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Zersplitterte Haut

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29.04.2026
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Anmerkungen zum Text

Hi,

ich bin neu hier, und ich freue mich auf den literarischen Austausch. Zu meiner hochgeladenen Geschichte „zersplitterte Haut“ habe ich bereits einiges an wertvollem Feedback bekommen, wodurch mein Text mittlerweile besser als mein Erstentwurf ist. Dennoch habe ich das Gefühl, dass noch irgendetwas an meiner Geschichte fehlt – ich kann das Gefühl jedoch nicht ganz benennen; nicht mal, ob es sprachlich oder inhaltlich ist.

Aber vielleicht könnt ihr mir ja weiterhelfen. Würde mich sehr über die ein oder andere Rückmeldung freuen.

Liebe Grüße
Marielle

Zersplitterte Haut

Blut auf der Wange.
Rote Tropfen blitzten in ihren Augenwinkeln und verklebten ihre Wimpern. Sie blinzelte. Ihre Finger tasteten nach der Wunde, doch sie wirkten wie erstarrt. Träge wanderten ihre Augen zu ihrer Hand. Sie blinzelte erneut – ihre Hand sah so anders aus. Vergraben unter Staub und Dreck, durchstochen von Splittern und Scherben. Kleine Rinnsale aus Blut zogen Muster über die aufgerissene Haut, während sich das Licht der Sonne in einer großen Scherbe brach.
Schön; es sah schön aus.
Ihre Finger wollten zu der glänzenden Scherbe, doch sie war zu erschöpft, um sich zu bewegen. Die Sonne blendete sie. Sie blinzelte. Ihre Wahrnehmung zuckte. Langsam wanderte ihr Blick weiter, folgte den blutigen Spuren ihres Körpers. Ein Fahrrad lag auf ihr, seltsam verdreht; genauso wie ihr linkes Bein und ihr linker Ellenbogen. Etwas entfernt lag ein deformiertes Auto.
Alles lag herum und alles war kaputt.
Ein gluckendes Kichern verließ ihre Lippen. Versonnen betrachtete sie die Schönheit ihrer zersplitterten Haut und der zerfetzten Scherben.
Zersplitterte Haut – zerfetzte Scherben.
Ein weiteres Glucksen verließ ihre Lippen. Sie fragte sich, warum sie kaum Schmerzen spürte; gleichzeitig war es ihr egal. Ferne Stimmen unterbrachen ihr zittriges Kichern. Ein junger Mann und eine junge Frau zwängten sich aus den Überresten des Autos; wild gestikulierend. Vollkommen blind für sie und das Wirrwarr aus menschlichen Gliedern und Fahrradteilen. Die Wörter der beiden gingen im Wind und im Rauschen ihrer Ohren verloren, doch Zorn verzerrte die Gesichter; ein Stummfilm, den sie ungestört beobachtete.
Zorn – der, der die Mimik der Menschen verzerrte und den Körper kontrollierte. Ihre Sinne drehten sich. Der manche Tage in Stille tränkte. Ihre Sicht verschwamm. Der ihrem Vater Stärke verlieh – und ihre Mutter; brach.

Mein T-Shirt ist nass. Weinend klammert sich Mama an mich; und ich warte still, bis ihre Tränen wieder weg sind.

Die Stärke ihres Vaters und die Schwäche ihrer Mutter. Zuhause war er stürmisch und laut. Sie war ruhig. Immer ruhig; Splitter – sie liebten sich zutiefst. Sie erinnerte sich an die heimlichen Küsse ihrer Eltern, an das gemeinsame Lachen und an das Strahlen ihrer Mutter, als er ihr zwei Kugeln Eis gekauft hatte.
Erdbeere und Vanille.
Ein süßer Geruch – viel freundlicher als das Schmoren der qualmenden Autoteile; passend zu den grotesken Grimassen aus Wut. Sie fragte sich, wer von dem Paar wohl schwach und wer stark war. Welches Muster sie hatten und wer am Ende des Tages zerbrach. Denn am Ende zerbrach immer irgendetwas.

Papas Hand zuckt – das Glas zerbricht an Mamas Schulter. Orangensaft spritzt in mein Gesicht und Scherben landen auf dem Boden. Ich hole den Besen.

Bei ihrem Vater zuckte immer zuerst das rechte Auge; dann die Hand. Ein Zucken; ein Schlag. Ein Zucken; ein Tritt. Ein Zucken; ein Stoß. Ein Zucken; Blut.
Sie war die Tochter, die danach aufräumte; die stille Beobachterin. Die einzige Zeugin. Es war, als würde sie einen Film ansehen, der nur für sie gedreht wurde. Mit festgelegtem Skript. Am Ende jeder Szene sagte ihre Mutter, dass ihr Vater nur unter Stress stand, dass er es nicht so meinte – er hätte es schwer im Leben gehabt, er bräuchte nur Liebe und Verständnis. Als Familie hielte man doch zusammen und sie könne ihrem Kind nicht den Vater wegnehmen. Ihre Mutter sagte diesen Text, murmelte ihn oder schluchzte; je nach Tagesform. Später nahm ihr Vater sie in den Arm, streichelte über ihr Haar. Er entschuldigte sich, wieder und wieder, und schwor, dass er sie liebte. Zutiefst. Manchmal küsste er ihre Tränen weg. In besonderen Momenten wehrte sich ihre Mutter, versuchte zu fliehen. Doch letztlich drehte sich der Schlüssel wieder leise im Schloss; und sie kam zurück.
Das ewige Stück ihrer Eltern, das endete, bis es erneut begann – ein stetiger Kreislauf aus Zorn, Tränen und Liebe. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt geweint oder gar ihr eigenes Herz gespürt hatte. Die Sonne ließ die Scherbe in ihrer zersplitterten Haut aufblitzen; fasziniert zuckten ihre Augen zu dem Lichtspiel aus Blut und Glas.

Mit der Pinzette ziehe ich glitzernde Scherben aus Mamas Haut. Dabei erzähle ich ihr vom geplanten Schulausflug. Wir gehen in einen Freizeitpark.

Sie sah die Gleichgültigkeit, spürte die Abgestumpftheit, umwirbelt von glitzernden Scherben. Verlor sich in der Isolation; nie hatten sie Besuch – keine Freunde, keine Verwandten. Nur kaputtes Glas.
Ein einsamer Tropfen floss am Rand einer kleinen Scherbe entlang.
Manche Menschen ekelten sich vor dem Tropfen; für sie war er rot – einfach nur rot. So wie die Muster auf dem Asphalt, die sich mit dem Dreck der Straße vermischten und ihre Kleider tränkten. Noch immer ungestört, unbemerkt, auf der Bühne für den wütenden Stummfilm des Pärchens. Ihre verworrenen Gedanken wanderten zu ihrem letzten Streit. Vorhin mit ihrem Mann. Ein Streit auf einer Bühne aus Parkett, fernab von Zuschauern – er wollte nicht, dass sie bekifft Fahrrad fährt; auch nicht kurz zum Supermarkt. Es sei verboten und viel zu gefährlich, besonders ohne Helm. Sie wollte, dass er still ist.
Rot.
Sie blinzelte. Ihre Ohren klingelten. Die Muster um ihren Körper breiteten sich aus – ein Mandala aus zerrupften Fahrradteilen und Sonnenlicht. Alles drehte sich. Ihr Mann nannte sie zu sturköpfig. Zu risikofreudig. Zu stürmisch – und bat sie, zu bleiben. Sie wollte, dass er still ist.
Rot.
So viel Rot auf dem Asphalt konnte nicht gut sein. Ein Krächzen verließ ihre Kehle; sie hatte keine Lust zu sterben. Träge wollte sie sich bewegen, das Fahrrad von sich schieben, aufstehen – doch jäher Schmerz durchzuckte sie. Flutete verspätet ihren Körper. Das Krächzen wurde zu einem durchdringenden Schrei.
Die Köpfe des Paars ruckten zu ihr. Zorn wich Schock. Entsetzt blickte das Paar sich an, schien sich stumm zu verständigen. Die Frau griff hektisch zum Handy; der Mann eilte zu ihr, hob das Fahrrad von ihrem deformierten Körper, entschuldigte sich. Die beiden hätten sie nicht gesehen. Verfluchte ihren sinnfreien, unnötigen Streit.
Sinnfrei.
Die Frau fiel vor ihr auf die Knie, öffnete bebend einen Verbandskasten; entschuldigte sich unter Tränen. Fahrig nahm sie Verbände in die Hand, legte sie unbenutzt wieder zurück. Es sei ein dummer, lächerlicher Streit gewesen.
Lächerlich.
Der Mann schnappte sich den Verbandskasten, kippte ihn aus. Starrte auf den Haufen aus Pflaster und Binden – starrte auf ihre Pfütze aus Licht und Blut, schreckte zurück. Haspelte. Stammelte. Erzählte: Sie waren so wütend aufeinander gewesen, hatten die Kurve und die Leitplanke erst zu spät bemerkt. Ihr Fahrrad hatten sie ganz übersehen, dachten der Knall käme nur von der Leitplanke; alles ginge so schnell. Doch der Krankenwagen sei unterwegs.
Vier Hände tanzten überfordert und nutzlos durch die Luft, begleitet von Lärm und Wind, bis der Tanz wieder zerbrach – die Luft füllte sich mit beruhigenden Worten. Alles würde gut werden, ganz sicher. Die Stimmen versprachen, sich nie wieder so stark zu streiten, erst recht nicht beim Autofahren. Gleich würden ihre Schmerzen enden; die Frau lächelte sie zittrig und unter Tränen an – dieses leise Zittern am Rand der Wahrnehmung, bevor etwas brach.

Mama und Papa lächeln, als ich mich in meinem Abschlussballkleid im Kreis drehe. Danach helfe ich Mama die blauen Muster an ihrem Hals zu überschminken.

Schmerz versengte ihre Adern, ihr Bewusstsein begann zu zittern. Blut tropfte über ihr Auge, erschuf einen Schleier – sie blinzelte; sah verschwommen das sich nicht mehr streitende Paar. Sie erkannte Sorge und Entsetzen in ihren Blicken, aber die Wut war fort. Kein Zorn, der hinter den Augen lauerte, um sich später zu entladen. Sie sah, wie die beiden sich aneinanderklammerten, sich gegenseitig Halt gaben. Sich bedingungslos liebten.
Seltsam.
Der Schleier kroch und waberte.
Es sah seltsam aus.
Waberte in sie hinein, wollte eins mit ihr werden. Alles wurde rot, wobei wundersame Muster aus Kummer und Sonnenlicht vor ihren Pupillen tanzten. Ihre Gedanken flossen zu ihm; zu all seinen Wunden und blauen Flecken, die sie bereits wieder vergessen hatte. Niemand hatte je wirklich Fragen gestellt, trotz all der Farben auf seiner Haut. Die Menschen dachten stets, er mache Kampfsport; sie dachten, dass er besonders hart sei, wobei er in Wahrheit doch so schwach war.
Glück. Ja, es war ihr aller Glück, dass Menschen nur sahen, was sie sehen wollten.
Langsam schnürte der Schleier ihr die Luft ab; sie bekam Probleme zu atmen. Sie hustete. Blinzelte. Doch ihrer Finger wollten noch die sonnengetränkte Scherbe in ihrer Hand berühren; endlich berühren! Der Schmerz lachte und riss an ihren Gliedern, als ihre Finger schließlich, endlich, über das spitze Glas der Sonnenscherbe strichen. Die zersplitterte Haut öffnete sich, befreite den roten Tropfen, und plötzlich spürte sie das zarte Echo ihres eigenen Herzschlags – und erstmals kam ihr der Gedanke in den Sinn, ob sie nicht Mitleid für ihn empfinden sollte.
Für den Mann, den sie zutiefst liebte.​

 

Hi,

ich bin neu hier, und ich freue mich auf den literarischen Austausch. Zu meiner hochgeladenen Geschichte „zersplitterte Haut“ habe ich bereits einiges an wertvollem Feedback bekommen, wodurch mein Text mittlerweile besser als mein Erstentwurf ist. Dennoch habe ich das Gefühl, dass noch irgendetwas an meiner Geschichte fehlt – ich kann das Gefühl jedoch nicht ganz benennen; nicht mal, ob es sprachlich oder inhaltlich ist.

Aber vielleicht könnt ihr mir ja weiterhelfen. Würde mich sehr über die ein oder andere Rückmeldung freuen.

Liebe Grüße
Marielle

 
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Hallo @Marielle ,

ganz herzlich willkommen hier und wie wunderbar, dass du dich gleich auch unter einer fremden Geschichte engagierst. Best practice, sehr sympathisch.

Ich werfe erst mal nur eine Formsache ein, weil sie mit Lesbarkeit, Rhythmus und damit auch 'Spannung' oder 'Sog' zu tun hat: Eigentlich schreie ich ja immer nach Form Follows Function. Das hast du jetzt eigentlich: Es geht um Zersplittern und der Text ist visuell zersplittert.
Ich denke aber, das tut in diesem Fall ausnahmsweise nicht gut. Im englischsprachigen Raum nennt man das 'ventilated prose', weil da überall der Wind durchpfeift. Es lässt das Lesen nicht nur stocken, sondern sieht aus, als hätten die Sätze allein nicht genug Gewicht und müssten künstlich hervorghoben werden. (Eindruck, keine Unterstellung.)

Es gibt einige Standards, die sehr sinnvoll sind. Z. B.
Nicht zu viele Absätze. Dialog und Handlung des Sprechenden immer zusammenziehen.
Beispiel:
Falsch: „Das geht nicht!“ (Absatz)
Mark fuhr herum und griff nach seiner Waffe.
Richtig: „Das geht nicht!“ Mark fuhr herum und griff nach seiner Waffe.
-> Wenn eine Figur etwas tut, und dann etwas sagt (oder umgekehrt): Keine Zeilenschaltung und erst recht keinen Absatz.

Zeilenschaltung (einfaches Enter) immer bei Sprecherwechsel oder weiträumigen Fokuswechsel auf eine andere Person. Absatz ggfs. bei Zeitsprüngen, Schauplatzwechseln, nach sehr langen Textblöcken o.ä., aber beides nicht als Mittel zur Dramatik.

Klar, wenn etwas stärker lyrischen Charakter hat oder exprimenteller ist (wie im "Geigenvogel" aktuell), kann das wunderbar mit mehr Umbrüchen und Absätzen funktionieren. Aber hier bei deinem Text würd ich mal probieren, es mehr im Fluss zu gestalten.

Soweit für heute erst mal, herzlichst,
Katla

 
Zuletzt bearbeitet:

Hallo @Katla,

danke für das herzliche Willkommen. Ich finde, dass man sowohl von "Kritik bekommen" als von "Kritik geben" viel lernen kann. Selbst, wenn man nur merkt, was man bereits alles gelernt hat.

Danke für dein Feedback mit den Absätzen. Man geht ja immer von sich selber aus, und da ich recht schnell "abschweife", wenn Textblöcke zu lange sind, habe ich auch Absätze platziert, obwohl die Thematik noch die gleiche war.
Ich werde mich ransetzen und den Text verdichten. Ich würde mich freuen, wenn du mir nochmal Rückmeldung geben könntest, ob es dann für dich stimmiger ist.

Viele Grüße
Marielle

 
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Hallo @Marielle ,

ja, es hat sich gelohnt - man könnte sicher noch mehr frickeln, einiges steht da immer noch recht frei im Raum, aber es gut lesbar geworden und sieht mehr nach einer Geschichte aus, weniger nach einer Reihe Impressionen. :)

Ich muss gleich zu Anfang sagen, dass ich nicht die Zielgruppe für solche Texte bin: es ist mir zu stark auf die Innensicht einer Person fokussiert, zu symbolisch überhöht, zu viele Beobachtungen / Aussagen werden (teils mehrfach) wiederholt, ohne dass ein Mehrwert für den Text entsteht. Viele Geschichten dieser Art haben durch die Dramatik + starke Innensicht/Symbolik einen Mary Sue-Charakter, den ich beim Lesen als unangenehm empfinde.
Meine Vorlieben gehen stärker in Richtung Erzähltes (also mehr plot- als figurengetrieben), Konsequenzen, Setting und Strukturen.

Ich wollte eigentlich nur ein paar allgemeine Dinge anmerken und bin stark ausgeufert. Bitte lass dich nicht abschrecken, ich meine das mit aller Sympathie im rein konstruktiven Sinne. Es würde sich lohnen, an deinen Texten zu arbeiten, weil ich meine (auch durch deine sehr schönen, spannenden Komms unter Fremdtexten), dass es bei dir mehr ein Wald/Bäume-Problem ist, und du die besten Voraussetzungen hast, gute Texte zu schreiben.

That said, steige ich mal mit dem ein, wo zumindest ich Verbesserungspotential sehe. Ich hoffe sehr, du kannst mit den Anmerkungen etwas anfangen. Nimm, was du gebrauchen kannst, klar.

Eigentlich frage ich mich bei einer Fiktion nie, wer das eigentlich erzählt. Weil: Irgendjemand muss es ja tun.
Klar, einmal der Autor, der das ja nunmal aufschreibt. Dann der Erzähler, der mit dem Autor ggfs. rein gar nichts gemein hat. Dann kommt es auf die Nähe/Entfernung zum Erzählten einerseits an und auf die Perspektive andererseits: objektiv auktorial, personal-auktorial, personal, Rollenprosa, Autofiktion, Metafiktion ...
Ist alles wie aus einem Guss, stellt sich mir nicht die Frage, wer hier eigentlich erzählt. Die Frage drängt sich nur auf, wenn irgendwas hakt. Wenn da Einschübe oder Bemerkungen sind, die ich nicht zuordnen kann: Ist das die Stimme des auktorialen Erzählers, der das von außen betrachtet? Die der Figur, aus ihrem inneren Erleben heraus? Oder ist das grob reingeschoben einfach die Stimme des Autors, der sich unbedingt einbringen wollte? Ist es unbewusste Mary Sue? Sowas eben. Und das passiert mir in diesem Text in jedem Satz.

Rinnsale aus Blut zogen Muster über die aufgerissene Haut
(Rinnsale = bereits klein / zart, sonst hättest du Ströme gesagt.)
Auf solche Sätze würde ich mich stärker konzentrieren. Das ist eine spannende, visuell starke Aussage, ein klares Bild, das zudem zum Mit-/Nachfühlen einlädt.
Das ist ein unverstellter, gradliniger Satz, der sich liest (keine Unterstellung!), als ob der oder die Schreibende keine Gedanken machte, wie es wirkt, sondern Gedanken gemacht, welches Bild genau vermittelt werden soll.
Ich Leser kann ja nur sehen, was du mir zeigst. Und dann - wenn ich nicht zu stark gegängelt werde - können sich Bilder und Fäden entspinnen, die auch zusätzlich aus meiner Fantasie stammen, und das macht Texte eben einzigartig.

Hast du solche visuell starken, aber nicht zu verquasten Aussagen, die dann auch noch inhaltlich neugierig machen (im Sinne: Was ist passiert? Was für Konsequenzen hat das?), bin ich ganz im Text und frage mich nicht mehr, wer das eigentlich grad wem erzählt.

Ihre Finger tasteten nach der Wunde
Ich bin kein Freund von Dingen/Körperteilen, die abgelöst aktiv werden, weil das schnell Slapstick werden kann (kennst du das Kalte Händchen oder Ashs Hand aus Evil Dead?). Eigentlich tastet ja die Prota nach der Wunde, und tasten tut man nur mit den Fingern (oder den Zehen, bei Armamputierten, aber nun).

Dann wünsche ich mir beim Lesen, einen stimmigen, nachvollziehbaren Eindruck der Haltung der Figuren zu bekommen. (Dabei können die Handlungen der Figuren unstimmig sein, wenn es einen Grund dafür gibt, z. B. Trauer, Schock, psychische Störung, etwas Spekulatives etc.). Gibt es eine große Anzahl von sich widersprechenden Aussagen, ohne, dass sie in eine Erklärung passen, wird alles irgendwann chaotisch und aussagelos.
Ich muss leider sagen, dass ich das in diesem Text sehe: Pathos, Symbolik, Überhöhung, Gleichgültigkeit, Schock, verschärfte und dann wieder getrübte Wahrnehmung, Blick von innen und auch Blick von außen etc. Das ergibt für mich kein Bild.

Ich würde ganz konstruktiv raten:
Leg dich auf eine Perspektive fest: eher auktorial oder eher personal.
Konzentriere dich stärker auf das Erzählen (sage, was wir sehen sollen, nicht wie wir es sehen sollen), und verlasse dich da auf die Bilden & Szenen, sodass du nicht so viel mit Pathos und Symbolen arbeiten musst.
Bleibe in einem Register. 'Kaputt' ist nicht auf der selben Ebene wie 'Licht der Sonne brach sich in einer Scherbe'. Die Diskrepanz von dem was erzählt wird und dem, wie es erzählt wird, lässt Humor / Ironie entstehen.

Treibe die Erzählung stärker voran, vermeide Wiederholungen, die keine echte Funktion haben und schließe mit einer Aussage / Bild / Emotion etc ab, ohne sie ständig mit Microfacetten noch mal anzubringen. Mit 'vorantreiben' meine ich nicht insgesamt super hohes Tempo, oder Thriller-Spannung, sondern ein Pacing, das dem Erzählten stärker entspricht. Momenten ist es zumindest für mich mit Einwürfen, Wertungen und Symbolen verkleistert, die den Blick auf das Eigentliche verhindern. D.h. ich kann als Leser nicht mitgehen.

Ihre Finger tasteten nach der Wunde, doch sie wirkten wie erstarrt.
Noch mal den ganzen Satz: Wessen Eindruck ist das? Meint das die Prota, der auktoriale Erzähler oder gar die Autorin? Sobald ich mir diese Frage stellen muss, fliege ich aus dem Text. Er zeigt sich als Gemachtes, und ich bin raus aus dem Miterleben.

Außerdem finde ich die Kombi 'tasten' und 'erstarrt' ungünstig, weil es als Bild schwer zu vereinen ist. Selbst, wenn die Finger steif wären, oder ein anderer Zustand, in dem sich noch tasten lässt, ist unklar, was genau dieser Satzteil vermitteln soll. Zumal nicht gesagt wird, wie die Bewegung nun eigentlich ist, sondern nur, wie sie auf eine Person wirkt, von der ich (s.o.) nicht weiß, wer das eigentlich ist.

Träge wanderten ihre Augen zu ihrer Hand.
Wanderne Blicke oder Augen sind Slapstick. Was soll ich Leser mit diesem Bild anfangen? ImA ist es günstiger, einfach zu sagen, was ich Leser sehen soll - nicht, wer im Bild wohin guckt, weil ich Leser dann den Werkzeug sehe, aber nicht das bearbeitete Kunststück. Vergleiche das mal mit dem Blutrinnsal auf der Haut: Da sagst du auch nicht: Prota guckt zum Rinnsal. Ich würde alles killen, was nicht direkt zum Punkt führt.

Sie blinzelte erneut
Mit der Info kann ich nix anfangen, und weil sich der Text von all den Microbeschreibungen und Versymbolisieren nicht zu dem bewegt, was ich eigentlich sehen soll, wo der Konflikt liegt und was er bedeutet, verliere ich die Neugier und werde missmutig. Weil: Ich hab schon kapiert, die Prota ist nicht ganz bei sich. Aber was jetzt? Zu viel Verklausuliertes bringt Gleichgültigkeit, weil man beim Lesen außen vor bleibt.
Willst du mit dem anfangs Unbestimmten Spannung wecken, musst du auch irgendwann (und zwar schneller als hier, also nach einem kleinen Absatz z.B.) die Sache auflösen = den Leser einbeziehen und dann weiter im Erzählten fortschreiten. Ich lasse mir nicht ewig eine Karotte vorhalten, sozusagen.

während sich das Licht der Sonne in einer großen Scherbe brach.
Zu viel Pathos. Dann kippt alles in den unfreiwilligen Humor und aus der Stimmung komme ich dann nicht mehr raus.
Ich war auch schon von Unfällen usw. im Schock, hab einiges dazu gelesen/angehört und habe wirklich allergrößte Probleme, diese abgehobenen auktorialen Pathosbemerkungen mit der Dissoziation und dem realistischen Schockerleben zusammenzubringen - Schockzustände verdrängen Schmerz/Verleztungen und erzwingen eine Art Tunnelblick aufs absolut Wesentliche. Evolutionstechnisch ja aus gutem Grund, weil man ggfs. fliehen oder kämpfen muss.

Die Situation, dass sie nicht genau weiß, woher das Blut und die Scherben kommen passt nicht zu der Sonnenreflektion, und dem häufigen Blinzeln, träger Gelassenheit, der Versonneheit, auch nicht dazu, dass mal alles egal ist, mal high drama.

Schön; es sah schön aus.
Wer sagt das? Wessen Wertung ist das?
Zudem: Wäre es nicht besser, den Leser zu engagieren, indem man ein Bild beschreibt, aus dem er selbst diese Schlussfolgerung ziehen kann? Was soll ich mit der Info anfangen, dass eine mir völlig unbekannte Figur, die sich zudem stark wiedersprüchlich verhält, etwas schön findet oder nicht?

Ihre Finger wollten zu der glänzenden Scherbe, doch sie war zu erschöpft, um sich zu bewegen.
Belebte, mit eigenem Willen ausgestattete Dinge / Körpeteile = Slapstick. Ich würde auch einen Subjektwechsel mitten im Satz vermeiden.

Sie blinzelte.
Zu viele Microbeschreibungen, ich sehe hier auch keine sinnvolle, visuell spannende Aussage; und keine, die die Geschichte voranbringt.

Ihre Wahrnehmung zuckte.
Wiechen? :confused:

Langsam wanderte ihr Blick weiter, folgte den blutigen Spuren ihres Körpers.
s.o.
Der zweite Satzteil ist unpräzise. Ich sehe da: sie ist im Schock ohne es zu merken 100 Meter gekrochen und schaut nun zurück auf eine blutige Schleifspur? Nein, oder? Auch wieder: Slapstick.

Etwas entfernt lag ein deformiertes Auto.
Entweder stand oder lag auf der Seite, das klingt imO schief.

Alles lag herum und alles war kaputt.
Register, klingt auch sehr ungelenk und ist sehr unpräzise. Es ist aber nicht ein Mangel an Präzision durch Schock (wenn es personal oder als Rollenprosa erzählt wäre), sondern ein abgehoben auktorialer Blick oder sogar Bemerkung des Autors, und beide haben keinen guten Grund, unpräzise zu sein.

Ein gluckendes Kichern verließ ihre Lippen.
Drüber; siehe auch: willentlich aktive Dinge. Selbst in einem regulären Satz kann ich mit dem Glucksen (das auch ein sehr niedliches, lustiges Wort ist) nix anfangen. Ich kann das alles nicht zu einer Situation zusammenfügen, weil zu viel verschiedenes kombiniert wird: Dissoziation mit auktorialem Heldenpathos, Drama und Witz, Microbeschreibungen und Symbole anstatt Erzähltes.
ImA werden all diese Bestantteile Nullstellen. Sie verlieren durchs Arbiträre ihre Aussage und damit eine Wirkung.

Versonnen betrachtete sie die Schönheit ihrer zersplitterten Haut und der zerfetzten Scherben.
Versonnen ist das falsche Adverb. Das wäre bei etwas Angenehmen, ohne Zeitdruck und ohne Sorgen.
Schönheit wieder: Wessen Wertung ist das?
Wem ist das Wortspiel eingefallen? Der Figur in ihrem Zustand? Oder eher der Autorin, die das - obwohl es die Perspektive nicht zuließe - an den Leser bringen will?
Für mich klingt das - selbst, wenn das null deine Absicht war - extrem stark nach Mary Sue, und überschreitet meine Kitschgrenze. Kitsch entfernt aber von echten Emotionen, d.h. ich steige nun endgügltig aus, Und verliere die Neugier, was nun mit dem Unfall war und ob die Prota leichtverletzt oder dem Tod nahe ist. Ich fühle mich zu stark gegängelt, und weiß nicht mal, wer mich gängeln will.

Zersplitterte Haut – zerfetzte Scherben.
Zu gewollt. In einem stärker surrealistischen Text mit anderer Handlung könnte es besser funktionieren. In diesem Kontext ergibt es ein Sprachspiel, aber zumindest bei mir kein Bild.

Ein weiteres Glucksen verließ ihre Lippen.
Zu viele Wiederholungen allgemein, und dann s.o.

Sie fragte sich, warum sie kaum Schmerzen spürte; gleichzeitig war es ihr egal.
Das glaube ich intuitiv und aus zumindest meinen Erfahrungen raus einfach nicht. Es klingt - Eindruck, keine Unterstellung! -, als werde die Frage dem Leser nahegelegt. Nicht so, als ob sich die Prota das wirklich so fragen würde. Ich denke, solche Komplexen Zustände lassen sich nicht mit solchen schlichten Gegensatzpaaren erzählen. Da müsste aufmerksamer beobachtet und präzisier beschrieben werden. Ausgesiebt, was nicht der Vermittlung dient.
Dann ist es immer problematisch, wenn einer Prota was egal ist, weil es dann mir Leser auch egal wird. (Mirroring, aber ungünstiges.)

Dann hab ich den Rest überflogen.

Sorry, das ist ganz wesentlich länger geworden, als ich eigentlich plante. Ich wusste auch nicht genau, womit anfangen, weil ich denke, die Perspektive und die widersprüchlichen Microdetails sowie das Schwanken im Tonfall in Verbundung mit einem extrem langsamen Pacing machen den Text schwergängig und verhindern Immersion.

Wie wäre es, mal alles etwas objektiver, mit mehr sichtbarer Distanz zu erzählen, sodass der Leser selbst entscheiden kann, was er fühlt? Was für ihn schön und was tragisch ist? Also: Die Autoren- und / oder Erzählerhaltung nicht so direkt in den Text drängen, sondern das Erzählte mehr fließen lassen, ohne so harten Fokus auf die Innenwelt.
Und damit meine ich nicht show, don't tell. Du kannst so viel tellen wie du magst, aber vllt. mehr rausgezoomt, mehr sichtbares Verlassen auf die Stärken der Erzählstimme.

Ich hoffe sehr, das klingt nicht zu negativ. Ich hab mal irgendwo gelesen, dass die Details der Innenwelten und Gedanken von Protas für die Autoren interessanter zu schreiben ist, als für die Leser zu lesen. Natürlich vermitteln alle guten Texte auch viel über das Innenleben der Figuren, aber mehr indirekt. Denke ich. Andere mögen das auch ganz anders sehen.

Es würde sich auf jeden Fall lohnen, wenn du an Stimme und Texten arbeiten würdest, ich finde, das hat alles Potenzial und es ist immer schwer, zwischen Details / Nähe und Panorama / Überblick zu wählen bzw. zu wechseln - bitte bleib dran!

Ganz herzliche Grüße,
Katla

 

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