Und gerade im deutschen Literaturbetrieb ist es doch so, dass da ordentliches gatekeeping betrieben wird. Ein Autor, der literarisch schreibt, ohne Studium oder Abitur? Seltenst.
Es gab vor einigen Jahren mal vob Enno Stahl den Essayband Diskurspogo, worin er sich genau an diesem Thema abarbeitet, typisch Verbrecherverlagmäßig natürlich äußerst links: Klassimus im Litbetrieb, über Arbeit wird nicht geschrieben, Oberschicht reproduziert sich selbst.
Nachdem sich an diesem Missstand abgearbeitet wird, kommt dieser Kassenschlager zur Erkenntnis, dass das alles im Kern deswegen so ist, weil es schlichtweg niemals möglich sei, eine Literatur „von unten“ zu verfassen. (Eine etablierte Theorie im Dunstkreis der Litwissenschaft.) Jeder, der Literatur produziert, muss eine gewisse Art von Bildung haben, muss eine gewisse geistige Deckenhöhe mitbringen, muss irgendwo „oberhalb“ eines Prekariats stehen - selbst wenn man wollte, „von unten“ kann Literatur nicht produziert werden - so die Theorie.
Da habe ich mir lange Gedanken drüber gemacht. Mir sind eine ganze Reihe Autoren eingefallen, von denen ich denke, dass sie „von unten“ geschrieben haben - allerdings kenne ich deren Biografie natürlich nicht im Detail, und selbst, wenn sie in einer sozio-ökonomisch-kulturellen unteren Schicht, so soziologisch-autistisch drücke ich das mal aus, sozialisiert wurden, hatten sie sich einen literarischen Horizont angelesen und ihre Erzähltradition gekannt, was sie nach diesen Kriterien von ihrer Schicht schon wieder entkoppelt hätte. Selbst ein Bukowski war ja mal auf dem College und stammte aus bürgerlichen Verhältnissen, gewissermaßen war er auch Voyeur der Unterschicht, der ihr schließlich auch wieder ins Einfamilienhaus entflüchtet ist.
Auf eine gewisse Art ist diese Theorie auch einfach mega klassistisch. Das erinnert mich ein wenig an koloniale Rassetheorien, dass keine wirkliche Kultur aus Afrika kommen könnte.
Gefährlich finde ich das, wenn man diese Theorie mit der stärker werdenden Own Voices/Wokeness-Ideologie mixt (kein Vorwurd, dass das in diesem Faden jemand getan hätte!) Dann gäbe es nämlich noch weniger, bis gar keine Literatur über Arbeit ider prekäre Verhältnisse mehr - weil jemand, der darüber schreibt, entweder schlichtweg nicht existieren kann, oder aber seiner Schicht so entwachsen ist, dass der Vorwurf schnell im Raum steht, dass das illegitim wäre.
Ich denke, als Autor ist man immer irgendwo Voyeur, der Knackpunkt ist, man muss einfach saugut recherchieren, man muss wissen, worüber man schreibt, man muss dort gewesen sein, das nachempfinden können, und sich vor Projektionen und Idealisierungen aller Art fernhalten.
Meine Meinung: Ich denke, der Preis für eine Erzählung über Arbeit/Armut/etc ist, dass sie häufig von jemandem im dualistischen Schichtdenken „weiter oben“ angesiedelten Menschen verfasst wird - damit sie überhaupt verfasst werden kann. Da bleiben am Ende nur diejenigen, die einmal Teil der beobachteten Gesellschaft waren, aber ihr entwachsen sind als legitimste Erzähler. Je weiter ein Autor von der beobachteten Menschengruppe wegbefindet, desto besser muss er recherchieren - aber eine biografische Verbindung muss da sein, wie auch immer sie aussieht. Letztlich zählt die Erzählung, ob die den Maßstäben genügt, ob sie frei von Idealisierungen und Klischees ist und genügend echte Beobachtungen und Lebenserfahrung enthält, damit sie wahrhaftig sein kann.