumm rüberkommen?

Er hasst den Regen,
Hier musste ich lachen. Immer noch?
Und wie hasst man etwas, was überhaupt keine Wichtigkeit besitzt?

Aber sie finden es nicht.
Hö? Und was ist hiermit?
Dieser eine besondere Tropfen, als er ihre Haut berührte, er hat ihr etwas übermittelt.

Also, diese Wolkenüberlegungen sind natürlich schön.
Ich denke, die waren Dir wichtiger als die Figuren.
Die bleiben daneben 'n bisschen blass.

Ab und an hab ich nicht gleich begriffen, wer da jetzt spricht. Du könntest überlegen, dieses Wolkenbewusstsein kursiv zu setzen.
Von dem dachte ich übrigens, dass es von sich selbst auch gut in der Mehrzahl denken könnte.

Den letzten Absatz finde ich in der jetzigen Form etwas störend. Wer spricht da?

Soviel von mir.
Ich wünsche Dir noch viel Spaß hier & beim Schreiben.

Gruß
Ane

 

Danke für eure Anregungen!
Chico1989: Du hast Recht, es passiert nicht wirklich etwas. Ich hatte mir schonmal überlegt, eine größere Geschichte draus zu machen und jedem eine eigene Geschichte zu geben, aber irgendwie bin ich doch eher die KG-Schreiberin.
Ane: Danke für die Formulierungshilfen, du hast Recht, das klang etwas ungünstig. Wieso jemand den Regen nicht hassen kann, verstehe ich aber ehrlich gesagt nicht. Ich z.B. liebe den Regen, wieso können andere ihn dann nicht hassen, auch wenn er für wieder andere unwichtig ist? Auch soll das mit den Pflanzen bewässern nicht seine Dummheit zeigen, sondern seinen Groll (ja, Hass :D) auf den Regen verdeutlichen. Wenn das nicht so rüberkommt, änder ich es ab.
Wer grade mit dem Erzählen dran ist, kann man leicht daran erkennen, ob es "sie" = Das Mädchen, "er" = der Mann oder "ich" = die Wolke ist. Der letzte Absatz kann tatsächlich etwas verwirren, das soll ein allwissender Erzähler sein. Mit dem Wissen wird es vielleicht deutlicher, dass die vorherigen Absätze nicht real passiert sind, deswegen hat die Wolke eben doch niemanden gefunden, dem sie ihr Wissen weitervermitteln kann - vielleicht kann man es als eine Art Tag-/Wunschtraum von ihr sehen?

Ich sehe schon, da besteht nochmal Überarbeitungsbedarf, damit das alles ein bisschen deutlicher wird und einige Formulierungen besser klingen :) Danke für eure Hilfe!

 

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