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Vollmond

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14.02.2022
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Vollmond

Laura und Thomas waren auf dem Rückweg in die Stadt. Sie hatten den warmen Sommerabend genutzt, um aufs Land zu fahren. In einem abseits gelegenen Flusstal stellten sie ihr Auto ab. Barfuß liefen sie durch die Wiese am Flussufer entlang. Sie genossen die Abendstille. Nur das Vogelgezwitscher und Plätschern des Wassers waren zu hören. Die Dämmerung trat ein und das Paar machte sich auf den Weg zum Auto. Thomas wollte den Motor starten, doch nichts tat sich. Er versuchte erneut, den Wagen in Gang zu bekommen. Der gab keinen Mucks von sich. Laura wurde schon ungeduldig: „Thomas, das hat doch keinen Zweck. Wir werden noch morgen in der Früh hier stehen. Sieh doch mal dort oben.“ Im Vollmondschein sah man auf der Anhöhe ein Haus. „Versuch doch von dort eine Werkstatt anzurufen.“ „Wie stellst du dir das vor? Die Bewohner liegen bestimmt schon im Bett.“ Seine Frau zündete sich eine Zigarette an und erwiderte: „Versuch es doch einfach. Es ist doch ein Notfall.“ Thomas stieg aus und mit einer Taschenlampe in der Hand, machte er sich auf den Weg.

Laura schaute ihm nach. Mit Erleichterung sah sie, dass in dem Haus Licht anging. Thomas hatte also jemand angetroffen. Das Warten auf ihren Mann kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Panik stieg in ihr hoch, als sie Thomas laufend aufs Auto zukommen sah. Er riss die Tür auf, ließ sich in den Sitz fallen und verriegelte alle Türen. „Laura!“ Er packte seine Frau fest an den Schultern, „wir müssen so schnell wie möglich hier weg!“„Aber warum?“ Thomas stammelte: „Blut… nur Blut… sie war doch noch so jung… warum habe ich ihr nicht geholfen…?“„Wer war noch so jung? Wieso Blut?“, fragte Laura.
„Gib mir eine Zigarette!“, sagte er mit bebender Stimme. Im Licht des Feuerzeugs sah sie, dass er kreideweiß im Gesicht war. Seine Hände zitterten. Er schwieg und starrte ins Leere. „Was ist denn passiert?“, fragte sie. Stockend fing Thomas an zu erzählen: „Die Haustür machte mir ein großer muskulöser Typ auf. Ich erklärte ihm unsere Situation. Lautlos führte er mich durch eine dunkle Diele zum Telefon, welches auf einem Schränkchen neben der Treppe stand. Schweigend drückte er mir einen Zettel mit einer Telefonnummer in die Hand und verschwand hinter einer der vielen Türen. Ich wählte die Nummer und ein Mann meldete sich. Auch ihm erklärte ich unsere Lage und er versicherte mir, so schnell wie möglich zu kommen. Von überall hörte ich tiefe Männerstimmen und seltsame Musik. Mir wurde ganz mulmig zumute. Aber dann… es war ja so schrecklich… „Was war so schrecklich?“, fragte Laura nach. „Als ich mich umdrehte, sah ich eine offen stehende Tür, die sich ganz am Ende des Flures befand.“ Wieder machte Thomas eine Pause und zog heftig an seiner Zigarette. Seine Frau wurde zunehmend nervöser. In so einer Gemütsverfassung hatte sie ihren Mann noch nie erlebt. Er war ein Realist durch und durch, und so schnell konnte ihn nichts aus der Ruhe bringen. „Red doch weiter! Was war in dem Zimmer?“„Es…“, stammelte er, „es standen fünf Männer um einen großen Holztisch. Sie trugen dunkle Kutten und ihre Gesichter waren mit Kapuzen bedeckt. Überall brannten Kerzen. Durch das Fenster fiel das Mondlicht auf den Tisch, der mitten im Raum stand.“ Tief Luft holend sprach er weiter: „Auf dem Tisch lag eine junge Frau mit langen blonden Haaren, die an den Beinen und Armen gefesselt war. Sie trug ein weißes Kleid. Die Kapuzenmänner fingen mit Bassstimmen an zu singen und sie bewegten ihre Oberkörper im Gleichtakt hin und her. Dann trat ein Mann hervor… und… und stach mit einem langen Messer auf die Frau ein.“Laura schrie: „Nein, das ist nicht wahr!“„Ich wollte weglaufen“, fuhr Thomas fort, „blieb aber wie angewurzelt stehen und starrte wie in Hypnose in das Zimmer. Das Blut tropfte, nein, es floss auf den Fußboden. Das weiße Kleid der jungen Frau färbte sich rot. Immer und immer wieder stach der Mann auf den inzwischen leblosen Körper ein. Der Chor wurde lauter und lauter und aus dem Hintergrund ertönte Orgelmusik.“„Hör auf! Mir wird ganz schlecht!“„Begreifst du jetzt, warum wir hier schleunigst weg müssen? Dort oben in dem Haus ist eine Frau bestialisch ermordet worden und ich bin Zeuge. Weißt du, was das heißt?“„Ja, Thomas. Nur, was machen wir mit unserem kaputten Auto?“„Das müssen wir stehenlassen. Wir gehen zu Fuß. Wir können nicht warten, das ist zu riskant. Wer weiß, vielleicht stecken die mit der Werkstatt unter einer Decke.“

Fluchtartig verließ das Paar das Auto. „Am besten gehen wir am Flussufer entlang“, flüsterte Thomas seiner Frau zu. „Ja, das machen wir.“ Auf einmal hörten sie ein Auto die holprige Straße heraufkommen. Auf gleicher Höhe blieb der Wagen stehen. Eine freundliche Männerstimme rief: „Guten Morgen! Eine bessere Gegend für eine Panne hätten Sie sich nicht aussuchen können.“ Da der Fahrer keine Antwort bekam, hakte er nach: „Sie sind doch Herr Fischer, der mich vorhin angerufen hat?“ Thomas nahm all seinen Mut zusammen und sagte: „Ja, der bin ich. Wer wohnt in dem Haus auf der Anhöhe?“ „Hm ... da wohnt niemand. Das steht schon lange leer.“ Jetzt wurde Laura munter: „Mein Mann hat Sie doch von dort aus angerufen.“ Der Monteur stieg aus und kratzte sich am Kopf: „Ja, natürlich. Das hätte ich fast vergessen. Die Filmfritzen sind wieder da. Dort oben laufen die Dreharbeiten zu einem Gruselfilm.“

 

Hallo @Aledi,

deine Geschichte hat mich jetzt nicht so vom Hocker gehauen. An der Handlung habe ich nichts auszusetzen, auch wenn sie eher einfach gestrickt ist. Die Erzählweise wirkt auf mich sehr schlicht, ich bin mir aber nicht sicher, woran das liegt.

Mein größter Kritikpunkt ist folgender: Es ist sehr unglaubwürdig, dass Thomas sich einfach die Zeit nimmt, Laura sofort alles zu erzählen, was er in der Hütte gesehen hat. Das wirkt sehr konstruiert und direkt an die Leserschaft gerichtet.
Noch dazu ist die Art, wie er redet, sehr unnatürlich. Wenn du aus dem Gedächtnis jemandem etwas erzählst, würdest du die Sätze wirklich so formulieren:

Lautlos führte er mich durch eine dunkle Diele zum Telefon, welches auf einem Schränkchen neben der Treppe stand. Schweigend drückte er mir einen Zettel mit einer Telefonnummer in die Hand und verschwand hinter einer der vielen Türen.
Warum machst du stattdessen nicht einfach einen Perspektivenwechsel? Dann würde man das, was Thomas derzeit nur wiedergibt, hautnah miterleben. Dafür müsstest du die Sätze nicht einmal großartig umgestalten, weil sie schon wie die restliche Geschichte formuliert sind.

Ich rate dir außerdem, bei direkten Reden nach jedem Sprecherwechsel eine neue Zeile anzufangen. Das würde dann so wie hier aussehen (und entsprechend auch im restlichen Text):

Laura wurde schon ungeduldig: „Thomas, das hat doch keinen Zweck. Wir werden noch morgen in der Früh hier stehen. Sieh doch mal dort oben.“ Im Vollmondschein sah man auf der Anhöhe ein Haus. „Versuch doch von dort eine Werkstatt anzurufen.“ [Neue Zeile]
„Wie stellst du dir das vor? Die Bewohner liegen bestimmt schon im Bett.“ [Neue Zeile]
Seine Frau zündete sich eine Zigarette an und erwiderte: „Versuch es doch einfach. Es ist doch ein Notfall.“ [Neue Zeile]
Thomas stieg aus und mit einer Taschenlampe in der Hand, machte er sich auf den Weg.
Eine Kleinigkeit noch:
Mit Erleichterung sah sie, dass in dem Haus Licht anging.
Das finde ich seltsam ausgedrückt. Vielleicht lieber:
Erleichtert sah sie, ...

Insgesamt finde ich den Text noch ausbaufähig. Aber die Auflösung am Schluss hat mir gut gefallen.

Viele Grüße
Michael

 

Moin @Aledi,

danke für Deine Geschichte.

Ich bin der Meinung, sie hat gerade durch die Auflösung am Ende auf jeden Fall Potenzial, dieses versandet allerdings insgesamt ein wenig durch die von Dir gewählte Struktur und Form.
Als Erstes rate ich Dir, Zeilenwechsel bei der wörtlichen Rede einzubauen. Also nicht:

„Versuch doch von dort eine Werkstatt anzurufen.“ „Wie stellst du dir das vor?"

sondern:

„Versuch doch von dort eine Werkstatt anzurufen.“
„Wie stellst du dir das vor?"

Zudem würde ich überlegen, das Geschehen ab dem Moment, als Thomas aus dem Auto aussteigt, aus seiner Perspektive zu schildern. Nimm uns mit auf sein Erlebnis, lass uns eintauchen in die wahrscheinlich unheimliche Atmosphäre des Hauses und dem dubiosen Mann, der ihm die Tür öffnet.
Der Moment, wo sich die Tür zu dem "Ritualmord" öffnet und wir als Leser:innen das erhobene Messer sehen, könnte ein guter Cliffhanger und netter Szenenwechsel sein, in dem Du zurück zu Laura springst. Ist nur so eine Idee, Du kannst ja eine zweite Version anfertigen und dann entscheiden, welche Dir besser gefällt.

Hier noch ein paar Stellen, über die ich beim Lesen gestolpert bin:

„Gib mir eine Zigarette!“, sagte er mit bebender Stimme. Im Licht des Feuerzeugs sah sie, dass er kreideweiß im Gesicht war.
Gerade hat er sie noch gepackt und war der Meinung: "Wir müssen so schnell wie möglich hier weg" ... und jetzt will er erstmal eine rauchen. Das hat mich rausgerissen.

Lautlos führte er mich durch eine dunkle Diele zum Telefon, welches auf einem Schränkchen neben der Treppe stand.
Mit "lautlos" meinst Du, der muskulöse Mann bewegt sich, ohne dabei ein Geräusch zu verursachen? Oder eher "schweigend", da er nichts sagt?

Von überall hörte ich tiefe Männerstimmen und seltsame Musik.
"Von überall" ist ein wenig schwammig, da würde ich präzisieren. Hört er die Geräusche hinter einer der Türen desselben Stockwerks? Oder aus dem Keller? Oder kann er es vielleicht gar nicht benennen, da sie so plötzlich aufkommen?

Wie gesagt, ich glaube, Du hast hier das Grundgerüst für eine knackig-kurze Gruselgeschichte mit gutem Twist am Ende, musst nur noch ein wenig an Form und Farbe schrauben.

Gutes Gelingen und beste Grüße
Seth

 

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